Sommerfrischler auf dem sinkendem Schiff

von Esther Slevogt

Berlin, 1. August 2014. Ja, da sind wir nun: in einem weitläufigen wolkig wattierten Oberstübchen, einer Art himmlischem Wellnessbereich, wo auf flokatibelegten Podesten weiß gewandete Gestalten lagern. Im Verlauf des Abends werden sie zum Leben erwachen und Theater spielen. Vorläufig aber dräut noch finstere Musik. Und wir ahnen schon: das kann nicht gut ausgehen. "Sommer 14. Ein Totentanz" ist der Abend schließlich überschrieben. Also just jener Sommer, in welchem wir uns augenblicklich befinden und dessen apokalyptische Nachrichten von der Ukraine bis Nahost uns dauernd die Fragilität aller (Welt)ordnung in Erinnerung rufen. Wie schon einmal im Sommer 14, als vor hundert Jahren der Erste Weltkrieg ausbrach.

Doch wir befinden uns auch im Berliner Ensemble, das plötzlich wieder den Namen der Immobilie trägt, die es beherbergt: Theater am Schiffbauerdamm. Denn in den Theaterferien sind hier Geister aus einer anderen Welt eingezogen. Sie stammen aus der Zwischenwelt von Massenkultur und Boulevard. (Vielleicht aber ist diese Welt doch die Hauptwelt und nicht die vertrocknende Hochkultur, die darüber so reflexhaft die Nase rümpft.)

Des Kaisers Bademantel

Film- und Fernsehstars beziehungsweise –sternchen sind darunter, TV-Legenden wie Diana Körner, einstige Dschungelcampbewohner und ein veritabler Berliner Starcoiffeur, der hier jetzt als Experte des Alltags bebend vor Lampenfieber (und nur mäßig durch einen angeklebten wilhelminischen Schnurrbart geschützt) die Bühne betritt und als Promifriseur nun Lady Randolph (Barbara Frey), der mondänen Mutter von Winston Churchill ein Haarteil verpasst, das ein wenig an eine tote Ratte gemahnt. Im richtigen Leben hat Udo Walz auch schon Angela Merkel frisiert.

sommer14 3 560 barbara volkmer uChurchill (Jens Schleicher), seine Mutter und mittendrin der prostende Udo Walz
© Barbara Volkmer

Befehligt werden all die Geister und Zauberlehrlinge des Boulevards, die (meist in weiße Bademäntel gehüllt) nun die Bühne bevölkern, von einem Mann mit Namen Rolf Hochhuth, legendäre westdeutsche (Dramatiker)Figur, Aufklärer über Naziverbrechen und die Verwicklung der Kirche darin. Zum Beispiel. Wühler in der deutschen Geschichte, wo er immer wieder manisch nach den Ursachen für die deutsche Katastrophe des 20. Jahrhunderts gesucht hat. Nach Erklärungen.

Rolf Hochhuth, in den 1960er Jahren Miterfinder des Dokumentartheaters, der seit Jahren aber eher durch skurrile Skandale auf sich aufmerksam macht. Und eben Aufführungen seiner Stücke, eher erzwungen denn gewollt. Ein Aufklärer, von dem niemand mehr aufgeklärt sein will und der nun die tendenziell Verfemten des Hochkulturbetriebs um sich versammelt und von ihnen trotzig seine Stücke spielen lässt. Das Drama über die Vorgeschichte des Ersten Weltkriegss "Sommer 14" zum Beispiel, 1990 am Burgtheater Wien uraufgeführt.

Aufklärungswut en detail

Es handelt sich um ein enormes Szenenkonvolut, sichtlich inspiriert von Karl Kraus' Weltkriegsdrama "Die letzten Tage der Menschheit", und wie das berühmte Vorbild eine Sammlung unterschiedlichster Stimmen und Perspektiven. Von Wesen aus der antiken Mythologie, über prominente Akteure der Zeit bis zu namenlosen Unbekannten, denen Hochhuth eine Stimme gibt. Dem unbekannten Soldaten, der am Ende dem Publikum ein "Gehorcht nicht!" entgegenwirft, bevor über den Publikumsköpfen flackernde Suchscheinwerfer und Donnergetöse den Kriegsausbruch markieren. Oder einem namenlosen Dienstmädchen, das 1915 mit dem von den Deutschen torpedierten britischen Luxusdampfer "Lusitania" unterging und dem Maike Knirsch einen der wenigen wirklich berührenden Momente des Abends verschafft.

sommer14 5 560 barbara volkmer uKaiser Wilhelm Zwo (Mathieu Carrière, 2.v.r.), heimlicher Anarchist, befiehlt den
Kriegseintritt  © Barbara Volkmer

Regisseur Torsten Münchow hat 440 Seiten des Dramas auf etwa 70 Seiten heruntergekürzt. Wohl auch in Anbetracht der Tatsache, dass kaum drei Wochen Probenzeit zur Verfügung standen. Die von Hochhuth in zeigefingerlicher Aufklärungswut bereits ziemlich karikaturistisch angelegten Kriegsakteure, allen voran die Kaiser, Könige, Minister und Militärs, sind nun nur noch reine Witzfiguren. Streckenweise hat das sogar fast etwas. Matthieu Carrière gibt dem deutschen Kaiser Wilhelm (der am Ende in Unterhosen den deutschen Kriegseintritt erklärt) Züge eines tragischen Pazifisten und konterkariert das gängige Klischee, das auch Hochhuth in seiner Vorlage bedient.

Reste des alten Stadttheaters

Manchmal blitzen große Reste des Stadttheaters von gestern auf. Etwa in Diana Körners tragödinnenhaften Auftritten als Tod. Aber es gibt auch ohne Ende Fremdschämpotenzial, was an dieser Stelle nicht näher ausgeführt werden soll. Kurz vor der Premiere hat sich Meister Hochhuth denn auch von der Inszenierung distanziert. Die von allen Beteiligten als Geschenk an ihn gedacht war, wie Regisseur Torsten Münchow beim tosenden Schlussapplaus zu Protokoll gab. Ja. Was aber bleibet, stiften die Spötter.

Sommer 14. Ein Totentanz
von Rolf Hochhuth
Inszenierung: Torsten Münchow, Ausstattung: Andreas R. Bartsch, Komposition und Musikproduktion: Tom Leonhardt, Solosopran und Musikalische Ausführung: Wiltrud Weber, Produktionsleitung: Anna Maria Gadebusch. Eine Produktion der Ilse-Holzapfel-Stiftung.
Mit: Maike Knirsch, Caroline Beil, Hans Piesbergen, Christian Mey, Diana Körner, Vitesha Benda, Kathrin Höhne, Wiltrud Weber, Ottfried Fischer, Rüdiger Joswig, Jens Schleicher, Barbara Frey, Thomas Giebel, Matthieu Carrière, Timothy Stachelhaus, Vera Tavares, Hans Leonard Wales, Reiner Schöne, Dietrich Seider und Udo Walz.

www.rolf-hochhuth.de  

 

Kritikenrundschau

Das so akribisch wie figurenreich entworfene Ränkespiel von Machthabern und Mitmachern, "nein, das ist kein Theaterfutter", schreibt Reinhard Wengierek auf Welt-online (3.8.2014). "Was wiederum die hilflose Regie wett zu machen versucht durch läppische Mätzchen." Anstatt auf radikale Art dem zwar plakativen aber immerhin informativen Text zu vertrauen, werde rumtheatert und das ernst zu Nehmende klein gehackt und lächerlich gemacht. "Auch wenn da ein enorm unterschiedlich starkes Ensemble sich redlich abmüht – herausragend Matthieu Carriére als erstaunlich skrupulöser Wilhelm II. oder Rüdiger Joswig als King Edward VII. und Tirpitz und Jens Schleicher als Churchill."

Hochhuth wolle zeigen, dass Krieg nicht ausbricht, sondern gemacht wird, schreibt Georg Kasch in der Berliner Morgenpost (2.8.2014). "Aber die Maschinerie, mit der alles auf die Katastrophe zuläuft, kommt nie in Gang, weil die vielen Schauspieler so orientierungslos durch ihre Dialoge stolpern, dass man nach wenigen Worten schon das Interesse verliert." Dabei gibt es aus Sicht dieses Kritikers sogar starke Momente. "Die zwei Monologe der Nachwuchsschauspieler Maike Knirsch und Timothy Stachelhaus fallen in ihrer klaren Art heraus". Mathieu Carrière wage gar eine Wilhelm-II-Interpretation, die Kasch eher an einen depressiven Cäsar als an den deutschen Chauvinisten-Kaiser denken lässt. "Szenische Tropfen, die in der Textwüste dieses Steh- und Erklärtheaters folgenlos verdampfen."

Eigentlich müsste Rolf Hochhuth Regisseur Torsten Münchow dankbar sein, schreibt Udo Badelt im Berliner Tagesspiegel (3.8.2014). Der Regisseur und sein Team hätten es doch nach der extrem kurzen Probenzeit von 14 Tagen geschafft, "den Figuren einen Funken Leben einzuhauchen, dem Stück etwas von seiner quälenden Eindeutigkeit zu nehmen, stärker im Zeitlosen zu verorten. Wie Götter im Olymp wirken diese Weißgewandeten. Schlafwandler, um mit dem Historiker Christopher Clark zu sprechen, ohne Verstand und Gefühl für die Folgen ihres Tuns für Millionen."

"Hier wird nur ein dröges Papierdrama harmlos auf die Bühne gebracht", schreibt Wolfgang Behrens in der Berliner Zeitung (4.8.2014). Deshalb laufe auch Hochhuths Distanzierzng von dieser flugs zusammengezimmerten Inszenierung ins Leere. Schon nach der Urauführung 1990 habe Ratlosigkeit darüber geherrscht, was dieses "höchst papierne, in historischer Informiertheit regelrecht absaufende Drama über den Ausbruch des Ersten Weltkriegs auf der Bühne zu suchen habe."

 
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