Krieg ist eine Frage der Perspektive 

von Dorothea Marcus

Köln, 2. Februar 2008. Die Bühnenwelt von Jette Steckel setzt sich vor unseren Augen zusammen: halblaut vor sich hin murmelnd, bestreuen die Schauspieler das Spielfeld mit Granulat und machen es zu einer "trostlosen Gegend am Kanal", die einfach eine dunkle Rampe mit Treppe ist. Dahinter ist "Da", Mazedonien, die Heimat oder die Fremde, kommt auf die Perspektive an. Da, wo die Zuschauer sich gegenübersitzen, ist "Hier" – flüchtige und relative Ortsbezeichnungen, mit Kreide an die schwarzen Wände gezeichnet.

Gab es Krieg? Wird es welchen geben? Irgend etwas ist "Da" passiert, eine Reihe Bühnenscheinwerfer werden grell auf die Zuschauer gerichtet zu blecherndem Kriegsgetöse, dann rutscht Jane aus Mazedonien (Wolfgang Menardi) die Rampe herunter. Ein idealistischer und energetischer Migrant im "Hier", suchend in eine Welt gerutscht, in der jeder nur mühsam das Wenige verteidigt, was er gefunden hat.

Begegnung zweier mazedonischer Exilanten 

Jane ist voller Bewunderung für Risto, den Helden seiner Heimat, der hier gurgelnd und röchelnd hustend eher schmutzige Geschäfte betreibt und ihn unwillig in seine Wohnung und Familie aufnimmt. Bei Dea Loher tragen die meisten Figuren ein finsteres Geheimnis mit sich herum und arrangieren sich notdürftig mit ihrer Schuld. "Fremdes Haus" von 1995 ist eins der meistgespielten Stücke der meistgespielten Gegenwartsdramatikerin Deutschlands. In Köln ist Risto (Albert Kitzl) ein Kürbiskern spuckender Patriarch mit gebrochenem Akzent, der seine kaputte Familie herumscheucht. Der vermeintliche Held hat in Wirklichkeit den Onkel von Jane verraten, der dafür vierzehn Jahre lang in ein Arbeitslager musste.

Seine Frau Terese (Susanne Barth) in Hängepulli, Glitzerleggings und Leopardenschlappen prostituiert sich mit Ristos Arbeitskollegen vielleicht auch, weil sie diese Wahrheit nicht ertragen kann. Ihre Tochter Agnes (Maja Schöne) hat den schmierigen und erfolglosen Autoschieber geheiratet, der ihr das Knie kaputtgefahren hat, denn Besseres hätte sie ohnehin nicht erwartet. Nelli (Laura Sundermann) thront in einer Ecke über der Bühne und beobachtet zynisch die "Tabakpolen".

Symbole für die Trostlosigkeit

Das Wort Desorientierung an der Wand behauptet den Grundzustand der Loher-Welt ein wenig zu apodiktisch. Lohers karge, wuchtige Sätze, in denen jede Figur ihr Unglück kondensiert, scheinen gut zu passen zum formalen und intensiven Theater von Nachwuchsregisseurin des Jahres Jette Steckel, auch dieses Etikett soll genannt sein.

Sie findet kleine, bedeutungsschwangere Symbole für die Trostlosigkeit, in der man sich "Hier" in Lebenslügen und Profitdenken eingerichtet hat, um vermeintlich seine Haut zu retten: ein rohes Huhn, das zuerst von Terese, dann von Agnes in der Hand getragen wird, sitzt schließlich auf der Treppe und wird später in der Liebesszene von Agnes und Jane als Brathuhn verspeist.

Bilder, die Atmosphäre schaffen – genauso wie die wehmütig-rhythmischen Balkanmelodien, die die Szenen zerteilen – aber auch äußerlich und etwas penetrant bedeutungsschwanger sind. Beeindruckend ist Steckels Theater deshalb, weil sie mit einfachen Bühnenmitteln metaphorische Felder schafft, die viel erzählen und kraftvoll sind – sie muss nur das mit Kreide gezeichnete "Da" mit Schweinwerferlicht umkränzen, damit man weiß, wie sich die Heimat Mazedonien in Janes Kopf langsam in einen abstrakten Sehnsuchtsort verwandelt, von dem er sich zunehmend distanziert und zu dem er nicht mehr zurückwill.

Alles ist wüst, niemand ist ohne Schuld 

Formal stringent wirkt auch, wie sie die Figuren wie Kasperlepuppen um Jane herum arrangiert, der zunächst einfach nur auf der Bühne stehen bleibt. Die anderen kreisen um ihn und markieren die wechselnden Szenenorte: Jörg mit surrendem Akkuschrauber den starken Mann in der Werkstatt, Agnes mit Popcorneimer das Kino, in dem sie und Jane anbändeln. Einmal, mit neuem Anzug, löst Jane diese statische Ordnung und tanzt ekstatisch und verzweifelt zu zuckenden Lichtern.

Später kommen er und Agnes nass aus dem Kanal hinter der Rampe, in dem sich soeben Terese umgebracht hat, und wälzen sich verzückt im Granulat. Aber trotz aller Symbolik und kunstvoller Überblendung wird das angehäufte Elend auf die Dauer anstrengend, das Drama behauptet, die Töne angestrengt hervorgepresst. Alles ist wüst und schwer, niemand ist ohne Schuld: auch Jane berichtet von seinem Jugendfreund, der beim Äpfelsammeln in den Fluss fiel und von ihm vielleicht gestoßen, aber auf jeden Fall nicht gerettet wurde.

Der Abend weckt Sehnsucht nach mehr Selbstironie 

Jeder hat hier ein Geschäft gemacht, das ein besseres Leben, Freiheit oder Vergessen versprochen hat und jämmerliche Abhängigkeit bedeutet. Auch Jane tappt in die Falle: Zum Schluss verkauft er sich als lebenslang billige Arbeitskraft an die Barfrau, die ihn durch Heirat vor Ausweisung retten will.

Einerseits ist es schön, Schauspieler mal wieder so leidensverzerrt und unironisch zu erleben. Dass es im Theater eine neue Sehnsucht nach echt gespielten Gefühlen gibt, mag ein Trend zu einer neuen Aufrichtigkeit sein, als deren Vertreterin Steckel gilt. Aber die Errungenschaften der Distanznahme könnte man vielleicht trotzdem andeuten. Da sehnt man sich bei all dem Elend nach mehr Selbstironie und einem kleinen Bruch hier und da. 

Fremdes Haus
von Dea Loher 
Regie: Jette Steckel, Bühne: Thomas Dreißigacker, Kostüme: Bianca Tetzel, Musik: Mark Badur, Dramaturgie: Sybille Meier, Katrin Sadlowski.
Mit: Wolfgang Menardi, Albert Kitzl, Susanne Barth, Maja Schöne, Simon Eckert, Laura Sundermann.

www.schauspielkoeln.de 

 

Kritikenrundschau

Dea Lohers "Fremdes Haus" sei "ein fast schon krimihaft spannender Text, der Schicht für Schicht Geheimnisse enthüllt", meint Sandra Nuy in der Kölnischen Rundschau (4.2.2008). "Jette Steckel und ihr Ensemble machen daraus einen dichten Theaterabend, der zwar hin und wieder in seiner Symbolik allzu deutlich daherkommt, aber doch intensiv und beeindruckend ist." Die Regisseurin halte "eine konzentrierte Balance zwischen formalen Elementen und einer Schauspielerführung, die psychologische Nuancen auslotet, ohne in langweiligen Naturalismus zu verfallen. Fremdheit und Distanz setzen sich in eine strenge Choreographie um".

Wie oft bei Loher spitze sich auch in "Fremdes Haus" kein dramatischer Konflikt zu, schreibt Christian Bos um Kölner Stadt-Anzeiger (4.2.2008): "Stattdessen fügen sich viele kleine Scharmützel zwischen den Figuren zu einem großen, wenig schmeichelhaften Bild." Die Regisseurin Jette Steckel setze "ganz auf Lohers knappe und doch schwer wiegende Dialoge. Sie strafft das Spiel auf eindreiviertel Stunden, auf eine schwarze Wand, die Erhebung zum Kanal und den Raum dazwischen." So schaffe Steckel "einen poetischen Raum von archaischer Klarheit, der jedoch dem Ensemble zu wenig Bandbreite lässt." Letztlich sei es aber Maja Schöne, "die eine stringente Inszenierung in einen guten Theaterabend und ihre Agnes in die interessanteste Rolle des Dramas verwandelt. Weil sie deren Lebenslust beim Biss ins Brathähnchen zeigt und deren resignative Wunschlosigkeit im toten Blick auf die Kanalmauer, die ihr den Horizont verstellt."

 

 
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