Krieg ist die Parole dieser Gesellschaft

von Esther Boldt

Frankfurt am Main, 13. September 2014. "Suchen Sie eine Toilette?", fragt mich der Kioskbetreiber. Seine Schneidezähne sind abgebrochen, seine Eckzähne groß, seine Haare maisgelb. Auf der Karte, die ich ihm unter die Nase halte, wird mein Ziel von einem Notausgang-Symbol markiert. Nein, ich suche keine Toilette, sondern eine Evakuierungsstation – eine von fast vierzig, die der japanische Regisseur Akira Takayama im Rhein-Main-Gebiet eingerichtet hat.

Sein "Evakuieren. Erster Flucht- und Rettungsplan für das Rhein-Main-Gebiet" gleicht einer großangelegten Schnitzeljagd für Alltagsmüde und Eskapisten: Wer sich evakuieren lassen will, kann auf die Website www.evakuieren.de gehen, um dort nach einem kurzen Fragebogen eine Evakuierungsempfehlung zu erhalten, Straßenkarte zum Ausdrucken inklusive.

Nur: Die ist eher grobmaschig gestrickt. Und so stehe ich an der Trinkhalle irgendwo hinter den Farb- und Chemiewerken Cassella an der Hanauer Landstraße, zwischen Ausfallstraße, dampfender, rumpelnder Industrie und einem zusammengekauerten Wohngebiet und lasse mir von dem eckzähnigen Mann den Weg erklären. Er schickt mich zu einem anderen Kiosk, an dem ich im Tausch gegen meinen Personalausweis eine weitere Karte und einen Schlüssel erhalte.

Auszug aus dem Mousonturm Frankfurt

Runde zwanzig Stunden vorher. Vorspiel. Freitagabend wurde der Frankfurter Mousonturm evakuiert, das Theater verließ die Bühne und zog in den Stadtraum. Dabei ging es recht gelassen zu: Zur Begrüßung gab es Sekt und herzliche Worte. Der Dramaturg Marcus Droß führte in die Fluchttechnologie ein, und der Theaterwissenschaftler Prof. Dr. Hans-Thies Lehmann gab seine Eindrücke von Akira Takayamas künstlerischer Arbeit wieder. Darin sei die Öffnung des Theaters als Konzept und als Raum grundsätzlich angelegt. Denn nach Meinung des Regisseurs könne es nur mehr Theater geben, das keines mehr sei: "Es muss sich verstecken."

evakuieren3 560 nuno ramos c masahiro hasunuma xAuf der Brache vor der EZB: Fluchtstation "Whole Circle" von Nuno Ramos
© Masahiro Hasunuma

Takayamas künstlerisches Netzwerk heißt Port B, nach der Stadt Portbou, in der sich Walter Benjamin das Leben nahm. Und so sei das Katastrophendenken von vornherein eingelassen in diese künstlerische Arbeit. "Krieg ist die Parole dieser Gesellschaft, die Vernichtung und Vertreibung eines Großteils der Körper, die die Erde bewohnen", schließt Lehmann bitter. Als es später hinausgeht in die milde Herbstnacht, zu Fuß durch das Frankfurter Ostend, am Zoo vorbei mit seinem Moschusduft, hallen seine Worte nach.

In losen Gruppen geht es nun zu einer ersten Evakuierungsstation, Nuno Ramos' Installation "Whole Circle". Auf einer Brache zwischen neuer EZB und dem Osthafengelände, das durch den Umzug der Europäischen Zentralbank eine "Aufwertung" erfahren soll, erleuchtet ein Kreis aus zehn Straßenlaternen einen einsamen Müllberg, den das Unkraut längst übernommen hat. Ein fast sakraler Ort, errichtet im Niemandsland aus Matsch und Staub, den wir umkreisen wie Stonehenge.

Die Fluchtpunkte gestalten Künstler wie Mariano Pensotti, LIGNA oder Chris Kondek

"Evakuieren" ist ein Mammutprojekt. Von 30 Haltestellen des Nahverkehrs zwischen Frankfurt, Darmstadt und Mainz aus werden fast 40 Evakuierungsstationen angesteuert, die unter der Leitung von Akira Takayama von zahlreichen Künstlern gestaltet wurden – darunter der argentinische Regisseur Mariano Pensotti, die Künstlergruppe LIGNA und der Videokünstler Chris Kondek. Neben dem Mousonturm sind auch die Staatstheater Darmstadt und Mainz mit ihren neuen Intendanten Carsten Wiegand und Markus Müller beteiligt. Zugleich ist es das erste Großprojekt, das Matthias Pees anging, als er die Leitung des Mousonturms im Sommer 2013 übernahm.

Takayama entwickelte das Projekt "The Complete Manual of Evacuation" 2010 für Tokios U-Bahn-Linie Yamanote, die im Zweiminutentakt fährt und in genau einer Stunde die Stadt umrundet. Für alle, die diesen eng getakteten Rhythmus nicht mehr aushalten, hat er dort alternative Zeitrhythmen entworfen, auch um neue Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen. "Im Moment ist die zweithäufigste Todesursache in Japan Selbstmord", erzählt er. Nach dem Tsunami und dem Reaktorunfall in Fukushima 2011 sei die Selbstmordrate erneut gestiegen. Suizid sei kulturell tief verwurzelt und eine weitverbreitete Exit-Strategie – festgehalten auch in "The Complete Manual of Suicide" von Wataru Tsurumi aus dem Jahr 1993 mit Anleitungen, sich aus der Welt zu schaffen.

evakuieren2 560 akira takayama-research fech c teresa bernauer xKonzeptkünstler Akira Takayama bei den Recherchen zu "Evakuieren" in Frankfurt
© Teresa Bernauer

In Frankfurt geht es Takayama darum, die Besucher sowohl aus der Stadt zu evakuieren als auch aus ihrer eigenen Identität. So geht es an die Ränder dieser Stadt, die eigentlich ein Mosaik aus Kleinstädten und Dörfern ist, vom Main durchflossen und vom Verkehrslärm umtost. An die Ränder, an denen Schnellstraßen in die Nachbarschaft von Schrebergartensiedlungen treten, wo sich alte Industrie und neue Wirtschaft treffen. Es gibt vier Touren mit je sechs bis acht Stationen. Auf der Website kommt der Fragebogen schnell zur Sache: Ob ich in finanziellen Schwierigkeiten stecke, ob ich glaube, dass es einen Krieg geben werde, ob mir Freiheit wichtiger wäre oder Liebe? Schließlich werde ich auf Tour B geschickt, Farbe: grün, Piktogramm: das Notausgang-Symbol.

Der Chemieregen über der Hoechst AG 1993

In Griesheim im Frankfurter Westen sowie in der Cassellastraße im Osten treffe ich auf höchst konkrete Stör- und Evakuierungsfälle. In Griesheim führt die Karte mich durch ein klinkerbebautes Wohngebiet, an dessen Ende der Main wartet, grün und gelassen. Am Ufer liegen Motorboote und sitzen Angler, ich soll einen gelben Jogger ansprechen. Eine Joggerin federt herüber, kehrt um und erzählt von jenem Störfall der Hoechst-AG, der am Rosenmontag 1993 gelben Chemieregen über den Main trug, nach Schwanheim. Dort gehe auch ich hin, über die Brücke der Staustufe hinweg, wo hinter dem unbändigen Ufergrün die Schächte der Farbwerke Hoechst in den Himmel ragen.

evaktuieren1 mainz 560 akira takayama c matthias pees xAkira Takayama recherchiert für "Evakuieren" in Mainz, S-Bahnstation "Römisches Theater".
© Matthias Pees

Vor der Gaststätte einer Schrebergartenanlage steht ein Erdbeerhäuschen, in dem das junge Künstlerduo Quast & Knoblich eine wortwitzige Werbeshow der anderen Art performt, die gelben Schleim als Reinigungsprodukt anpreist und schön böse die Beruhigungslyrik von Wirtschaft und Politik persifliert. Hier erhalte ich eine weitere Karte, die mich durch das ehemalige verseuchte Gebiet zum Kobelt-Zoo schickt – einem winzigen, etwas heruntergekommenen Privatzoo im Schwanheimer Wäldchen, wo mich Papageiengekrächz willkommen heißt und die geschundene Kreatur, von der auch Quast & Knoblich sprachen, ein Zuhause findet.

Mit der Straßenbahnlinie 12 durchfahre ich die ganze Stadt, von der westlichen Peripherie durchs Stadtzentrum in die östliche, zur vierspurigen Hanauer Landstraße. Die zweite Karte, die ich am Kiosk erhalte, führt mich auf den Parkplatz eines Baumarktes. Mit dem Schlüssel kann ich die Tür eines der ausgestellten Gartenhäuschen öffnen, Modell "Helsinki". Drinnen läuft Atsushi Funahashis Dokumentarfilm "Nuclear Nation – The Fukushima Refugees Story", der die evakuierten Bewohner des Städtchens Futaba begleitete, eindrücklich und verstörend.

Reise ins Unbekannte

Evakuieren heißt hier, eine Reise ins Unbekannte zu machen. Ich weiß nicht, wohin sie mich führt, was mich unterwegs erwartet und wo sie endet – schließlich werde ich oft genug von einem Ort zum nächsten geschickt. Das Theater versteckt sich in Gartenhäuschen und Schrebergartenkolonien. Keine Frage, das Projekt fordert Einsatz und Verbindlichkeit, und das also hat der ernsthafte Herr Takayama gemeint, als er sagte: "Ich möchte das Werk nun an Sie übergeben." Der Ausstieg aus dem Alltag fällt unplanbar aus, ich kehre erst nach sieben Stunden zurück in meine vier Wände, die mich umschließen wie eine zweite Haut. Ich werde mich wieder evakuieren lassen.


Evakuieren. Erster Flucht- und Rettungsplan für die Rhein-Main-Region
Künstlerische Leitung: Akira Takayama
12. September bis 5. Oktober 2014 in Frankfurt, Darmstadt, Mainz
Teilnehmende Künstler: Mariano Pensotti, Carlos Motta & Camilo Godoy, Nuno Ramos, OPOVOEMPÉ (Christiane Zuan Esteves, Roberto Basílio de Matos, Pedro Semeghini, Caio Paduan, Joana Dória), LIGNA (Torsten Michaelsen, Ole Frahm, Michael Hueners), Chris Kondek & Christiane Kühl & Klaus Weddig, Hendrik Quast & Maika Knoblich, Anton Berman,
Lukas Sünder & Sitha Reis, Matthias Mohr & Oguz Sen, Lars Werneke, Fluchtpunkt (Juliane Kutter & Maria Thrän), Marcus Morgenstern, Forschungsgruppe Urban Health Games TU Darmstadt, CIBO, Maki Ishii.
Dauer: mehrere Stunden, abhängig von der Anzahl der besuchten Stationen

www.evakuieren.de
www.mousonturm.de
www.staatstheater-mainz.de
www.staatstheater-darmstadt.de



Eine große Theatertour fand an diesem Wochenende auch im Ruhrgebiet unter dem Titel Die 54. Stadt. Das Ende der Zukunft statt, mit den Künstlergruppen kainkollektiv, LIGNA, Invisible Playground und copy & waste.

Kritikenrundschau

Für die Sendung "Rang I" auf Deutschlandradio Kultur (13.9.2014) berichtet Rudolf Schmitz über dieses "Kunst-Theater-Stadtführung-Flashmob-Recherche-Projekt". Es "hat mich an Orte geführt, wo ich nie war. Ich habe mich gewundert, über Absurdes gefreut und seltsame Begegnungen gehabt. Und: Ich will mehr davon."

 
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