Kontinuität und Verlässlichkeit!

von Thomas Rothschild

Dornbirn, 3. Dezember 2019. Isabella, gespielt von Isabella Jeschke – die Figuren tragen in diesem Stück die Vornamen ihrer Darstellerinnen –, tänzelt mit weichen Knien in den Vordergrund und kaut Kaugummi. Kirstin (Schwab) leckt ihr die nackte Schulter. Susanne (Brandt) hält sich abseits. Zwei Männer in hochgeschlossenen schwarzen Pullis, karierten Hosen und Sicherheitsschuhen stehen, den größten Teil des Abends stumm, auf flachen Podien und klopfen sich auf die Oberschenkel. Hinten wartet die Wiener Band Dun Field Three auf ihren Einsatz, links und rechts oben sieht man in Zeitlupe klatschende Hände in Großaufnahme. Das Aktionstheater Ensemble landet seinen neuesten Coup.

Riesenthema!

von Thomas Rothschild

Bregenz, 4. Juni 2019. Bei so viel Direktheit gibt es kein Entrinnen. Michaela Bilgeri tritt an den vorderen Rand der Spielfläche des Theaters Kosmos in Bregenz und erklärt mit Nachdruck: "Bis ich 23 war, habe ich nie masturbiert." Nachdem sie beschrieben hat, wie sie in jungen Jahren zu ihrem Orgasmus gekommen ist, wiederholt sie mehrmals: "Umweltschutz ist ein Riesenthema bei uns. Soziale Gerechtigkeit ist ein Riesenthema bei uns. Afrika ist ein Riesenthema bei uns. Selbstbefriedigung ist ein Riesenthema bei uns." Und so weiter. Václav Havels "Gartenfest", 53 Jahre danach. Dann kommen die anderen fünf auf die Bühne, Maria Fliri, Andreas Jähnert, Thomas Kolle, Fabian Schiffkorn und Benjamin Vanyek, in schmutzig-weißer Kleidung allesamt. Sie schauen ein wenig debil ins Publikum und quasseln los. Der Abend trägt den Titel "Wie geht es weiter – die gelähmte Zivilgesellschaft".

Die Fratze des Religiösen

von Petra Nachbaur

Bregenz, 7. Juni 2017. Was haben Alev, Martin und Benjamin gemeinsam? Die Maria! Alle drei haben schon die Gottesmutter gegeben, seinerzeit im Krippenspiel. Bei der Erwähnung dieser Hauptrolle geht's aber weniger um das Hervorkehren früher Bühnenerfahrung als vielmehr um Berührungspunkte mit religiösem Brauchtum: Fakten sowie Anekdoten aus Theorie und Praxis verschiedener Konfessionen bestimmen "Ich glaube", die jüngste Produktion des Aktionstheater Ensemble.

Der große Haufen Frust

von Reinhard Kriechbaum

Salzburg, 10. November 2016. "Zuerst verarschen wir uns selbst", versichert Regisseur Martin Gruber, Gründer und Leiter des Aktionstheater Ensemble (Wien). Dieser Tage erst haben er und seine Truppe den Nestroy-Preis für die beste Off-Theater-Produktion ("Kein Stück über Syrien") entgegengenommen. "Schnelle Eingreiftruppe", schrieb die Nestroy-Jury, "was unter den Nägeln brennt, gehört auf die Bühne". Doch nichts läge Martin Gruber ferner, als sich und die Seinen als moralische Besserwisser, als Straßenverkäufer für fein gewebtes Gutmenschentum auf die Bühne zu schicken.

Was alles geht

von Thomas Rothschild

Bregenz, 29. April 2016. Kurz vor Ende spricht eine Mitwirkende jenen viel zitierten Satz, den der Bundespräsidentschaftskandidat genau so bedrohlich meint, wie er klingt: "Ihr werdet euch noch wundern, was alles geht." Näher an der Gegenwart kann Theater nicht sein. Beim Bregenzer Frühling wurde, zwischen Wim Vandekeybus und Shen Wei Dance Arts, "Jeder gegen Jeden" vom Aktionstheater Ensemble uraufgeführt. Die Bezeichnung "Tanzfestival" führt in diesem Fall ein wenig in die Irre. Mit Tanz hat dieser Abend nur insofern zu tun, als er mit choreographischen Elementen arbeitet. Aber das gehört mittlerweile zum Alltag des Sprechtheaters.