Ehret den Esel!

von Wolfgang Behrens

Berlin, 1. Oktober 2019. Es gibt eine Frage, die mich zeit meines Theaterlebens verfolgt – und zwar unabhängig davon, ob ich gerade Zuschauer, Kritiker oder Dramaturg war. Ich kann diese Frage noch so oft zu beantworten versuchen, sie kommt immer wieder, lässt sich nicht abschütteln und zielt permanent ins Innerste des eigenen Theaterverständnisses. Sie wird gern von Leuten gestellt, die man auf Taufen, Konfirmationen und Hochzeiten trifft, also zu Gelegenheiten, bei denen man lästigerweise über den gleichfalls ins Theater vernarrten Freundes- und Kollegenkreis hinauszuschauen gezwungen ist. Besonders häufig kommt die Frage übrigens von Musiker*innen und von Teilnehmer*innen an Publikumsdiskussionen. Sie lautet: Warum wird ein Stück nicht so aufgeführt, wie es im Text steht? (Die Musiker*innen pflegen dann stets anzufügen, dass sie doch schließlich auch laut spielten, wenn ein "forte" in der Partitur stehe, und bei einem "ritardando" nicht beschleunigten.)

Silbriger Dramaturgenglanz

von Wolfgang Behrens

Berlin, 21. Mai 2019. Als ich noch ein Kritiker war, hielt sich mein Beliebtheitsgrad unter Theaterleuten sicherlich in Grenzen – man war ja schließlich ein Kritiker und als solcher ein Feind des Theaters –, aber ich stand zumindest unter keinem Legitimationsdruck. Wenn ich erwähnte, welcher Profession ich nachging, hatten die Menschen in der Regel so ungefähr eine Ahnung, was ich tue.

"Ignaz, hast du den bestellt?“

von Wolfgang Behrens

9. April 2019. Vor fünf Wochen erschien an dieser Stelle eine Kolumne, die von störenden Zwischenrufern im Theater handelte (und auch von den – wenngleich signifikant selteneren – Zwischenruferinnen). Auf der nach oben offenen Störungsskala ist mit ihnen allerdings noch lange kein Spitzenwert erreicht, denn es gibt noch die zwar raren, aber umso eindrücklicheren Störer, die handfest ins Geschehen eingreifen, indem sie uneingeladen in den Bühnenbereich eindringen: sozusagen die (aus Sportveranstaltungen sattsam bekannten) Flitzer des Theaters.

"Dem kommt's gleich!"

von Wolfgang Behrens

5. März 2019. Vor fünf Wochen bedachte ich an dieser Stelle diejenigen mit leisem, aber insistierendem Spott, die das Theaterparkett nicht zuletzt dafür nutzen, beharrlich ihr Störpotential zu entfalten. Was ich den damals getadelten Herrschaften jedoch zugute halten muss, ist, dass sie ohne Arg handeln: Es käme ihnen gar nicht in den Sinn, dass das Knisterpapierchen, welches sie von der ersehnten Pastille abstreifen, auch noch im dritten Rang hörbar sein könnte; und ihr Parfüm haben sie schon zehn Sekunden nach dem Auftrag nicht mehr selbst wahrnehmen können, weswegen sie reinsten Gewissens noch einmal ordentlich nachgelegt haben.

Ssssssst oder 'S große Rascheln und Röcheln

von Wolfgang Behrens

29. Januar 2019. Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es nicht statthaft sei, Texte oder gar Kolumnen über die Verspätungen und Servicepannen der Deutschen Bahn zu verfassen, da diese ein viel zu wohlfeiles Opfer darstelle. Schade eigentlich, denn als zwischen Berlin und Wiesbaden pendelnde dramaturgische Schienenexistenz hätte ich da viel zu erzählen. Ähnlich verhält es sich wohl mit Texten über das hustende, röchelnde, raschelnde Publikum bei Veranstaltungen der Hochkultur. Auch das ist ein überaus dankbares Spottobjekt, und wirklich jeder kennt diese Geschichten: "Und just in dem Moment, als Harnoncourt den Taktstock zum Einsatz hob, klingelte ein Handy." Oder: "Und dann hat eine Oma (#PoliticallyIncorrect, I know) hinter mir an der leisesten Stelle ein Bonbon ausgepackt …" Wobei mir einfällt – ja, das muss ich erzählen: Gerade neulich hat eine Oma hinter mir an der leisesten Stelle ein Bonbon ausgepackt, und zwar so quälend langsam, als gälte es, die Vorfreude auf die gaumenbefeuchtende Leckerei so lange wie möglich auszukosten – als plötzlich eine tiefe Greisenstimme in Zimmerlautstärke dazwischenfuhr: "Kannste mir auch eins geben?"

Die Kritikerfalle

von Wolfgang Behrens

11. Dezember 2018. Man darf sich den Kritiker nicht als glücklichen Menschen vorstellen. Macht ja auch keiner. Christine Dössel – immerhin selbst Kritikerin – beschrieb ihn vor ein paar Jahren als "ein bisschen gebeugt, gram und miesmuffelig." Und das war noch freundlich ausgedrückt, denn die meisten vermuten hinter dem Kritiker einen durch und durch bösen Menschen, der sich zu seinem Platz im Parkett, Reihe 6, Mitte einzig mit dem Ziel schleppt, eine in wochenlanger Mühsal geprobte Theaterarbeit im Handstreich zu erledigen.

Best never rest

von Wolfgang Behrens

23. Oktober 2018. Ich bin in meinem Leben schon vielen hässlichen Sätzen begegnet. "Best never rest" ist natürlich einer von ihnen, oder "Wenn der Bratmaxe grillt, fängt die Stimmung an", oder auch: "Alles wird gut." Der Schriftsteller Max Goldt hat es sogar einmal unternommen, den hässlichsten Satz der deutschen Sprache zu küren. Ich will die Spannung nicht unnötig steigern und zitiere ihn hier sogleich: "In schonungslos verknappter Sprache bringt er die alltägliche Gewalt auf die Bühne und liefert so eine radikale Bestandsaufnahme des Lebensgefühls einer Generation."