Regelwerk der Komik

von Wolfgang Behrens

5. Dezember 2017. Wenn man am Theater etwas Lustiges spielt, sollte man die Kritiker*innen unbedingt so weit als möglich auseinander setzen. Denn weniges ist dem Kritikermenschen peinlicher als vor beziehungsweise neben oder hinter Kolleg*innen zu lachen, wenn diese nicht lachen. Oft reicht schon ein einziger nicht lachender Kritiker aus, um einen unabsehbaren Domino-Effekt auszulösen: Was? Herr S. lacht nicht? Oha, da lache ich mal besser auch nicht, sonst denkt Herr S. am Ende gar, ich sei so ein dummer verkicherter Typ, der schon laut losgackert, wenn einer auf einer Spermaspur ausrutscht. Frau L. lacht sowieso nicht, wenn ich nicht lache, und am Ende sitzt da ein kompakt unlustiger Kritiker*innenblock, der konzentriert nach vorne starrt und alles unsagbar albern findet, während sich das Publikum wie Bolle amüsiert.

Das einsame Lachen des Dramaturgen

von Wolfgang Behrens

7. November 2017. Als ich noch ein Kritiker war, habe ich einmal auf bösartige Weise einen Dramaturgen bloßgestellt. Eigentlich war es gar kein richtiger Dramaturg, sondern ein Autor, aber der Autor hatte im bewussten Fall eine genuin dramaturgische Aufgabe übernommen: Er hatte aus Bertolt Brechts Romanfragment "Die Geschäfte des Herrn Julius Caesar" eine Bühnenfassung erstellt. Nun war es nicht etwa so, dass ich den zum Dramaturgen gewordenen Autor deswegen schalt, weil er seinen Job schlecht gemacht hätte. Nein, infam, wie ich war (ich war ja Kritiker!), zerrte ich ihn dort ins Rampenlicht, wo er sich mit Recht im Schutze der Anonymität wähnen durfte: im Publikum.

Plötzlich Dramaturg

von Wolfgang Behrens

3. Oktober 2017. In den 1990er Jahren war die gesamte überregionale Theaterkritik von alten Männern besetzt, die gnadenlos ihre ästhetischen Vorlieben aus den 1970er Jahren hochschrieben und alles andere gründlich vernichteten. Die gesamte überregionale Theaterkritik? Nein! Einen unbeugsamen Jungkritiker gab es damals, der sich nicht schrecken ließ und gegen die herrschende Alt-Herren-Meinung Regisseure wie Frank Castorf und Einar Schleef als die neuen Großkünstler feierte.

Ende mit Schrecken

von Wolfgang Behrens

27. Juni 2017. Und es wird sein Heulen und Zähneklappern, und die Volksbühne wird nicht mehr sein, das Berliner Ensemble wird nicht mehr sein, und ihr werdet abseits sitzen vom Tische der Kunst und hinausgeworfen sein in die äußerste Finsternis. Und ihr werdet euch mit Wildfremden in den Armen liegen, tanzen und feiern bis tief in die Nacht und Lebewohl sagen. Ich aber werde nicht dabei sein. Ich werde zu Hause sitzen und Castorf und Dercon, Peymann und Reese gute Männer sein lassen, denn ich weiß, wie es ist, von einem Theater Abschied zu nehmen. Es ist schrecklich.

Mordwaffe Buch

von Wolfgang Behrens

Berlin, 23. Mai 2017. Meine erste Intendanz endete 1990. Diejenige Intendanz nämlich, die mich geprägt, die mich zum Zuschauer gemacht hat. Diejenige Intendanz, während derer ich erstmals das Theater als wesentliches Welterkenntnisinstrument kennengelernt habe. Es war das die Intendanz von Günther Rühle in Frankfurt, die nur eine weltgeschichtliche Nanosekunde währte – fünf Jahre, da können Castorf, Peymann und Wolfgang Bordel nur müde lachen.

Muss da nicht ein Buh her?

von Wolfgang Behrens

18. April 2017. Seit einigen Wochen erst ist Oliver Mears im Amt, doch der neue Intendant des Royal Opera House Covent Garden hat schon eine wichtige Botschaft an das Publikum. Im Telegraph und in einigen anderen englischen Medien konnte man sie vernehmen: "Oliver Mears said ticketholders should applaud even if a performance is not to their liking. It is simply a question of manners." [Oliver Mears sagte, Zuschauer sollten auch dann applaudieren, wenn ihnen die Aufführung nicht gefallen hat. Es sei schlicht eine Frage des Benehmens.] Und vor allem sollten die Zuschauer nicht buhen.

Die große Verarsche

von Wolfgang Behrens

14. März 2017. Langsam, da die Macht des Faktischen obsiegt, beruhigen sich die Gemüter wieder – der Streit, der sich um die Neubesetzung der Intendanz an der Berliner Volksbühne entsponnen hat, tritt nun in seine präfinale Phase. Und vielleicht ist das ein guter Moment, um noch einmal eine Gruppe in den Blick zu nehmen, die während dieses epischen Kampfes komplett in Vergessenheit geraten ist. Denn es gibt ja nicht nur diejenigen, die auch fürderhin in der Volksbühne mit Frank Castorf ihrer provinziellen Anarcho-Sentimentalität frönen wollen, und diejenigen, die meinen, dass Castorfs Zeit jetzt einfach mal vorbei sei. Es gibt auch noch die, die glauben, dass Castorfs Zeit eigentlich nie hätte sein dürfen.