Iron Maiden, Golden Girl, Männerphantasie

von Otto Paul Burkhardt

Mannheim, 6. Januar 2009. Kommt ein netter Herr in Anzug und Krawatte auf die völlig leere, schwarze Bühne, setzt sich auf einen mitgebrachten Barhocker, sagt "Guten Abend" und fängt mit dem Prolog im O-Ton Schiller an. Erläutert zwischendrin, dass da nun Johannas Vater Thibaut d'Arc spricht. Berichtet vom Siegeszug der "Engelländer" in Frankreich. Fährt fort mit einem wehklagenden "Oh" und setzt laut in Klammern dazu "jetzt redet sich der Vater langsam in Rage".

Schwebeleicht verrätselt

von Otto Paul Burkhardt

Mannheim, 13. Dezember 2008. Frau Firm ist verschwunden. Einfach so. Von heute auf morgen. Alle sprechen darüber. Doch bei näherem Hinhören zeigt sich: Die Verbleibenden reden gar nicht wirklich über die Abwesende, sondern weiter über sich selbst. Sie warten auch nicht auf die Verschwundene, sondern warten auf sich selbst. Und wieder sind wir mitten in einem typischen Theresia-Walser-Kosmos: Eine Runde wunderlicher, verlorener Figuren, denen nicht nur Frau Firm, sondern gleichsam eine generelle Mitte fehlt. Die Personen umkreisen sich und diese Leere. Die Zeit dreht sich um sich selbst.

Die Vermessung der Liebesnähe und Distanz

von Esther Boldt

Mannheim, 15. November 2008. Steht ein Schaukasten auf der Bühne, gelborange leuchtend. Darin der reinste Biedermeierkitsch, Polstermöbelsitzecken, ein Flügel, und im Kamin glüht ein falsches Feuer. Über dem Kasten aber meldet ein Schriftzug in schönster Magritte-Schreibschrift Zweifel daran an, dass man dem Augenschein trauen sollte: "Ce n'est pas un salon bourgeois." Denn dies ist nur eine Bühne auf der Bühne, die Seitenbühne und das Materiallager liegen offen.

Johlen und atemloses Stillschweigen

von Ralf-Carl Langhals

Mannheim, 31. Oktober 2008. "Warum gar bis aufs Blut die Leut' sich quälen und schinden" versuchte einst Richard Wagners Hans Sachs zu ergründen. Nun, von Nürnberg bis in den mittleren Westen der USA ist es ein weiter Weg. Dennoch stellt diese meisterliche Frage letztlich auch Tracy Letts in seinem in den USA preisgekrönten Stück "Eine Familie/August: Osage County", das Mannheims Schauspieldirektor Burkhard C. Kosminski als deutschsprachige Erstaufführung am Nationaltheater auf die Bühne brachte.

 

Zuhaus in yadda yadda yadda

von Esther Boldt

Mannheim, 1.Oktober 2008. Es sind Fremde im Haus! Oder? Wo kommen die her? Sie kommen von der Bühne in den Zuschauerraum geschlappt, in Trainingshosen und jugendlichen Mützen. Auf der Bühne flattert einer in Pluderhosen und Turban herum, Musik hebt zu gedämpftem Pathos an, im Zuschauerraum wird ein bisschen gepöbelt, bevor die Jungs den Pluderhosenmann aus dem Saal werfen. Und dann geht’s los.

Habe nun, ach, na ja, ...

von Ralf-Carl Langhals

Mannheim, 25. Juni 2008. Ganze Welten sollen ja in ihm liegen, diesem zutiefst erkenntniskritischen Goetheschen "Ach", das den berühmtesten deutschen Akademiker nach seinem "Habe nun" und frustrierenden Mühen an diversen Fakultäten "unruhig auf seinem Sessel am Pulte" hin- und herreißt. In weniger hochstudierten Kreisen steht so ein "Ach" heute noch für sanftes Erstaunen, auch für ein eher ratloses "Na ja". Oder gar ein leicht bedauerndes "Schade".

Der Fremde auf meinem Berg

von Esther Boldt 

Mannheim, 6. März 2008. Schon immer haftete den Bergen Mythisches an. Sie verkünden den Rand der Zivilisation und einen unbeherrschbaren Rest Natur – und das in nächster Nähe. Hier kann ein Blick von einem Gipfel fremde Welten eröffnen und ein Wetterumschwung Leben kosten. Aus einer solchen Grenzsituation hat der 27-jährige Schweizer Autor Lorenz Langenegger ein Stück gemacht, "Nah und hoch hinaus".

Papa ex Machina

Von Ralf-Carl Langhals

Mannheim, 15. Dezember 2007. Nur noch wenige Türchen am Adventskalender, dann ist es soweit: "Herbei, o ihr Gläub'gen!" Kämen sie nach Mannheim, hätten sie wenig Anlass zum fröhlich triumphieren. Dort, am Schauspielhaus des Nationaltheaters, hat just in der Nacht zum dritten Advent Christoph Nußbaumeders jüngstes Dramenkind das Scheinwerferlicht der Bühnenwelt erblickt.

Aber lieb, aber lieb sin se doch

von Ralf-Carl Langhals

Mannheim, 11. November 2007. Das Ungleichgewicht von Materie und Antimaterie ist eine der Voraussetzungen für die Stabilität unseres Universums, und somit auch für das Leben auf der Erde. Soweit die Teilchen- und Elementarteilchenphysik. Doch just die Antimaterie hat es Paul angetan. Ein ungewöhnliches Steckenpferd für einen 20-jährigen Autoverkäufer.

Der Subtext der Macht

von Esther Boldt

Mannheim, 5. Oktober 2007. Die Stoffsuchmaschine Dramaturgie läuft auf Hochtouren: Hierzulande ist der gleichnamige Film noch nicht mal im Kino angelaufen, schon wird Lars von Triers "Der Boss vom Ganzen" im Theater uraufgeführt. Im Nationaltheater Mannheim nimmt sich die junge, vergangenes Jahr vom Schauspiel Frankfurt gekommene Regisseurin Christiane J. Schneider des Textes an.

Vom Reißbrett des Dramatikers

von Esther Boldt

Mannheim, 15. Juni 2007. Weil der Mensch des Menschen ärgster Feind ist, werden den Künstlern zum Schlussapplaus Spiegel überreicht. Auf ihnen steht das Motto der 14. Internationalen Schillertage, "Bestie Mensch", und das Theater als moralische Anstalt bleckt vieldeutig seine Zähne.