Tanz der Cineasten

von Christian Rakow

Berlin, 21. August 2014. Preisfrage für Programmkinonarren: Aus welchem oscarprämierten Hollywood-Klassiker stammen Wendungen wie diese: "Our destinies seem to be interwoven, don't they. I was a close friend of your father." Oder: "I disagree with Bolshevism. But, I can still admire Bolsheviks, as men. Shall I tell you why? They may win."

Richtig! "Doktor Schiwago", oder weil hier alles auf Englisch läuft: "Doctor Zhivago" (1965 von David Lean gedreht, mit Omar Sharif in der Titelrolle). Wer's wusste und wer obendrein auch noch die dazugehörige Szene lebendig vor Augen hat, ist locker für diesen Abend des Big Dance Theater qualifiziert. Für alle aber, die schon hier die Segel streichen müssen, und zu denen sich der Autor dieser Zeilen getrost hinzurechnen darf, wird's schwer, sehr schwer.

bigdancetheater alansmithee 560 bradharris uMalerische Pelzkragen, spröde Tanzbewegungen: das Leben als getanzter Film. 
© Brad Harris

Denn die New Yorker Tanz- und Performancegruppe Big Dance Theater, die mit "Adam Smithee Directed This Play" im Rahmen von "Tanz im August" erstmals in Berlin auftritt, bescheidet sich keinesfalls mit dem herzrührigen Revolutionsepos aus Lenis Zeiten, sondern mixt munter weitere Filmwerke hinein: Das Mutter-Tochter-Emanzipationsdrama "Zeit der Zärtlichkeit" (USA, 1983) oder den Ganovenkrimi "Vier im roten Kreis" (Frankreich, 1970).

Rauchen, Umarmen, Pistolenschuß

Wie das alles zusammenhängt, muss uns der Programmzettel (mit einem Porträt von Lisa Rinehart, das Co-Regisseur Paul Lazar zu Wort kommen lässt) aufhellen: "Die ausschweifende und epische Seite aus Doktor Schiwago mit der Intimität des Vorstadtlebens im Film Zeit der Zärtlichkeit zu verbinden, entpuppte sich jedoch als eine ganz natürliche Fügung. 'Wenn man diese Welten einander annähert', so Lazar, 'finden sich plötzlich gewisse Wahrheiten an beiden Orten'. Das Stück durchläuft einige Phasen des Lebens, wie frühes Erwachsenenalter, Brautwerbung, Heirat, Kindererziehung, Alter und Tod. Und in jeder Lebensphase gibt es bestimmte nachwirkende Ereignisse, die sowohl für die Welt des Schiwago gelten als auch für das suburbane Houston der 1960er Jahre." Vermutlich, so muss man anfügen, gelten derart allgemeine Momente wie Heirat oder Tod auch für das Leben in Buxtehude. Und in puncto Franzosenkrimi sind wir immer noch nicht schlauer. Aber immerhin.

Tatsächlich kann die Performance mit ihren sehr losen Zusammenhängen offenbar gut leben. Die neun Akteure in blümierten Kleidern und malerisch dicken Pelzen Marke Russenwinter hauchen die Filmdialoge in ihre Microports, bebildern sie betont mechanisch und abgehackt durch die entsprechenden Pathosgesten (Rauchen, Umarmen, Pistolenschuss), wagen gelegentlich konsequent spröde Tanzfiguren zu Filmmusiken, und fühlen sich mit dem latent ironischen Gestus ihres Szenenhoppings sichtlich wohl. Derweil kommt man sich im Parkettsessel vor, wie jemand, der bei nerdigen Cineasten zum Kaffeekränzchen eingeladen ist. Und nicht mal der Kaffee ist aufgebrüht. Denn Zitatfuror hin oder her. Die Bewegungssprache entfaltet praktisch nirgends eigenes Gewicht, weder eigene Schrulligkeit, noch eigenen Glanz. Der Abend ist bedrückend formalistisch, wortreich, bilderarm. Designed für Insider.

Ich war's nicht!

Wie alles Übrige auch, erklärt sich der gewitzte Titel, den die Co-Regisseure Annie-B Parson und Paul Lazar (seit Gründung 1991 Köpfe des Big Dance Theater) gewählt haben, im Programmzettel: "Alan Smithee Directed This Play": Alan Smithee war bis 2000 das gängige Pseudonym für Filmregisseure, die nach Auseinandersetzungen mit ihren Produktionsfirmen mit dem fertigen Film so unglücklich waren, dass sie ihn nicht unter eigenem Namen vertreten mochten. Alan Smithee heißt quasi: Ich war's nicht, der Schmidtchen war's. Wie sprechend.

Das traditionsreiche Festival "Tanz im August", das unter Tanzkritikern ebenso angesehen wie in jüngerer Zeit umstritten ist (vor allem wegen seines geringen Etats, der Großgastspiele kaum zulässt) und das seit diesem Jahr am Hebbel am Ufer verankert ist (mit der Finnin Virve Sutinen als Festivalleiterin), ist für einen Berliner Sprechtheaterkritiker ja eher ein schönes Aufwärmprogramm zum baldigen Saisonstart. Im letzten Sommer sorgte Jochen Roller mit seiner Volkstanz-Show Trachtenbummler für einen raketengleichen Auftakt. Und diesmal? Gab sich Schmidtchen Schleicher die Ehre.

 

Alan Smithee Directed This Play
von Big Dance Theater
Co-Regie: Annie-B Parson und Paul Lazar, Choreographie: Annie-B Parson und Kompanie, Video: Jeff Larson, Bühnenbild: Joanne Howard, Sound: Tei Blow, Licht: Joe Levasseur, Kostüme: Oana Botez, Musikalische Leitung und Gesangs-Arrangements: Chris Giarmo, Produktionsleitung: Brendan Regimbal, Produktion: Aaron Rosenblum.
Performer: Tymberly Canale, Elizabeth DeMent, Chris Giarmo, Cynthia Hopkins, Paul Lazar, Aaron Mattocks, Kourtney Rutherford.
Dauer: 1 Stunde 30 Minuten, keine Pause

www.tanzimaugust.de
www.bigdancetheater.org

 

Kritikenrundschau

Mit viel Neugier hat Michaela Schlagenwerth das Big Dance Theater erwartet, schreibt sie in der Berliner Zeitung (23.8.2014). "Es ist ein Rätsel, warum diese Gruppe bislang nie den Weg nach Berlin gefunden hat." Auch wenn "Alan Smithee Directed This Play" vielleicht nicht ihre allerbeste Arbeit sei: Wie die Performer das melodramatische Pathos aus 'Doktor Schiwago' zitierten, es mit der gedrückten Coolness aus 'Vier im roten Kreis' und texanischem Mittelstandsdrama aus 'Zeit der Zärtlichkeit' kreuzten, wie das alles völlig zerschnippelt in Mini-Fragmenten dahin fließe, das habe Kraft, Intelligenz und Charme. "Vielleicht, denkt man am Ende, sollte man noch einmal 'Doktor Schiwago' lesen. Und das ist bestimmt nicht der schlechteste Vorsatz, mit dem man ein Theater verlassen kann."

Eine kurze Anmerkung ist dieser Abend Dorion Weickmann von der Süddeutschen Zeitung (25.8.2014) in ihrem Überblicksartikel zu "Tanz im August" wert: Leiterin Virve Sutinen habe sich zum Festivalauftakt mit einem "Yeah-Plädoyer" zu "Punk, zum Feminismus, zu den Achtzigern, zu Ballett, zu HipHop" bekannt – mithin zu "allem und jedem, was nicht mehr ganz proper und taufrisch daher kommt", schreibt die Kritikerin."Sie lieferte wie versprochen. Etwa das Big Dance Theater aus New York, dessen 'Alan Smithee Directed This Play' vor zwanzig Jahren als flotte Tanz-Schnitzeljagd auf den Spuren von 'Dr. Schiwago' Eindruck geschunden hätte. Heute wirkt es gelbstichig wie ein ausgebleichtes Polaroid."

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