Endlosschleife der Selbstversicherung

von Harald Raab

Weimar, 30. August 2019. "Wir sind ja hier im Theater", gibt der Politkünstler Philipp Ruch beim "Gedenkabend" des Zentrums für politische Schönheit, "Das Riff der Geschichte", zum Besten. Ein Versprecher? Eingeladen ist er zum Kunstfest Weimar. Um zu erklären, wie die Zukunft der Erinnerung an den Holocaust aussehen könnte. Aber zum einen war man nicht im Theater, sondern im Gebäude der ehemaligen Notenbank, zum anderen: wenn diese Diskussionsveranstaltung Theater war, dann war es ein herzlich schlecht inszeniertes Stück. Passiert ja öfter, also kein Drama. Ärgerlich nur, dass es um ein sehr ernstes, für das gesellschaftliche Miteinander wichtiges Thema geht: Um Erinnerungskultur in Zeiten, in denen man schon wieder unwidersprochen sagen kann, doch endlich Schluss zu machen mit der ewigen Vergangenheitsbewältigung, in denen Hetze gegen Menschen anderer Herkunft und übelster Rassismus in aller Öffentlichkeit und ganz besonders im weltweiten Netz Konjunktur haben.

Eine Verfassung, die es gut meinte

von Harald Raab

Weimar, 23. August 2019. "Durch Deutschland geht ein tiefer Riss - dafür gibt es keinen Kompromiss", singt Bariton Matthias Goerne das Spottlied Kurt Tucholskys auf Politiker-Techtelmechtel im "Reichstags-Reenactment" zum Auftakt des Weimarer Kunstfests. Vor der Fassade des Deutschen Nationaltheaters bauscht sich mächtig die schwarz-rot-goldene Fahne im Wind. Die Republik feiert die Geburtsstunde der ersten deutschen Demokratie. Sie hat vor 100 Jahren genau an diesem Ort stattgefunden. Weimarer*innen sind in langen Röcken und mit Topfhut erschienen, Männer mit sommerlichem Girardi-Hut, um auf dem Platz vor dem Theater eine historische Aufnahme nachzustellen. Unbeeindruckt von der Masse Mensch damals wie heute das Duo Goethe und Schiller auf hohem Denkmalsockel. Was treibt das Völkchen da schon wieder?

Blockföten im Pappparlament

von Tobias Prüwer

Weimar, 28. August 2018. Alkoholausschank im Varieté hat einen verdammt guten Grund. Dadurch wird das Publikum gelassen-ausgelassen. Man will schließlich bespaßen und animieren, da ist Alkohol ein guter Katalysator. Auch um die Grenze des Erträglichen zu erhöhen. Im E-Werk Weimar verzichtet Regisseurin Suse Wächter auf dieses Mittel. Und gestaltet ihre Uraufführung von "Hört, hört!" im Rahmen des Kunstfestes Weimar rund um die Bauhaus-Landtagsdebatte von anno dazumal als nüchterne und ernüchternde Mitmach-Revue.

Hinter den Statuen

von Kornelius Friz

Weimar, 24. August 2018. Auf dem Gang beginnt "Meet Juliet, Meet Romeo", mit Kopfhörern auf den Ohren. Es werden immer zwei Personen zur gleichen Zeit eingelassen. Während sie anhand eines Hörspiels mit plätschernden Piano-Sounds nach Verona getragen werden sollen, flüstert die eine Einlassperson zur anderen: "Im Theater will ich echte Menschen sehen. Das hier interessiert mich nicht, da könnte ich auch ins Kino gehen."

Die ganze Bande eine Sauce

von Henryk Goldberg

Weimar, 18. August 2018. Da kommt was auf uns zu. Es kommt durch die geöffnete Tür des Eisernen Vorhangs: ein Ding mit den Brüsten der Frau und dem Gemächt des Mannes, beide groß und baumelnd. Das Ding, es kann laufen, zertritt, nach Überlegung, einen Frosch – nicht. Es ist die erste und die letzte Brutalität, die eines dieser Dinger nicht begehen wird. Dann setzt es sich die Krone auf, und damit beginnt alles. Diese Krone ist das einzige, was sie alle wollen, und es ist das Einzige, wofür sie alles tun.

Der Enkeltrick

von Gabi Hift

Weimar, 29. August 2017. SED. Sie wissen schon. Nun stellen Sie sich vor, Sie hören eine Weimarer Zwölfjährige einen Text vorlesen, und statt "Ess. ee. dee" liest sie "Sed"- als wär's der Anfang von Sedativ oder Sedlmayer. Finden sie das a) Erschütternd? Faszinierend? Irre schrill? Dann ist diese Aufführung vielleicht genau das Richtige für Sie. Oder haben Sie b) "Eh klar – und was weiter?" gedacht? Dann könnten sie in den Würgegriff einer so quälenden Langeweile kommen, wie Sie sie zuletzt in der Schule erlebt haben.

Aus den Rollen treten

von Michael Laages

26. August 2017. Wem die Jungfrau gehört? Den Franzosen natürlich. Schon Friedrich Schiller hatte sie den Nachbarn ja kunstvoll entwendet und seinen Landsleuten zugänglich gemacht – damit sie wenigstens auf der Bühne wahrnehmen konnten, was das ist: ein Mythos der Freiheit. Ihr eigener Cherusker Herrmann taugte dafür nur bedingt, was bald darauf Kollege Kleist belegte. Eine Sehnsuchtsfigur wie das zwischen Berufung und eigenem Selbst zerrissene Bauernmädchen Jeanne lebt aber auch in der kollektiven Erinnerung Afghanistans; "Malalai" heißt sie, und in der Schlacht gegen die englischen Kolonialherren 1880 bei Maiwand führte diese Sanitäterin (so erzählt es jedenfalls die Legende) die bereits zu Aufgabe, Flucht und Unterwerfung bereiten Befreiungskrieger gegen jede Vernunft zum Sieg. Die transnationale Begegnung der Jungfrauen ist der Ausgangspunkt des Theaterprojekts, das jetzt beim "Kunstfest" in Weimar Premiere hat.