Teilweise zu altvaterisch

29. August 2014. "Klar, Salzburg braucht in der Kunst große Namen und verlässliche Partner, die Qualität ist hoch, echte Pleiten sind selten. Aber der Spielraum für wirklich Originelles und Risiko wird augenscheinlich seit Jahren immer kleiner, und das liegt nicht nur an der Unlust der öffentlichen Hand, mehr Geld zu geben", schreibt Barbara Petsch in einer ins Universelle ausholenden Bilanz der diesjährigen Salzburger Festspiele in der heutigen Ausgabe der Wiener Tageszeitung Die Presse.

"Liest man Kritiken, hat man das Gefühl, es läuft recht gut, aber echte Begeisterung wie zu Herbert von Karajans oder auch zu Gerard Mortiers Zeiten, Freude, Zorn, Leidenschaft sind selten geworden – und das gilt teilweise auch, wenn man Äußerungen des Publikums lauscht", so Petsch: "'Der Rosenkavalier', schön, 'Der Troubadour' (Netrebko!), 'Fierrabras' (feine Musik, so schaut's aus, wenn ein Stein sich abmüht), Marc André Dalbavies 'Charlotte Salomon' (wichtige Geschichte, langweilige Musik)."

Mit der Zeit wäre mal wieder eine Innovation "à la Frank Castorf oder Matthias Hartmann" fällig, findet Petsch: "Matthias Hartmann? Der entlassene Burgtheater-Direktor? Genau dieser. Er hat sich mit Video, den Puppen von Nikolaus Habjan, Crossover, schrägem Humor von 'Faust' bis 'Lumpazivagabundus' immer wieder etwas einfallen lassen – und es war vielleicht doch nicht die beste Idee, statt Hartmann den seriösen Handwerker Georg Schmiedleitner 'Die letzten Tage der Menschheit' inszenieren zu lassen."

An neuen szenischen Fantasien führe jedenfalls kein Weg vorbei – und relativ sicher ist Peitsch sich, dass diese mit dem weiteren Zusammenwachsen aller Künste zusammenhängen werden. "Dazu muss man sich nur die Ruhr-Triennale, das Festival in Avignon oder auch den ImPulsTanz in Wien anschauen." Die multimediale, multikulturelle Performance, das Experiment mit und in neuen Räumen sei die Zukunft. "Salzburgs Ästhetik ist teilweise zu altvaterisch und beflissen."

 

1. September 2014. "Die Salzburger Festspiele unterscheiden sich insofern vom – oft nur noch mühsam – durchsubventionierten deutschsprachigen Theaterbetrieb, als sie eine sogenannte Eigenwirtschaftlichkeit von 79 Prozent erreichen", schreibt Egbert Tholl in der Süddeutschen Zeitung. "Die Quote ist toll, aber sie verdammt zum Erfolg." Hier den schmalen Grat zwischen Hochkulturbespaßung der Massen und künstlerischem Anspruch zu beschreiten verlange Mut und Erfindungsreichtum.

Und beides hat Tholl in der diesjährigen Ausgabe vermisst. "Nominell war ja gerade das Schauspielprogramm – im Gegensatz zur Oper und dem mit Wolfgang Rihm homöopathisch angereicherten Konzertprogramm – außergewöhnlich konzis, ja richtig spannend programmiert: Erster Weltkrieg in allen auf dem Theater möglichen Facetten."Doch was von der Dramaturgie her wie eine Auseinandersetzung gewirkt habe, sei dann doch entweder oft nur der hehre Schein stupenden technischen Vermögens, ohne sich um die Inhalte wirklich zu kümmern, oder einfach kümmerlich gewesen.

(sd)

 
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