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Ruinöses aus Amazon Stadt

von Frank-Patrick Steckel

26. August 2014. Der Bürgermeister von Amazon Stadt träumt. "Wir arbeiten auf höchstem Niveau ... Bundesweit sind Spezialisten am Werk, die alle wichtigen Kennzahlen im Blick behalten, umfangreiches Controlling betreiben und durch ihre detaillierten Geschäftsanalysen neue Wege und Möglichkeiten aufzeigen. Es verlangt Durchblick, um jedes Glied der Logistikkette betriebswirtschaftlich beleuchten zu können. Und auch Weitblick, um durch scharfsinnige Analysen unsere ambitionierten Wachstumspläne zu stützen." (Amazon, Bad Hersfeld).

amazon logistikzentrum hersfeld 560 c amazon xEines der beiden Logistikzentren von Amazon in Bad Hersfeld, die zusammen so groß
sind wie 24 Fußballfelder. Ihre Ansiedlung förderte die Stadt mit neun Millionen Euro.
© amazon-operations.de

Millionen für Amazon

Exakt so nimmt sich das aus, was dem Bürgermeister Thomas Fehling von Amazon Stadt, ehedem Bad Hersfeld, in Bezug auf das "Qualitätsmanagement" der Festspiele und der von ihm für die Leitung derselben propagierten städtischen Kontrollkommission vorschwebt. Das von Herrn Fehling gezeichnete "Zukunftskonzept für die Bad Hersfelder Festspiele" vom Januar 2014 hebt folgendermaßen an: "Im Rahmen der Einführung der DoppiK ('Doppelte Buchführung in Konten') müssen für die Leistungen der Stadt so genannte 'Produkte' definiert werden. Dazu gehört auch die Festlegung von Zielen und Kennzahlen (sic!) zur Zielerreichung". Oder, unter "Kennzahlen zu Ziel 2": "Wirtschaftsfaktor Festspiele (= Anzahl der auswärtigen Gäste multipliziert mit einer noch zu untersuchenden Umwegrentabilitätskennziffer. Als Vorlage kann die Untersuchung des Kur- und Heilbäderverbandes dienen)." Von Amazon lernen heißt Siegen lernen (von den Streiks reden wir nicht).

thomas fehling 280 c hersfelder zeitungThomas Fehling, Bürgermeister von Bad
Hersfeld.  © Hersfelder Zeitung
Die tonale und begriffliche Identität von Amazon-Eigenwerbung und Fehlingschen Konzeptvisionen ist kein Zufall – es handelt sich um Geist vom gleichen Geist, falls hier von Geist noch die Rede sein kann: Es soll etwas "verkauft" werden. Es ist ein Verkäufergeist. Es ist nicht verwunderlich, dass das berüchtigte TTIP-Abkommen auf so geringen Widerstand in den Reihen unserer politischen Nomenklatura stößt. Zwar hat im Falle Hersfeld der eine Verkäufer vom anderen wenig – dafür der andere vom einen um so mehr (ein Vorgeschmack auf das TTIP-Zeitalter): Die Stadt hat neun Millionen Euro in die Amazon-Ansiedlung gesteckt, der Gewerbesteuererlös des US-Konzerns aber fließt – nach Luxemburg: "Da sind die weltweiten Konzerne in der Lage, internationale Gestaltungsoptionen zu nutzen", seufzt der Bürgermeister unter Verwendung des beschönigenden Politjargons, mit welchem die Raubzüge dieser Konzerne legalistisch bemäntelt werden, bis TTIP sie unwiderruflich absichert. (Ähnliches treibt General Motors mit der Stadt Bochum.) Die neun Millionen fehlen nunmehr in der Stadtkasse und brauchen, so der Bürgermeister weiter, "Jahre, bis sie sich amortisiert haben". Bald aber hat sich's ausgeseufzt und es wird in die realpolitischen Hände gespuckt: Haushaltskonsolidierung – that's the name of the game.

Krumen für die Festspiele

"Konsolidierung" bedeutet im Hersfelder Fall, die ohnehin tönernen Finanzfüße, auf denen der kulturpolitische Anspruchskoloss Festspiele steht, weiter abzusägen. Die Hersfelder Festspiele wurden 2014 mit einem vergleichsweise bescheidenen Gesamtetat von rund fünf Millionen Euro bestritten, wovon die Kreisstadt Hersfeld lediglich ein Fünftel trägt. Dieses eine Fünftel soll im nächsten Jahr – pünktlich zum 65. Jubiläum der Festspiele – um rund 40 %, nämlich um 400.000 €, gekürzt werden. Von einer Steigerung der Zuwendungen des Landes (277.000 €) ist nichts zu hören.

spielstaetten ruine bad hersfeld 560 c bad hersfelder festspiele uAmazon auf seiner Website: "Am bekanntesten ist Bad Hersfeld jedoch für die Bad
Hersfelder Festspiele". Seit 64 Jahren wird in der Kirchenruine aus dem
12. Jahrhundert Theater gespielt.  © Bad Hersfelder Festspiele
Der CDU-Bundestagsabgeordnete Heiderich teilte Anfang Juni mit, dass der Bund für die kommende Hersfelder Spielzeit statt bislang 126.000 € nun 150.000 € überweist. (Noch im vergangenen Jahr sollte die Summe auf 100.000 € "abgeschmolzen" werden, was der CDU-Politiker "erst durch zahlreiche Gespräche" verhindern konnte. Heiderich hoffte, wie er selbst sagte, "dass die unsäglichen Streitigkeiten der vergangenen Monate der Vergangenheit angehören". Mit guten Schlagzeilen über die Festspiele ließen sich auch im Bundestag leichter Unterstützer gewinnen. – Eine vergebliche Hoffnung, wie wir jetzt wissen.)

Durch Einwerbung von Sponsorengeldern ist der Verlust ausweislich der Bilanz 2014 ebenfalls nicht kompensierbar – die Beträge gehen zurück. "Am bekanntesten ist Bad Hersfeld jedoch für die Bad Hersfelder Festspiele, ein sich über einen Monat erstreckendes Festival der Musik und der Künste", lässt Amazon Interessierte wissen, ist aber offenbar weit davon entfernt, der geplünderten Stadt mit einer nennenswerten Förderung ihres Zentralevents beizuspringen. So behilft man sich rathausseitig mit immer unbefangeneren Manipulationen der Einnahmeerwartungen – sie werden einfach von Jahr zu Jahr trotz regelmäßiger Nichterreichung höher geschraubt. Das damit von Jahr zu Jahr sich vergrößernde Defizit schiebt man, wie auch heuer wieder geschehen, öffentlich dem Intendanten in die Schuhe, der sich diesen Augenwischereien erfolglos widersetzt hat. Muckt der Intendant aber öffentlich auf, droht ihm das Missfallen der Bürokraten.

Die Putschisten sitzen im Rathaus

Im Falle Hersfeld wuchs dieses Missfallen sich zu einer fristlosen Kündigung des Intendanten aus – bei laufender Spielzeit, zwei Jahre vor seinem regulären Vertragsende, ein Jahr vor dem 65. Jubiläum der von ihm gestalteten Festspiele: Ein ungeheuerlicher Vorgang, von dem Hersfeld sich lange nicht erholen wird, zumal dann nicht, wenn im Hintergrund usurpatorische Gelüste der Bürokraten sich regen. (Die absehbar zu zahlende Abfindungssumme wird schon einmal vorsorglich in den Festspielhaushalt eingestellt.)

charleystante-filmszene-156656Noch Luft nach unten? Zum 450. Geburtstag Shakespeares stand in Bad Hersfeld das
Musical "Kiss me Kate" auf dem Spielplan. Und im nächsten Jahr? "Charleys Tante"?
Filmstill aus "Charleys Tante" (Österreich 1963): Fritz Eckhardt und Peter Alexander.
Holk Freytag ist ein Regisseur, ein Beruf, der früher einmal Voraussetzung für die Berufung zum Intendanten war. Die heute übliche Bestellung von Intendanten, die selbst keine Künstler sind, wird von Menschen wie dem Hersfelder Bürgermeister offenkundig als Zugangsmöglichkeit für sich und ihresgleichen zu diesem Beruf aufgefasst. Da man künstlerisch aber nichts zu melden hat, verlegt die bürokratische Putschistenriege sich aufs Finanzielle. Das oberste Ziel besteht in der Einhaltung von, wie gesagt, fahrlässig überhöht angesetzten Einnahmevorgaben. Das Künstlerische, also etwa die Gestaltung des Spielplans, ist demgegenüber nachrangig und wird mit Phrasen abgetan.

Da ist außerdem Luft nach unten, schließlich lässt sich anstelle von "Maria Stuart" (ohnehin nur 60 % Platzausnutzung!) auch "Charleys Tante" oder "Der Floh im Ohr" denken – das Hersfelder Publikumsterrain scheint in dieser Hinsicht nicht völlig kartographiert zu sein. Viel kompromissbereitere Spielpläne, als Holk Freytag sie in den letzten Jahren für die Stiftsruine vorgelegt hat, sind jedenfalls schwer denkbar – die Putschisten im Rathaus allerdings lassen uns ahnen, wohin die Reise noch gehen kann. (An das Festival d'Avignon darf man gar nicht denken. Dabei propagierte der Intendant Günter Fleckenstein bereits in den siebziger Jahren das "hessische Avignon" – wohlgemerkt "das hessische", nicht "das deutsche". Nicht einmal bis dahin hat Hersfeld es gebracht. Allerdings verfügen die Franzosen auch über einen mehr als doppelt so hohen Etat.)

In Zukunft Theater aus dem Geist des Heilbäderverbandes

Der Bürgermeister Fehling ist, bei einer Wahlbeteiligung von unter 50 %, von rund 3.500 Wahlberechtigten gewählt worden – also von nicht einmal der Hälfte all jener Bürger, die den Protest gegen die fristlose Kündigung von Holk Freytag unterzeichnet haben: 10 000 Unterschriften wurden in kürzester Zeit gesammelt – bei 30 000 Einwohnern eine Leistung, die sich sehen lassen kann. Das Desinteresse jedes zweiten oder dritten Wahlbürgers an der Frage, von wem er regiert wird, trägt Politiker in hohe und höchste Ämter, die diesen Ämtern weder ihrem menschlichen, noch ihrem geistigen, noch ihrem handwerklichen Zuschnitt nach gewachsen sind. Ihre extraordinäre Inkompetenz bestimmt indessen unseren Alltag. Erfolg beim Aufstieg in den Parteien haben – von links bis rechts – ausschließlich Opportunisten. Ihre einzigen Ziele: Machtgewinn und Machterhalt.

Es ist verständlich, dass die Kluft zwischen diesen politischen "Entscheidungsträgern" und Theaterleuten im öffentlich-rechtlichen Bereich nach und nach wolfsschluchthafte Dimensionen annehmen muss. Der Sachverhalt allein würde ausreichen, die Lage der Theaterleute über das seit Jahrtausenden Gewohnte hinaus zu erschweren. Treten nun noch "Zeiten knapper Kassen" ein (eine vernebelnde Lügenphrase), bekommen die Versager auf Seiten der "Rechtsträger" einen Knüppel-aus-dem-Sack in die Hand, mit dem sie, zunehmend enthemmt, auf Intendanten einzudreschen in der Lage und gewillt sind, sofern diese, und mit ihnen mindestens Teile ihres Publikums, nicht jede Haushaltskonsolidierung zu Lasten ihrer Häuser hinzunehmen bereit sind. Der Erfolg dieser künstlerischen Leiter spielt dabei nicht die geringste Rolle – die zuständigen Minister, Dezernenten und anderen Aufsichtsbeamten "der Kultur" wissen sowieso besser, wie man kostengünstig gutes Theater macht. ("Als Vorlage kann die Untersuchung des Kur- und Heilbäderverbandes dienen.")

Geld als Disziplinierungsmittel

Die prekäre Unabhängigkeit eines Intendanten besteht darin, entscheiden zu dürfen, was er mit dem ihm zur Verfügung gestellten Geld anfangen kann und will: Aber auch hier schreiben die Alleskönner in den Rathäusern bei sinkenden Zuschüssen steigende Auslastungen vor. Und können sich dabei noch vielfach auf solche Stimmen berufen, die uns das Lied von der erhöhten "Kreativität" singen, die angeblich immer dann zutage tritt, wenn das Geld ausgeht. (So gesehen, hat der Deutsche Bühnenverein mit seinem Protest gegen die Einführung des Mindestlohns an den Theatern recht: Die kreativste Person ist nach dieser Logik der unbezahlte Praktikant.) Die Zahlen (vor allem die Einnahmen) sind das effektivste Disziplinierungsmittel, wenn es darum geht, Intendanten an die Kette zu legen und den Förderungsauftrag, der Verluste nachgerade vorschreibt, auszuhöhlen.

freytag 5 180 bad hersfelder festspiele uHat er künstlerische Freiheit
mit finanzieller Freiheit
verwechselt? Holk Freytag, der geschasste Intendant
© Bad Hersfelder Festspiele
Den Hersfelder Kabalen vergleichbare Anwandlungen der kommunalen Kulturbürokraten zeigen sich augenblicklich allerorten, von Rostock, Dessau und Halle bis Kiel, Bonn, Wuppertal und Stuttgart. Es handelt sich um die wahrscheinlich verhängnisvollste Konsequenz aus föderaler Struktur einerseits und zentraler Finanzpolitik andererseits. Die Bundespolitik organisiert die Verarmung der kommunalen Kassen (bis hin zur "Schuldenbremse"), deren Kassenwarte für die "Umsetzung der Sparbeschlüsse" sorgen. Ihre berechtigte Hoffnung, dass die Späne, die bei dieser Art von Hobelei fliegen, solange es um die Theater geht, keine Mehrheiten gegen die Hobelschwinger erzeugen, befördert die zunehmende Sturheit, mit der über Bürgerproteste und die mehr oder weniger flüchtige mediale Aufmerksamkeit hinweggesehen wird. Die bankenrettende, waffenhandelnde Gernegroß-Kulturnation entpuppt sich schleichend als diktatorischer als manche Diktatur: Es ist hierzulande, wie der Vorsitzende der CDU Hersfeld-Rotenburg Timo Lübeck es glücklich formulierte, gefährlich, "künstlerische Freiheit mit finanzieller Freiheit zu verwechseln." Letztere Freiheit, lautet die Botschaft, ist nämlich Wenigen vorbehalten – die in seltenen Fällen auch Künstler sein mögen.

Kultureller Bundesphantomschmerz

Vielleicht gehören die Bad Hersfelder Festspiele zu einer anderen Bundesrepublik als der gegenwärtigen – einer Bundesrepublik ohne Amazon und Privatfernsehen, ohne Bundeswehreinsätze am Hindukusch, ohne "Agenda 2010", ohne Musicals in romanischen Stiftsruinen, ohne Rentenreformen und Minijobs, ohne Bankenrettungen, Kapitalmärkte, Mobiltelefone, Großmachtallüren und Exportweltmeisterschaften, einer Bundesrepublik, deren Präsidenten willkommene und engagierte Schirmherren dieser Festspiele waren, und nicht, wie Herr Gauck, sich feixend vor der Ruine fotografieren ließen – um dann, wenn sie zusammenzubrechen droht, die Achseln zu zucken.

Der von den "Freunden der Stiftsruine" vorgetragene und von Bürgermeister Fehling in sein Zukunftskonzept übernommene Plan, bei stagnierenden Zuschüssen (kleine Steigerungen werden durch erhöhte Personal- und Sachkosten annulliert) erstens die Dauer der Festspiele in der Stiftsruine auf zwei Monate zu strecken und zweitens ab 2017 auch noch die mit den allerbescheidensten Subsidien und einem Berg ehrenamtlicher Tätigkeit recht ansehnlich, niveauvoll und friedlich – eben ein bißchen altbundesrepublikanisch - sich schlagenden Opernfestspiele des (bisher unabhängigen) Arbeitskreises für Musik in den krisenanfälligen Festspielstrudel zu ziehen, ist geeignet, den kulturellen Bundesphantomschmerz zu intensivieren. Und dabei waren auch die alten Zeiten doch wahrlich auch harte Zeiten!

 

steckel 110 uFoto privatFrank-Patrick Steckel, geboren 1943 in Berlin, gehörte zu den Mitbegründern der Berliner Schaubühne am Halleschen Ufer ab 1970, war von 1978 bis 1981 Oberspielleiter am Schauspiel Bremen unter Intendant Arno Wüstenhöfer und von 1986 bis 1995 Intendant des Bochumer Schauspielhauses. Seither arbeitet Steckel als freier Regisseur und Übersetzer. Seine Inszenierungen wurden mehrfach zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Für seine Shakespeare-Übersetzungen erhielt er 2013 den Preis der Autoren.