Neues aus dem aktuellen Krisengebiet

von Leopold Lippert

Wien, 6. September 2014. Ein somalischer Pirat vor einem Hamburger Gericht, der in breitestem Wienerisch erklärt, es sei ihm immer schon "blunzn" gewesen, was einmal aus ihm werden würde. Ein italienischer Offizier in Afghanistan, der sich entrüstet, dass die "Wilden" sich beim Aufs-Klo-Gehen nicht hinsetzen, sondern immer im Stehen pinkeln. Ein serbischer Händler, der die tragische Geschichte vom Tod seiner Familie durch NATO-Bombardement als Auftakt zum Geschäftemachen benutzt. Und schließlich eine Spielpause, die keine ist, weil zu den ohrenbetäubenden Ethno-Klängen von "The Lion Sleeps Tonight" zwanzig Minuten lang ebenso ohrenbetäubend Sperrholzbalken durch den Häcksler gejagt werden.

Wolfram Lotz' "Die lächerliche Finsternis", uraufgeführt von Dušan David Pařízek im Wiener Akademietheater, erzählt munter dahinkalauernd vom Irrsinn der globalisierten Welt, die das Grauen immer schon ausgelagert hat, es dorthin verschoben hat, wo es keiner sieht: in die Finsternis, die Wildnis, an den Hindukusch. Frei nach Joseph Conrads "Heart of Darkness" und Francis Ford Coppolas "Apocalypse Now!" beschreibt Lotz die Suche zweier deutscher Bundeswehrsoldaten nach einem abtrünnigen dritten. Was bei Conrad der Kongo war und bei Coppola Vietnam, ist bei Lotz Afghanistan: das aktuelle Krisengebiet, Projektionsfläche für Unverständnis und Klischee. In seiner Auseinandersetzung mit der neokolonialen Wirklichkeit baut der Autor dabei geschickt auf den Verfremdungseffekt des ethnographischen Blicks, der das Selbstverständliche beschreiben will, als sei es großer Erkenntnisgewinn.

Mit Materialitäts-Gespür
Doch kann man von der öffentlich subventionierten deutschsprachigen Bühnenrampe aus wirklich dazu ansetzen, die global vernetzte Welt mit ihren schier endlosen Migrationsströmen und spätkapitalistischen Ausbeutungslogiken zu verstehen? Oder muss der Versuch, das Andere aus dem Eigenen heraus begreifen zu wollen, nicht immer schon als gescheitert, ja geradezu lächerlich angesehen werden?

finstermis2 560 reinhard werner uLiebloses Blackfacing nach Joseph Conrad: "Die lächerliche Finsternis"
© Reinhard Werner

Regisseur und Bühnenbildner Pařízek nimmt Lotz' Text zum Anlass, das Theater als Repräsentationsmaschine zu untersuchen, die an den Grenzen des eigenen Darstellungsvermögens heißläuft. Dabei zeigt er Gespür für die Materialität des Bühnenraums: Seine Zivilisation ist eine Sperrholzwand mit zwei Overhead-Projektoren, umgeben von der Wildnis der ausgeräumten Bühne des Wiener Akademietheaters. Für den Urwaldsound müssen die Schauspieler selbst sorgen, mit Wasserflaschen, Kübeln und allerlei Krimskrams. Ein an die Wand projizierter Grundrissplan des Theaters samt Schauspielerpositionen hilft bei der Orientierung im Dschungel, und das in Globalisierungsdramen auf deutschen Bühnen fast schon obligatorische Selbst-Blackfacing seiner vier weißen Schauspielerinnen inszeniert Pařízek so beiläufig und halbherzig, dass außer ein paar vereinzelten Handabdrücken nicht wirklich schwarze Farbe an den Körpern haften bleibt.

Lächerliches Sprechen
Die Harte-Männer-Abenteuerromantik der Textvorbilder konterkariert Pařízek mit einer ausschließlich weiblichen Besetzung. Catrin Striebeck spielt den Hauptfeldwebel Oliver Pellner mit aufgeklebtem Schnurrbart als abgebrühten Zyniker, verhärmt und sichtlich verliebt in die Allmacht, die ihm als Erzähler der Geschichte zukommt. Unteroffizier Stefan Dorsch (Frida-Lovisa Hamann) ist hingegen ein "Sympathieträger": ein gutmütiger und gutgläubiger Soldat aus Sachsen-Anhalt (man hört's!) mit Pali-Tuch von H&M. Dorothee Hartinger und Stefanie Reinsperger dürfen sich spielerisch ausleben: Sie übernehmen wechselnde Rollen und komische Akzente, erzählen von berührenden, jedoch austauschbaren Einzelschicksalen, die meist nach kurzer Verweildauer wieder aus der Geschichte hinausbugsiert werden, Verlierer im Kampf um die westliche Aufmerksamkeit.

Am Ende steht ein nüchternes Eingeständnis. "Das ist ja nur ein Text!", ruft der somalische Pirat (Stefanie Reinsperger), "ein harmloser Theatertext! Man darf das nicht verwechseln mit dem, was in der Wirklichkeit geschieht!" Das Grauen, das sei ja draußen in der alltäglichen Realität; man könne doch im Theater dem Krieg und der Gewalt und der Ausbeutung gar nicht gerecht werden. Dem Sprechen über globale Ungerechtigkeiten aus der privilegierten Perspektive und bildungsbürgerlichen Sicherheit des europäischen Theaters, so erklärt uns Lotz, haftet schließlich immer auch etwas Lächerliches an. Und fast wie zur Bestätigung kleben draußen im Foyer kleine weiße Plakate im Burgtheater-Design, die auf ein Grauen der anderen Art verweisen: In der Pause werde Holz gehäckselt, und weil der Feinstaub, den das Häckseln verursacht, nicht so gut sei für die Atemwege, entschuldige man sich vielmals für eventuelle Unannehmlichkeiten.

Die lächerliche Finsternis
von Wolfram Lotz
Uraufführung
Regie und Bühne: Dušan David Pařízek, Kostüme: Kamila Polívková, Licht: Felix Dreyer, Dramaturgie: Klaus Missbach.
Mit: Frida-Lovisa Hamann, Dorothee Hartinger, Stefanie Reinsperger, Catrin Striebeck.
Dauer: 1 Stunde 45 Minuten, "eine Pause, wenn Sie möchten"

www.burgtheater.at

 

Kritikenrundschau

Im Deutschlandfunk (7.9.2014) feiert Hartmut Krug den Abend als "witzig-kluges Vortrags- und Vorspiel-Theater". Lotz' kluger Text, dessen Ironie durch die Ernsthaftigkeit gebändigt werde, mit der die nicht zu bewältigenden Probleme auch dargestellt würden, hätten den Darstellerinnen, dem Regisseur und dem Autor zu Recht langen Jubel der Zuschauer beschert. "Dieses Stück wird seinen Weg über die Bühnen machen."

"Anhand von (nicht selten himmelschreienden) Behauptungen, die Wolfram Lotz in seinem Text setzt, muss sich das Theater im Kleinen immer wieder neu erfinden", schreibt Margarete Affenzeller in Der Standard (8.9.2014). Er gestatte dem Theater eine naive Position, die Regisseur Dusan David Parízek fabelhaft nutze. "Er entwickelt einen heiteren Analog- und Unplugged-Abend", so Affenzeller, die diesen Abend an einer anderen Stelle auch "Meisterstück" nennt.

In Die Presse (8.9.2014) lobt Norbert Mayer vor allem das "tolle Frauenquartett", das auf der Bühne steht. Die Regie hole das Maximum an Elan aus ihnen und auch aus dem "abenteuerlichen Text" heraus, dessen Zynismus in unverschämte Naivität verpackt sei. "Diese 'Lächerliche Finsternis' gelingt vor allem", so Mayer, "weil Pařízek offensiv das Einverständnis der Zuseher sucht."

Einen Abend, "der ständig diskutiert, was gespielt ist und was echt", hat Barbara Villiger Heilig für die Neue Zürcher Zeitung (8.9.2014) gesehen und schreibt: "Metaphern und Meta-Ebenen gehören bei Lotz und Pařizek dazu wie Zwiebelhäute zu Peer Gynt." Das "Herz" indessen stellten die Figuren und ihre jammervollen Schicksale dar, von denen der Text erzählt. "Das zeitgenössische Theater meidet Betroffenheitsgesten und weicht in Ironie aus", so Villiger Heilig. Nicht selten rutsche es dabei ab in die Blödelei. Lotz/Pařizek hingegen peilten eigentlich ironischen Ernst an und verpassten ihn schliesslich doch knapp – "irgendwann wird es der Lustigkeiten einfach zu viel, so virtuos das Ensemble auch auf Stand- und Spielbein übers diskursive Hochseil balanciert."

"Bitte ein anderes, gutes Stück für diese vier Heldinnen des Abends", fordert Martin Lhotzky in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (8.9.2014), der alles außer den Darstellerinnen "einen schlechten Herrenwitz" findet, der ihn offenbar so aggressiv gemacht hat, dass er ihn nicht nur mit Halbsätzen wie "mit Rassismus-Ironie liebäugelnder Unsinn" oder "Haupthandlung – welche Bezeichnung dem Text schon zu viel Ehre erweist" abstraft, sondern auch noch einen Seitenhieb auf jemanden einbaut, der mit dem Ganzen gar nichts zu tun hat: "An diesem Abend würde auch René Pollesch gut ins Konzept passen, der sich aber ausschließlich auf seinen eigenen hanebüchenen, nur momentweise postdramatischen Unfug konzentriert."

"Das desillusionierende Setting der Inszenierung ist der passende Rahmen für einen Autor, der sich keine Illusionen macht und die Bühnenrealität selbstverständlich in seine Stücke einbezieht", schreibt ein angetaner Wolfgang Kralicek in der Süddeutschen Zeitung (10.9.2014). Stefanie Reinsperger hebt er als "Sensation des Abends" aus der Schauspielerinnenriege hervor. Fazit: "Wolfram Lotz bedient das Theater nicht, er fordert es heraus. Nicht, weil er dem Medium misstraut, im Gegenteil: Er traut dem Theater alles zu. An diesem Abend bekommt er es zurück."

In der Wiener Zeitung (10.9.2014) schreibt Petra Paterno, Lotz habe "bizarre Eulenspiegelei" geschrieben. "Die Travestie erweist sich als überaus effektvoll und verhilft der zweistündigen Aufführung zu gewitzten szenischen Übersetzungen. Sublimität ist ihre Sache indes nicht." Kein blutleeres Vortragstheater entstehe daraus, sondern die Spielfreude der Darsteller halte den Abend in Schwebe.

 
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