Trilogie der Trostlosigkeit

von Guido Rademachers

Bonn, 21. März 2013. Ziemlich desillusionierende Zeiten, diese westdeutschen 1970er Jahre mit der Ölkrise, mit ihrem Linksterrorismus und dem Ende von Love-and-Peace. Regisseur Dominic Friedel, selbst Jahrgang 1980, lässt die Zuschauer auf die Bühne der Bonner Werkstatt führen – und dort bleiben sie erst einmal allein. Die Seiten sind mit Plastikplanen abgehängt. In der Mitte wartet ein neongelb gestrichenes Ölfass darauf, bespielt zu werden.

Auf der schiefen Meta-Ebene

von Andreas Wilink

Bonn, 22. Februar 2013. Frontstellung vor dem Eisernen Vorhang, ziemlich offensiv und massiv unterstützt von dröhnendem Punk. Die Formation bereitet die Attacke vor gegen die Unversehrtheit des Dramas – Gerhart Hauptmanns "Die Ratten". Zehn Personen, eine davon im Rattenkostüm (es trägt der Theologie-Student Spitta, der lieber von der Bühne herab predigen würde), lassen sich mittels Pfeilen zuordnen, die jeweils von den über dem gereihten Ensemble angebrachten Namen im Stück auf die Köpfe ihrer Darsteller weisen. Die Merker sind so etwas wie der ausgestreckte Zeigefinger des Regisseurs, mit dem dieser – Lukas Langhoff – ganz gern fuchtelt, zum zweiten Mal nun in den Godesberger Kammerspielen.

Frauen-Endlagerung

von Stefan Keim

Bonn, 15. Dezember 2012. Frau Töss trägt knallblonde Mähne zum faltigen Gesicht und ein tiefes Dekolleté. Frau Grau wird seit Jahrzehnten bei der Beförderung übergangen. Frau Merz-Dulschmann erwähnt nebenbei, dass sie ihren Gatten kaum noch sieht. Und dann gibt es noch Frau Luhmann, die man leicht übersieht. Vier Frauen um die 50 haben anlässlich des Weltfrauentages eine Einladung zu kostenlosen Wellnessangeboten bekommen. Da stehen sie nun und erwarten Typberatung, Massage, Hairstyling, Fitness. Womit man sich als Frau um die 50 so seine Zeit vertreibt. "Die Damen warten" heißt das neue Stück von Sibylle Berg, die selbst gerade 50 geworden ist.

Massaker im Ardenner Wald

von Klaus M. Schmidt

Bonn, 27. Januar 2012. Der Hof von Herzog Frederic – eine Diktatur. Die ersten Szenen in David Mouchtar-Samorais Inszenierung spielen vor einer grauen Mauer, die auf eine Opera-Folie projiziert wird. Grau ist auch der lange Militärmantel des Herzogs (Wolfgang Rüter), und wenn später zwei Schergen in den Gassen Wache stehen, tragen sie Monturen, die an SS-Uniformen erinnern. Der Mehltau der Unfreiheit lastet so bereits schwer auf dem Beginn des Abends, und man ahnt, dass auch der Ardenner Wald kein idyllisches Exil bieten wird.

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Mein ganzer Stolz

von Michael Opielka

Bonn, 20. Januar 2012. "Die Zerbrechlichkeit geahnt. Und freu mich deshalb um so mehr. Möchte mir diesen Moment ganz genau einprägen." Der Vater spricht zu Beginn vom Ende. Die Mutter spricht mit. "Ja. Das Glück." Der Sohn "will später keine. Familie." Die Tochter weiß alles besser. Vier Personen, viele Rollen. Philipp Löhles neues Stück, uraufgeführt in der früher einmal großen Theaterstadt Bonn, nachdem ihn zuvor u.a. Bochum, Berlin und Wien mit Uraufführungen ehrten, jetzt also wieder am Rhein, wo er herkam (Baden-Baden), wo er im Theater anfing und jetzt wieder, als Hausautor, arbeitet (Mannheim). Löhle, Jahrgang 1978, ein noch junger Mann, ein Schicksalskomödiant, der unsere Zeit in Theatergedanken fasst.

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Die Liebe im Reiche der iPhones

von Dorothea Marcus

Bonn, 2. Dezember 2011. Gleich drei Theaterfassungen von Fitzgeralds Roman "The Great Gatsby" kommen in dieser Theatersaison auf deutsche Bühnen. Während Christopher Rüping in Frankfurt alle Protagonisten von vier Männern spielen ließ und den Roman allegorisch verdichtet und die Version am Deutschen Schauspielhaus Hamburg noch aussteht, kommt in der Bonner Halle Beuel in der Inszenierung von Matthias Fontheim ein schlichtes, kurzes Kammerspiel, ja geradezu ein well-made Play auf die Bühne.

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Das Grinsen der Business-Männer

von Guido Rademachers

Bonn, 14. Oktober 2011. In der Regel drei bis sieben Wörter pro Satz und etwa 20 Sätze pro Szene. Das ist selbst für die nicht gerade als ausufernd-formulierfreudig geltende neue britische Dramatik bemerkenswert wenig. Noch bemerkenswerter ist allerdings die Fülle derartiger Kurzszenen, die der 1980 geborene Autor Mike Bartlett für sein fünftes und bislang vorletztes Theaterstück anhäuft. Selbst Johannes Leppers um verzögerungsfreie Textabwicklung bemühte deutschsprachige Erstaufführung am Theater Bonn benötigt immer noch drei Stunden.

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"Kein sich'reres Land in dieser Zeit ..."

von Guido Rademachers

Bonn, 10. Juni 2011. Der Diskurs über und – endlich auch – mit Migranten nimmt im Theater unübersehbar an Fahrt auf. Ganz reibungslos gestaltet er sich offenbar noch nicht. Im Publikumsgespräch nach der Aufführung von "Heimat (n)irgendwo", einem gerade einmal eine dreiviertel Stunde dauernden dokumentarischen Abend über Einwanderungsbiografien im Lampenlager des Theaters Bonn, spricht Regisseurin Marita Ragonese erst einmal über die Nicht-Teilnehmer. Viele seien nach ersten Proben weggeblieben, weil sie nicht erkannt werden wollten und juristische Folgen fürchteten. Schließlich ginge es um illegale Einreisen, das Wegwerfen von Pässen und ähnliches.

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In der Ladenzeile der Verkommenheit

von Guido Rademachers

Bonn, 20. März 2011. Von diesem Wiener Wald ist gerade mal ein Baum übrig geblieben. Tanja von Oertzen krächzt darunter als spindeldürre "liebe Großmutter" Bösartigkeiten vor sich hin und lässt ansonsten keinen Zweifel daran, dass mit ihr hier der Tod persönlich vor Ort ist. Dahinter, nur von einem laut scheppernden Vorhang getrennt, verwahrlost eine Ladenpassage, wie sie in den 80er-Jahren fehlkonzipiert (und vor vier Jahren von Albrecht Hirche für seine Kölner "Geschichten aus dem Wiener Wald"-Inszenierung auch schon entdeckt) wurde.

Spiel mit dem American Way of Life

von Guido Rademachers

Bonn, 3. Februar 2011. Vielleicht gibt es tatsächlich kaum etwas zu entdecken. Innovatives aus Amerika scheint derzeit Mangelware. Und taucht im deutschsprachigen Raum doch einmal eine US-Theatergruppe mit Alleinstellungsmerkmalen wie das "Nature Theater of Oklahoma" auf, wird sie gleich vom Sommerfestival Kampnagel bis zu den Salzburger Festspielen durchgereicht.

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In dichten Gestrüppen

von Guido Rademachers

Bonn, 26. Januar 2011. Gepflegtes Wohnen sieht anders aus. Sessel und Stehlampe haben es offenbar nicht mehr auf den Sperrmüll geschafft. Regen tropft in Emailleschüsseln und -töpfe. Die Zimmerwand, die Ausstatterin Anne Brüssel in fünf Meter Rampenabstand quer über die "Werkstatt"-Bühne des Bonner Theaters gezogen hat, starrt vor Schmutz. Und vor dem grau verdreckten Sprossenfenster erklärt der einzig verbliebene Hausbewohner, was dahinter zu sehen wäre, könnte man noch durchsehen: "Ein Rest des alten mitteleuropäischen Urwalds." Aha, wie passend! Undurchdringliches Gestrüpp sind nämlich auch die Beziehungen der drei Figuren, die Lothar Kittstein in seinem Drama "Böses Mädchen" auftreten lässt.

Oh Tannenbaum, wie brennst du so lichterloh!

von Ulrich Fischer

Bonn/Bad Godesberg, 3. Dezember 2010. Weihnachtsmarkt auf dem Theaterplatz stimmt die Uraufführungsbesucher ein auf Sibylle Bergs neues Drama – "ein Weihnachtsstück" heißt es im Untertitel. Im Eingangsbereich der Kammerspiele lauert allerdings die Ernüchterung. "Jetzt ist Schluss!", schreiben die empörten Theaterleute und werben für Unterschriften. Die Argumente wiegen schwer: "In den letzten 10 Jahren hat das Theater der Stadt Bonn 14 Millionen Euro eingespart. Heute arbeiten 230 Menschen weniger am Theater als im Jahr 2000." Aber das reicht den Stadtoberen noch nicht. Die Theatergemeinde schreibt ihren Mitgliedern und allen Bonner Bürgern: "Der Skandal dabei ist, dass es die Stadt Bonn für denkbar hält, ihr Schauspiel und ihre Oper gänzlich preiszugeben." Als Quintessenz formuliert Elisabeth Einecke-Klövekorn, die langjährige und kampferprobte Vorsitzende der Theatergemeinde: "Dem Theater Bonn droht ein irreparabler Schaden."

Auf der großen, leeren Weltenbühne

von Dina Netz

Bonn, 28. Mai 2010. Eifersucht. Krieg. Utopieverlust. Rache. Generationenkonflikt. Treue. Zivilisation. Mut. Ideale. Liebe. Das ist nur eine kleine Auswahl der Themen von Tankred Dorsts Drama "Merlin oder Das wüste Land", uraufgeführt 1981. "Merlin", das sei "eine Synthese aus allem, was ich bisher gemacht habe", wird Tankred Dorst im Programmheft zitiert. Das Suhrkamp Taschenbuch mit dem Stücktext hat 304 Seiten. Es hat schon Inszenierungen gegeben, die zwei Abende dauerten, die meisten brauchen einen sehr langen Abend – da sind die knapp vier Stunden, auf die David Mouchtar-Samorai das Stück nun in Bonn bringt, geradezu rekordverdächtig verdichtet.

Antennen für den amerikanischen Traum

von Kerstin Edinger

Bonn, 13. März 2010. Jegliche Erwartungshaltung sollte man an der Garderobe abgeben, sich freimachen von tradierten Vorstellungen über das Theater und seine Ausdrucksformen. Richard Maxwells Stück "Das Maedchen" lädt ein, Althergebrachtes zu überdenken und neu zu ordnen. Gespielte Situationen, die zu einem dramaturgischen Höhepunkt führen, gibt es nicht. Maxwell geht es um eine Art theatralen Feldversuch, der Stimmungen bei Darstellern und Zuschauern auslotet. Dabei ist jede Aufführung eine Reise ins Ungewisse.

Unterm Sternenhimmel

von Ulrike Gondorf

Bonn, 15. Dezember 2009. Gut zwei Jahre ist es her, dass Heaven (zu tristan) seine Uraufführung erlebt hat: Verfasst und inszeniert von Armin Petras, der sich als Autor aber Fritz Kater nennt. Die Aufführung, eine Koproduktion von Schauspiel Frankfurt und dem Berliner Maxim Gorki Theater, war starbesetzt und preisgekrönt. Und all das zusammen vielleicht so einschüchternd, dass sich lange keine Bühne zum Nachspielen entschlossen hat. Bis jetzt das Bonner Theater eine Neuinszenierung gewagt hat, in Zusammenarbeit mit der freien Gruppe fringe ensemble und mit der risikobereiten Entscheidung für einen jungen Regisseur: Jan Stephan Schmieding.

Döner statt Diplomaten

von Dina Netz

Bonn, 30. Oktober 2009. Seit einiger Zeit ist es Mode, dass die Theater, statt ihre Bühnen zu bespielen, Spielorte in den Städten suchen, um näher bei ihrem Publikum zu sein und neue Zuschauer zu gewinnen. In Bonn (genauer: im Stadtteil Bad Godesberg) sind die Kammerspiele jetzt den umgekehrten Weg gegangen. Sie haben die Bad Godesberger zu sich ins Theater geholt. Oder zumindest einige davon. Das ist nicht unbedingt ein neues theatrales Konzept, sondern hat mit einer Episode aus dem Privatleben des Intendanten Klaus Weise zu tun.

Orangensaft gegen die Armut!

von Dorothea Marcus

 

Bonn, 28. Mai 2009. Was sehr viel Geld mit einer Familie macht, kann sich unsereins natürlich nur vage vorstellen. Ein Szenario zumindest scheint aber sehr unwahrscheinlich: dass diese Familie in einem verrotteten Haus an der Küste in Maine haust, in dem Ratten umherlaufen und die einzige Nahrung alte Kekse sind – und man sich gegenseitig am Weggehen hindert, die Fenster mit Brettern vernagelt und das Leben verpasst.

Chefassistentin der Obdachlosen bittet zum Tête-à-tête

von Dorothea Marcus

Bonn, 18. Februar 2009. Fast drei Jahre ist es auch schon wieder her, dass Sibylle Bergs letztes Bühnenwerk, das Musical "Wünsch dir was", in Zürich zur Uraufführung kam. Und eigentlich lässt sie ihre Stücke ja auch fast nur vom Regisseur Niklas Helbling uraufführen. Es ist daher schon bemerkenswert, dass sie einfach so einen Stückauftrag vom Theater Bonn angenommen - und Regisseurin Schirin Khodadadian an ihr neuestes Werk gelassen hat, die auch schon Werke von Theresia Walser auf die Bühne brachte.

Beschwörungen des leeren Himmels

von Ulrike Gondorf

Bonn, 30. Januar 2009. Haben Verbrecher eine schwere Kindheit gehabt? Wer diese vulgärpsychologische Frage an einem Stoff von mythischen Dimensionen überprüfen will, stößt unweigerlich auf die Atridensage: Wenn man sich nur die Taten der letzten Generation dieses unseligen Geschlechts vergegenwärtigt, kommen schon mehr traumatische Erlebnisse zusammen als irgendjemand verkraften kann.

Neil LaButes beste Scharfschützin

von Dorothea Marcus

Bonn, 17. Dezember 2008. Ausgerechnet mit dem Theater Bonn verbindet den amerikanischen Erfolgsdramatiker Neil LaBute eine ungewöhnliche Freundschaft. Oder besser mit einer der besten Schauspielerinnen des Bonner Ensembles: bereits zum zweiten Mal hat er Stücke extra für Birte Schrein geschrieben und in Bonn zur Uraufführung bringen lassen. Die beiden führen eine Email-Freundschaft, seitdem Neil LaBute sie in der deutschen Erstaufführung seines Stücks "Wie es so läuft" sah - und so begeistert war, dass er der damals Schwangeren ein Stück für eine Schwangere schrieb.

Die Blumen des Bösen am Rhein

von Ulrike Gondorf

Bonn, 15. Oktober 2008. Felix heißt er, aber das ist grausame Ironie. Denn nicht zum Glück, sondern zum Unglück ist Wolfgang Koeppens Held geboren. Zwei schwül-warme, gewittrige Tage im Sommer 1952 genügen, um das Verhängnis auszubrüten, das der Bundestagsabgeordnete Kettenheuve in sich trägt. Bonn, die provinzielle Hauptstadt der jungen Bundesrepublik - mulmig-neblig durch ihre Lage im Rheintal und überhitzt durch politische Machenschaften - ist das Treibhaus, dessen Klima die Katastrophe beschleunigt.

Wer hat Angst vor Rot, Grün, Blau?

von Morten Kansteiner

Bonn, 4. April 2008. Das Milgram-Experiment sei, erklärt die allwissende Wikipedia, "wie ein Theaterstück inszeniert". Umgekehrt kann man festhalten: Der kanadische Dramatiker Robert Fothergill baut in seinem jüngsten Stück eine Art Milgram-Anordnung auf.

Und wenn die Welt voll Teufel wär

von Ulrike Gondorf

Bonn, 13. März 2008. Die Mächte der Dunkelheit lauern überall, jeder könnte ihr Komplize sein, jeder könnte Ziel ihrer Anschläge werden, unaufhaltsam wühlen sie im Untergrund, unterminieren die Grundlagen der Gesellschaft. Seitdem der 11. September 2001 die Welt verändert hat, beherrschen solche Szenarien die Köpfe der Regierenden. Oder die Regierenden haben herausgefunden, dass sich mit solchen Szenarien die Köpfe beherrschen lassen.

Irgendwie und so ein ein bisschen

von Ulrike Gondorf

Bonn, 6. Dezember 2007. "Ja, Praktikum ist halt schwierig, irgendwann will man das auch nicht mehr." Pascal, Ende 20, hört wahrscheinlich vor seinem inneren Ohr das zustimmende und ein klein wenig resignierte Aufseufzen seiner ganzen Alterskohorte.

Forschungen in eigener Sache

von Dorothea Marcus

Bonn, 10. September 2007. Der Fall "Martin und Hannah" hat schon viele Herzen schmelzen lassen – und steht bei künstlerischer Verarbeitung unter Klischeeverdacht. Die Liebesgeschichte der 18-jährigen Jüdin Hannah Arendt und ihres 35-jährigen Philosophieprofessors Martin Heidegger, der dem Nationalsozialismus nahe stand, ist in mehreren Romanen und 2004 in den USA bereits zu einem Theaterstück von Kate Fodor verarbeitet worden.