Auf der Suche nach sich selbst und Europa

von Hartmut Krug

Kassel, 1. Februar 2013. Drei Personen, Vater, Tochter und Enkel, suchen, jeder für sich und alle füreinander, ihren Ort in einer als unbehaust empfundenen Welt. Katja Hensel hat mit "Brüssel brennt, Sorry" ein Familienstück geschrieben, in dem sie die privaten Gefühle ihrer Figuren in politischen Prozessen zu spiegeln sucht. Was ihr mal mehr, mal weniger gut gelingt.

Ein Märchen von Männern und Memmen

von Andreas Wicke

Kassel, 23. November 2012. "Wann ist ein Mann ein Mann", möchte man grönemeyern, wenn in Rebekka Kricheldorfs neuem Stück "Testosteron. Eine schwarze Parabel" Männlichkeitsideale hinterfragt werden. Ist er es, wenn er sich als erfolgreicher Arzt mit Freundin und Vater ängstlich in seinem holzgetäfelten Wohnzimmer einigelt und die Sorge um das Böse in der Welt mit bourgeoisem Gutmenschentum übertüncht? Oder ist er es, wenn er furchtlos und gewaltbereit mit testosterongeschwängerter Macho-Attitüde und einem Patronengürtel um den Hals durch die Welt zieht?

Abgründiger Traum-Schaum

von Wolfgang Behrens

Kassel, 21. September 2012. Es ist schon ein Kreuz mit diesem Stück! Im "Kaufmann von Venedig" hat Shakespeare die Konflikte gleich klafterweise auf die Rücken seiner beiden Protagonisten geladen: Da ist das Drama des Melancholikers Antonio, der vor lauter Schwermut leichtfertig sein Leben für einen Geliebten aufs Spiel setzt; da ist das Duell zweier Wirtschaftsprinzipien: der realwirtschaftlich agierende Kaufmann Antonio tritt gegen den rein finanzwirtschaftlich ausgerichteten Verleiher Shylock an; und da ist die Tragödie zweier gesellschaftlicher Außenseiter, des Homosexuellen Antonio und des Juden Shylock. Zuletzt ist da aber auch immer dieses vermaledeite Happy End, das nur über die maximale Demütigung Shylocks funktioniert: Der hier offensichtlich wirksame Antisemitismus (der in Shakespeares England seltsam anlass- und anschauungslos war, da Juden dort seit 1290 Ansiedlungsverbot hatten) ist nicht mal eben wegzuleugnen.

altGeld oder Liebe, Darlehen oder Darling?

von Andreas Wicke

Kassel, 21. Januar 2012. Was haben eine Liebesbeziehung und der Finanzmarkt gemeinsam? Richtig, beide geraten in Krisen, beide sehnen sich nach Stabilität, aber mehr noch: Wenn sich Menschen über eine Börse kennenlernen, das erste Rendezvous auf einer Bank geplant ist und man sich anschließend in einer Bar trifft, lassen sich Parallelen zur Sprache der Wirtschaft nicht leugnen, zumal man schnell merkt, ob der Angebetete ein falscher Fuffziger ist oder wirklich eine persönliche Note hat.

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Brumm, Kreisel!

von Ulrich Fischer

Kassel, 26. November 2011. Aufgabe des Dramatikers sei es nicht, Antworten zu geben, sondern die richtigen Fragen zu stellen, schrieb Anton Tschechow in einem Brief, der im Programmheft zu Sebastian Schugs Inszenierung der "Drei Schwestern" in Kassel abgedruckt ist. Ein Kreisel ist bei Schug das bedeutsamste Requisit. Er dreht sich an der Rampe um seine eigene Achse und brummt die Frage in den Mittelpunkt, ob das Immergleiche stets wiederkehrt oder ob es Entwicklungen gibt, vielleicht sogar zum Besseren.

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Systemkritik

von Ulrich Fischer

Kassel, 15. September 2011. Kathrin Rögglas neues Stück "Nicht hier oder die Kunst zurückzukehren" untersucht die zunehmende Unsicherheit unserer Existenz in Deutschland und weltweit. Der Dreiakter beginnt in einem Seminar, das Sandra leitet, "workshopbetreuerin und sozialpädagogin, ehem. Nothilfe und DED, ca. 45". Am Seminar nehmen zwei Frauen und zwei Männer teil, "rückkehrer aus großen internationalen organisationen und unternehmen, die gerade eben nach Deutschland zurückgekommen sind oder kurz davor sind zurückzukehren", wie Röggla in den einleitenden Regieanweisungen erläutert.

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Selten sexy

von Alexander Kohlmann

Kassel, 11. März 2011. Sex sells – das gilt offenbar nur eingeschränkt für Justine del Cortes gleichnamiges Stück, das gestern Abend in Kassel doch noch seine deutsche Erstaufführung feiern durfte. Doch noch, weil "Sex" bereits 2008 in Zürich uraufgeführt und dann trotz des werbewirksamen Titels nirgendwo in Deutschland nachgespielt wurde. Und ganz ehrlich: Wer den Text liest, weiß auch warum. Ein bisschen verklemmt und über weite Strecken ziemlich trivial kommen del Cortes zehn Szenen daher, in denen junge und alte Menschen – nun ja – Sex haben und sich davor, dabei und danach auch noch mehr oder weniger kluge Gedanken über das machen, was sie da tun (Kostprobe: "Ich stecke in ihr drin, das gibt es doch nicht").

altDie Prekariatspassion

von André Mumot

Kassel, 22. Januar 2011. Kindheit bei Familie Woyzeck? Keine gute Idee. Der kleine Sohn (Lennart Breitenstein) sieht dementsprechend schmal, verhärmt und schmächtig aus in seinem blauen Schlafanzug und lässt eindrucksvoll verstörte Blicke kreisen. Kein Wunder: Bleibt ihm doch bloß ein Vater, der ihn immer wieder mit seinen Weltuntergangsvisionen bedrängt - und, noch viel schlimmer: Mutter Marie. Die will nur rauchen und Techno tanzen und dem Tambourmajor den Kopf unters Unterhemd stecken. Und statt ordentliche Vollwertkost zuzubereiten, stellt sie das Kind mit einer gewaltigen Chipstüte ruhig, die sie ihm zur Bettzeit auch schon mal rüde über den Kopf zieht. Aber wer kann schlafen, wenn die Erwachsenen um einen herum ihre Orgien feiern, sich mit jeder Menge Bier übergießen und ein brünstiges "Fuck The Pain Away" zum Partymotto machen?

Ihr seid der neue Kolonialismus!

von André Mumot

Kassel, 3. Oktober 2010. Man muss gleich Entwarnung geben: Rebekka Kricheldorfs neues Stück hat seinen Titel "Robert Redfords Hände selig" nicht, weil jener ewig blonde Beau das Zeitliche gesegnet hätte. Betrauert wird hier nur seine Filmfigur aus "Jenseits von Afrika" – und das romantische Prinzip, für das sie stand.

Wie schön das ist: Betroffenheit

von André Mumot

Kassel, 12. Juni 2010. Ach, guck! Da ist es ja schon wieder, das Stück der Stunde. Wir werden es jetzt öfter sehen, landauf, landab, das ist klar. Beweist es doch, dass ein bisschen schwanger nach wie vor nicht geht, ein bisschen unbequem aber durchaus. Schimmelpfennigs "Der Goldene Drache", jüngst mit dem Mülheimer Dramatikerpreis ausgezeichnet, schlägt jetzt in Kassel auf und hat sich gar nicht groß verändert, seit es beim Theatertreffen reüssierte und auf 3sat ausgestrahlt wurde. Was sich auf dieser Studiobühne abspielt, sieht der Burgtheater-Inszenierung des Autors in seiner ganz aufs Wesentliche reduzierten Schlichtheit jedenfalls immer wieder zum Verwechseln ähnlich.

Ein Himmel ohne Weisheitswolken

von André Mumot

Kassel, 12. März 2010. "Na, was ist denn nun eigentlich Kunst?", fragt der Dichter. Antwort aber gibt Antonio, der Ignorant. Er stellt sich das zum Beispiel so vor: "Die Weisheit lässt von einer goldnen Wolke/ Von Zeit zu Zeit erhabne Sprüche tönen." Gemeint ist damit das Vorbild Ariost, aber es drängt sich der Gedanke auf, Goethe habe in einem Anflug biestiger Selbstironie bei diesen Worten vor allem an sich selbst gedacht und an das eigene Stück: An "Torquato Tasso", jenes streng zeremonielle, fünfaktige Bühnengespräch, das so reich ist an zitierfähigen Einzelsentenzen und so arm an szenischem Leben.

Was brauchen wir die Dichtung?

von André Mumot

Kassel, 20. Juni 2009. Dass Elfriede Jelinek in Paula Wessely alles gesehen hat, was an einer Schauspielerin künstlerisch und menschlich verderbt sein kann, weiß man ja. Deshalb tritt sie bei ihr auch als abscheulich eitle Volksverführerin, als "Erlkönigin" auf und macht gleich klar, dass ihr die Theaterautoren gestohlen bleiben können: "Die Dichter müssen immer erst schauen, wie die Menschen sich verhalten. Dann erst können sie über sie schreiben. Da schreibe ich mich gleich selbst!"

Zuhause ist's immer am Schlimmsten

von André Mumot

Kassel, 8. Mai 2009. Alles so schön altdeutsch hier und so schön morsch. Die Bühne ist voller Gebälk, schwerer Streben und verstreuter Planken auf dem Boden. In der einen Ecke steht, neben verstaubten katholischen Ikonen, ein mannshohes Kreuz, in der anderen ein abgewetzter Sessel. Hinten gibt es einen Baumstumpf, vorn einen Hackklotz mit einzelnen Scheiten. Und eine liebevoll gedeckte Kaffeetafel steht auch schon bereit.

Fallen in der Dunkelheit

von Michael Laages

Kassel, 13. März 2009. Tatsächlich liegt ja zu Füßen des Urban-Krankenhauses mitten im Berliner Stadtteil Kreuzberg ein Schiff vor Anker. Als Restaurant mit gut sortierter Frühstücks-, Mittags- und Abendkarte macht es eine kleine Bucht im Landwehrkanal zum angesagten Ausflugsziel für die nähere Nachbarschaft. Kann sein, dass akkurat hier die Idee entstanden ist zum jüngsten Theaterstück der Freiburger Autorin Rebekka Kricheldorf, geschrieben im Auftrag des Staatstheaters in Kassel – was geschieht, wenn das Restaurant- und Party-Schiff eines Tages mal ablegt, könnte sie sich bei einem langen Sonntagsfrühstück gefragt haben. Und was, wenn das Schiff dabei vom Landwehrkanal direkt aufs weite Meer geriete - womöglich noch in schwere See?

Wie im Rausch

von Michael Laages

Kassel, 13. September 2008. Die Gäste verstanden kein Wort. Kein Wunder: Sie kamen frisch aus Brasilien und sahen erstmals eine Aufführung der Volksbühne in Berlin – "Verbrechen und Strafe", wie Fjodor Michailowitsch Dostojewskis ehedem "Schuld und Sühne" betitelter Roman in neuer Übersetzung und kriminologisch korrekter hieß. In Frank Castorfs Fassung kämpfte sich vor gut vier Jahren Martin Wuttke noch einmal durch eines dieser ortsüblichen Monstren aus Text und Exaltation. Und rat- und ahnungslos hätten die BrasilianerInnen wohl auch dann noch vor diesem Exorzismus gesessen, wenn sie besser Deutsch gekonnt hätten.

In der Holofernes-Show

von Michael Laages

Kassel, 4. September 2008. Was wohl zuerst da war: der Wunsch nach einem dieser starken Stücke oder der Gedanke an beider Wirkung zu zweit? Wie auch immer – nun liegt zur Eröffnung der neuen Saison auf beiden großen Bühnen des Staatstheaters in Kassel je ein abgeschlagener Männerkopf herum: der des Propheten Jochanaan in der Oper und der des Feldherrn Holofernes im Schauspielhaus.

Im Sumpf von Milieu und Mafia

von Rüdiger Oberschür

Kassel, 2. Mai 2008. Wenn das Licht erlischt, liegen die Abgründe noch im Dunkeln. Drei Männer, zwei Frauen treten auf die Bühne, die aussieht wie ein in die Jahre gekommenes Fernsehstudio. Wie die Klischeevorstellungen von illegalen Einwanderern wirken die Fünf nicht. Eher wie ehemalige Abiturienten eines altsprachlichen Gymnasiums oder Mitglieder im Presseclub der 80er. Auch das minutenlange Schweigen fördert noch keinen Eindruck zu Tage. Erst wenn einer der Männer auf das gegenüberliegende Podest tritt und anfängt, von seinen Erfahrungen als Strichjunge zu erzählen, justiert sich die Atmosphäre. Das Quintett spricht "Schattenstimmen" – so haben Feridun Zaimoglu und Günter Senkel ihren Bühnentext aus Meinungen und Berichten illegaler Einwanderer in Deutschland genannt, die auf Recherchen im Milieu von Menschen ohne Papiere basieren.

Ist es die Hinfahrt? Ist es die Rückfahrt?

von Hartmut Krug

Kassel, 2. März 2008. In Theresia Walsers für das Staatstheater Kassel geschriebenem Auftragswerk "Morgen in Katar" ist ein rundes, buntes Dutzend von Reisenden unterwegs in bewegt stockender Redeflucht: darunter eine blonde Frau und eine Architektin mit Zahnweh, ein Geschäftsmann mit Headset, der alle an seinen Telefonaten teilnehmen lässt, und ein Araber mit Kopfhörer, der ganz bei sich bleibt, Christian (Anfang 40, heruntergekommene Jünglingshaftigkeit) und das spießige Ehepaar Edith und Arnold (beide Mitte 50). Menschen in einem Zugwaggon, eingesperrt im Stillstand nach einem Unfall mit "Personenschaden", einander und sich selbst unbekannt. "Stille" lautet die häufigste Regieanweisung, aber die Menschen reden unentwegt gegen die innere Leere und äußere Stille an.

Scheiden tut weh

von Anne Peter

Kassel, 11. Januar 2008. Nur allzu viele Liebesgeschichten enden wohlweislich mit dem glücklichen Sich-Finden zweier Menschen. Das bewahrt die Romantik bzw. das, was wir landläufig darunter verstehen. Gehen sie über dieses Ende hinaus, sind sie meist nicht mehr romantisch – oder nicht mehr realistisch.

Menschen sind wie Staaten 

von Rüdiger Oberschür 

Kassel, 15. September 2007. Es ist noch warm in Kassel. Documenta-Besucher sitzen am Abend auf den Grünflächen vorm Staatstheater, während am Fridericianum eine Schlange weit ins verblühte Mohnfeld reicht. Vom nahenden kunstbetrieblichen Zapfenstreich sind es nur wenige Schritte zum Theater und damit zu politischen Privatgesprächen: Die deutschsprachige Erstaufführung von David Hares "Vertical Hour", von Ingrid Rencher mit "Zeitfenster" übersetzt und vom Kassler Intendanten Thomas Bockelmann, der hier höchst selbst inszeniert, schon im Vorfeld als außerordentlich "unter den politischen Zeitstücken" gelobt. Heiß reden sich darin die Köpfe. Der Bühnenboden im Schauspielhaus ist dabei so grün wie draußen der Rasen, als könne nichts die Hoffnung trüben.