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Wer hat uns verraten?

von Sophie Diesselhorst

Berlin, 11. September 2014. Na klar kommt Jürgen Kuttner irgendwann auf die Bühne gehüpft wie ein Flummi mit Sprungfeder und macht Ansagen, bringt auf den Punkt, worum es hier geht. Das ist schließlich Tradition in den Inszenierungen des Regieduos Kühnel / Kuttner. Allerdings passiert es an diesem Abend im Deutschen Theater erstaunlich spät, und Kuttner räumt auch erstaunlich bald wieder die Bühne für Cindy und Bert, die per Video aus der Popkulturgeschichte zugeschaltet werden und mit grotesk gelangweilten Mienen ihr Black Sabbath-Cover Der Hund von Baskerville trällern.

Die Korrumpierbarkeit der SPD

Könnte auch ein Parteienwerbespot für die SPD sein, findet Kuttner: bei den vielen Kompromissen, die für den Clip offensichtlich mit allen möglichen Zielgruppen gemacht worden sind. Was hat das mit der SPD oder, größer, mit der Sozialdemokratie zu tun? Deren Grundproblem sieht Kuttner in der Korrumpierbarkeit der in hehre Worte gekleideten Werte, die sie seit jeher vor sich herträgt. Zackbumm einmal durchs 20. Jahrhundert: Im Ringen um die politische Führungsrolle habe sich die SPD immer wieder der Macht angedient – jüngstes Beispiel: Hartz IV.

tabularasa1 560 arnodeclair hDer Starke ist am mächtigsten allein: Felix Goeser als intriganter Sozialdemokrat
© Arno Declair

Als Absprungbrett zu seiner von ihm selbst so betitelten "Wutsuada", die aber eigentlich eher charmant daherkommt und überschwänglichen Szenenapplaus erntet, hat Kuttner ein Satz aus dem Stück "Tabula rasa" von Carl Sternheim gedient, das drumherum gespielt wird. Man kann seine Neigungen weit schweifen lassen, hat der Sternheim-Protagonist Wilhelm Ständer da gesagt, und trotzdem ein prima Sozialdemokrat sein. Begriffe sind für Ständer so dehnbar wie die enge rote Badehose, in der er steckt. Kühnel / Kuttner lassen Sternheims Stück in einem Schwimmbad spielen, was ein wunderbares Bild ist, weil es zu vielen kleinen, feinen Assoziationen anstiftet, ohne erschlagend plakativ zu sein.

Superbe Karikaturen und Arbeiterkampflieder

Außerdem ist die Akustik im Schwimmbad gut, und die vielen roten Lieder (bis hin zum "Kleinen Trompeter"), die der immer wieder sich in die Stückhandlung einmischende Chor anstimmt, entfalten Sozial-Romantik. Vor diesen schönen Hintergründen werden Sternheims Figuren von einem ausnahmslos superb aufspielenden Ensemble gutgelaunt zu Karikaturen geformt, denen gerade noch genug Menschliches anhaftet. Der Plot um einen Arbeiteraufstand, den Ständer gleichzeitig mit dessen Verhinderung einfädelt, ist auch bei Sternheim zweitrangig. Schon im Originaltext, dessen Verlauf und Sprache übrigens ziemlich treu befolgt werden, dient er eher dazu, die Charaktere zum Schillern zu bringen.

Christoph Franken legt seinen Auftrags-Revolutionär Werner Sturm, den Ständer dazu anstiftet, die Arbeiter der Glasfabrik aufzuwiegeln, als schmierigen Versicherungsvertreter an, bei dem nur die schwarze Lederjacke auf eine eventuelle Vergangenheit bei den Hell's Angels hinweist. Als sein Gegenspieler, der junge linksliberale Journalist Artur Flocke, ist Daniel Hoevels von Anfang an zu "modisch" (im Stil der 80er) gekleidet und wird starren Blicks Zeuge seines eigenen, von allen anderen von Anfang an vorausgesehenen Verfalls in die Spießigkeit. Am würdigsten scheitert Bertha (Judith Hofmann), Ständers Hausangestellte für alle Lebenslagen, die zu Anfang und Ende des Stücks mehr Geld von ihrem Arbeitgeber fordert und mit schönen Worten abgespeist wird, die sie annimmt, weil sie etwas für ihn übrig hat.

Raus aus dem Gesellschaftsvertrag

Kein Wunder – Felix Goeser als Ständer ist trotz seiner widerlichen Frisur und seiner noch widerlicheren Machenschaften ein überzeugender Charakter, dessen mit rhetorischem Talent gekoppelter Pragmatismus ihn in unübersichtlichen heutigen Zeiten geradezu zum "Entscheider" prädestinieren würde. Unter dem Deckmantel sozialdemokratischer Werte bringt er seine Scherflein auf immer raffiniertere Art und Weise ins Trockene, bis er am Ende in der Lage ist, sich aus dem "Gesellschaftsvertrag" zu verabschieden, mit dessen Hilfe er die Gutgläubigkeit oder auch Blödheit seiner Mitspieler ausgenutzt hat: Individuell ernsthaft geschadet hat er nur seinem einzigen Freund und Mit-Arbeiter Heinrich Flocke (Michael Schweighöfer), den er an die Macht vorgeschoben hat, die ihn zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr interessiert hat, weil er nie Lust auf Verantwortung gehabt hat.

Flocke stirbt an Überforderung, und Ständer hat in einem letzten geradezu aufklärerischen Kraftaufwand – indem er jedem einzeln die Meinung geigt – alle anderen so nachhaltig auf ihre Egoismen reduziert, dass am Ende noch nicht einmal mehr Berufsrevoluzzer Werner Sturm die Kraft aufbringt, ihm vorzuwerfen, dass er "der Sache" geschadet hätte. Dieser Vorwurf bleibt der sozialistischen Liedtradition vorbehalten, die der Chor leise ins Spiel bringt.

Aber! Auf dem Theater lässt sich das umdrehen, und genau das tun Kühnel und Kuttner: Im Sinne einer ernstgemeinten Selbstbefragung der Linken, die es sich im Theater oft zu gemütlich macht, machen sie Ständer zum Diener der Sache, indem sie ihn als dämonisches Beispiel unter die Lupe stellen und den Verzerrer so dosieren, dass Realismus und Effekt sich zu beunruhigendem Ende die Waage halten. Suadist Kuttner war wohl doch wirklich wütend!


Tabula rasa: Gruppentanz und Klassenkampf
nach Carl Sternheim
Regie: Tom Kühnel / Jürgen Kuttner, Bühne: Jo Schramm, Kostüme: Daniela Selig, Musik: Michael Letz, Licht: Matthias Vogel, Live-Video: Marlene Blumert, Kristina Trömer, Dramaturgie: Claus Caesar.
Mit: Felix Goeser, Lisa Hrdina, Michael Schweighöfer, Daniel Hoevels, Natalia Belitski, Christoph Franken, Jörg Pose, Judith Hofmann, Jürgen Kuttner, Michael Letz und dem "Chor der Freischwimmer der Glaswerke Rodau".
Dauer: 2 Stunden 10 Minuten, keine Pause

www.deutschestheater.de


Kritikenrundschau

Das "Porträt heutiger sozialdemokratischer Politik", das Kühnel/Kuttner versprochen hätten, "beschränkt sich de facto weitgehend aufs störungsfreie Abschnurren der alten Sternheim-Story: Aquafitte Benutzeroberfläche, tiefenstrukturell biedere Komödienmechanik", schreibt eine wenig begeisterte Christine Wahl im Tagesspiegel (13.9.2014). "Statt aufschlussreicher Fremddiskurse" wie in ihrem "gelungenen" Peter-Hacks-Abend "Die Sorgen und die Macht", gäbe es diesemal nur "ein paar müde Ironiebeschleuniger". Das "Aufregendste" an dem Abend sei, dass "Ständer-Darsteller Felix Goeser seinen Part in maximal komplexitätssteigernder Distanz zur Holzschnitttype spielt".

Eine "bei aller Polemik doch ziemlich nostalgische Rückschau auf 100 Jahre Links-Sein", hat Eva Behrendt für die Sendung "Fazit" auf Deutschlandradio Kultur (13.9.2014) besprochen. "Das ganze Spektrum vermeintlich linker Gesinnung karikiert und optisch aufgefächert". Von einigen "Abschweifungen abgesehen", ließen Kühnel und Kuttner Sternheims Stück "ausführlich vom Blatt spielen, mit lustigen Wasserplanschereien und wagnerianischen Rheintöchter-Zwischenspielen bei den Betriebsfestproben."

Kühnel/Kuttner wollten "Zeigeschichte betrachten", berichtet Oliver Kranz in der Berliner Morgenpost (13.9.2014). Aber das "Wollen", das Kuttner bei seiner Stand-up-Einlage beweise, sei "den anderen Akteuren kaum anzumerken. Sie verwalten ihre Rollen eher, als dass sie sie gestalten würden. Selbst über den komischsten Szenen liegt eine gewisse Müdigkeit. Und so kann der Funke nicht überspringen. "Gruppentanz und Klassenkampf" will vieles, bleibt aber eine Inszenierung auf Sparflamme."

"100 Jahre Glaswerke Rodau. 100 Jahre Verrat der Sozialdemokratie an den Deutschen? Das ist irgendwie der Bogen, den Tom Kühnel und Jürgen Kuttner in der Regie dann aber nicht wirklich spannen, sondern sich stattdessen an immer schwammiger werdenden Begriffen und (offen bleibenden) Grundfragen wie 'Was ist links?' abarbeiten", schreibt Esther Slevogt in der taz (13.9.2014). "Handwerklich" sei der Abend "fantastisch gearbeitet", die Liedeinlagen "sehr schön und wundervoll atmosphärisch". Doch rätsle man "über die Anbindung des Abends an die Gegenwart. Haben Kühnel und Kuttner vielleicht so lange in der Theaterkantine gesessen, dass sie noch gar nicht mitbekommen haben, dass Gerhard Schröder nicht mehr Kanzler ist?"

Sternheims Stück gibt "das Handlungsgerüst für diesen assoziativ herrlich aufgestapelten, zu eigenen Abschweifungen anregenden Abend", schreibt Ulrich Seidler in einer entsprechend mit Abschweifungen gespickten Kritik für die Berliner Zeitung (13.9.2014). "Für Kuttner und Kühnel ist die Karriere der Sozialdemokratie von der revolutionären Bewegung zur parlamentarischen Partei ein Niedergang." Kuttner führe "als ästhetisches Gleichnis der grassierenden Versozialdemokratisierung" das Cindy- und-Bert-Video in einer "wie stets (...) höchstpersönlich hingebretterten Stand-up-Suada" vor.