altDie Personen sind einfach da und verschwinden wieder

von Charles Linsmayer

Bern, 9. Juni 2012. Kürzlich sass das Publikum mit Kopfhörern bewehrt in zwei Reihen vor einer Baracke beim Zürcher Theaterhaus Gessnerallee und blickte, von der Gruppe "Far a Day Cage" in den phantastischen Urwald einer fernen Zukunft versetzt, auf die Gegenwart einer Fussgänger- und Fahrradpassage, wo sich Passanten und Theaterpersonal ganz zufällig vermischten. Fast die gleiche Situation hat am 9. Juni in Bern nun der Regisseur Bernhard Mikeska mit der Produktion "Augen Blicke" herbeigeführt, bloss dass diesmal Texte von einem professionellen Schriftsteller, von Peter Stamm, Verwendung fanden, was dem Ganzen eine ganz andere Qualität vermittelte.

Naivling im Schreckenssumpf

von Charles Linsmayer

Bern, 18. Dezember 2010. Ein ebenso spektakuläres wie problematisches Element verbindet die schweizerische Erstaufführung des "Parzival" von Lukas Bärfuss mit der Uraufführung am Schauspiel Hannover: hier wie dort wird die Titelfigur von einer Frau gespielt, in Hannover von Sandra Hüller, in Bern von Milva Stark. Aber abgesehen davon, dass Matthias Kaschig den Geschlechtertausch auf das ganze Personal ausdehnt und Herzeloyde und Liase durch Männer darstellen und dafür immer wieder mal die Frauen einen Bart vorhängen und Ritter spielen lässt, nimmt sich dieser weibliche tumbe Tor ganz anders als in Hannover aus. Pummelig und in Strampelhosen, strapaziert er sein ahnungsloses Fragen bis zum GehtnichtMehr und kommt bis zum Schluss nicht aus seiner drollig-infantilen Kindlichkeit heraus.

Keine Ruhe vor dem Sturm

von Charles Linsmayer

Bern, 7. April 2010. "Ich sage immer: dass der Mensch dem Menschen so gerne zuschaut, das macht das Theater unsterblich." Ernst C. Sigrist, der den unverkennbar Bruno Ganz nachempfundenen Hitler-Darsteller Franz Prächtel spielt, sagt das im zweiten Drittel von "Ein bisschen Ruhe vor dem Sturm", und in der von Andy Tobler verantworteten Schweizer Erstaufführung des Stücks in den Berner Vidmar-Hallen trifft er damit zugleich einen wichtigen Aspekt der Interpretation. Denn auf der schmalen Rampe dicht vor den wenigen langen Zuschauerreihen wirkt das Spiel der drei Protagonisten überaus nahe und unmittelbar und bekommen Mimik und Gestik eine tragende Bedeutung.

Komm vogle!

von Charles Linsmayer

Bern, 18. Dezember 2009. Alle fünf, zehn Jahre wird Hansjörg Schneiders "Sennentuntschi" wiederentdeckt. 1983 hat Jost Meier eine Oper daraus gemacht, 1995 war das Stück an der Zürcher Gessnerallee zu sehen, 1998 inszenierte Monika Neun es an der Berner Effingerstrasse. Demnächst soll es am Ende einer turbulenten Produktionsgeschichte in die Kinos kommen, und je weiter die skandalumwitterte Uraufführung von 1972 und die nicht minder hitzig diskutierte TV-Inszenierung von 1981 zurückliegen, desto stärker kommt hinter der vermeintlichen pornografischen Geschichte von den drei Sennbauern, die in einer entlegenen Alpenhütte ihrem sexuellen Notstand mit einer selbstgebastelten Strohpuppe zu begegnen versuchen, ein elementar-archaisches Drama zum Vorschein, wie es in jüngerer Zeit in deutscher Sprache kein zweites gibt.

Die asiatische Küche in deinem Kopf

von Robert Salzer

Bern, 4. November 2009. "Del Schmelz, del Schmelz", jammert der junge Asiate in der engen Küche des titelgebenden Schnellrestaurants "Der goldene Drache", bevor ihm ein Kollege den kariösen Zahn mit der Rohrzange zieht. "Knack", allein der Ton lässt den Zuschauer schmelzvoll, Verzeihung: schmerzvoll zusammenzucken. Doch Zeit zum Jammern bleibt nicht, denn sofort springt die Handlung in den nächsten Strang und dann wieder zurück. Es ist, als ob Roland Schimmelpfennig, der Autor des Stückes, wild auf der Fernbedienung herumdrücken würde, wobei das Hin- und Hergezappe dem Spannungsbogen des Stückes durchaus bekommt. Weniger bekömmlich ist der Zahn, der schließlich in der Suppe einer Stewardess landet, welche Nr. 6, die Thai-Suppe mit Hühnerfleisch, geordert hat.

Exkursionen in Feuchtgebiete

von Brigitta Niederhauser

Bern, 16. Mai 2009. Auch das Berner Autorenspektakel spürt den Klimawandel. Wo letztes Jahr noch ein saftig grüner Rasenteppich ausgerollt worden war, wird heuer im knöcheltiefen Wasser gewatet. Unten Wasser, oben ein Himmel mit einer Achterbahn aus Fernsehern, auf denen die Bildstörung Programm ist. Denn der liebe Gott ist nur begrenzt auf Sendung. Ein idealer Rahmen für das performanceartige achtstündige Happening mit acht Uraufführungen, das sich das Theater aus den Rippen geschnitten hat, wie Schauspielchef Erich Sidler sagt, weil es sich ein solches Spektakel budgetmässig eigentlich gar nicht leisten könnte.

Nun bin ich hier, und es ist nicht wahr

von Charles Linsmayer

Bern, 14. März 2009. Auf einmal ist Frischs letzter Roman, der an Popularität lange hinter "Stiller" und "Homo faber" zurückstand, in den Vordergrund des Interesses gerückt. Der Schweizer Bundesrat Leuenberger benützt "Mein Name sei Gantenbein", um nachdenklich seine Karriere zu hinterfragen, Kathrin Martelli, Kandidatin für das Zürcher Stadtpräsidium, zählt den Roman zu ihren Lieblingsbüchern, die Zürcher Condor Corporate hat sich die Rechte für einen Spielfilm gesichert, und bereits zweimal ist er für die Bühne aufbereitet worden: 2007 in der Zürcher Gessnerallee, wo John Hardwick ihn von zwei Personen in einer zimmergroßen Kartonschachtel nachspielen ließ, und nun auch in Bern, wo Philipp Becker ein Sechspersonenstück daraus gemacht und in den Vidmar-Hallen, der Außenspielstätte des Berner Stadttheaters, zur Uraufführung gebracht hat.

Postkoitale Bekenntnisse

von Brigitta Niederhauser

Bern, 30. Dezember 2008. Wenn zu guter Letzt die ausgestopfte Wildsau auf der Bühne einen Salto mortale hinlegen würde, das Putschauto enterte und mit Blaulicht davonraste, so würde das einen nicht weiter verwundern. Denn in den hundert Minuten zuvor hat die junge Regisseurin Antje Thoms so hemmungslos die Trick- und Gag-Kiste geplündert, dass nicht einmal mehr Augenschließen hilft, um in Lola Arias' verstörenden Text einzutauchen, in dieses Niemandsland der Verlorenen, wo Tod und Liebe eins und im Russischen Roulette jene die Verlierer sind, die lebend davon kommen.

Edler Haller, Leuchte aller!

von Daniel Di Falco

Bern, 16. Oktober 2008. Manchmal braucht es einen Kellner, der die ganz große Frage stellt. Die einzige, die noch offen bleiben könnte nach den einhundert Veranstaltungen, mit denen die Stadt in diesem Jahr den 300. Geburtstag Albrecht von Hallers begeht: "Sollte man den kennen?"

Fremd in Bern

von Charles Linsmayer

Bern, 10. Juni 2008. Schon die Türkontrolle ist anders als sonst: Da sieht man sich wegen des Ausländerausweises, den man mit der Eintrittskarte zusammen ausgehändigt bekam, einer schikanösen Behandlung durch dunkelhäutige Beamte ausgesetzt. Und auch im Innern des Theaters ist alles anders als gewohnt: Da sitzt das Publikum dicht gedrängt auf der Bühne im Scheinwerferlicht und blickt in einen fast leeren Zuschauerraum, der ganz in der Hand einer Gruppe von vorwiegend dunkelhäutigen Männern und Frauen ist, die sich nach Begrüßungsritualen in mehreren Sprachen als in Bern lebende, zumeist seit Jahren eingebürgerte Migranten entpuppen.