Ein Ort am Wasser

von Falk Schreiber

7. Juni 2020. "Hat man Granada verlassen und nähert sich Fuente Vaqueros, wird die Landschaft lieblicher", beschreibt Roberto Ciulli eine Reise zum Geburtsort Federico Garcia Lorcas. "Hohe Bäume und eine dichte Vegetation verraten die Nähe von Wasser. Eine ungewöhnliche Landschaft für Granada! Wasser ist in dieser Gegend nicht nur ein Teil der Landschaft – sein Vorhandensein bestimmt die Bräuche, Charaktere, die Arbeitsweise, das tägliche Leben, die Geschichte eines Ortes."

Lob des Kollektivs

von Falk Schreiber

2. April 2020. Gob Squad, Schnauzen-Schwadron. So heißt keine Theatergruppe, so heißt vielleicht eine Band (tatsächlich existiert eine uninteressante dänische Hardrock-Gruppe dieses Namens). Aenne Quiñones beginnt entsprechend ihr Buch "What are you looking at?" über das britisch-deutsche Performancekollektiv mit einer Anekdote: 1992 seien Lou Bottomley, Sarah Thom, Adam King und Sean Patten aus Nottingham zum Glastonbury Festival gefahren, als Theaterstudent*innen hätten sie die Performance Stage mitbespielt und dafür freien Eintritt aufs Gelände gehabt, und noch auf der Autobahn sei ihnen klargeworden, dass man als Festivalact einen griffigen Gruppennamen bräuchte. Die Geburtsstunde Gob Squads, eine Schnapsidee. Schön.

Spektakuläre Spekulanten

von Georg Kasch

24. März 2020. Klingt wie ein Drehbuch-Exposé, ist aber Teil deutscher Geschichte: Zwei jüdische Brüder entscheiden sich, zum Theater zu gehen, werden Autoren, Dramaturgen, Regisseure – und schließlich die dominierenden Theaterdirektoren Berlins. Parallel zu Max Reinhardt bauen sie ein umfangreiches Netz an Bühnen auf, die sich auf Unterhaltungskomödien und Operetten spezialisieren. Sie füllen die größten Häuser der Stadt, zu den Premieren mit Stars wie Richard Tauber, Fritzi Massary und Gitta Alpár strömt tout Berlin; selbst Hollywood-Größen wie Charly Chaplin lassen sich blicken.

Wider die Aktualisierungspetersilie

von Janis El-Bira

22. März 2020. Der schlichteste und kürzeste Witz auf Kosten des von Opernfans gern geschmähten "Regietheaters" geht so: "Hat dieser Siegfried nicht ein wunderbares Organ?", fragt da die eine den anderen. – "Ja", antwortet dieser, "und singen kann er auch!" So viel ist klar: Die Schockwerte von einst, die dem Bildungsbürgertum im Opernparkett den Schleier des gesellschaftlichen Verblendungszusammenhangs vom Gesicht reißen wollten – sie sind selbstverständlicher Mainstream geworden.

Der Windmühlenkämpfer

von Thomas Rothschild

27. Februar 2020. Gattungen haben ihre Gesetze. Alfred Kirchner verstößt gleich gegen zwei, deren Einhaltung das Attribut des Untertitels "Autobiografische Splitter" zu fordern scheint: Er erzählt in der dritten Person, nicht von einem Ich also, sondern von einem Alfred, und er schert sich nicht um die Chronologie. Jedes Kapitel setzt neu zu einem früheren oder späteren Zeitpunkt ein, und so versammelt "Der Mann von Pölarölara" eine Reihe von relativ autonomen Geschichten.

Veronika beschließt zu lieben

von Michael Wolf

25. Februar 2020. Noch vor allen Figuren tritt der Erzähler selbst auf. "Die Verpflichtung 'jedes wirklichen Kulturmenschen' ist, das zu schildern, 'was sich niemals ereignet hat. Schreibt Oscar Wilde. Und genau das mache ich", so lauten die ersten Sätze des neuen Romans "Weiter." des Regisseurs und Schriftstellers Thomas Jonigk. Die Fiktion ist seinem Alter Ego Flucht aus der nicht näher beschriebenen, aber offenbar unerträglichen Existenz: "Ein Ausweg. Eine Überlebensstrategie." Diese Parallelwelt erschafft er in einer erstaunlich klischierten Schreib-Szene: mit Bleistift und Anspitzer bewaffnet im Café sitzend. Gleich auf der ersten Seite wird klar: Dieses Buch möchte unbedingt Literatur sein, auf keinen Fall aber zeitgenössische.

Männer im Schnee

von Silke Horstkotte

11. Dezember 2019. Es wird Winter in Norwegen. Schnee fällt, die Öfen werden angeheizt, das Fleisch wird gepökelt, die Laugenfische aufgehängt. Der alte Maler Asle kehrt von einer Einkaufstour zurück in das abgelegene Dorf Dylgja – und fährt, einer plötzlichen Eingebung folgend, sofort wieder in die Stadt, um nach seinem alkoholkranken Namensvetter Asle zu sehen, der ebenfalls Maler ist. Tatsächlich erweist sich die Sorge als begründet, denn der andere Asle ist bewusstlos im Schnee zusammengebrochen. Er wird ins Krankenhaus eingeliefert, wo er von da an im Delirium Tremens zittert, während der erste Asle sich liebevoll um seinen Hund kümmert.

Arbeit, nichts als harte Arbeit

von Sascha Westphal

21. November 2019. "Kein Kunstzentrum hat uns je gefragt: 'Könnt ihr religiöse Kunst machen?'" Das ist erst einmal nur eine simple Feststellung, ein Zitat aus einem der über 80 Podcasts, die Kelly Copper und Pavol Liška unter dem Titel "OK Radio" von Juli 2012 bis Dezember 2013 mit Regisseur*innen und Choreograph*innen, Performer*innen und Künstler*innen, geführt haben. Doch selbst in der gedruckten Form schwingt in dieser Aussage noch ein deutlich vernehmbarer Unterton mit: Das Bedauern in Pavol Liškas Stimme ist zu hören.

Gedankenströme

von Falk Schreiber

7. Oktober 2019. Alte Theatermenschen kennen das noch: die Vorstellung, dass Schauspieler*innen bessere Requisiten seien, Material für die künstlerische Idee der Regie. Heute würde das kaum noch jemand so eindeutig sagen (gut, Ersan Mondtag vielleicht), aber im hierarchischen Staatstheaterbetrieb wird trotzdem fast nie die ästhetische Autorität der Regieposition in Frage gestellt.

In der Ideologiefalle

von Sophie Diesselhorst

4. September 2019. Astrid Lindgren. Während des zweiten Weltkriegs klebte die berühmte schwedische Kinderbuchautorin ausgeschnittene Zeitungsschlagzeilen in ihr Tagebuch und dichtete die Lebenswirklichkeit der von diesen Schlagzeilen Betroffenen hinzu. So kolportiert es Philipp Ruch, Gründer und künstlerischer Leiter der Aktionskunst-Gruppe Zentrum für politische Schönheit (ZPS), in seinem neuen (zweiten) Buch – und ist völlig begeistert. "Wir alle müssen" (wie Lindgren) "die Säuglinge sterben sehen", so Ruch auf den letzten Zeilen des Buches, dessen hitziger Ton zum Titel passt: "Schluss mit der Geduld".

"Er muss mir recht geraten"

von Georg Kasch

Berlin, 2. Juli 2019. Loben ist eine Kunst. Eltern wissen das. Kritiker*innen auch. Wer alles akklamiert, läuft Gefahr, die Maßstäbe zu verwischen, die Wertschätzung zu entwerten. Wer aber zu wenig lobt, zerstört. Wirklich? "Der Tadel meiner Mutter war der Kraftstoff, der meinen intellektuellen und emotionalen Motor speiste", schreibt C. Bernd Sucher in seiner Doppel(auto)biografie "Mamsi und ich". Klingt ja erst mal gut.

It's the economy, stupid!

von Falk Schreiber

29. Mai 2019. Ohne Superlative geht es nicht. Also wird Milo Rau im Klappentext des Bandes "Das geschichtliche Gefühl" mit hymnischen Pressezitaten gewürdigt, als "einflussreichster" (Die Zeit), "interessantester" (De Standaart) oder "ambitioniertester" (The Guardian) Theatermacher der Gegenwart. Was inhaltlich zwar wenig aussagt, aber zumindest klarstellt, dass Rau sehr international wahrgenommen wird, im durch Sprachgrenzen eingehegten Sprechtheater bis heute eher unüblich. Anders ausgedrückt: Ob Rau als Künstler nun wirklich interessant ist oder nicht, ist nicht das Thema, wichtig ist, dass man es hier mit einem prototypisch europäischen Künstler zu tun hat. Und die Tatsache, dass Rau aus der Schweiz stammt, einem Land, das schon immer über Sprachgrenzen hinwegdenken musste, ist für diese Einschätzung womöglich auch nicht irrelevant.

Eingequetscht im Tunnelblick

von Michael Wolf

12. Februar 2019. Eine Zeit lang erzählte Clemens J. Setz jedem, der es hören wollte, Zahlen stellten sich ihm farbig dar. Die Drei sei grün, die Sieben transparent gelb. In seinem Buch "Bot" gestand er: "Ich bin ein Synästhet, der selbst Demütigungen in verschiedenen Farben erlebt." Es fiele leicht, hierin nur die Bemühung zu erkennen, als bunter Hund des Literaturbetriebs zu reüssieren. Der Erfolg des Sechsunddreißigjährigen ist nicht ohne das schillernde Bild zu denken, das er dem Feuilleton gern zum Ausmalen überlässt.

"Ich bin ein Anderer in mir, den muss ich fragen"

von Andreas Wilink

Einar Schleef, geb. 17. Januar 1944 in Sangerhausen, gest. 21. Juli 2001 in Berlin. Frühe Erfahrungen waren der Arbeiteraufstand 1953, die Flucht seines älteren Bruders aus der DDR, die eigene Sprachhemmung, zwei lange Krankenhausaufenthalte wegen Tuberkulose und nach einem schweren Unfall sowie die durch ihn vereitelte Flucht der Eltern kurz vor dem Mauerbau. Schon vor dem Abitur bestand er die Aufnahmeprüfung an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, die er trotz Relegation mit Diplom bestand. Er wurde Meisterschüler bei Karl von Appen an der Deutschen Akademie der Künste, Berlin. Ihm wurden Ausstattungen an Benno Bessons Volksbühne und am Berliner Ensemble der Ruth Berghaus anvertraut. Dort wird er zum Regisseur. Seine Strindberg-"Fräulein Julie" machte 1975 Skandal. Eine Projektvorbereitung in Wien brachte ihn 1976 dazu, nicht in die DDR zurückzukehren. Es bleibt bei schwierigen Arbeitsbedingungen, großen Theater-Pausen, Konflikten, Abbrüchen, Kündigungen. Parallel entstehen literarische Werke (darunter "Gertrud" und "Totentrompeten"). 1985 holte ihn Günther Rühle ans Schauspiel Frankfurt und hält zu ihm trotz heftiger Widerstände. In den 90-er Jahren folgten Inszenierungen u.a. am Berliner Ensemble, darunter "Wessis in Weimar", wiederum begleitet von Kontroversen mit Autor Rolf Hochhuth und den Co-Intendanten Peter Zadek (contra) und Heiner Müller (pro); ebenso drei Inszenierungen an Claus Peymanns Burgtheater, darunter die gefeierte fast siebenstündige Uraufführung von Elfriede Jelineks "Das Sportstück" (1999). Viermal wurde Einar Schleef zum Berliner Theatertreffen eingeladen.

Der imperfekte Körper

von Georg Kasch

4. Januar 2019. Es gibt nicht viele autobiografische Bücher, bei denen man Richtung Showdown mitfiebert und über die Seiten rast, auch wenn das Ende bekannt ist: Miriam Maertens, Ensemblemitglied am Schauspielhaus Zürich, hat ihre Lungentransplantation überlebt, klar, andernfalls hätte sie "Verschieben wir es auf morgen" nicht schreiben können. Trotzdem kann man das Buch nicht mehr aus der Hand legen, wenn Maertens schildert, wie ihr zunehmend die Luft wegbleibt, vor allem bei den Proben zu und den Aufführungen von Faust 1-3 im stickigen Keller.

Endlich im Klassiker-Himmel?

von Kai Bremer

3. Januar 2019. Die im Netz gut zugänglichen Volltext-Versionen von Goethes "Faust" (zum Beispiel hier) präsentieren den Klassiker bisher in Fassungen, die im Hinblick auf die Zuverlässigkeit des Textes mindestens problematisch sind. Meist sind sie sogar fehlerhaft. Zwar sind das nur selten Fehler, die einen faustischen Geist aus der Fassung bringen. Aber zumindest für Leser*innen, die sprachlich sensibel etwa auf Betonungen und Akzentuierungen achten, weil sie an den performativen Dimensionen von Goethes Tragödie interessiert sind, für solche Leser*innen waren die Fassungen im Netz bislang unbefriedigend. Für sie dürfte in Zukunft www.faustedition.net das Nonplusultra sein – zumal sie Teil einer von den Herausgebern Anne Bohnenkamp, Silke Henke und Fotis Jannidis "Hybridausgabe" genannten Edition ist, die zugleich auf dem guten alten Papier in zwei Varianten erschienen ist.

Wie es in der Brust schlägt

von Shirin Sojitrawalla

26. November 2018. Was ließe sich als Nachtkritikerin von Theodor Fontane lernen? Wenn man bedenkt, dass nachtkritik.de gegründet wurde, um die "Einbahnstraße der Kritik für den Gegenverkehr zu öffnen", funktionieren die Theaterkritiken von Theodor Fontane wie Sackgassen. Es geht ihm nicht darum, ein Gespräch zu beginnen, sondern einen Abend fertig zu besprechen. Auch sonst würde man manch eine Kritik, die er verfasste, heutigen Rezensenten um die Ohren hauen: zu viel Inhaltsangabe, zu wenig Beschreibung, zu viel Blabla. Doch Fontane schrieb nicht heute, sondern in einer Zeit als Theaterkritiker noch Stammplätze im Parkett besaßen und sich am Schreibtisch vorkommen durften wie auf einem Thron.

Aus dem Drückebergerlateinischen

von Christian Rakow

22. November 2018. Bei Debütanten breitet man gemeinhin erstmal einlässlich die Vita aus. Das erübrigt sich in diesem Falle. Burghart Klaußner gehört zu den vielleicht zwei Dutzend Schauspielerinnen und Schauspielern deutscher Zunge, die man gefühlsmäßig irgendwie auf dem roten Teppich bei den Oscars verortet. Oder wenigstens mit einer Plakette auf dem Berliner "Boulevard der Stars". Als gestrenger Pfarrer in Michael Hanekes "Das weiße Band" hat er Filmgeschichte mitgeschrieben. Er arbeitete an Peter Steins Schaubühne und am phantomschmerzhaft vermissten Berliner Schillertheater, ist "Faust"-Preisträger (2012, für seinen Willy Loman im Hamburger "Tod eines Handlungsreisenden") und stand fünfmal auf den Brettern des Berliner Theatertreffens, zuletzt 2011 als König Philipp II. im Dresdner "Don Carlos".

Müllmann des Internets

von André Mumot

30. Oktober 2018. Sein Theater beginnt in der Nacht, das erfahren wir gleich auf den ersten Seiten. Falk Richter grübelt bei künstlichem Licht. Er denkt. Schaut sich Videos auf Youtube an und liest die Kommentare darunter, nimmt digitale Tuchfühlung auf mit einer aggressiven, feindselig gestimmten Wirklichkeit und beginnt sich hineinzusteigern in all das, was sich dort aufbäumt und brüllt und wettert. In solchen Momenten fühlt er sich erinnert an "eines der bekanntesten deutschen Dramen und seinen Titelhelden, der am Anfang der Tragödie Fragen stellt, auf die er keine Antworten findet, und der sich dann auf eine Reise begibt, die ihm mehr offenbart, als er sich am Ausgangspunkt seiner rauschhaften Nacht in seinem engen Studierzimmer hätte erträumen lassen".

Frankies Disko-Fieber

von Simone Kaempf

26. September 2018. Frankie ermittelt sorgfältig. Und dafür wandern viele Bacardi Cola über den Tresen: erst in München im "Jet Dancing" nahe der Sendlinger Straße, dem "Jackie O" und dem "Aquarius". Dann in der "Palette" und dem "Monokel" in Stuttgart, im "Candy" und "Downtown" in Frankfurt, in das Frankie, wie er hoch und heilig schwört, bald keinen Fuß mehr setzen will. Weiter ins "Be-Bop" und "Alpha" nach Bonn, das sich sein Gehilfe mal so richtig vorknöpfen soll. Der durstige Privatdetektiv klappert die halbe Bundesrepublik ab auf der Suche nach einem Club, der am Samstagabend des 9. Juli 1988 Madonnas Song "White Heat" gespielt hat. Die 2000 Mark Vorschuss im Handschuhfach finanzieren Diskotheken-Eintritt, Marlboro-Menthols und Mix-Getränke für Ex-Freundinnen, die er auf seinem Roadtrip reaktiviert.

Dramatisches Doppel

von Kai Bremer

4. September 2018. Vor knapp zehn Jahren hat der Theaterwissenschaftler Gottfried Fischborn die Dramen von Alfred Matusche (1909-1973) neu herausgegeben. Matusche, Arbeiterkind, ursprünglich Radiojournalist, von den Nationalsozialisten kurzzeitig inhaftiert und mit Berufsverbot belegt, begann in den 50er Jahren Theaterstücke zu schreiben. Als Erscheinung eine Art Sonderling, war Matusche für die Theatergeschichte durchaus bedeutend. Sein 1955 im Berliner Deutschen Theater uraufgeführtes Stück "Die Dorfstraße" etwa nahm einige Motive von Heiner Müllers "Die Umsiedlerin" vorweg, Theatermenschen wie Wolfgang Langhoff und Heinar Kipphardt förderten, Kollegen wie Bertolt Brecht, Heiner Müller und Peter Hacks bewunderten ihn. Der Theaterkritiker Martin Linzer schrieb: "Matusche gab in seinen Stücken immer nur einen kleinen Wirklichkeitsausschnitt, sehr genau, hoch verdichtet, in  seiner ganzen Versponnenheit ein wirklicher Dichter. Aber selten gespielt, Matusche versprach keine Breitenwirkung."

Urdeutscher Dickschädel

von Tobias Prüwer

20. August 2018. "Verzeih mir, Hamlet! Verzeiht mir, Dänen! Euer König ist gerächt. Hamlet, mein Sohn! Der Himmel erbarme mich meiner!" - Shakespeares Stoff ist nichts erspart geblieben. Lange galt "Hamlet" in Deutschland als unspielbar. Also kam die Tragödie erst einmal bearbeitet auf die Bühne, zumindest wenn man den Chronisten folgt: Zum bürgerlichen Schmonzette umgekrempelt endet mit einem Happy End. Hamlet überlebt, wird König von Dänemark, der Himmel weint vor Freunde und gibt sein Plazet.

Im Transitraum

von Sophie Diesselhorst

12. Juli 2018. Als Bastionen des Humanismus haben viele Theater sich im "Sommer der Willkommenskultur" inszeniert. Und sich dem Thema Flucht und Migration auch langfristiger verpflichtet, indem sie für ihre Spielpläne nach entsprechenden Stoffen gesucht haben. Der politische Wind hat sich indes gedreht. Auch wenn das Mittelmeer und die zigtausenden auf der Flucht Ertrunkenen und Ertrinkenden gerade mal wieder im medialen Fokus stehen: Die freiwilligen Seenotretter*innen, die zunehmend an ihrer Arbeit gehindert werden, wirken wie Helden eines unrealistischen Action-Films. Und die Flüchtenden selbst werden mehr denn je zur Menschenmasse dehumanisiert, zur Welle, zur Krise – oder gar als "Asyltouristen" verunglimpft.

Ehrenrettung

von Thomas Rothschild

29. Juni 2018. Der Begriff des "Theaterskandals" ist geläufig. Was aber genau bedeutet er? Wo liegt der Skandal? Beim Theater, dem aufgeführten oder verhinderten Stück oder bei der Reaktion darauf? War Arthur Schnitzlers "Reigen" der Skandal, oder war es der Prozess? War Thomas Bernhards "Heldenplatz" der Skandal, oder war es die Kampagne der Presse, der Politik und aufgewiegelter "Patrioten", die das Stück nicht kannten, gegen die Aufführung? Oder ist es erst das Zusammenspiel von Anlass und Reaktion, was den Skandal ausmacht?

Der deutsche Sonderweg

von Thomas Rothschild

25. Juni 2018. Bei den Philosophen, jedenfalls bei jenen, die diese Berufsbezeichnung verdienten, ehe jeder Pseudoklugschwätzer von der Medien Gnaden Philosoph genannt wurde, kam beides zusammen, bildete eine unauflösliche Einheit: die Theorieentwicklung und die Interpretation vorausgegangener philosophischer Gedanken. In der Theaterwissenschaft ist das anders. Da teilen sich die Theoretiker mit den Theaterhistorikern die Disziplin. In Deutschland steht Erika Fischer-Lichte für die Theoriebildung in der Theaterwissenschaft und Manfred Brauneck für die umfassende Theatergeschichtsschreibung. Der Großteil der übrigen Fachvertreter, spezialisiert auf einen engen Ausschnitt aus der Geschichte, beackert ein Leben lang archivarisch ein äußerst begrenztes Feld, einen so genannten "weißen Fleck", der zu Recht weiß geblieben ist, weil er, wie die Verkaufszahlen der einschlägigen Publikationen belegen, keinen Menschen interessiert.