Keine Sorgen, kein Likör

von André Mumot

Berlin, 14. August 2014. Wenn man ein "Stefan" ist, hält man sich zurück in der Gruppe. Man schlägt wahrscheinlich die Beine übereinander und lehnt sich vor. Wenn man ein "Stefan" ist, hört man gut zu, man ist Beobachter, man wagt sich nicht gern mit Vorschlägen vor. Man stützt das Kinn auf die Faust, und wenn um einen herum dummes Zeug geredet wird, verkrampft man sich ganz furchtbar, wird aber vermutlich nicht sagen: "So jetzt reicht's aber auch mal, Schluss mit dem Quatsch." Und statt zu fürchten, dass die Kollegen die Arbeit nicht schätzen, die man macht, fürchtet man, dass sie die Augen verdrehen, wenn man den Raum verlässt, und einen einfach nur blöd finden.

Der Autor dieses Artikels lernt an diesem Abend, nachdem er einen entsprechenden Personality-Test ausgefüllt hat, dass er kein forscher "Erik" ist und auch keine alles dufte findende "Josefina", sondern ein "Stefan". Und versteht jetzt natürlich auch, warum er so ungern "Ich" schreibt in Artikeln, die von Theater- bzw. Performancebesuchen handeln.

civilization 560 nordwind-festival xDie Kittel für die Zivilisationsübung hängen bereit. © Tani Simberg

Aber – noch so eine Lehre zum Mitnehmen – die Muster müssen irgendwann durchbrochen werden. Also bitte. Mag es auch einen denkbar niedrigen Nachrichtenwert haben: Berichten werde ich also, wie ich in einem ehemaligen Pankower Kulturhaus in einer improvisierten Küche gestanden und laktosefreie Sahne geschlagen habe. Mit einem Handmixer. Und wie ich gedacht habe: "Jetzt reicht's mir aber langsam, diese Sahneschlagerei. Und das mit dem Kiwischeiben-Auflegen. Und dass ich hier ständig mit Stefan angeredet werde." Ich glaube auch, dann und wann ziemlich verkrampft gewesen zu sein, protestiert habe ich aber – natürlich – nicht.

Nach Freud
Doch besser der Reihe nach – auch wenn es leider nicht viel spektakulärer wird. Geladen hat das "Nordwind"-Festival, das alle zwei Jahre skandinavische Theatermacher in großer Zahl nach Berlin und Hamburg und Dresden lockt und das eigentlich erst 2015 in die nächste Rund geht. Weil sie's aber offenbar nicht abwarten können, haben die Macher nun noch ein kleine Mini-Ausgabe in die Pause gequetscht, die sie "Urban Species 2014" nennen und die sich mit dem Aufeinanderprallen von Kultur und Natur befassen soll. Neben dem Hamburger Kampnagel ist auch das "Dock11*****Eden" Austragungsort, und hier, in jener wunderlichen alten Pankower Villa, kommt auch das Stück der Stockholmer Performancegruppe "Poste Restante" zur deutschen Erstaufführung.

"Civilization and its Discontent" nimmt sich "Das Unbehagen in der Kultur" zum Ausgangspunkt, jene 1930 entstandene Abhandlung, in der Sigmund Freud Triebsublimierung und Aggressionsvermeidung als Grundfesten unserer Kultur definiert hat. Ein übrigens erstaunlich lakonischer, bisweilen sogar witziger Text, der vielleicht ein bisschen schrullig geraten ist, aber viel Verblüffendes über sexuellen Sadismus und Ordnungsliebe verrät, über Selbstvernichtungstrieb und uneinlösbare Moralvorstellungen. "Ich meine, solange sich die Tugend nicht schon auf Erden lohnt, wird die Ethik vergeblich predigen", schreibt Freud mit einem Achselzucken, zitiert Wilhelm Busch ("Wer Sorgen hat, hat auch Likör") und äußert überhaupt allerhand Herzerfrischendes: "Diese Dinge sollte man endlich mal verstehen können, man kann es noch nicht."

Entscheidung für die Münzwurf-Entscheidung
Vor allem kann man nicht verstehen, wie die sechs Performer, junge, ernst dreinschauende Schweden, aus dieser abgeklärt verbiesterten Kulturanalyse einen derartig harmlosen Abend schöpfen konnten: Letztlich passiert nicht viel mehr, als dass eine Art Coaching-Seminar des fiktiven "Leviathan"-Konzerns über kollektive Arbeitsprozesse als insgesamt durchweg sympathisches, aber auch arg in die Länge gezogenes Partizipationstheater entfaltet wird, das jede ästhetische Verdichtung, jedes künstlerische Tamtam bewusst vermeidet, möglichst authentisch zu sein versucht und dabei merkwürdig glanz- und kraftlos daherkommt.

Da sitzen wir nun also beieinander und stimmen in demonstrativ ausgewalzter Absurdität über die richtigen Abstimmungsverfahren ab, und nur auf dem verblichenen Ölgemälde an der Wand ist was los, weil sich dort gleich zwei Gebirgsadler auf einen wehrlosen Hasen stürzen und damit viel übers Leben erzählen. Derweil entscheidet sich die "Urban Species", ein buntes, sehr internationales Publikumsvölkchen ohne erkennbare Berührungsängste, dazu, alle weiteren Entscheidungen dem Münzwurf zu überlassen. Was natürlich Probleme in den vier Gruppen bereiten könnte, die sich nun im Team bewähren sollen – beim Brote schmieren, Bowle mixen, Zimmer dekorieren – und ja, beim Kuchenbelegen.

Vorfreude auf die Sandwiches
Ach was: Probleme! Von wegen. Ich platziere umsichtig meine Kiwischeiben auf der Sahneschicht, und mein Nebenmann, der ein "Josefina"-Typ ist, ein Macher, der gerne Ansagen gibt, schnitzt mit großem Geschick eine Eins-A-Ananas-Deko. Große Freude allenthalben. Überhaupt entsteht beim unfreiwilligen Küchendienst nicht das geringste Reibungspotential, und auch die kurzen psychotherapeutischen Einzelgespräche mit den Performern fördern wenig Irritation zu Tage. Am Ende wird noch für fünf kurze Minuten ein kleines Erniedrigungsspiel ausprobiert, bei dem man seine Mitspieler aus ihrer knienden Unterlegenheitspose befreien kann – oder eben nicht.

Aber inzwischen verstehen sich sowieso alle ganz prächtig und freuen sich auf die Sandwiches und den Kuchen und auf die Bowle, die im soeben festlich dekorierten Vortragsraum erst einmal ohne Alkohol angeboten wird. Wer will, kann Wodka haben. Aber wozu? Keine Sorgen, kein Likör. Triebe und Aggressionen sind erfolgreich hinfort sublimiert. Das ist dann wohl die Nachricht des Abends: Kein Unbehagen in der Kultur weit und breit. Und, ach ja: Ich habe Sahne geschlagen.

Civilization and its Discontent
Von und mit Poste Restante (Stockholm): Linn Hilda Lamberg, Erik Berg, Stefan Akesson, Alvaro Ovalle, Linda Adami, Josefina Björk.
Dauer: 3 Stunden

www.nordwind-festival.de

 
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