Verfeinern ist für mich nicht möglich

21. Juli 2014. Wolfgang Höbel hat den Volksbühnen-Intendanten und aktuellen Bayreuther "Ring"-Regisseur Frank Castorf zum großen Spiegel-Sommerinterview (Ausgabe Nr. 30 vom 21.7.2014) gebeten. Und Castorf wäre nicht Castorf, wenn er nicht wenigstens ein paar Mal knackig austeilte. Nicht zuletzt lässt er aber auch durchblicken, dass er sich nicht sicher ist, "ob es gut ist, 2016 [an der Volksbühne] aufzuhören", und zwar rein "aus Egoismus": "Ich bin kein guter Theaterleiter oder Regisseur in dem Sinne, dass ich mich mit jemandem hinsetze und ihm beim Überlebenskampf helfe."

rheingold3 280 btfestspieleenriconawrath uSzene aus dem "Rheingold",
links: Martin Winkler
@ Enrico Nawrath, Bayreuther Festspiele
Zum großen Teil geht es in dem Interview aber um die Bayreuther Festspiele, bei denen Castorfs "Ring" in diesem Jahr in seine zweite Saison geht. Castorf erklärt, dass er sich bei der "Götterdämmerung" im vergangenen Jahr deswegen 15 Minuten lang den Buhstürmen ausgesetzt habe, weil "die Zuschauer das Recht dazu hatten, ihren Hass auszutoben. Mir selbst hat das eine ungeheure Kraft gegeben, dort zu stehen und diesen Menschen in die Gesichter zu sehen." Derzeit erlebe er aber in Bayreuth den "Versuch eine Rollbacks": "Ich merke, dass all die Anarchie, die mein Bühnenbildner Aleksandar Denić und ich hier vergangenes Jahr reingebracht haben, nicht mehr erwünscht ist." Es gehe der Festspielleitung "plötzlich nur noch um Absicherungsinteressen, um den Machterhalt."

Man habe etwa versucht, Castorf "ein NPD-Plakat auf der Bühne zu verbieten". Das Verbot sei zwar zurückgenommen worden, allerdings erfuhr er "über Umwege, dass ein Sänger, der mir wichtig ist [Martin Winkler als Alberich], umbesetzt wurde. Angeblich aus musikalischen Gründen." Für Castorf ist Winkler eine "loyale Schlüsselfigur in unserer Interpretation." Sein Freund Denić habe gesagt: "Die Festspielleitung will einen Damm öffnen mit dieser Entscheidung ohne unser Einverständnis, damit sie in Zukunft jeden umbesetzen kann wie in jedem Stadttheater."

"Wir waren gut, weil …"

Castorf erwähnt, dass er sich daher "anwaltlichen Beistand bei Gregor Gysi geholt" habe. "Man redet hier sehr wenig mit mir. […] Als wäre ich ein Idiot. Man sollte aber meine Freundlichkeit nicht mit Schwäche verwechseln." Der Regisseur beschreibt Bayreuth – ähnlich wie bereits im Vorjahr – als einen Ort, an dem "Angst, Vorsicht, vorauseilender Gehorsam" herrschen. "Nichts soll aus dem Festspielhaus nach draußen dringen. Dieses absolut neurotische Verhältnis zu Journalisten und Multiplikatoren finde ich sehr DDR-ähnlich."

Im Übrigen glaubt Castorf selbst nicht daran, dass er seine "Ring"-Inszenierung noch einmal verbessern könne: "Wir waren gut, weil wir die letzte Wahl der Festspielchefinnen waren. Weil die Zeit knapp war. Um jetzt etwas wirklich Neues zu finden, müsste ich wieder alles zerschlagen und neu erfinden, das ist meine Grundtechnik. Verfeinern ist für mich nicht möglich."

(Der Spiegel / wb)

 

Und hier die "Ring"-Nachtkritiken von 2013: Mehr von Castorfs "Ring": Teil eins: Rheingold, Teil zwei: Walküre, Teil drei: Siegfried, Teil vier: Götterdämmerung

 
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