Das Theater der feinen Unterschiede

von Francis Seeck

25. Juni 2020. Seit Kurzem wird im Kulturbereich vermehrt über soziale Ungleichheit gesprochen: Der Begriff Klassismus (engl. classism), der analog zu Rassismus und Sexismus eine Diskriminierungs- und Unterdrückungsform beschreibt, etabliert sich langsam auch im Deutschen – und wird immer seltener mit der Kunstepoche Klassizismus verwechselt (vgl. Seeck/Theißl 2020).

Das Interview entstand im Rahmen des Überblickstextes: Zur Lage der deutschsprachigen Schauspielschulen unter den Corona-Schutzverordnungen.

 

Den Zauber weiterflüstern

Maria Happel im Interview mit Elena Philipp

Maria Happel, die Theater sind geschlossen. Was fehlt Ihnen am meisten?

Das Publikum, der Geruch meiner Garderobe.

Was wird aus dem Schauspiel, einer Kontaktkunst, wenn der Körperkontakt verdächtig wird?

Es gibt nun mal die Regelungen. Wenn man sich darauf einlässt, entstehen vielleicht ganz neue Dinge. Wir mussten viel über Zoom unterrichten – und ich hätte es nicht für möglich gehalten, dass Nähe entstehen kann, wenn man einen Othello in seinem Kämmerchen in Wien sitzen hat und eine Desdemona in ihrem ehemaligen Kinderzimmer in Leipzig – das ist aber geschehen. Man sah einen Othello in einem Kriegsgebiet , der mit seiner Freundin in Leipzig chattete. Uns kam die Idee, dass man das so auf die Bühne bringen könnte, es hatte plötzlich eine andere Aktualität.

Der Mailwechsel entstand im Rahmen der Recherchen zum Überblickstext: Zur Lage der deutschsprachigen Schauspielschulen unter den Corona-Schutzverordnungen.

 

Es ist einfach ALLES anders

Mailwechsel von Frank Schubert und Elena Philipp

Frank Schubert am 8. Mai 2020: Es hat sich die Welt verändert

Liebe Elena Philipp!

Es ist seit unserem letzten Kontakt nicht nur Zeit vergangen, es hat sich die Welt verändert. Natürlich auch für die Schauspielausbildung. Gerade für die Schauspielausbildung. Und ganz speziell für die Studieneinsteiger, die nicht wissen, ob sie überhaupt noch Schauspiel studieren können.

Mit dem Untertitel "Szenen, die der Autor nicht schrieb" entwickeln unsere Studis in jedem Jahr (am Ende des ersten Semesters) eigene Szenen aus Shakespeare-Stoffen heraus. Persönlich und energiegeladen. Daran halten wir allerdings aus guten Gründen fest.

Aber Corona hat alles verändert. Auch den Blick auf die Inhalte.

Schreiben ist wie Atmen

11. Juni 2020. Überschlagen haben sich die Ereignisse zuletzt für die Theater. "Hurra, wir spielen wieder!", tönt es nach fast drei Monaten Corona-Shutdown allerorten, und groß ist die Freude über Aufführungen im Freien oder vor lose bestuhltem Parkett. Wer aber erzählt diese überstürzte Gegenwart fürs Theater? Die AutorInnen Gerhild Steinbuch und Necati Öziri fragen wir im Theaterpodcast warum  - und was – sie gerade fürs Theater schreiben, weshalb das Theater heute keine moralische, sondern eine empathische Anstalt sein sollte, und inwiefern ein zeitgemäßes Autor*innen-Theater mit kollektiven Strukturen verbunden ist. 

steven houston man writing in the dark 1000© Steven Houston

 

 

Zoomster's Paradise

von Sophie Diesselhorst

3. Juni 2020. Natürlich, der Chor der Murrenden ist laut vernehmbar. In froher Erwartung der Wiederaufnahme des "regulären" Theaterbetriebs erklären Kritiker*innen und Publikum, dass sie keine Lust mehr haben auf Theater im Internet: "Langsam reicht es mit den Zoom-Performances", schreibt Nicholas Potter in der taz. Im Nachgespräch zu Lisa Stieglers Georg-Büchner-Livecam-Performance "Lenz" vom Residenztheater München bekennt eine Zuschauerin: "Länger als eine Dreiviertelstunde wäre ich auf keinen Fall dabeigeblieben." Sogar Ex-nachtkritik-Redakteur und Kolumnist Wolfgang Behrens gestand jüngst, wie gering seine "Verweiltoleranz" bei Online-Theaterangeboten ist.

Neues, das anknüpft

von Sabine Leucht

München, 19. Mai 2020. Als Avatare sehen Barbara Mundel und Viola Hasselberg ein bisschen ungelenk aus. Schön aber ist, dass die virtuellen Doubles der künftigen Intendantin der Münchner Kammerspiele und ihrer Chefdramaturgin barfuß sind und die vergnügten Original-Stimmen ihre Steifbeinigkeit vergessen lassen. Eine Handvoll Schauspieler*innen aus dem künftigen Ensemble sagen kurz via Zoom "Hallo" und man kann in dem gigantischen Mosaik gerade noch viele alte Bekannte und eine vordergründige Diversität ausmachen, da schaltet der Vimeo-Livestream (nachzuschauen hier) schon in die Kammer 1, von der aus Barbara Mundel und Team die Pressekonferenz ins Virtuelle senden.

Wir haben ein Ensemble hier, und das wird spielen

von Sascha Westphal

16. Mai 2020. Manche Schlagworte erklingen überall in der deutschsprachigen Theaterwelt, vor allem wenn ein neues Team ein Haus übernimmt und seine Pläne vorstellt. Auf eine Handvoll Formulierungen könnte man dann fast schon Wetten abschließen. Denn welche Intendantin, welcher leitende Dramaturg würde nicht verkünden, dass man "Theater für die Stadt machen will". Und schon sind Begriffe wie "Labor" und "Agora" auch nicht mehr fern. Überaus beliebt ist zudem noch die (Selbst-)Vergewisserung, dass das Theater der ideale, wenn nicht gar der einzige Ort sei, an dem unsere Gesellschaft Perspektiven für Gegenwart und Zukunft entwickeln kann. Gegen all das ließe sich kaum etwas sagen, wenn die Arbeit an dem Haus in der Folge sichtbar von diesen Gedanken und Ideen geprägt wäre. Nur offenbart sich oft recht schnell eine auffallende Kluft zwischen vorherigem Anspruch und tatsächlicher Wirklichkeit.

Zurück aus dem Netz

12. Mai 2020. Acht Wochen nach der Theaterschließung heißt es in Hessen, NRW und Sachsen: Es darf wieder geöffnet werden – unter strengen Hygienevorschriften. Spielen ist erlaubt, mit mindestens 1,5 Metern Abstand, die Körper-Kontakt-Kunst geht auf Distanz. Nur: Welches Theater ist unter diesen Bedingungen möglich? Wird das nicht "ein Theater zum Abgewöhnen", wie der Intendant der Berliner Schaubühne, Thomas Ostermeier vermutet? Oder doch eine Chance, etwas Neues zu versuchen? Darüber sprechen Susanne Burkhardt und Elena Philipp im Theaterpodcast #25 mit der Theater-Kritikerin Cornelia Fiedler und dem Schauspieler Martin Wuttke.

Theaterpodcast 2020 05 StadionDerWeltjugend 2016 06 28 1 560 ConnyMirbach uFreilichtspiel: "Stadion der Weltjugend" von René Pollesch, 2016 im Autokino Kornwestheim bei Stuttgart © Conny Mirbach

Weshalb ich Achille Mbembe für einen Vortrag bei der Ruhrtriennale eingeladen habe

von Stefanie Carp

7. Mai 2020. Die drei Kölner Vorlesungen von Achille Mbembe im vorigen Juni in brechend vollen Sälen vor Tausenden junger Menschen, mit denen er bis Mitternacht diskutierte, die ihn nicht gehen lassen wollten, waren eine große Beglückung und Bereicherung. Am dritten Abend verabschiedete er sich schon um 22 Uhr etwas erschöpft: And now we go to dinner.
Hätte sich in diesen Sommerabenden in Köln irgendjemand vorstellen können, dass der gleiche Mann kein Jahr später wegen eines für Bochum angekündigten Vortrags öffentlich in Stücke gerissen würde.

100 Millionen Fass Öl

von Lynn Takeo Musiol und Christian Tschirner

#am Ende des Textes könnt Ihr die Zukunft befragen 🌱


6. Mai 2020. Als im Februar der erste Text unserer Reihe erschien, sah es so aus, als sei Corona ein auf die chinesische Provinzhauptstadt Wuhan beschränktes Phänomen. Inzwischen ist die öffentliche Debatte von der Frage dominiert, wie mit dem Virus umgegangen werden soll. Während viele Virolog*innen und Epidemiolog*innen mit Hinweis auf die Gefährlichkeit des Virus voreilige Lockerungen der Bewegungs- und Begegnungseinschränkungen kritisieren, wird inzwischen in unserem Kolleg*innenkreis auf eine schnelle Rückkehr zur Normalität gedrängt. Sogar von Bevormundung und Diktatur der Wissenschaftler*innen ist die Rede – eine bemerkenswerte Verdrehung von Ursache und Wirkung.

Unterkategorien