Im Netz des Todes

von Harald Raab

Worms, 18. Juli 2014. Vor der Nordfassade des Wormser Kaiserdoms lodern Flammen aus Ölfässern. Qualm dringt aus einem vergitterten Schacht. Was im Inneren passiert, sieht man auf einer Videoleinwand: High-Tech-Krieger irren durch rauchende Trümmer. Sie schießen auf alles, was in den blauen Kegel der Zielscheinwerfer ihrer automatischen Gewehre kommt. Leichen säumen ihren Weg. Großes Schlachtenszenarium á la asymmetrischer Krieg unserer Tage. "Im Kampf da ist der Mann noch 'was wert, da wird das Herz noch gewogen . . .", singen die dem Untergang Geweihten. Landsknechtsmentalität mit Todessehnsucht – Als Nibelungentreue wird derlei Macho-Gehabe glorifiziert, ein anscheinende unausrottbarer Mythos, der längst keine historische deutsche Spezialität ist.

Hohl und gefährlich asozial

"Hebbels Nibelungen - Born This Way" nennt Dieter Wedel seinen Action-Thriller, gar nicht so frei nach des Dichters Trauerspiel. Die 13 ist offenkundig die Glückszahl des Filmemachers und Maître de Plaisir der Wormser Nibelungenfestspiele. 13 Jahre hat er sie geleitet – mit mehr oder weniger erfolgreichen Inszenierungen. Nach 13 Jahren ist nun Schluss. Zu guter Letzt volles Risiko und eine beeindruckende Leistung. Wedel wagt sich an den letzten Teil des Hebbel'schen Trauerspiels, "Kriemhilds Rache". Man spielt ihn kaum mehr in deutschen Theatern: zu blutrünstig, zu rassistisch, zuviel verquaste und irgendwo auch verherrlichte Gewalt-Ideologie, abseits von jeder political correctness.

nibelungen 560 kriemhildcharlotte puder rudolfuhrig uKriemhild, die rasende Rächerin (Charlotte Puder)  © Rudolf Uhrig
Wedel scheut ganze Batterien von Klischees nicht, bringt sie auf die Bühne, seziert sie kühlen und heißen Herzens, um zu beweisen, wie hohl und wie gefährlich asozial sie sind. Natürlich ziehen die Nibelungen vom grünen Rhein als so etwas wie Waffen-SS-Herrenmenschen hinunter zur finster-blauen Donau, wo der Hunnenkönig Etzel über ein heimtückisches Gelichter von verschlagenen Untermenschen gebietet. Natürlich haben sie neben dem Schwert auch ihre Maschinenpistolen dabei. Natürlich hausen sie wie die teutonischen Barbaren, grausam und dann wieder sentimental. Natürlich bleibt am Ende keiner der besudelten und mit Schuld reichlich beladenen Recken am Leben. Natürlich greift Kriemhild selbst zum Schwert, um den Finsterling Hagen zu durchbohren. Natürlich wird auch die rasende Kriemhild gemeuchelt. Natürlich wirft Etzel am Ende den ganzen blutigen Machtklumpatsch hin und bestätigt den verluderten Christenmenschen: "Ihr widert mich an."

nibelungen 268h erolsander rudolfuhrig uHunnenkönig Etzel (Erol Sander)
© Rudolf Uhrig
Bühnenfeinarbeit vor greller Kulisse

Aber diese grelle Bilderwelt Marke Grobschnitt – oft auf Videoeinspielung ausgelagert – ist nur die bizarre Kulisse eines sowohl inner- als auch zwischenmenschlichen Psychodramas. Da gelingen dem Regisseur und seinen Akteuren trotz riesengroßer Bühne Szenen von intensiver, eindringlich packender Kammerspiel-Qualität. Da ist Bühnenfeinarbeit geboten. Zu verdanken ist das in erster Linie der jungen, aus Leipzig stammenden Schauspielerin Charlotte Puder. Sie ist nicht eine der Stars und Sternchen, die sich Wedel allzu oft vom TV- und Filmhimmel pflückt. Nicht wenige von ihnen haben nur glatte schöne und bekannte Gesichter, erweisen sich auf der Bühne aber als reichlich blass. Für diesen Typus steht in dieser Inszenierung TV-Kommissar Erol Sander. Als Etzel ist er ein Beau, aber kein Charakter.

Charlotte Puder mit starker Bühnenpräsenz und makelloser Stimme lotet die ganze seelische Bandbreite der Kriemhild aus: ihren Schmerz, ihre Empörung, dass da nicht Gerechtigkeit ist für den Mord an ihrem Gatten Siegfried. Sie will den Mörder Hagen verurteilt sehen. Empörung schreit sie heraus, als ihre Brüder, auch der unschuldige Giselher, dem Mordgesellen die Treue halten, bis alles in Scherben fällt. Einer für alle, alle für einen: Spießgesellenmoral. Charlotte Puder vermittelt mit erschreckender Konsequenz einer Nemesis ihren Weg zur Rächerin, zur Herrin über Leben und Tod, weil sie sonst keine Sühne erlangen konnte: "Ich schlag den Drachen tot und jeden mit, der sich zu ihm gesellt und ihn beschützt."

nibelungen 560 larsrudolphhagemarkusmajowski volker von alzey christiannickelguntherpeterenglertgerenotraulsemmlergiselhertilo keinerrumolt rudolfuhrig uLagernde Recken vor dem Kaiserdom: Hagen (Lars Rudolph), Volker (Markus Majowski),
Gunther (Christian Nickel), Gernot (Peter Englert), Giselher (Raul Semmler) und Rumolt
(Tilo Keiner)  © Rudolf Uhrig

Todesengel und Todgeweihte

Eine große Leistung, gerade in den dramatischen Dialogen mit dem Machtzyniker Hagen oder mit Rüdiger (Roland Renner), der ihr Treue geschworen hat und verzweifelt ist, dass er die Ausrottungsphantasien Kriemhilds mit in die Tat umsetzen muss. Lars Rudolph ist als Hagen ein ebenbürtiger Partner dieser Kriemhild: ein Gewaltmensch ohne Skrupel, Todesengel und Todgeweihter zugleich. "Wir sind im Netz des Todes. Wer mich hinunterstößt, den reiß ich mit. Das ist das Ende, wie ich mir's gedacht!" Auf dem Koppelschloss solcher Figuren steht: "Meine Ehre heißt Treue!"

Über die eine oder andere Bildfindung Wedels kann man durchaus streiten, etwa die mit der alten Frau, die mit beiden Händen in einem Gefäß mit Blut rührt. Insgesamt aber ist der Mix stimmig, zumal der Hebbel-Text in all seinen Tiefen und Höhen reichlich ausgeschöpft wird. Freilich, Dieter Wedels Abschiedsgeschenk ans Wormser Premierenpublikum in feinem Zwirn und großer Robe ist starker Tobak. Hinterher kommt nur bei Gemütsathleten Feierlaune auf.

 

Hebbels Nibelungen - Born this way
nach Friedrich Hebbel
Regie: Dieter Wedel, Bühne: Jens Kilian, Lichtdesign: Ulrich Schneider, Kostüme: Ella Späte, Musik: Matthias Trippner, Jörg Gollasch.
Mit: Charlotte Puder, Lars Rudolph, Erol Sander, Christian Nickel, Eva Gosciejewicz, Markus Majowski, Tilo Keiner, Raul Semmler, Peter Englert , Andre Eisermann, Roland Renner, Elisabeth Lanz, Ute Reiber, Robert Joseph Bartl, Sebastian Achilles, Guido A. Schick, Michael Tregor, Eva Piringer, Valentina Jimenez Torres, Romeo Hinkel, Franziska Reichenbacher. Dauer: 3 Stunden, 30 Minuten, eine Pause

www.nibelungenfestspiele.de

Teil eins und zwei der Hebbel-Trilogie präsentierte Dieter Wedel unter dem Titel Hebbels Nibelungen - born to die 2013 bei den Nibelungenfestspielen in Worms. 2015 übernimmt Filmproduzent Nico Hoffmann die Festspielintendanz.

 

Kritikenrundschau

Der erste Teil des Abends sei "durchaus gelungen, deutlich in seinen Deutungen und zugleich von kritischer Ironie", meint Helmut Schödel in der Süddeutschen Zeitung (21.7.2014). Im zweiten Teil aber sei Wedel die Aufführung einigermaßen entglitten. "Das passiert oft, dass Regisseure, die auf Konflikte der bürgerlichen Welt eingeschworen sind und dann an den Abgrund der Existenz geführt werden, konfrontiert mit einem Pantragisten wie Hebbel und einem restlos tragischen Weltbild, ins Trudeln geraten. Deshalb ist auch der zweite Teil auf seine Weise nicht vollkommen unspannend. Es geschieht allerdings des Guten zu viel." Das Ganze gleiche "einer Stoffsammlung, die, auf den Punkt gebracht, etwas hätte hergeben können."

Wedel gebe Hebbels Stück "mit der Hassliebe zwischen Kriemhild und Hagen ein Zentrum, Räume und szenische Einfälle und hält so die Balance zwischen Kammerspiel und Welttragödie, heroisch-tragischem Pathos und übermütiger Posse", schreibt Martin Halter in der Frankfurter Allgemeinen (21.7.2014). "Wedels Parabel auf deutsche Großmanns- und Untergangssehnsucht folgt über weite Strecken Hebbels Vorlage, aber am Ende übertreibt er es dann doch ein wenig. Ölfässer brennen, Urwaldtrommeln dröhnen, Mütter weinen, während die Burgunder in Einspielfilmen endlos Häuserkampf in Bagdad und 'Untergang' im Führerbunker spielen." Doch immerhin, meint Halter, "das schier unspielbare Gemetzel bei Etzel hat an deutschen Theatern schon widrigere und weniger inspirierte Bilder hervorgebracht."

Einer kenne "die Mechanik der Tragödie", sie sei "ihm eingeschrieben", er selbst sei "ihr Schwungrad: Hagen Tronje. Es ist sein Abend und der Abend seines Darstellers Lars Rudolph, der alle anderen überragt, von denen viele auch nicht von schlechten Eltern sind", schreibt Eckhard Fuhr in der Welt (21.7.2014). "Woran man sieht, was für Theaterfestspiele unter freiem Himmel essenziell ist: Es braucht einen Schauspieler, der das Ganze reißt." Dieter Wedel öffne "im wahrsten Sinne des Wortes Spielräume, in denen einer durch Mythos und Tradition scheinbar festgelegten Figur wie Hagen neue Facetten abgewonnen werden können." Es sei in dem Höllenspektakel "auch Platz für psychologische Subtilitäten. Die Geschichte bleibt immer ein Beziehungsdrama zwischen komplexen Charakteren, auch wenn Wedel in der Wahl seiner Mittel nicht zimperlich ist, wenn es darum geht, Gegenwartsbezüge des Nibelungenstoffes offenzulegen."

Über weite Strecken hinweg lasse Dieter Wedel "die dichterische Sprache Friedrich Hebbels sich entfalten", schreibt Uwe Rauschelbach im Mannheimer Morgen (21.7.2014). "Diese Sprache belohnt das Vertrauen in ihre Wirkmächtigkeit mit urtümlicher Leuchtkraft." Da lasse es sich auch "verschmerzen, wenn die Burgunder sich von bestrapsten Damen aufgeilen lassen (…)". Schwierig seien Stück und Inszenierung auch deshalb, "da die Begründungszusammenhänge für die finale Kriegsorgie trotz der Erinnerungsverweise durch Filmszenen vage bleiben. Die Apotheose der Gewalt entwickelt sich aus dem Nichts und explodiert mit einem hohlen Knall." Die "dramatische Didaktik" appelliere "in jedem Moment an uns, das Böse als Teil unseres Menschseins zu akzeptieren. Diesen trüben Befund erspart uns der sardonisch lächelnde Regisseur auch zu seinem Abschied nicht."

Vieles gerate "zu hölzern, zu gewollt und zu aufgesetzt" an diesem Abend, meint Volker Oesterreich in der Rhein-Neckar-Zeitung (21.7.2014). "Der Inszenator und Intendant Dieter Wedel hat vor dem Chefdramaturgen Dieter Wedel und dessen Adaption von Friedrich Hebbels 'Kriemhilds Rache' kapituliert." Die allererste Inszenierung Wedels in Worms und seine allerletzte ähnelten "sich in fataler Weise. Beide Male scheiterte der Regisseur an den weiten Dimensionen der Spielfläche. Damals wie heute wollte er als getreuer Text-Interpret reüssieren, vernachlässigte aber die open air unerlässlichen Knall- und Show-Effekte."

 
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