Die wollen doch nur spielen

von Tomo Mirko Pavlovic

Stuttgart, 8. Februar 2008. Köpfe in die Nacken. Die Schulter hochgezogen bis zum Ohrläppchen. Die Beine so breit gestellt wie umgedrehte Victory-Zeichen. Becken vor. Kinn raus. Und die Arme stehen ab, als ritzten in den Achseln Rasierklingen. Kinderkörper unter Hochspannung. Tanz- und kampferprobt. Zu allem bereit. Auf Abruf. Cool und nur das. The kids are alright. Oder doch nicht?

Drei Jungs und ein Mädchen, alle um die sechzehn, führen ein lächerliches, kindisches, künstliches und doch auch wundervolles Pubertätsballett auf. Sie wissen nicht, was sie tun, was sie sind, was sie wollen: Phillip, der im Heim wohnt und die Chance hat, bei einer Gastfamilie unterzukommen; Robin, sein Freund, der Breakdancer; Rocky, Robins Bruder, der jede irre Mutprobe auf Videos festhält und ins Netz stellt; und Jenny, die bald Phillips neue Schwester sein wird und kantholzige Sätze sagt wie: "Kannst einem echt verfickte Gefühle machen weißt du das?" Und als Phillip sich entscheiden muss zwischen der Gewalt auf der Straße und einem Leben ohne Schuleschwänzen, Totschläger und Heim, steht ein Menschenleben auf dem Spiel.

Dialoge wie Mülleimer, Worte wie Cola-Flaschen

Juliane Kanns Stück "The kids are alright" richtet sich an Jugendliche ab vierzehn Jahre, obwohl die Darsteller bei der Uraufführung im Theater im Depot diesem Alter längst entwachsen sind. So etwas kann recht peinlich werden, wenn Erwachsene Jugendliche imitieren. In diesem Fall aber ging es gut, sehr gut sogar, auch weil die vier überaus gelenkigen Mitglieder des Schauspielensembles unter der Regie von Seraina Maria Sievi die verknappten, latent aggressiven Dialoge wie einen Mülleimer traktieren, sich an ihnen mit vollem Leibeseinsatz reiben und stoßen und verletzen. Jeder Satz eine Provokation. Ein einziges "Fick dich!" und nichts ist, wie es einmal war. Da geht was und wenn nicht, dann sicher beim nächsten Mal.

Auf einer als kargen Schmuddelspielplatzarena entworfenen Bühne (Susanna Kudielka) fliegen die Worte wie Cola-Flaschen, Erdnüsse und Zigarettenschachteln wild umher. Sie küssen und schlagen sich oder schaukeln einfach nur in einen ungewissen Himmel. Man schreit. Und posiert. Schreit. Und ab, nächste Szene, mit David Bowies "I'm deranged" vom Band.

Ein sehr, sehr vorstadtstraßentauglicher Sound durchweht die Inszenierung, geradezu naturalistisch, was auch an den beherzt-schmerzlichen Eingriffen der Dramaturgin Ans Brockfeld liegt. Der Text der 25-jährigen Autorin – die unüberlesbar an der Berliner Universität der Künste Szenisches Schreiben studiert – ist mitunter kaum wiederzuerkennen. Pathos und das bisschen Poesie sind abhanden gekommen. Und auch dieser reizvolle Verdacht, hier hätte Gerhart Hauptmann in aller Naivität eine Drehbuchfolge für "O. C. California" schreiben dürfen, verfliegt zugunsten einer politisch hochkorrekten, pädagogisch wertvollen Vereinfachung der gesellschaftlichen Verhältnisse.

Volltrottel und Alles-Checker

Sebastian Schwab interpretiert seinen Rocky in diesem gutmenschlichen Sinne überzeugend als ein stets schlagbereites, wollmütziges Großmaul mit dem Herz am rechten Fleck. Zu seinen Hobbys gehören fruchtlose Antiaggressionstrainings, Masturbieren und das Beklauen von Nazis, die in Kanns Urfassung keine solchen sind. Schon verstanden: Aus jugendlichen Halbtätern sollen unbedingt Opfer werden. Robin, der Mitläufer mit Base-Cap und Talent zum Nerd, verwandelt sich in Peter Sikorskis wundersam elastischem Bewegungsspiel in eine witzige, undurchschaubare Type irgendwo zwischen Volltrottel und Alles-Checker. So einen Kerl erwischt es meistens in der Kunst, und auch bei Juliane Kann ist das nicht anders.

Und schließlich Phillip und Jenny. Beide kommen sich im Verlauf einer knappen, temporeichen Aufführungsstunde immer näher – bis auf einen zärtlich angedrückten Kuss. Sie umkreisen sich wie junge Spatzen und bleiben doch am Ende allein. Jeder für sich. Bijan Zamani gelingt das kleine Kunststück, mehrere charakterliche Facetten aufscheinen zu lassen: Sein Phillip ist sowohl intelligent, dämlich, tieftraurig, hart als auch ein bisschen lieb. Nur so wird sein Ausstieg aus der Böse-Buben-Bezugsgruppe halbwegs verständlich motiviert.

Raus aus der Happy-family 

Gefallene Jungmenschen wie er sind eben noch rettbar, so die Message, auch wenn Phillip am Ende ziemlich unzufrieden ob der gutbürgerlichen Happy-family-Aussichten aus dem Schlussbild rennt. Recht so. Da hilft ihm auch Mandy Rudski nicht, die ihre Jenny an einigen Stellen übertrieben affektiert ausschmückt und zuweilen burschikoser als die drei anderen Testosteronverdampfer auftritt. Möglicherweise aber hat diese Jenny als einzige keine Lust, authentisch zu wirken und überzeichnet lieber. Vielleicht wäre dieser Ansatz eine mögliche Alternative gewesen für den Rest des Stückes. So aber sind diese Kids bloß unterhaltsam und schnell. Und ein bisschen zu alright.

 

The kids are alright
von Juliane Kann
Uraufführung
Regie: Seraina Maria Sievi, Bühne: Susanne Kudielka, Kostüme: Vânia Oliveira. Mit: Mandy Rudski, Sebastian Schwab, Peter Sikorski, Bijan Zamani.

http://www.staatstheater.stuttgart.de


Kritikenrundschau

Obwohl Juliane Kann in "The kids are alright" ihre Figuren nach dem Vorbild realer Jugendlicher entworfen habe, sei keine "naturalistische Milieustudie über das sozialpädagogische Problemklientel" dabei herausgekommen, sondern "eher eine abstrahierte Versuchsanordnung", meint Georg Leisten in der Stuttgarter Zeitung (11.2.2008). Auch fürs Jugendtheater jedoch "mag das ab 14 Jahren empfohlene Problemstück zu durchsichtig programmiert erscheinen, aber in der Regie von Seraina Maria Sievi wurde daraus trotzdem ein temporeicher, körperbetonter und keine Minute langweiliger Abend."

In den Stuttgarter Nachrichten (11.2.2008) meint Horst Lohr, Seraina Maria Sievi habe den "lapidaren, dicht an hartem Jugendjargon entlang geführten Text" geschickt bearbeitet, "zu deutlich ausgesprochenes gekürzt, an anderen Stellen Text hinzugefügt. Das ist einer der Gründe, weshalb der Schweizer Regisseurin eine dichte Aufführung gelingt." Dazu komme "die stimmige Verbindung aus Ernst und Komik, mit der die Inszenierung Schlaglichter auf Jugendliche wirft, die nach ihrem Platz in der Erwachsenenwelt suchen." Die Darsteller überzeugten und schlüpften "ohne eine Spur von Peinlichkeit in die Haut 16-jähriger Protagonisten."

 

 
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