Rohöl tropft von den Fingern

von Michael Wolf

23. Juni 2020. Am Wochenende habe ich den Bewerb um den Bachmannpreis verfolgt. Einer der (unprämierten) Texte lässt mich seither nicht los: Levin Westermanns "und dann". Es ist ein Klageruf, eine Aufzählung dessen, was der Erzähler von seinem Platz auf einem Rattanstuhl im Wintergarten aus beobachtet: eine Katze, deren Nachwuchs "human entfernt" wurde, ein eingesperrter Pfau, ein brennender Regenwald, ein namenloser Präsident in der Zeitung, der unschwer als Donald Trump zu erkennen ist: "seit 2015 stiehlt er die zeit / er schuldet mir: zeit".

Früher war alles

von Michael Wolf

19. Mai 2020. Die Theater sind verwaist, die Diskussion, was in ihnen bestenfalls gespielt würde, reißt deswegen aber nicht ab. Im Gegenteil, der Shutdown läutete die Stunde der Theoretiker ein. Sie füllen nun die Bühnen mit ihren Vorstellungen. Aus Mangel an Kunst kritisiere ich also heute deren Visionäre, beispielhaft an drei typischen Akteuren.

I love you, but I’ve chosen Ausgangssperre

von Michael Wolf

7. April 2020. Auf Twitter entdeckte ich den Fußballkommentator Robby Hunke, der – in Ermangelung seines Sports – nun Ereignisse des Alltags kommentiert. Wir sollten uns an ihm ein Beispiel nehmen. Wahrscheinlich ist die Saison gelaufen, aber es kommt ganz sicher eine neue. Künstler, Kritiker und Zuschauer sind nun angehalten, sich fit zu halten. Dafür ist kein Theater vonnöten, wissen wir doch: Die ganze Welt ist eine Bühne. Das Skript können wir den Ausgangsbeschränkungen entnehmen, so etwa der Verordnung zur Änderung der Verordnung über erforderliche Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 in Berlin.

Beethoven was black

von Michael Wolf

3. März 2020. Beethoven war schwarz. En passant, in einem Nebensatz, behauptet das die Schriftstellerin Sasha Marianna Salzmann in einem Text für das Wiener Burgtheater. Ich bin kein großer Klassik-Kenner, war dennoch hochgradig irritiert und fing sogleich an, zu googeln. Dass Beethoven schwarz gewesen sein soll, hatten vor allem afro-amerikanische Künstler und Bürgerrechtler immer wieder behauptet, unter anderen Malcolm X. Die Beweislage ist aber recht dünn.

Sei lieber nicht du selbst

von Michael Wolf

28. Januar 2020. Der Schauspieler Lars Eidinger zog kürzlich einen Shitstorm auf sich. Zur Bewerbung einer von ihm designten Tasche hatte er sich in einer abgetragenen Jacke vor Schlafplätzen von Obdachlosen fotografieren lassen. Die Reaktionen reichten von "geschmacklos" über "zynisch" bis "schlicht dumm". Im Interview mit der SZ verteidigte sich Eidinger denn auch mit stupender Einfältigkeit. Vor den Schlafsäcken der Obdachlosen hätte er sich nur ablichten lassen, weil die eben auf seinem Heimweg lägen und mit der Jacke laufe er immer rum, ist halt sein Look.

Zuschauer ist kein Ausbildungsberuf

von Michael Wolf

3. Dezember 2019. "Kritiker sollten sich nicht zu sehr für Theater interessieren. Es schadet mehr, als dass es nützt." Ein erfolgreicher Kollege hat das einmal zu mir gesagt. Je länger ich als Kritiker arbeite, umso klüger finde ich diesen Rat. Natürlich muss ein Rezensent "Bescheid wissen", er braucht "Seherfahrung", er muss kontextualisieren und argumentieren können. Und doch ist er am Ende des Tages nur ein informierter Zuschauer, der Ihnen von seinem Erlebnis eines Theaterabends berichtet. Es ist nicht förderlich, wenn Kritiker zu stark die Perspektive der Produzenten einnehmen. Sie sollten nicht auf Premierenpartys über das Buffet herfallen. Und sie sollten auch nicht zu sehr vom Kunstwerk her denken, davon, was da oben ist oder sein könnte, sondern was unten im Saal ankommt. Mehr als dem Kunstwerk ist der Kritiker den Lesern, dem Publikum verpflichtet.

Spielmacher gesucht

von Michael Wolf

23. Oktober 2019. Es gibt viele Argumente gegen Adaptionen: Sie dienen als Publikumsköder, setzen nur auf Wiedererkennung eines prominenten Originals, versperren jungen Dramatikern den Zugang zu großen Bühnen und so weiter. All das stimmt, ist aber noch kein Grund, sie mittels einer Quote für Gegenwartsdramatik von den Bühnen zu verbannen, wie es die Lektoren des Fischer Theater Verlags kürzlich rührend hilflos in der FAZ vorschlugen. Anstatt ihr Produkt attraktiv zu bewerben, fordern sie die Einführung der Planwirtschaft, ein ästhetisches Argument gegen Adaptionen bleiben sie schuldig.