In Teufelsküche

von Geneva Moser

Bern, 10. September 2014. "Ich hätte Lust, nun abzufahren", wiederholt der torkelnde und taumelnde Faust – und schon dreht sich das Bühnen-Hamsterrad des faustischen Strebens eine Runde weiter. Dieser eine Satz genügt dem ewig flüchtigen Faust, um immer dann, wenn sein abgedrehter Road Trip zum Horrortrip wird, dem Augenblick in veloziferischer Manier zu entfliehen. Das Publikum wird mitgerissen, ob es will oder nicht.

Ungehemmte Überzeichnung

Regisseurin Claudia Bauer, kürzlich mit ihrer Uraufführung von Wolfram Hölls Mülheim-Gewinnerstück "Und dann" erfolgreich, gelingt unter der Devise "Rein ins pralle Menschenleben" im Konzert Theater Bern eine Höllenfahrt der Sonderklasse. Durch allerlei Groteske, Burleske und viel Überzeichnung, katapultiert sie "Faust I" ins Heute. Mit diabolischer Freude und Inszenierungslust, unterstützt durch die Regional Brass Band Bern, schöpft dieser Abend ungehemmt aus dem Vollen.

Dem örtlichen Stadttheaterpublikum ist beim Ausgang allerdings anzumerken, dass es nicht den Klassiker "Faust" erhielt, den es gerne gehabt hätte. Dass die Regie sich ihrer Widerspenstigkeit durchaus bewusst ist, zeigt jedoch nicht nur der theaterphilosophische Prolog bei geschlossenem Vorhang, sondern auch die Konsequenz, mit der jede Verfremdung und Übertreibung gesetzt ist.

faust2 560 annette boutellier uHart studiert und mit Drogen experimentiert: Christian Kerepeszki (im Bett) ist Faust.
© Annette Boutellier

Der Einstieg ist betont harzig und stockend: Da wird zunächst, übertragen durch eine Live-Kamera, im Kämmerchen über Sinn und Zweck des Theaters philosophiert, ein erster Monolog förmlich vorgeführt und lange die Depression und Selbstmordabsicht des Doktor Faust (Christian Kerepeszki) ausgereizt. Seine schmuddelige Behausung wird mit Kamera auf die Außenfläche eines bühnengroßen Rades projiziert, jede seiner Handlungen sprechend begleitet durch den Rest des Ensembles. Die Mitspieler lesen den "Faust" aus Skriptbüchern, in Opern-Manier, mit wechselnden Rollen und Metronom.

Dieser Umgang mit dem Text zieht sich durch die Inszenierung: Die Sprechenden kehren zurück zu den Büchern, sie wühlen im Text, führen ihn vor, rezitieren, wiederholen, stolpern, kauen ihn durch, trennen ihn auf, bleiben in ihm hängen und meditieren ihn. Faust ist zu Beginn nur Teil der wiederkehrenden Projektion, er schweigt. Erst der erotische bis blutige Pakt mit dem säuselnden Teufel (hier: Benedikt Greiner) ist es dann, der das Rad bewegt: Die Bühne dreht sich, unter Brassband-Klängen öffnet sich eine bizarre Manege, der opulente und groteske Drogenrausch in Doktor Fausts Kopf beginnt – und nimmt so schnell kein Ende mehr.

faust3h 280 annette boutellier uGretchen (Henriette Blumenau) und
Faust (Christian Kerepeszki, 2.v.r.)
© Annette Boutellier
Dass das Publikum in diesem Höllentrip, dargestellt auf der realen Drehbühne und übertragen durch die Live-Kamera, nicht gänzlich die Orientierung verliert, liegt nicht zuletzt an der starken Teamleistung der Spielenden. Tänzerische Qualität bringt Stefano Wenk ein, faszinierende Körperpräsenz Benedikt Greiner. Die wiederkehrende Brass Band funktioniert als beschleunigendes Element und ist überdies mit überdrehten Kostümen (von der Trachtenpersiflage bis hin zum Fetischfummel ersonnen von Laura Clausen) eindrucksvoll in Szene gesetzt. Die dramaturgische Auslotung der Extreme hätte gleichwohl sogar noch eine Steigerung ertragen.

On a road to nowhere

Die Begegnung mit Gretchen (Henriette Blumenau), die mit List erschlichene gemeinsame Nacht, ihre tote Mutter, den Mord an Gretchens Bruder und das ertränkte, gemeinsame Kind bringen Doktor Faust während der zwei Stunden im wahrsten Sinne des Wortes in Teufels Küche. Bis zur Walpurgisnacht bleibt der abgedrehte Gelehrte praktisch gänzlich unbeschadet und unbeirrt. Gretchens Wahn und Schmerz, mit enormer Wandelbarkeit und Stimmgewalt gespielt durch Henriette Blumenau, sind ihm völlig verborgen.

Die Walpurgisnacht ist es dann – ein animalisches Gerangel der Leiber im Höllenschlund, mit Tiermasken und einer Hexe im Latexkleid (Sophie Hottinger) –, die ihn für einen Moment bremst und zum Widerstand gegen Mephisto anregt. Nur stellen sich sogleich alle Akteure als teuflischer Chor gegen ihn und erinnern ihn an seinen blutigen Pakt. Sein einziger Ausweg ist auch hier: Ich hätte Lust, nun abzufahren – und unter Getöse und Gebrause stimmt er, bereits wieder teuflisch schnell dem Augenblick entwischt, ganz Cabaret-Sänger, On a road to nowhere an ...


Faust
von Johann Wolfgang Goethe
Regie: Claudia Bauer, Bühne: Patricia Talacko, Kostüme: Laura Clausen, Musikkomposition: Peer Baierlein, Dramaturgie: Sabrina Hofer.
Mit: Stefano Wenk, Henriette Blumenau, Sophie Hottinger, Christian Kerepeszki, Benedikt Greiner und der Blaskapelle Regional Brass Band Bern.
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten

www.konzerttheaterbern.ch

 

Kritikenrundschau

Aus Sicht von Philipp Rahmer für die Neue Zürcher Zeitung (12.9.2014) changiert der Abend unentschlossen zwischen zwei Volksfaust und Faustdekonstruktion. Doch weder sei "die Aufführung als Volksstück textnah und unterhaltsam genug, noch steht sie als Dekonstruktionstheater in angemessener ironischer Distanz zum Stoff". Trotz allen Wandlungen bleibt Faust aus Sicht des Kritikers "seltsam blass, ohne Furor und Energie, ohne sein Charakterspektrum auszuloten. Besser steht es um Mephisto, den teuflischen Freund und freundlichen Teufel. Auch von ihm aber hätte man sich mehr doppelgesichtiges Spiel gewünscht", zumal er – bisweilen gleichzeitig – von zwei Schauspielern verkörpert werde.

"Da hängt man nun also zwei Stunden in Fausts Drogentrip der Achtziger herum, aber einfahren will er einem nicht," schreibt Brigitta Niederhauser im Berner Bund (12.9.2014). Denn beim Schürfen im Faust-Massiv sei die Regisseurin offenbar nur auf den "miefigen Chic der Achtziger" gestoßen, der die Kritikerin "mit seiner nicht ganz unbedenklichen Ästhetik gleichzeitig an die Fünfziger erinnert". Die "ziemlich nachsichtige Regisseurin" lasse also Goethes depressiven Wissenschaftler auf seiner Offenbarungs­suche im "Jahrzehnt des schlechten Geschmacks" landen. Ähnlich ehrgeizlos und ­lädiert sei auch sein Sparringpartner Mephistopheles: "Zwei Kumpel balgen sich da, schlagen sich auch mal blutig, und in diesen ziemlich selbstverliebten Männerhalluzinationen sind denn Gretchen und ihre Nachbarin Marthe fürs Erste nur fades Beigemüse."

 
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