Die V-Effekt-Verdopplung

von Andreas Wilink

Köln, 5. September 2014. Eine innere Disposition lässt den Puritaner seine Lasten lieb gewinnen: "One grows fond of one's burdens" heißt es in George Santayanas philosophischem Bildungsroman "Der letzte Puritaner". Man trägt sie mit stolzer Demut, wissend, das Schlimmste getan und doch keinen Schaden an seiner Seele genommen zu haben. Die Bewohner von "Dogville" leben in einer Enklave pervertierten Gemeinschaftssinnes, die den Puritanismus made in Salem/Massachusetts radikal zu Ende gedacht hat und die Lebensform des amerikanischen Provinzialismus höhnisch nachstellt.

Grace, der Flüchtling, die Mildtätige und Gnadenreiche, später Gnadenlose, erreicht Dogville. Von den skeptischen Kleinstädtern wird die per Steckbrief Gesuchte nach Fürsprache des jungen Tom Edison aufgenommen. Zwei Wochen Bewährung seien ihr gewährt. Sie macht sich nützlich und wird desto mehr ausgenutzt, je bedrohter ihr Status als Schutzbedürftige erscheint, die vor Polizei und Gangstern gleichermaßen zu verbergen ist. Nebenbei versteht sich "Dogville" auch als Studie über den ökonomischen Kosten-Nutzen-Plan.

Musterstadt der Bigotterie

Grace wird erniedrigt, vergewaltigt, wird in Ketten gelegt und an der kurzen Leine gehalten. Eifersucht, Erpressung, Gier und Geilheit, Selbstschutz-Paranoia, Reinheits-Ideale, Verrat und das verkopfte Glasperlenspiel des Intellektuellen Tom (Gerrit Jansen) machen Grace das Leben zur Hölle.

Die Leute von "Dogville", der von Lars von Trier seinerseits nicht ohne Furor des Selbstgerechten in den Rocky Mountains errichteten Musterstadt für Bigotterie und Gemeinheit, haben schon allerlei deutsche Mundart angenommen. In Stuttgart etwa wurden sie 2005 bei Volker Lösch zu schwäbischen Erzeugern lokaler Produkte und Mentalität. In Frankfurt, wo Karin Henkel kürzlich mit dem Massaker am Ende begann, das Grace befiehlt und die Schergen ihres Verbrecher-Vaters ausführen, wird die theaterhafte Unwirklichkeit aufgelöst und auf einer Puppenstubenbühne mit ironisch distanzierenden Lauf- und Spruchbändern abgespult. Das hat gar nicht funktioniert.

Overhead-Projektion

Von Triers Film tut als ob: als sei er Theater und zwar mehr Theater, als das Theater Theater sein will, überbietet Brecht und sieht aus wie von Fritz Lang gemacht, der gern Striche auf den Studioboden markierte, um jeden Schritt der Schauspieler exakt vorzuzeichnen. Für den "Dogma"-tiker von Trier war es eine schon pathologisch zu nennende Volte gegen das System Hollywood, das er gleichwohl und eben drum mit einer seiner strahlenden Ikonen besetze: Nicole Kidman. Aber was soll das Theater mit dem Stoff, der nur in seiner feindseligen Künstlichkeit und Illusionslosigkeit, seinem Methoden-Wahn und seiner Lehrstückhaftigkeit Berechtigung und Logik hat?

dogville5 schmalenberg gerrit jansen ensemble 560 david baltzer uAuf der "Dogville"-Film-Spiegelfläche: Katharina Schmalenberg und Gerrit Jansen 
© David Baltzer

Im Depot 1 des Schauspiels Köln verdoppelt sich unser Blick auf diese dramatische Playmobil-Parabel – und macht ihn bohrend. Das Theater wird filmisch, indem es die Figuren gewissermaßen ins Dreidimensionale überträgt und in großer, perspektivisch gebrochener Spiegelung über dem Bühnen-Plateau dupliziert. Wie ein Overhead-Projektor, der den Kopf zum Denken herausfordert.

Unterm Mikroskop

So werden alle Personen in dieser Bilderbuch-Besetzung, deren Gesamtheit endlich einmal in Stefan Bachmanns Intendanz das Prädikat Ensemble verdient, wobei sie (wie bei Lars von Trier angelegt) in der Gruppe mehr und besser sind, als jeder für sich genommen, zu ihrer eigenen Projektionsfläche. Und Teil des kollektiven Reflexions-Instruments. Schablonen, die der Erzähler (Guido Lambrecht mit Dunkelmann-Aura) über die Video-Abbilder der Figuren schiebt, weisen ihnen Flecke im Raum zu, heben sie hervor und machen sie gleichzeitig klein, zeigen sie in Großaufnahme und legen sie wie Bazillen unters Mikroskop. Es ist die "Technik der Veranschaulichung", die Tom Edison als angehender Schriftsteller propagiert und die er, konkret und endgültig, schließlich am eigenen Leib erfahren wird.

Den experimentellen, modellhaften Konstrukt-Charakter betont Bastian Krafts in ihrer beherrschten Klarheit kluge Inszenierung – ruhig, aber nicht behäbig, nachgiebig und doch widerständig, exakt die Vorlage ausformulierend, aber eigensinnig – und stabilisiert den Anspruch auf "Authentizitätsbegehren und Fiktionalitätsbewusstsein" (Ernst Osterkamp).

Jenseits passiver Duldung

Der 1980 geborene Regisseur hat Instinkt und Interesse für den Zwischenraum von Wahrheit und Lüge, für den schmalen Grat jenseits von Gut und Böse. Auf dem ließ er bereits Thomas Manns Felix Krull, den Doktor Fridolin in Schnitzlers Traumnovelle und Highsmiths Talentierten Mister Ripley balancieren. Scheinexistenzen. Garanten der Unsicherheit. Wie Grace, die bei Katharina Schmalenberg (allzeit in grünen Pailletten und weißem Pelz) als Rächerin zu einer anderen Seeräuber-Jenny mutiert und erst in diesem Moment aus der passiven Duldung und (Selbst-)Bestrafungsfantasie heraustritt.

dogville6 schmalenberg 560 david baltzer uVariierendes Figurenspiel mit Katharina Schmalenberg © David Baltzer

Am Ende werden im Kölner "Dogville" die Schatten länger, die Spiegelwand erfasst die Zuschauerreihen. Grace verlässt den Spielraum und setzt sich mitten unter uns – neben ihren Vater, den Gangsterboss (Martin Reinke) und diskutiert mit ihm den moralischen Rigorismus und die Idee der Macht, die ins Totalitäre mündet. Grace hat ihre Wahl getroffen. Das Weitere liegt im Auge des Betrachters.

Dogville
von Lars von Trier
Dramatisierung von Christian Lollike, Deutsch von Maja Zade
Regie: Bastian Kraft, Bühne und Video: Peter Baur, Kostüme: Inga Timm, Musik: Björn SC Deigner, Live-Kamera: Nazgol Emami, Pepper Levain, Norbert Thome, Dramaturgie: Sibylle Dudek.
Mit: Susanne Barth, Nikolaus Benda, Johannes Benecke, Larissa Aimée Breidbach, Nicola Gründel, Juliette Catherine Gueye / Katharina Kron, Gerrit Jansen, Guido Lambrecht, Lysander Lenzen / Leif Lefhertz, Karoline Reinke, Martin Reinke, Katharina Schmalenberg, Pierre Siegenthaler, Peter Strogalski, Patric Welzbacher.
Dauer: 2 Stunden 20 Minuten, keine Pause

www.schauspielkoeln.de

 

Kritikenrundschau

"Eine sagenhaft raffinierte und dabei doch völlig nachvollziehbare Inszenierung ist Kraft hier gelungen", der Auftakt am Schauspiel hätte kaum vielversprechender sein können, so das Credo von Christian Bos im Kölner Stadt-Anzeiger (8.9.2014). Bastian Kraft und sein Bühnenbildner Peter Baur haben von Triers Filmsprache kongenial auf die Bühne übertragen, "ein überstrapaziertes Wort, aber wenn es passen würde, dann hier". Die ausgeklügelte Verdreifachung der Perspektive funktioniere so sinnhaft, dass man ihre technischen Bedingungen schnell vergisst.

Mit seiner "großartigen, sehr filmischen Inszenierung" habe sich Bastian Kraft "an die Grenzen des Theaters begeben", lobt Max Florian Kühlem von der Rheinischen Post (8.9.2014). Kraft lote "die feinen Zwischenräume zwischen Wahrheit und Lüge, moralischem Handel und Arroganz aus". Seine visuell und bühnenbildlich eindrucksvolle Inszenierung (eine "Meisterleistung" von Video- und Bühnenbildkünstler Peter Baur) erinnere an Arbeiten von Katie Mitchell und mithin an die großen Zeiten der Intendanz von Karin Beier.

Ein "Lehrstück über Bigotterie und das Böse" und damit ganz nahe an der Filmvorlage sei diese Inszenierung, berichtet Sabine Oelze für die Sendung "Corso" auf Deutschlandfunk (8.9.2014). "Bastian Kraft kopiert fast eins zu eins Lars von Triers filmisches Meisterwerk. Mit einem auffallenden Unterschied: Grace, gespielt von Katharina Schmalenberg, eher ein burschikoser Typ mit Kurzhaarschnitt, wirkt weniger verängstigt und weich als Nicole Kidman im Film." Das Umkippen des Spiegels am Ende der Inszenierung fasst die Kritikerin als Fingerzeig auf: "Die Botschaft ist angekommen: Köln ist auch Dogville."

Für "Kultur am Sonntag" auf WDR 3 (7.9.2014, im Podcast) berichtet Christiane Enkeler: Kraft baue "in etwas das Setting des Films auf". Das sei "ästhetisch schön in seinen Überblendungen", aber die Kritikerin hat doch starke Einwände gegen die Filmadaption mit Mitteln des Films: Katharina Schmalenberg sei eine "rockigere Grace als Nicole Kidman im Film und weniger verletzlich. Im Ganzen wirke das Ensemble "etwas ausgebremst, eingezwängt in ein Korsett von braver, einfallsloser Vorlagentreue oder auch ausgeklügelter Technik".

"Dem jungen Regisseur Bastian Kraft gelingt in Köln eine spannende Adaption der wie für das Theater gemachten Story", schreibt Martin Krumbholz in der Süddeutschen Zeitung (10.9.2014). Der Akzent der Kritik liegt auf den Schauspielleistungen, allen voran bei Katharina Schmalenberg, die eine "fragile Aura" erzeuge. Fazit: "Die Verführungsstrategien des epischen Theaters packen das schlimme Geschehen scheinbar in Watte. Doch die Volte am Schluss – dass 'Arroganz' darin läge, den Menschen ihren unerträglichen Egoismus durchgehen zu lassen – macht unmissverständlich klar: Hier meint es jemand bitter ernst mit seinem Weltekel."

 
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