Acht halbe Stunden Krieg

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 8. August 2014. 36566 Tage – so viele sind vergangen seit dem verhängnisvollen Attentat auf den Kronprinzen in Sarajewo bis zum Tag der Uraufführung des Stationenstücks mit eben diesem Titel beim Young Directors Project der Salzburger Festspiele. Dauer: rund 14400 Sekunden, also 2,5 Sekunden pro verflossenem Tag – eigentlich mehr: Was eine kleine Armee von Studierenden des Thomas Bernhard Instituts an der Universität Mozarteum aus dem Thema gemacht hat, täte für sieben Stunden reichen. Das Publikum wird in zehn Grüppchen geteilt, die ziehen herum in zwei Häusern, dem Theater im Kunstquartier und dem nahen k&k-Gebäude, einer ehemaligen Kaserne, wo jetzt die großzügigen Unterrichtsräume des Thomas Bernhard Instituts sind. In den vorgesehenen vier Stunden schaffte der Schreiber dieser Zeilen 8 von 17 Stationen.

Recherche-Werkstatt
Hans-Werner Kroesinger, Spezialist für Dokumentartheater, hat angehende Schauspieler, Regisseure, Bühnenbildner und sogar eine Kompositionsstudentin auf Recherche geschickt. Dieses Handwerk gehört ja auch eingeübt. Ein jeder und eine jede musste sich was  aus der fraglichen Zeit herauspicken, einen damals jungen Menschen oder eine Begebenheit. Dass Google bei dieser Zeitdistanz (noch) nicht weiterführt, soll eine tiefe Erfahrung für die Recherche-Azubis gewesen sein, heißt es.

36566Tage3 560 BernhardMueller uEin Häppchen Geschichte...

Trotzdem oder deshalb kommt einiges an Bienenfleiß und sogar kreatives Potential zusammen. Im Salzburger Marionettentheater fanden sich in einer bisher nicht beachteten Kiste Briefe eines Sohnes des Theatergründers. Der hatte sich im Feld eine Lungenkrankheit zugezogen, schrieb aus der Heilanstalt mehrere Jahre nach Hause an seine Schwester. 1919 ist er dann sozusagen als mittelbares Kriegsopfer gestorben. Das ergibt eine szenische Lesung zwischen Spitalsbetten, die im Hof der Ausbildungsstätte in eine Gebäudestruktur aus Holzlatten gestellt sind. Ebenfalls im Hof spielt ein Drama um einen Deserteur. Der wird auf dem Exerzierplatz mit Liegestütz geschunden ("Die Dame im roten Kleid sagt eine Zahl zwischen eins und zwanzig"), während die Verlobte daheim leidet ("Josef kommt nicht, aber das Kind kommt bald"). Das Kind geht verloren, Josef wird als Deserteur gehängt. Gespielt wird auf einem Areal mit viel Auslauf.

Historischer Sternenhimmel
Ein Schauspielstudent hat Nachkommen der türkischen Kalifen interviewt, der Herrscherfamilie Osman, die 700 Jahre lang regiert hat. In seinem Beitrag "Tee-Empfang im Hause Osman" bekommt das Publikum Pfefferminztee und Lokum gereicht, während der junge Mann Kleider und Hüte wechselt und so ein Stück Exil-Schicksal auf kaiserlicher Hoheits-Ebene lebendig macht. Weniger gut ist es den Geschwistern Knoll gegangen, Bauern am Stadtrand von Salzburg. Der Älteste (Hofbesitzer) war zwei Jahre in Kriegsgefangenschaft und wurde schon für tot gehalten. Als er wiederkam, musste der jüngere Bruder, der sich schon als Jung-Bauer gesehen hatte, das Feld räumen. Krieg bringt Lebensplanung durcheinander.

36566Tage1 560 BernhardMueller u... und noch eins. © Bernhard Müller/Salzburger Festspiele (2)

"Russenfreundlichkeit der Damenwelt" heißt die Rauminstallation von Bühnenbildstudenten – eine Salzburger Krankenschwester war in einem Kriegsgefangenenlager einem Insassen entschieden zu nahe gekommen und musste dafür büßen. Man hört Dialoge aus dem Vernehmungsprotokoll und sieht den Tisch und Stühle im Amtsraum, die von schwarzen Spinnweben umnetzt sind. Ein Bühnenbildstudent hat aus Lämpchen pingelig den Sternenhimmel über Salzburg am Tag der Kriegserklärung nachgebaut. Standen die Sterne auf Krieg?

Bekömmlich und abwechslungsreich
So geht das also dahin. Die Studenten haben gelernt, Material zu konzentrieren und Szenen gut zu timen (nichts durfte länger sein als eine halbe Stunde). Man hat als Zuschauer nicht den Eindruck, dass Episoden aufgeblasen würden. In der Auswahl, die der Schreiber dieser Zeilen mitbekommen hat, war aber auch kein einziger Moment, der über das konkrete Illustrieren oder Nacherzählen hinaus gezeigt hätte. Mit einfachen Mitteln ist vorgespielt worden – nie einfältig oder peinlich, aber auch nicht doppelbödig oder hintersinnig. Nur im chorisch gestalteten Prolog und Epilog wird Heutiges in marginaler Dosis angesprochen.

Im Salzburg Museum läuft gerade die Ausstellung "Salzburg im Ersten Weltkrieg", in der es um das Kriegs-Erleben weitab von der eigentlichen Front geht. Dazu gibt es einen dickleibigen wissenschaftlichen Katalog, den kaum einer lesen wird. "36566 Tage" wäre eigentlich die Theaterproduktion dazu – viel bekömmlicher und trotz ihrer Dauer eigentlich recht abwechslungsreich. Treppensteigen ist die einzige Mühe.

 

36566 Tage
Eine Produktion des Thomas Bernhard Instituts an der Universität Mozarteum im Rahmen des YDP der Salzburger Festspiele
Leitung: Hans-Werner Kroesinger, Dramaturgie: Christoph Lepschy, David Tushingham.
Mit: Alexander L. Bauer, Valentin Baumeister, Peter Blum, Anna Brandstätter, Sophia Burtscher, Sergej Czepurnyi, Eric Droin, Martin Esser, Sylvia I. Häring, Kathrin Herm, Ludwig Hohl, Wolf Danny Homann, Sascha Thomas Koch, Adrienne Lejko, Niklas Maienschein, Cornelia Maschner, Maria Moser, Dominik Puhl, Dejana Radosavljevic, Vassilissa Reznikoff, Simon Rußig, David Schnaegelberger, Rebecca Seidel, Nina Steils, Caner Sunar, Alexander Tröger, Jana Vetten, Elisabeth Wegener, Anna Zadra.
Dauer: 4 Stunden

www.salzburgerfestspiele.at

 

Kritikenrundschau

"Ein solcher Abend entzieht sich der Kritik," schreibt Thomas Trenkler im Wiener Standard (11.8.2014). "Denn was darf man von Studierenden im ersten oder zweiten Jahr erwarten?" Zudem wurde für den Kritiker erneut das grundsätzliche Problem des Young Directors Project augenscheinlich: Denn erste Gehversuche lassen sich aus seiner Sicht nicht mit professionellen Produktionen vergleichen. Die Studierenden hätten sich jedoch der Herausforderung hochmotiviert angenommen "und überraschten mit einer Vielfalt an Zugängen. "Insgesamt wurden 16 Beiträge realisiert - und damit zu viele. Kroesinger dürfte es nicht übers Herz gebracht haben, weniger Geglücktes zu streichen."

Die jungen Beteiligten "konzipierten, recherchierten, schrieben, realisierten, bauten und spielten je nach Kräften und Ausbildungsstand eigenhändig mit lobenswertester Ambition und eindringlichem Engagement", gibt Karl Harb in den Salzburger Nachrichten (11.8.2014) zu Protokoll. "Sie haben dabei sicherlich selbst fürs Leben gelernt. Dafür kriegen sie schon einmal kollektiv beste Noten." Ob das alles schon auch festspielreif ist, bleibt für Harb jedoch dahingestellt. "Aber vielleicht war das ja gar nicht die Frage. Vielleicht genügte es schon, diesem letzten 'Young Directors Project' kurz vorm Verdämmern noch ein wenn schon nicht neues, so doch etwas ungewöhnlicheres Format zu bescheren. Auch das ist gelungen."

Auch und gerade im Angesicht der sehr jungen Schauspieler und ihrem jugendlichen Darstellungswillen wird Sven Riclefs in der Sendung "Kultur Heute" vom Deutschlandfunk (9.8.2014) noch einmal besonders deutlich, "dass es gerade die Jugend ist, die Gesellschaften dem Schlachthaus mit Namen Krieg in den Rachen werfen. Sechs Stationen sieht man als Zuschauer insgesamt, während man mit seiner kleinen Gruppe über mehrere Stunden durch die Kaserne zieht, sechs Stationen und Weitem nicht alles und doch entlässt einen dieses Projekt auf eine sehr nachhaltige Weise berührt."

 

 
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