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Mit der Bubu-Biene im Garten Eden

von Marcus Hladek

Mannheim, 30. April 2011. Sein Bellen läutet, Verzeihung, bellt das Stück ein. Das bisschen Hund, als das man sich den Chihuahua von Tante Margot (Almut Henkel) vorzustellen hat, hinterlässt Haufen und wird von allen außer seinem freundlich-dummen Frauchen als inkontinent belästert. Wenn das vom Nazi-Opa ererbte Haus vor der polnischen Grenze, um das sich alles dreht, zuletzt im House-of-Usher-Stil in sich zusammenbricht, liegt das Hundeviech darunter begraben. Ansonsten ist von ihm nichts zu sehen, was dem Titel so etwas wie ironische Beiläufigkeit verleiht und den Chihuahua in seiner Namenlosigkeit zum Running Gag macht.

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Schwarze Frauen, weiße Tücher

von Ralf-Carl Langhals

Mannheim. 1. April 2011. Kein Buh, nirgends. Einem Regisseur wie Calixto Bieito wird es wahrscheinlich mulmig, wenn der ganze Saal jubelt. Und das tut er, einhellig, heftig und ungewöhnlich lange. Hat doch der in manchen Kreisen als "Skandal-Regisseur" verschriene Katalane nach seinen in Mannheim eher kontrovers diskutierten Inszenierungen Don Karlos und Lulu dort nun just jenen großen Sprechtheaterabend inszeniert, nach dem es konservative Theaterfreunde stets dürstete.

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Reden ist Silber, Schwadronieren ist Gold

von Harald Raab

Mannheim, 6. Februar 2010. Wir bleiben im Gespräch. Wir sprechen uns noch. Wir dürfen den Gesprächsfaden nicht abreißen lassen: Das Gespräch als manisches Grundrauschen aller menschlichen Beziehungen, besonders als hohles Gedöns in den Sphären der Politik. Die Kommunikationsmisere in der babylonischen Sprachverwirrung unserer Zeit hat sich die österreichische Schriftstellerin Kathrin Röggla als Generalthema vorgenommen. Nach Büchern wie "die alarmbereiten" und Stücken wie "draußen tobt die dunkelziffer" oder "worst case" jetzt ihre neue Theaterarbeit: "die unvermeidlichen".

Der Goldrausch von Hundseck

von Esther Boldt

Mannheim, 15. Januar 2010. Die Generation Praktikum hat die Schnauze voll: Sie will kein 13. Praktikum, sondern ihr Stück vom Kuchen. Will nine-to-five bei anständiger Bezahlung, ein Auto, sonntags Tatort und vielleicht ein Reihenhaus. Wie er das erreicht, hat der studierte Geologe Friedrich von den Spekulanten an der Börse gelernt: Werte imaginieren, wo keine sind – und diese meistbietend vermarkten. So zeichnet der Dauerpraktikant auf einer Karte des Schwarzwalds rasch ein paar Goldadern ein, überzeugt mit dem Ausdruck seinen letzten Chef, ins Geschäft einzusteigen und fertig ist der Goldrausch von Hundseck.

Klischee von larmoyanten Ossis

von Harald Raab

Mannheim, 18. Dezember 2010. Meck-Pomm ist in Deutschsüdwest so exotisch wie die Elfenbeinküste. Wer von den Kurpfälzern kennt einen Ossi oder war gar schon mal in Ossi-Land? Fest und ignorant steht sie noch in den Köpfen der meisten – die Mauer, Schutzwall gegen gesamtdeutsche Ansprüche der Brüder und Schwestern, dazu zu gehören. Doch sie sind nun einmal da, die Menschen mit ihren Transformationsproblemen. Materialisten wie wir und gar nicht dankbar und bescheiden. Zumindest im Nationaltheater Mannheim fordern sie Beachtung ein. Sie verstören – und das im doppelten Wortsinn.

Von Lebenslügen und anderen Feuchtgebieten

von Harald Raab

Mannheim, 20. November 2010. Spätestens seit Kurt Tucholsky und Loriot wissen wir: Männer und Frauen passen nicht zusammen. Das Autorenteam Theresia Walser und Karl-Heinz Ott setzen noch eins drauf: Mensch und Mensch, das kann nicht gut gehen. Ist natürlich kein brandneuer Stoff. Doch in ihrem aktuellen Stück "Die ganze Welt" finden sie eine ziemlich originelle Variante der Wer-hat-Angst-vor-Virginia-Woolf-Kampfzonen, Feuchtgebiete inklusive.

Köpfe unter Fremdkontrolle

von Esther Boldt

Mannheim, 23. Oktober 2010. Agnes ist echt ein Klassekerl. Mit ihren Boots und engen Stretchjeans, den kinnlangen, dunklen Locken, die sich lässig-elegant in die Luft zwirbeln. Mit ihrer Reibeisenstimme, die bärbeißig-scharf, aber auch mädchenhaft-zärtlich sein kann. Sie wohnt zwar in einem Motelzimmer zur Dauermiete und weiß nicht, was "matriarchal" heißt, aber sie hat einen staubtrockenen Humor und auch dann noch einen kessen Spruch auf den Lippen, wenn ihr Exmann ihr gerade so eine reingehauen hat, dass sie zu Boden ging.

Schlamparei (sic!) im Hexenhaus

von Ralf-Carl Langhals

Mannheim, 24. September 2010. Sie sind Managerin, Chefsekretärin, Filmproduzentin oder Wissenschaftlerin: Gabriele, Constanze, Maren und Helga haben zu tun – und Kinder mit Namen wie Lea-Marie, Antonia, Sudoku, Ludwig oder Leander. Da wird es schon mal eng, zwischen Meeting und Marketing noch schnell die Biogemüse-Streifen für die lieben Kleinen zu schneiden. Männer spielen in dieser bionade-biedermeierlichen Mittelklasse, die sich gehoben – und folgt man Autorin Felicia Zeller – auch ganz schön abgehoben nennen darf, kaum eine Rolle. Sie sind (immer noch) weit weg vom Besserverdiener-Wahnsinn zwischen Waldorf- und Waldkindergarten, fern von Kitas und Kindergeburtstagen, immun gegen den Logistikstress der Reit-, Ballett- und Klavierstunden ihrer Nachkommen. Besserverdiener-Männer bewegen sich als Senior Key Account Manager in Businesshotels oder auf Flughäfen, jedenfalls aber in anderen Umlaufbahnen als ihre verdienenden wie verdienten Besserwissergattinnen, weshalb Felicia Zeller einen von diesen Vätern buchstäblich auf den Mond geschossen und gleich zum Astronauten gemacht hat.

Boulevard mit Bürokraten

von Bernd Mand

Mannheim, 18. Juni 2010. Weit schaut es sich von hier aus. Weit und ein wenig dunstig. Die Kantine der Mannheimer Stadtverwaltung ist ein eigentümlicher Ort. Nicht nur für eine Theaterinszenierung. Über neun Etagen voller Ablagen und Regulierungskatalogen thront sie weitläufig und breit befenstert. Während unter ihr rote Plastiksitzschalen, Ordnerschränke und verwinkelte Gänge regieren. Lajos Talamonti zieht es mit seiner ersten Inszenierung für das Nationaltheater hinaus in die Stadt. Genauer gesagt zu ihrem Herzstück: der Verwaltung.

Verloren im illyrischen Trümmerland

von Bernd Mand

Mannheim, 12. Juni 2010. Blanke Holzdielen sind es, die einem letztendlich im Gedächtnis bleiben. Ein warmes rotbraunes Holzbett über dessen Nuten sich ein schweres Theaterschiff geschoben hat. Ein Schiff mit großem Namen und höchstwahrscheinlich ebenso großen Wünschen. Burkhard C. Kosminski hat Shakespeares Komödie "Was ihr wollt" am Mannheimer Nationaltheater über die Bühne gezogen und wohl zumindest auf dem unschuldigen Boden die eine oder andere Kerbe hinterlassen.

"Mit dem Boden immer im Portemonnaie"

von Bernd Mand

Mannheim, 12. Mai 2010. Wo fängt Ihre Welt eigentlich an? Beim Geburtsdatum? Beim Namensschild an Ihrer Wohnungstür? Vielleicht beim Einloggen in ihren Rechner am Arbeitsplatz? Oder ist es nicht vielmehr so, dass Sie es eigentlich gar nicht so genau sagen könnten. Die eigene Welt zu definieren ist keine einfache Angelegenheit. Nichts, was man schlichtweg selbst in die Hand nehmen könnte und zu einem sauberen Abschluss führen. Überall bleiben lose Enden, überall zwängt sich irgendetwas durch den Lattenzaun und setzt neue Unbekannte in die Gleichung ein.

Der süße Rausch der Macht

von Harald Raab

Mannheim, 24. April 2010. Dass er nach der begeisterten Aufnahme seines Erstlings "Die Räuber" mit seinem zweiten Stück "Die Verschwörung des Fiesco zu Genua" bei den Mannheimern kein Glück haben konnte, erkannte Schiller klar und unsentimental. Nach der Aufführung der eigenen Mannheimer Fassung von 1784 schrieb er: "Den Fiesco verstand das Publikum nicht. Republikanische Freiheit ist hierzulande ein Schall ohne Bedeutung – in den Adern der Pfälzer fließt kein römisches Blut."

Ich kaufe, also bin ich?

von Harald Raab

Mannheim, 24. Januar 2010. NORMA wie Aldi, nicht wie die gleichnamige Oper von Bellini: Hier spielt das richtige Leben im falschen, die großen Dramen der kleinen Existenzen, mitten in Mannheims Altstadtviertel, das Klein-Istanbul genannt wird. Hier ließ sich der Schweizer Reto Finger zu seinem neuen Stück "NORMA" inspirieren. Uraufführung hatte das poetische Dramolett am Sonntag im Studio Werkhaus des Nationaltheaters Mannheim.

Was ist ein Hals gegen einen Hemdkragen

von Tomo Mirko Pavlovic

Mannheim, 18. Dezember 2009. Herr Ellenbeck ist außergewöhnlich. Er gehört zu jenen letzten Männern, die für den Doppelten Windsor weniger als zwei Minuten benötigen. Korrekt gebundene Krawatten sind Ellenbecks Leben. Er hält sich an ihren Enden verzweifelt fest wie an einem gestorbenen geliebten Menschen. Anstecktücher. Kaschmirschals. Dicke und dünne Kunden, die einen Anzug von der Stange brauchen. Ellenbeck respektiert sie alle, auch wenn sie immer seltener vorbeikommen.

Heinrich, komm grill mit mir

von Esther Boldt

Mannheim, 28. November 2009. Da haben sich zwei gefunden! Er ist Glückssucher und sie Liebessuchende. Obwohl sie beide nicht so recht dran glauben, dass Glück und Liebe ausgerechnet für sie vorgesehen sind. Er hat festgestellt, dass sich das Glück in ihm einfach nicht ansiedeln kann. Vermutlich, singsangt er wortreich, ist sein Inneres mit Fliesen ausgekleidet, so dass es darin abrutscht. Nicht verweilen kann. Sie hat sich in Sachen Liebe ohnehin schon den Prinzessinnentraum abgeschminkt, auf dass die Frauenbefreiungstheorie nicht an ihrer Alltagspraxis scheitere. Und jetzt das: Grete tanzt auf einer Privatfete, Heinrich macht die Musik. Einen Leichtigkeitsmoment lang wähnt sie sich in einem Hollywoodfilm, er braucht erst mal einen Schnaps.

Der Kontrollwahn frisst seine Kinder

von Harald Raab

Mannheim, 7. Oktober 2009. Deutschland, deine Kinder: Mal als Prinzchen und Prinzessinnen, rundum überversorgt und in Zuckerwatte gepackt, mal als Wohlstandsverwahrloste nervend oder als No-Feature-Kids im Prekariats-Ghetto von vornherein abgeschrieben. Hilflosigkeit, Aggressionen und Versagensängste wabern in Gesellschaft und Mittelstandsfamilien. Das Bäumchen-wechsle-dich-Spiel der Schuldzuweisung wird mit verbiestertem Eifer gespielt. Den Puls der Zeit in Sachen Wohlstandsorientierungslosigkeit fühlt wieder einmal mehr Marius von Mayenburg.

Der Griff ins Höschen

von Astrid Biesemeier

Mannheim, 3. Oktober 2009. Vorsicht vor Frauen, die dauernd ihren hübschen Körper in allzu knappen Röckchen oder Kleidchen zur Schau stellen. Nicht nur, weil sie sehr wohl wissen, was sie tun. Sondern vor allem, weil sie nicht anders können. Lulu in der Inszenierung von Calixto Bieto am Nationaltheater Mannheim ist so eine Frau.

Kantinendramaturgie

von Anne Richter

Mannheim, 24. Juni 2009. Der Autor und Dramaturg René Pollesch und der Dramaturg Carl Hegemann haben nun auch in Mannheim zusammen halt gemacht. Das Motto der diesjährigen Schillertage "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt" wollen die beiden auf Gesang übertragen. "Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er singt" lautet der gewaltige Titel der knapp einstündigen Uraufführung. Sie fand in dem kurzfristig zur Spielstätte umfunktionierten Aufenthaltsraum im Werkhaus des Nationaltheaters statt.

Surrealistische Messe mit Grünpflanzen

von Ralf-Carl Langhals

Mannheim, 19. Juni 2009. Man war ja auf alle Eventualitäten vorbereitet, im Parkett wie am Regiepult. Die einen witterten den Skandal des Jahres, die anderen glaubten zu wissen, dass der zwangserotisierte Katalane als Schauspielregisseur gar nicht so wüst sei, wie einen verschreckte Opernfreunde glauben machen. Calixto Bieito indes wünschte sich mit diversen Verlautbarungen Offenheit und Toleranz, auch bei denen, die musikvermischte Sprechopern und zeitgenössische Regie nicht mögen. Die Dramaturgie verkündete man streiche Text, um den Schillerfiguren näher zu kommen.

In jedem Hafen eine Frau

von Esther Boldt

Mannheim, 30. April 2009. Hinter den Fenstern liegt der Hafen mit seinen Frachtcontainern und Kränen, die bizarr in den Himmel staken, und am Horizont fließen Rhein und Neckar zusammen. Vor den Fenstern plaudern drei Schauspieler und zwei Musiker vor sich hin, singen Lieder zum Mitschunkeln und rahmen den Ausblick mit Anekdoten, mit Geschichten von Käpt’n Ahab, von einem "Fremdländer" mit goldenem Nasenring und anderem Gespinsten.

Tal der Ahnungslosen

von Ralf-Carl Langhals

Mannheim, 25. April 2009. Dass die besten Amerika-Geschichten von Leuten stammen, die nie dort waren, sollte zu denken geben. Ob Karl May oder Franz Kafka, Sehnsüchte, Detailkenntnisse und Vorstellungsvermögen reichen allemal, das Land der vermeintlich unbegrenzten Möglichkeiten als abenteuerlich zu erleben. Unsicher sind die Verhältnisse in Prärie und Wolkenkratzer ohnehin, daher nimmt es nicht Wunder, dass Kafka seinen Karl Roßmann, den traurigen Antihelden seines Romanfragments "Amerika", in Tagebüchern als "Der Verschollene" verewigen wollte.

Die Claudia als Wille und Vorstellung

von Tomo Mirko Pavlovic

Mannheim, 17. April 2009. Claudia ist ein Mensch, der nicht erzählt werden kann. Weder im Roman noch auf der Bühne. Denn Claudia ist eine einzige Vorstellung von sich selbst, von ihren Möglichkeiten, von fremden Träumen, von unseren Sehnsüchten. Will man die eine Claudia verstehen oder gar spielen, erklingt sofort eine zweite oder dritte Stimme, welche die erste übertönt, überlagert. Es kommt zu ungeahnten Verstärkungen, reizvollen Interferenzen, und man meint dann, etwas Bedeutendes herausgehört zu haben, vielleicht diesen einen klaren, dominanten Ton – so etwas wie eine Geschichte.

Der leuchtende Augenblick des Schicksals

von Esther Boldt

Mannheim, 5. März 2009. Es ist der Moment, in dem das ganze Leben auf einen Punkt zusammenschnurrt. In dem etwas umschlägt und eine Erkenntnis sich breit macht: Dass es so nicht weitergeht. Und dass dennoch alles Vergangene schöner war, als man dachte. Dies ist der "Königsmoment" – und "Königs Moment" ist der Titel des neuen Stückes des Autors, Schauspielers und Regisseurs Jan Neumann. "Ein Königsmoment", schreibt Neumann im Programmheft, "ist ein Moment in dem man alles versteht. Findet Herr König.

Das letzte Band des Politikers

von Ralf-Carl Langhals

Mannheim, 28. Februar 2009. Am Aschermittwoch soll ja alles vorbei sein. In Mannheim haben sich der politische Aschermittwoch und der große Kehraus bis zum Wochenende gehalten. Auf der Bühne des Nationaltheaters, wenige Tage zuvor noch Ort frohsinniger Ordensverleihungen, wird statt der Fasnacht ein Politiker begraben. Statt Hering gibt es Haxen, schließlich befinden wir uns szenisch irgendwo im tiefsten Bayern, wo, so will es Albert Ostermaier, eine linke Partei auf dem Vormarsch ist. Kurios.

Unendlichkeit der Breite nach

von Esther Boldt

Mannheim, 20. Januar 2009. Und diese beiden sollen mal eine Unendlichkeit miteinander gehabt haben? Er, mit Schnauzer, Kassengestell in der Visage und rotem Baseball-Pulli, sie im Kapuzenkleid, mit schicken Stiefeln und blaugrünen Strumpfhosen? Der stumme Stoffelspießer Oli, der jetzt schon ausschaut wie sein eigener Vater und Dani, die Zorn- und Ratlosigkeitsträgerin, die ihre Kapuze als Tarnkappe benutzt und wirkt, als sei sie aus einer "Star Trek"-Folge heraus gefallen? Unvorstellbar, dass diesen beiden mal die Unendlichkeit gewunken haben soll.