Ein – – – was???

von Wolfgang Behrens

1. September 2015. Immer mal wieder kocht es hoch. Immer mal wieder erregt sich jemand darüber, dass es auf nachtkritik.de Kommentare von Menschen zu lesen gibt, die anonym bleiben. Für manche ist die Anonymität sogar der Wesenskern von nachtkritik.de – erst in der letzten Woche etwa konnte man in einem Berliner Stadtmagazin nachlesen, nachtkritik.de sei ein "Portal, auf dem anonyme Schreiber gerne alles Mögliche und Unmögliche mutmaßen."

Ufos auf Domstufen

von Wolfgang Behrens

29. Juli 2015. Gestehen wir es rundheraus: Der Kritiker freut sich auf das Sommerloch. Nach einer anstrengenden Saison lechzt er förmlich nach einer Theaterpause. Als ich noch ein Zuschauer war, war das freilich anders. Wie ein Süchtiger auf Entzug taumelte man im Sommer dahin auf der Suche nach einem ästhetischen Kick. Weil aber die Salzburger Festspiele zu teuer und überhaupt zu exklusiv waren und weil man bei den Bayreuther Festspielen länger auf eine Karte warten musste, als man überhaupt Zeitspannen zu überschauen in der Lage war, stocherte man orientierungslos im Sommertheater-Angebot seiner Region oder seines Urlaubsorts herum. Und im schlimmsten Fall tappte man hinein in die Fallen, die das Sommertheater stellt.

Suchanfrage "Regie-Rabauke"

von Wolfgang Behrens

23. Juni 2015. Das Beste am Norden ist seine Gerichtsbarkeit. Denn in Pasewalk – einem 10.000-Seelen Städtchen in Vorpommern – hat ein Amtsgericht einen Mitarbeiter des Nordkuriers zu 1.000 Euro Strafe verurteilt. Der Journalist hatte einen Jäger als "Rabauken" bezeichnet, nur weil der ein totes Reh an der Anhänger-Kupplung seines Fahrzeugs über die Bundesstraße geschleift hatte. Vonseiten des Jägers ein alltägliches Kavaliers-Delikt also, vonseiten des Nordkurier-Manns hingegen eine ungeheuerliche Entgleisung.

Missversteht euch!

von Wolfgang Behrens

19. Mai 2015. Ich gehe ja übrigens nicht mehr zu den Publikumsgesprächen beim Theatertreffen. Ich möchte nicht sehen, wie Kritiker*innen als Moderatoren oder Juroren den Kuschelkurs fahren ("Für mich war das die beste Aufführung des Festivals – wie sehen Sie das als Regisseur?") oder wie sie – schlimmer noch – den Produktionsdramaturgen spielen ("Ich habe die Aufführung als ganz große Metapher für die ausgebrannte Gesellschaft gelesen. Liege ich da richtig?"). Ich möchte nicht hören, wie Schauspieler*innen wie Fußballer antworten ("Wie haben Sie die Rolle angelegt?" "Also ich hab' die Rolle einfach so gespielt! Ich hab' da nicht groß nachgedacht ..."), und ich möchte nicht erleben, wie sich Regisseur*innen als nette Menschen präsentieren ("Man hätte das auch ganz anders inszenieren können, aber ich hab's halt so gemacht."). Ich muss und will nicht dabeisein, wenn sich das Theater in seiner ganzen betriebsnudeligen Harmlosigkeit offenbart.

Kampf ums Theater

von Wolfgang Behrens

14. April 2015. Als ich noch ein Zuschauer war, bedeutete das Theater noch etwas. Und weil das Theater noch etwas bedeutete, trieb man auch einigen Aufwand, um hineinzukommen. Oder war es umgekehrt? Weil man einigen Aufwand trieb, um ins Theater hineinzukommen, bedeutete es damals noch etwas?

Wie ich einmal für Barbara Brecht-Schall aufstand

von Wolfgang Behrens

10. März 2015. Ich habe keine Ahnung, was die Brecht-Erben damals geritten hat. Vielleicht wäre es besser gewesen, sie hätten – wie sie's in solchen Fällen doch nun mal zu tun pflegen – die Aufführungsrechte verweigert. Es hätte dann jedenfalls eine Prügelei weniger gegeben, und ich hätte mir nicht von der Zeitschrift Theater der Zeit nachsagen lassen müssen, mich über "freien Umgang mit Text und Publikum" zu empören.

Sie merken's nicht mal!

von Wolfgang Behrens

3. Februar 2015. Als ich noch ein Zuschauer war, da hasste ich die Kritiker. Nicht alle, aber doch viele von ihnen. Denn sie waren alt, und sie schrieben nicht über das Theater, das ich sah. Das heißt, natürlich schrieben sie über das Theater, das ich sah, aber sie sahen es nicht. Was sie sahen, diese Herren Iden, Henrichs und Stadelmaier (die Ältesten unter uns werden sich ihrer noch entsinnen, etwa dann, wenn sie morgens die Frankfurter Allgemeine aufschlagen), das war ihre Erinnerung an Aufführungen, die sie vor langer, langer Zeit gesehen hatten. Für das großartige, fantastische, bewegende, aufregende, bewunderungswürdige, grundstürzende, einfach nur geile Theater, das gerade hier – HIER! – und jetzt – JETZT! – stattfand, hatten sie kein Auge und kein Ohr.