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Die neue Kraft

von Shirin Sojitrawalla

Wiesbaden, 13. September 2014. Dass Thorleifur Örn Arnarsson in Wiesbaden ein paar kräftige Buhs kassieren würde, konnten sich all jene leicht ausrechnen, die seine Inszenierungen kennen und Wiesbaden auch. Dabei hatte seine "Dreigroschenoper" gar kein Buh nötig, auch nicht die zwanglos hingeworfenen Verfremdungseffekte; der mittelmäßige Klang und die damit einhergehende Unverständlichkeit des Gesagten und Gesungenen schon eher.

Im Reich des Bettlerkönigs

Richtig verderben konnte aber auch das den Abend nicht, dazu nutzte Thorleifur Örn Arnarsson die Tiefe des Theaterraums wieder einmal viel zu großzügig aus. Windschiefe Gestalten, Krüppel, Penner und Huren bevölkern seine leer geräumte Bühne. Bettlerkönig Jonathan Jeremiah Peachum (Uwe Kraus) schickt sie auf die Straße und kassiert sie dafür ab. Zu Anfang lungern sie an der Bühnenrampe herum und halten Schilder hoch, auf denen "Hier muss etwas Neues geschehen" steht. Das sind nicht nur Peachums erste Worte bei Brecht, sondern auch ein hübsches Motto für den Intendantenwechsel, den Wiesbaden an diesem Wochenende hinter sich bringt. Uwe Eric Laufenberg löst Manfred Beilharz ab, und Thorleifur Örn Arnarsson wird Hausregisseur in der Hessischen Landeshauptstadt. Das ist zweifellos ein Gewinn, denn mit bildgewaltiger Unverfrorenheit und theatraler Lässigkeit überspielt der aus Island stammende Regisseur selbst manche Länglichkeit.

3groschenoper3a 560 thomasetter uDreigroschen-Geisterbahnpack © Andreas Etter

Die Figuren seiner "Dreigroschenoper" sind dabei genau das Geisterbahnpack, wie es bei Brecht im Buche steht. Mackie Messer tritt als öliger Gentleman und veritabler Drecksau-Ganove in Erscheinung. Bei Tom Gerber kommt er zudem als schnulziger Rockstar daher, der zwar keine Gitarre zerlegt, dafür aber eine fluxusmäßige Klavierzertrümmerung hinlegt; das hat in Wiesbaden schließlich Tradition.

Mondfahrten in den Schnürbodenhimmel

In einer Blitzhochzeit heiratet der Schwindler Peachums Tochter Polly; ihr Vater bringt ihn später an den Galgen und dazwischen ertönen lebhaft eingespielt die wohlbekannten Songs, denen die Schauspieler manch eine private Note geben. Warum das teilweise so bruchstückhaft tönt und nicht selten gar nicht zu verstehen ist, bleibt ein Rätsel und ist ein Jammer, da Thorleifur Örn Arnarsson doch wieder einen herrlichen Haufen Sinnlichkeit zelebriert. Da schaukeln etwa Macheath und Polly im Mond über Soho in den Schnürbodenhimmel. Später schlägt Mackie Messer hoch oben in der Luft sein Zellenbett auf und wird gleich darauf von seinen zickenkriegenden Frauen umringt, die um den Titel "Königin der Nacht" kämpfen, wobei Barbara Dussler ihre Polly mit einer sehr eigenen rührenden Rotzigkeit versieht.

3groschenoper1 560 andreasetter uSitzt du im Mond über Soho: Tom Gerber und Barbara Dussler als Maceath und Polly
© Andreas Ette

Spektakulär feuchtfröhlich geschieht die Interpretation des Kanonen-Songs, zu dem die Hochzeitsgesellschaft die Whiskeyflaschen auf den Tisch haut wie auf Ex zu kippende Likörchen. Brechts V-Effekt erweist sich an diesem Abend als running gag mit doppeltem Boden. So treten etwa immer mal wieder Bühnenarbeiter auf, die ihre Arbeit auf offener Bühne verrichten. Sie sind Teil der Inszenierung und auch des Ensembles, weswegen sie auch zum Schlussapplaus erscheinen (von wegen: "die im Dunkeln sieht man nicht"). Dazu fallen die Schauspieler immer wieder aus ihren Rollen und sprechen darüber, was sie da gerade machen. Damit gehorchen sie Brechtschen Vorgaben und setzen obendrein einen ganz eigenen Diskurs über das Theater, seine Fallen und Pflichten in Gang. Das geht mit vielen Anspielungen auf Ausbildung, Launen und Alltag am Theater einher.

An vorderster Front kämpft sich Janning Kahnert als aus der Rolle fallender Polizeichef Brown in den Rang einer Rampensau. Nicht Texttreue, sondern Werktreue verkündet er lauthals. Keine Pointe, denn der Abend nimmt den Inhalt der "Dreigroschenoper" beim Wort und legt ihre Widersprüchlichkeiten offen beziehungsweise die Widersprüchlichkeiten des Theaters, das sich auf der Bühne wohlfeil solcher Stoffe annimmt und hinter der Bühne die kapitalistische Sau rauslässt. Das thematisiert Thorleifur Örn Arnarsson aber nur am Rande. In erster Linie fabriziert er nämlich Bilder: bunte, versaute, romantische, wilde, kitschige, geile, alberne, schöne Theaterbilder. Und ja: Hier geschieht etwas Neues.


Die Dreigroschenoper
von Bertolt Brecht mit Musik von Kurt Weill
Regie: Thorleifur Örn Arnarsson, Bühne: Matthias Schaller, Kostüme: Filíppia Elísdóttir, Musikalische Leitung: Christoph Stiller, Daniela Musca, Dramaturgie: Anna-Sophia Güther.
Mit: Uwe Kraus, Andreja Schneider, Barbara Dussler, Tom Gerber, Janning Kahnert, Heather Engebretson, Solveig Arnarsdóttir, Alice Erk, Larissa Krause, Jana Kusch, Neele Cathrin Pettig, Larissa Robinson, Timo Spandl, Katja Straub, Julia Sylvester.
Dauer: 3 Stunden, eine Pause

www.staatstheater-wiesbaden.de

 

Kritikenrundschau

Das Theater mache sich selbst zum Thema - "das ist hier ein kluges, unterhaltsames und punktgenaues Brechungsmittel, ganz im Brecht'schen Sinne, freilich mit aktualisierter Selbstreflexion und Ironie", schreibt Viola Bolduan im Wiesbadener Kurier (15.9.2014). Thorleifur Örn Arnarsson habe für seine Inszenierung ein vor Lebendigkeit strotzendes Ensemble und ein exzellentes kleines Orchester zur Verfügung. "Großer Applaus für einen mitreißenden Parforceritt durch die Möglichkeiten einer Theatermaschinerie, die sich selbst auf den Arm und Brecht doch auch noch ernst nehmen kann." 

Diese "Dreigroschenoper" werde denjenigen gefallen, die gern in Jugenddiskos weilen, ist dagegen Gerhard Rohde (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.9.2014) weniger begeistert. "Der Gegensatz von modernem epischen Theater und altem emotionalen Theater wirkt als stützende Brücke von Stück und Inszenierung doch leicht brüchig." Die bekannten Songs werden zwischen kreischenden Girlie-Gruppen und oft schreienden Protagonisten fast schüchtern-verschämt hingehaucht. Fazit: "Allein die Feststellung, dass der 'Überfall auf eine Bank' nichts sei gegen die 'Gründung einer Bank' erscheint einem spätestens seit Lehman Brothers äußerst gegenwärtig: Die 'Dreigroschenoper' als grimmig-zynische Satire. Das wäre auch heute noch zeitgemäß und bräuchte nicht wie in Wiesbaden hingeflüstert zu werden."

Verschiedenes werde "angesprochen, ausgesprochen und durchaus breitgetreten", auch die schlechte Bezahlung der Schauspielstudentinnen, die als vielseitig verwendbares, leicht bekleidetes Trüppchen ihr Bestes täten, schreibt Judith von Sternburg in der Frankfurter Rundschau (16.9.2014. "Das ist wahnsinnig durchschaubar, soll es zweifellos auch sein, aber man erschreckt trotzdem über so viel Mut zur Einfachheit". Der Abend sei raumgreifend. "Nach was er greift, bleibt offener, als es der freundliche Applaus (bisschen erschöpft, wenige Buhs) vermuten ließe."