Raum zum Ausprobieren

von Benno Schirrmeister

August 2014. Als Winfried Wrede Anfang der 1980er-Jahre wieder in Deutschland ankommt, am Ende einer fast ewigen Rucksacktour durch die Welt, zu der er schon kurz nach dem Abi aufgebrochen war, da weiß er: Fortan wird er Theater machen. "Ich bin da Schritt für Schritt reingerutscht", sagt er, "im Dialog mit anderen Kulturen". Er hat in Indien Katakali, in Neuseeland die Ausdruckstänze der Maoris kennengelernt, ihre Rhythmen, die Bewegungen. Und so kommt es, dass in Oldenburg, im westlichen Niedersachsen, ein Theater entsteht, das seinen Namen trägt, ein freies Theater, das seine eigenen Formen und Konventionen ständig befragt. Ein Theater, das forscht.

Reich ist Wrede damit nicht geworden, "wenn ich mich anschaue", sagt der 58-jährige, "weiß ich sehr genau, dass ich in der Altersarmut lande." Aber das Brennen hat nicht aufgehört, diese Leidenschaft. Und deshalb ist Wrede jetzt zu einem wichtigen Nachwuchs-Förderer geworden für die freie Performing Arts-Szene: Ein Mäzen, der die Gelder für die jungen Gruppen erst einsammeln muss bei Stiftungen und Sponsoren, der die eigene Spielstätte des "theater wREDe +" dafür freiräumt, aber auch Off-Theater anderswo begeistert, wie das LOFFT in Leipzig, wie "ehrliche arbeit" in Berlin, oder das Huis van Bourgondië in Maastricht, für seine Flausen.

Jenseits von Oldenburg

"flausen – young artists in residence" heißt das Stipendienprogramm, das er erfunden hat und organisiert und ausbaut: "Das ist wirklich sein Baby", sagt Regisseur Arne Vogelgesang von internil e.V. (www.internil.net). Die Mitglieder des 2005 in Wien gegründeten "Vereins zur Untersuchung Sozialer Komposition" leben teils in Berlin, teils in Leipzig, die Besetzung wechselt. Aber im Mai 2014 haben vier von ihnen in Oldenburg residiert, vier Wochen gemeinsam in einer Wohnung, vier Wochen mit Schlüssel für die Bühne, vier Wochen ständig mit den Gedanken beim eigenen Projekt, was willst du dort in Oldenburg auch groß anfangen. "Wrede ist da wahnsinnig am Werkeln und am Netzwerken, um dieses Programm über die gesamte Fläche der Bundesrepublik auszudehnen", sagt , "so wirkt das wenigstens".

Das stimmt. Genau genommen schwebt Wrede sogar vor, es bis auf ein internationales Level zu treiben. Der Zuspruch ist riesig, gut 500 Bewerbungen gab es in der kurzen Zeit. Und die Expansion ist beeindruckend: Im ersten Jahr, 2011, gab es exakt einen Platz. Für dieses Jahr, 2014, und für 2015 konnten immerhin jeweils sechs Residenzen vergeben werden, davon drei in Oldenburg, drei, im Sommer, verteilt über Nordrhein-Westfalen: Im Freie Werkstatt-Theater in Köln ging die Residenz der Berliner Gruppe "Prinzip Gonzo" (www.prinzip-gonzo.de) am 31. Juli zu Ende, noch bis 19. August untersucht das Kölner "Nö theater"-Kollektiv (www.noetheater.de) im Bielefelder Theaterlabor die Relevanz und Möglichkeiten von politischem Theater.

labelmueller 560 theaterwrede uPräsentation Rechercheprojekt von Label Müller © müller*****

Und bis zum 20. August widmet sich die Leipziger Formation "müller*****" (www.labelmüller.de) im Bonner Ballsaal einer Spurensuche rund um Geld und Kapital unter dem Arbeitstitel "Die Ehre und das Böse – ein Gefühl des Banalen". Arbeitstitel ist ernst gemeint. Denn ob jemals eine Performance, eine szenische Installation eine Show oder einen hübschen runden Theaterabend unter diesem Titel stattfindet, ist völlig ungewiss. Was es gibt, sind Abschlussveranstaltungen, für die hat sich Wrede das dehnbare Format des "Making Of" einfallen lassen.

Lücken schließen

Das Wort Präsentation empfinde er jedenfalls als zu eng. "Das klingt mir zu sehr nach Produktion", sagt er, "und Flausen ist keine Produktionsförderung". Das Publikum kommt trotzdem, oder vielleicht gerade weil das Unfertige einen eigenen Reiz hat, die Begegnung mit einem szenischen Ansatz im Entstehen, einer Bühnensprache, die noch fragt und auf der Suche ist: Als Ende Januar zwei Gruppen ihre Oldenburger Erkundungen in den Berliner Sophiensälen vorstellten, waren die jedenfalls ausverkauft.

winfried wrede1 560 schirrmeister uOldenburger Theatermacher und "Flausen"-Initiator Winfried Wrede 
© Benno Schirrmeister

Und es entspannen sich Diskussionen zu den künstlerischen Ansätzen, und das Theater lebte, und Winfried Wrede redet sich richtig in Rage, wenn er davon erzählt. Er gestikuliert, breitet die Arme aus. Dabei herrscht schon eine echte Bullenhitze, Oldenburg, Ende Juli, Vormittag, zum Glück weht ein Lüftchen durchs Foyer. Wrede ist angenehm uneitel im ärmellosen Shirt gekommen, vorm Treffen zieht er noch schnell draußen ein Zigarette durch, "Schauspieler", sagt er, es klingt, als müsse er sich entschuldigen, "wir Schauspieler rauchen einfach". Beim Foto ziert er sich ein bisschen wegen des Haars und stülpt, weil er's dann doch zu schütter findet, eine Basecap über. Man könnte ihn jetzt für einen Trucker halten, so lange er nix sagt. Das Risiko ist also eher gering, weil er eben für seine Idee so entflammt ist, genau das zu etablieren, "was uns gefehlt hat, als wir jung waren, einen geschützten Raum, um etwas auszuprobieren".

Forschen, Projekte treiben lassen

Das nämlich genau ist Flausen: Die Gruppen werden ausgewählt, nicht um ein Projekt zur Aufführungsreife voranzutreiben. Sondern eher: Um sich vom Projekt treiben zu lassen, um das Themenfeld auszuloten, formale Experimente zu wagen. "Die sollen forschen", sagt Wrede, "die sollen in die Breite gehen". Das ist etwas, wofür die Bedingungen in der freien Szene nie gut waren. Heute fehlen sie komplett: "Es war so angenehm, sich daran zu erinnern, warum ich irgendwann dringend in diesen Bereich der freien performing arts wollte", blickt geradezu mit Wehmut auf die Residenz zurück, "nämlich nicht, um ein Theaterprodukt nach dem anderen auf den Markt zu klopfen". Sondern: Um auch mal einer komplexeren Frage nachzugehen. Das braucht Zeit.

internil1 280 theaterwrede u"Anders" von Internil1 © Theater Wrede

Jetzt wäre eine Anschlussfinanzierung gut, Produktionsmittel. Aber vor dem Projekt "Anders", das ausgehend vom Massenmörder Anders Breivik diesen nicht als Person, als Menschen, sondern als mediale Figur in ihrer Sprache, erkundet, schrecken die Förderer bislang zurück.

Mentorin der Gruppe war Regisseurin Annett Hardegen. "Was sich an das Internet bindet, in Bezug auf Wahrnehmung, Körperlichkeit, Denken und Fühlen" sei wesentlicher Aspekt der theatralen Forschung gewesen, heißt es in ihrem Abschlussbericht. "Es wäre wünschenswert, wenn die Arbeit fortgesetzt werden könnte". Tatsächlich müsste eine Bühnenkunst der Zukunft auf solche Fragen Antworten finden. Aber Zukunft macht auch manchmal Angst.  

Wichtige greifbare Ergebnisse

MentorInnen werden für jede Gruppe passend ausgesucht, das gehört zum Flausen-Modell, und Wrede kümmert sich auch um seine Gäste, "das ist ein echtes Interesse", sagt , "ihm ist wichtig, ein gutes Feedback zu geben". Für bis zu vier Leute, drei davon müssen auf der Bühne aktiv sein, bekommen die Gruppen Geld: 1400,- Euro pro Kopf, aber der muss während der vier Wochen frei bleiben, fürs Theater-Denken. "Nebenbeschäftigungen sind nicht erlaubt", erklärt Wrede die Spieleregeln, ein Logbuch muss geführt werden, und "es gibt eine Anwesenheitspflicht". Dass die shot AG, die 2011 als Pilotgruppe ihren Flausen nachhing, mittlerweile die dritte Produktion seither fertig stellt und sagt, sie zehre immer noch von ihrem Oldenburg-Aufenthalt, macht Wrede stolz.

Solche greifbaren Ergebnisse sind ja auch wichtig, um die Sponsoren bei Stange zu halten, die Stiftung Niedersachsen, die EWE-Stiftung, die Stadt und das Kulturministerium. Wrede selbst aber scheinen die Aus- und Aufbruchstendenzen wichtiger, das Wagnis und der Mut, etwas zu probieren: So kommt es, dass ein bereits im Vorjahr gefördertes Projekt 2015 erneut zur Residenz eingeladen ist, diesmal nach Bielefeld: "Was die vorhaben, das ist total wichtig", sagt Wrede, "aber auch so groß", sagt er, "viel zu groß, eigentlich", zumal das Kasseler Flinntheater und Quartett PLUS 1 aus Hannover zuvor noch nie zusammen gearbeitet haben.

Tot oder lebendig

"Kosala Vita" lautet die Überschrift des Forschungsvorhabens, "das klingt so nett", klärt Wrede darüber auf, dass es in Wirklichkeit Kisuaheli sei und Kriegsverbrechen bedeutet. Die Gruppen lassen sich auf eine Recherche zu dem Prozess gegen Ignace Murwanashyaka und Straton Musoni vorm Stuttgarter Oberlandesgericht ein, die von Baden-Württemberg aus per Handy und Internet Massaker im Kongo gelenkt haben sollen. Kein Mensch kann heute sagen, ob sich das mit Bühnenmitteln je sinnvoll erfassen lässt. Aber was wäre ein Theater, dass nicht einmal mehr die Möglichkeit erkundet? Dem bliebe "nur die Flucht in die Gefälligkeit", sagt Wrede. "Wenn man nicht mehr scheitern darf, dann ist die Kunst tot."

 

Kommentar schreiben