Mach's kurz, Muddi

von Lena Schneider

Berlin, 8. Februar 2008. Hoppla. Als drei Stunden des Abends geschafft sind, als Richard (Ernst Stötzner) den Thron gewonnen und fast wieder verloren hat, passiert dann doch etwas Erstaunliches. Da sprayt eine Gestalt in Weiß – Richards Widersacher Richmond (Boris Jacoby) – mit roten Lettern eine Botschaft an die Wand: "Richard III – Kill the Killer".

Und plötzlich kristallisiert es sich zur Gewissheit, das bis dahin eher vage Gefühl, all das irgendwie schon einmal gesehen zu haben. Das Bild kennen wir doch. So ähnlich zeichnete es Claus Peymann schon mal, vor acht Jahren. Damals hieß die Botschaft "Richard II forever". Anti-Held war nicht Ernst Stötzner, sondern Michael Maertens.

Stötzner: Ein glaubhafter Dreckskerl

Ob selbstverliebtes Zitat oder Einfallslosigkeit der Regie, eigentlich eine Lappalie. Wenn dieses Déjà-Vu nicht eine Art Schlüsselmoment für Claus Peymanns "Richard III." wäre, der das Dilemma des Abends aufzeigt: Die völlige Abwesenheit von neuen, schlüssigen Einfällen, die aus dem Stück mehr machen würden als einfach einen dahingesagten Shakespeare. Was nicht heißen soll, dass die Übertragung von Thomas Brasch nicht aufsagenswert wäre. Der knappe, teils schnoddrige Text scheint Ernst Stötzner in den Mund geschrieben und sorgt für einige erquickliche Momente. Wenn Stötzner zu Beginn aus der Gasse ins Halbdunkel der Bühne hinkt – mit riesigem Buckel, in bösewichtig schwarzen Kniebundhosen – und uns trocken mitteilt, er habe "beschlossen, hier den Dreckskerl aufzuführen", glaubt man ihm das sofort.

Peymann hat das wörtlich genommen. Von Anfang bis Ende wird hier "aufgeführt", wird Shakespeares Vorlage anhand von lebensüber- oder besser: -untergroßen Klischees abgearbeitet. Peymanns Figuren sind Abziehbilder ihrer Charaktere, Karikaturen. Allen voran Königin Elisabeth (Therese Affolter) – eine hysterische, selbstüberhobene Glucke im roten Kleid, in ihren theatralen Gesten schlicht eine Nervensäge. Was soll an einer so einseitigen Figur interessieren? Mögliche Antwort bei Shakespeare: ihr Schmerz über Entwürdigung, Machtlosigkeit, Abhängigkeit. Die Antwort hier: nichts.

... und hie und da eine erzwungene Ambivalenz

Ähnliches gilt für die anderen. Nicht alle sind so schrill gezeichnet wie Elisabeth, aber alle verflixt schlicht. Geheimnisse, Doppelbödigkeiten, Ambivalenzen gibt es hier nicht – oder nur da, wo der Text nichts anderes zulässt. Margret (Nicole Heesters) etwa, einst Königin, nun der bleiche Schatten ihres ehemaligen Selbst, ist in ihrer Wut einen Moment lang verstörend, aufrüttelnd. Die Gesellschaft, von der sie verraten wurde, belegt sie mit einem Bann, der allen ein gewaltsames Ende voraussagt. Aber auch ihr, mit weiß-fleckigem Röckchen und gruseliger Glatze, steht das hexenhaft Seherische auf die Stirn geschrieben – wie dem Georg des Jürgen Holtz seine Naivität, Ilse Ritter als Mutter Richards die Würde und Richard selbst das Böse. Oberflächen, Oberflächen. Und damit sind nicht nur die Plexiglasscheiben aus Karl-Ernst Herrmanns Bühnenbild gemeint. Die geben immerhin Raum für Reflexion.

Diese Welt ist plakativ. Am deutlichsten wird das am Richard. Den verknappt Peymann zu einem Bilderbuch-Bösewicht, der gefährlich guckt, verschlagen das Gesicht versteckt, der kichert – hähä –, wenn ihm sein naiver Bruder Georg glaubt, und selbstgewiss lacht – hohoho –, wenn er die Frau eines anderen Opfers verführt (Charlotte Müller als Anna). Wie sie das eben machen, die Bösen auf dem blutigen Weg zur Macht.

Schwarz-Weiß-Schießerei

Weil der herrliche Ernst Stötzner hinter alldem steckt, rutscht Richard freilich dennoch ab und an in eine wohltuende Auszeit, in Alltagsgebrabbel à la "Mach's kurz, Muddi" – übrigens als Reaktion auf den melodramatischen Versuch der Mutter, den Sohn zur Vernunft zu bringen. Zum Glück ist es, als er sie so abspeist, nicht mehr weit bis zum Ende. Da hat Richard schon fast alle getötet, ihm bleiben nur noch ein paar Sprünge über die Bühne, ein schwaches "Ein Pferd!" und ein letztes grantiges Brüllen, bevor ihn der Mann in Weiß, sein Widersacher, fast lautlos erschießt. So löst das Weiß das Schwarz ab.

In diesem letzten Bild steckt dann doch eine Idee: Letztlich sind sie austauschbar, die Bösewichte. Wenn Machtgier und Lüge allerdings so einfach zu erkennen wären wie in diesem "Richard", müsste man darüber keine Stücke schreiben, geschweige denn sehen. Über die perverse Attraktivität von Macht, die den Menschen verletzend und verletzlich macht, wird hier nichts gesagt. Die Formel des Ganzen bleibt simpel. Peymann lässt Ernst Stötzner einen Abend lang Dreckskerl sein und hängt ihn dann am Ende kopfüber in den Bühnenhimmel. Das war's.


Richard III.
von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch
Regie: Claus Peymann, Bühne: Karl-Ernst Herrmann, Kostüme: Maria-Elena Amos.
Mit: Therese Affolter, Nicole Heesters, Charlotte Müller, Ilse Ritter; Tim Blochwitz/ Janus Torp, Jürgen Holtz, Boris Jacoby, Roman Kanonik, Roman Kaminski, Christopher Nell, Markus Roland/Alexander Schmidt, Stephan Schäfer, Marko Schmidt, Martin Schneider, Veit Schubert, Andreas Seifert, Martin Seifert, Ernst Stötzner, Axel Werner, Mathias Znidarec.

www.berliner-ensemble.de

 

Kritikenrundschau

In der Süddeutschen Zeitung (11.2.2008) konstatiert Lothar Müller, dass Claus Peymanns zweite Inszenierung von "Richard III." etwas von einer Abdankung habe: "Denn einen Regisseur, der nicht weiß, was er von ihm will, reiht Shakespeares Richard unweigerlich unter seine Opfer ein." Zu Ernst Stötzner meint Müller: "Einen Richard, der aus seinem Herzen so wenig eine Mördergrube macht, hat man selten gesehen. Natürlich, auch dieser Richard lügt und betrügt und redet das Blaue vom Himmel herunter ... Aber gegenüber einer Figur im Saal ist der Schauspieler Ernst Stötzner von geradezu treuherziger Ehrlichkeit: gegenüber dem Zuschauer. Ihm zwinkert er zu: Wir beide, gibt er zu verstehen, wissen, was hier gespielt wird, das böse Spiel von der bösen Macht und der Macht des Bösen." Diese Flucht in die Geheimnislosigkeit sei "eine Flucht vor der Gratwanderung, die Shakespeares Stück jedem Schauspieler zumutet." Die Auftritte der anderen Schauspieler litten unter der Ratlosigkeit Peymanns, der sie "wie Ariensänger älterer Zeiten einzeln an die Rampe" schickt.

Gerhard Stadelmaier beginnt seine Rezension für die Frankfurter Allgemeine (11.2.2008) mit der bissigen Bermerkung: "Es war ein typischer Peymann-Premierenabend. Das Brisante fand nicht auf der Bühne, es fand" – mit einer Demonstration gegen das Teheran-Gastspiel des Berliner Ensembles – "außerhalb des Theaters statt". Später dann: "Auftritt des Henkers. In einer typischen Peymann-Inszenierung: Denn der Regisseur findet den Henker ganz niedlich." Stötzner gebe diesen als Dandy: "Ein Gutewicht, der Böses tun muss wider Willen. Aber nach Gelegenheit." Die Inszenierung habe "zu großen Teilen die Anmutung eines Wahlabends im Fernsehen, bei dem der Regie-Moderator Peymann die Befragten, die alle verloren haben, gar nicht zu Wort kommen lässt, sondern längst schon weiß, was alle längst schon besser wissen: Politik ist bäh!" Dann aber gebe es noch Jürgen Holtz, der den Mörder Tyrell spiele als eine "Gestalt wie aus einer anderen Inszenierung, die, hätte sich Peymann ganz von ihr inspirieren lassen, seine Aufführung zu einer hochpolitischen wie tief menschlichen hätte machen können".

Peymann habe dem Richard einen Wunsch erfüllt, spöttelt Matthias Heine in der Welt (11.2.): "Holzköpfe will ich um mich haben und grüne Jungs", sage nämlich Richard, und tatsächlich sei Stötzners Titelheld "wirklich der einzige mit freien Adlerinstinkten, und die anderen sind noch nicht mal Geier, sondern höchstens Gänse." Bei den meisten Schauspielern regiere "das gute alte Händefuchtel-Augenaufreiß-und-Stirnrunzeltheater". Peymanns wichtigstes Regie-Mittel sei der Kalauer. Noch nervtötender aber seien "die vielen Umbaupausen. Gefühlte 500mal verschwindet die Bühne im Dunkel, bloß damit [Karl-Ernst] Herrmanns Glaswände zu einem neuen abstrakten Ikebana arrangiert werden können, und um einige total überflüssige Requisiten auf die Bühne zu schleppen. So schaffe es Peymann "trotz Stötzner, aus dem Abend einschläferndes, lauwarmes Fußbad-Theater zu machen."

Peter Iden erinnert in der Frankfurter Rundschau (11.2.) an Peymanns Wiener "Richard" von 1987, eine Aufführung "von scharfer Plastizität, viereinhalb Stunden lang hielt sie Bannkraft und Spannung." Um dann zu fragen: "Und nun 'Richard III.' abermals. Warum? Kann einer doch zweimal in den gleichen Fluss?" Zu der neuerlichen Inszenierung habe Peymann Ernst Stötzner inspiriert: "Ein Lakoniker, balancierend am Rande leiser Müdigkeit, im Prinzip gutmütig, mit Tendenzen zum banal Komischen". Doch: "Ist ein Richard denkbar aus dieser Haltung heraus, als trivialer Übeltäter, ironisch gegenüber jedem großen Format?" Iden mag das nicht entscheiden, da Stötzner "gegen seine Eigenart von Anfang an die Figur aufbläht ins Monströse, den schweren Ton will, nicht das Beiläufige, das ihm eher liegt." Der Rest des Ensembles finde "stilistisch nicht zusammen ... Jeder spielt für sich." Und so gerate "die Aufführung doch sehr ins Konventionelle".

Auf der "von verschiebbaren Glaswänden in vier Sektoren zerkleinerten, weitgehend leeren Bühne" von Karl-Ernst Herrmann würden zwar "die verschiedenen Ebenen von Schein und Sein angedeutet", schreibt Ulrich Seidler in der Berliner Zeitung (11.2.), letztlich aber "sammelt sich doch alles vorn beim Publikum. Ein wahrer Rampensaustall". Ernst Stötzner als Richard gebe "sich der lockeren Spiellust hin und jongliere mit seinen reich zur Verfügung stehenden Mitteln". Eben sei Stötzner noch bei Gosch "als nackter, bloßer Mensch unterwegs" gewesen und jetzt dürfe er "verkleidet, mit künstlichem Buckel und nachgezogenem Bein in die große Thöööater-Tröte blasen".

Shakespeares "Richard III." sei weder "Fisch noch Fleisch", klärt uns Andreas Schäfer im Tagesspiegel (10.2.) auf, "kein Historiendrama mehr und noch keine Tragödie eines vielschichtigen Charakters...wer also 'König Richard III.' inszeniert oder spielt, muss das Geheimnisvolle von Außen in die Figur hineinstülpen." Was laut Schäfer weder Peymann noch Ernst Stötzner gelingt, auch wenn sie sich mühen. Das alles sichtbar sei, sage nicht nur das Bühnenbild (transparente Glaswände), "das trompetet der ganze Abend in die zunehmend stickige Luft." Ernst Stötzner lege seinen Richard "ziemlich koboldig" an, "während Peymann das Stück offensichtlich als Komödie missverstanden hat." Stötzner montiere Richard jedoch mehr auseinander, "hinkend und mit einem lächerlichen Buckel ausgestattet, trennt er einen Ausdruck fein säuberlich vom anderen". "In den entscheidenden Momenten wird er nicht innerlich, sondern zwinkert durch Gesten oder pointengetrimmte Betonungen ins Publikum." Ein Abend, an dem nicht Richard, sondern Claus Peymann der Drachen sei. "Ein Drachen der routinierten, alle Spannung pulverisierenden, wohltemperierten und seichten Ironie."

In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (10.2.) schreibt Max Glauner, dass man an diesem Freitagabend mehr wollte "nicht nur Theater", "große Theaterkunst nämlich - und scheiterte". Ernst Stötzner jedoch, den würde Glauner selbst im Lidl für Richard III. halten, "so authentisch kommt er rüber, wie er da grauhaarig, verzottelt sitzt, mit ungepflegten Altmännerstoppeln ums Kinn und guckt und glotzt, greint und hadert." Stötzner dürfe als Einziger den "elisabethanischen Outlaw" spielen, während alle anderen in Kostümen wie aus den 1920er Jahren auftreten müssen. "Sie haben es schwer. Besonders die Frauen." Charlotte Müller als Anna im "deplaziert wirkenden dünnem altrosa Trägerkleidchen" kann vor diesem Richard nur kapitulieren, "noch bevor sie ein Wort über die Lippen bringt." Peymann setze auf großes Schauspielertheater, biete auch einige großartige Momente. Doch "Perlen der Schauspielkunst ergeben noch keinen schlüssigen Abend. Besonders nach der Pause zog sich das Hin-und-Her-Gerenne, reihte sich nur eine Nummer an die andere."

 

 
Kommentar schreiben