Der Tod im Korkfeld

von Michael Laages

19. September 2014. Auch ganz ohne Jury und Kür in den Fachblättern ist Göttingen am Beginn der neuen Spielzeit eine der Theaterstädte der Saison. Wo sonst hätte eine derart überschaubar kleine Stadt im deutschsprachigen Raum noch zwei veritable und sehr unterschiedlich profilierte Stadttheater? Und wo starteten diese beiden Bühnen dann auch noch fast gleichzeitig mit neuen Intendanten, neuen Teams ins neue Theaterjahr …? Wer mag, wird womöglich ausgerechnet beim doppelten Göttinger Aufgalopp entdecken können, wie sich zeitgenössische Theatermacher heute positionieren wollen oder positionieren müssen, wenn sie eine Stadt und das Publikum vor Ort ganz neu für sich gewinnen wollen. Und müssen.

Und nach vielen fruchtlosen Polit-Debatten in der Universitätsstadt über die Kooperation beider Bühnen ist nun wieder die gesunde Konkurrenz eröffnet: Anfang Oktober legt Erich Sidlers Truppe los am klassischen Stadttheater, nach 1945 im historischen Bau mit den Intendanten Heinz Hilpert und Günter Fleckenstein als "Deutsches Theater" wiedererstanden; und seit gestern ist Nico Dietrichs Team in jenem Theater präsent, das sich in der Tradition der Gründung von 1957 "Junges Theater" nennt – Luc Bondy, Bruno Ganz und Klaus Bachler gehörten zur Gründer-Generation dieses studentisch und innovativ orientierten Ensembles.

Von der Schulbank in die Schlacht

Verkehrte Welt allerdings – während das Traditionshaus, das Deutsche Theater, in zwei Wochen mit einer Uraufführung von Rebekka Kricheldorf startet, setzt gerade das Junge Theater auf den aktuellen Jahrhundertstoff: mit einer Fassung von Erich Maria Remarques Weltkrieg-I-Roman "Im Westen nichts Neues". Vergleiche wird's da reichlich geben – mit Luk Percevals kühler Text-Montage FRONT am Hamburger Thalia Theater wie mit der Remarque-Interpretation, die das hannoversche Staatsschauspiel am Samstag nachschiebt. Mit gutem Grund versucht aber gerade die Göttinger Version das blutige Panorama des Gemetzels mit Spaten, Bajonett und Gas nicht nur im Schützengraben zu verorten, sondern das sinnlose Sterben immer wieder zurückzubinden an den Ausgangspunkt der Geschichte – an den blinden, verführten Wahn junger Männer, die direkt von der Schulbank in die Schlacht gezogen sind, freiwillig, besser: angetrieben vom kriegerisch-nationalistischen Geist ihrer Zeit, den die wilhelminisch-machtvernarrten Lehrer predigten.im westen1 560 jtg uDer Weltkrieg im Korksand © Dorothea Heise

Einen Totenacker aus geschreddertem Kork hat Susanne Ruppert auf die Bühne gekippt im Jungen Theater; und von Beginn an wird klar, wofür Nico Dietrichs Team sich entschieden hat: Leiden und Sterben des Weltkriegs tatsächlich auch zu zeigen, soweit die Theatermittel reichen – anders als Perceval, der den Horror ganz in die Sprache zurückgedrängt hatte. Wie Requisiteure kommen zwei Ensemblemitglieder herein; sie bringen ein Feld- oder Krankenbett. Dass das Theater hier, das Otfried-Müller-Haus in der Göttinger Hospitalstraße, tatsächlich ein Feld-Lazarett war vor hundert Jahren, erzählt die eine, während sie sich zur Krankenschwester wandelt, mit Häubchen im Haar; welche Verletzten denn wo gelegen hätten, fragt der andere, der jetzt zum Arzt wird. Einen der jungen Männer im Kork-Sand fixieren die beiden aufs Krankenbett; ein Granatsplitter wird ihm aus dem Nacken entfernt. Von hier aus beginnt Paul Bäumer, Remarques Ich-Erzähler, vom Krieg zu berichten, den er gerade nicht überleben wird in dieser kleinen Operation.

Das Kriegsopfer Wahrheit

Zwischen dieser szenischen Klammer (also Bäumers Tod zu Beginn und am Ende) macht Nico Dietrichs Inszenierung die Etappen der Handlung in knappen szenischen Sequenzen dingfest: den Auszug der verführten Kinder, denen der Krieg die Jugend raubt; die Einweisung ins Kriegshandwerk durch die Landsknechts-Type Kaczinski, der weiß, wie jede Granate klingt, jedes Geschütz; den ersten Toten, dessen Stiefel Bäumers Kumpel Müller erben will; den ersten Gas-Angriff; den erotischen Ausflug zu zwei Französinnen auf der anderen Seite des Flusses. Dazwischen die Appelle, bei denen manchmal eine ganze Kompanie nicht mehr antritt zum Essenfassen – weil alle hingemetzelt sind. Und all die Jungen spüren, wie sie selber zu Mordmaschinen werden im Moment des Angriffs.imwesten 560 jtg uAuf einem Totenacker © Dorothea Heise

Bäumer erhält Heimaturlaub – und findet die eigene Kleinstadt, auch das Kaiserliche Gymnasium in Göttingen, findet Lehrer, Studenten und lokale Politiker genau so kriegsbesoffen und siegesgewiss vor, wie sie waren, als er ging. Eingeladen zu einer Rede an die Schüler der alten Schule, sagt er die Wahrheit: dass er von nichts etwas weiß als vom Tod. Ihm wird das Mikrophon abgedreht.

Kein kriegerischer Budenzauber

Mit kleinem Ensemble kommt der Abend aus; mit Ali Berber als Bäumer, Karsten Zinser, Eva Schröer und Linda Elsner als Freunden in Bäumers Clique; Agnes Giese und Jan Reinartz spielen alle Erwachsenen. Die Technik im Jungen Theater erlaubt keinerlei kriegerischen Budenzauber, der Korksand, drei Feldbetten und ein paar Requisiten müssen genügen – in dieser Verdichtung zwingt Dietrichs Team den Stoff in hundert komprimierte Minuten. Und nur ganz selten macht sich der Gedanke breit an die Anmaßung, die all das ist: als könne Theater zeigen, was es da gerade zeigt.

All die mehr oder minder überangestrengten Kriegsbeschwörungen dieses Sommers, vor allem die bei den Salzburger Festspielen, kommen da noch einmal in Erinnerung – und dieses kleine Theater in einer kleinen Stadt, zu Hause in einem Lazarett von damals, steht mit dieser Aufführung wirklich recht gut da.

 

Im Westen nichts Neues
nach Erich Maria Remarque
Bühnenfassung: Nico Dietrich und Tobias Sosinka
Regie: Nico Dietrich, Bühne und Kostüme: Susanne Ruppert, Dramaturgie: Tobias Sosinka.
Mit: Ali Berber, Linda Elsner, Agnes Giese, Jan Reinartz, Eva Schröer, Karsten Zinser.
Dauer: 1 Stunde 40 Minuten, keine Pause

www.junges-theater.de

  

Kritikenrundschau

Im Göttinger Tagblatt (22.9.2014) schreibt Friedrich Schmidt, die Einwebung von lokalen Bezügen geben dem Abend "Lokalkolorit und Nähe". Ausgesprochen starke Bilder prägten das Stück, die beklemmende Gefühle erzeugten. "Eine umfassende, gelungene Inszenierung, die nur das [titelgebende] Romanzitat vermissen lässt."

Von "kaum enden wollendem Applaus" berichtet Carmen Barann in der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung (23.9.2014) und schließt sich dem Zuschauervotum an. "Stark verdichtet" werde hier "eine bedrohliche und zugleich zutiefst menschliche Atmosphäre rund um die Erlebnisse der jungen Soldaten inmitten der Kriegsgräuel geschaffen." Die Darsteller spielten die Soldaten "facettenreich und sehr eindringlich in ihrer ganzen psychischen Ambivalenz"; und das Bühnenbild sei ebenso minimalistisch wie "in seiner Flexibilität die Fantasie anregend".

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