Der Sozialist zu Gast auf dem Klapphocker

von Heiko Ostendorf

Bielefeld, 12. November 2010. Dieser Abend ist Pop total. Das liegt nicht nur an PeterLichts Neubearbeitung von Molières Text. Auch Regisseur Dariusch Yazdkhasti folgt dem zum Theaterautor mutierten Musiker im Bielefelder TAMzwei ohne Mühe in die Welt des bunten, lauten Amüsierens und zeigt die von PeterLicht aktualisierte Version von "Der Geizige" als größtenteils schrill-komische Begegnung zweier Gesellschaftsformen: Sozialismus und Kapitalismus treffen aufeinander, streiten sich, bewerfen sich gegenseitig mit Plastikwasserflaschen und haben sich im Happyend ganz doll lieb.

Am Abgrund der Resterampe

von Ulrich Schmidt

Bielefeld, 17. September 2010. Ach, die Geschäfte, sie laufen nicht mehr: An seinem 60. Geburtstag will der Teppichhändler Hartmut Wildermann sein Unternehmen an den Ziehsohn Sven übergeben. Doch der lehnt ab, denn er weiß, dass die fetten Jahre längst vorbei sind. Nach der Wende in den Westen gekommen, hatte er mit seinen Russischkenntnissen lukrative Verhandlungen in den einstigen Sowjetstaaten ermöglicht. Wildermanns Ziehsohn wurde Sven aber auch, weil Wildermanns Ehe kinderlos blieb und seine Frau Maria den Jungen zum Liebhaber machte. Nun aber ist Sven in Nadine verliebt, die wiederum – Parallelität der Verhältnisse – ihrerseits vergeblich versucht, ein Kind zu bekommen.

Wenn der Finanzhai zwei Mal klingelt

von Sarah Heppekausen

Bielefeld, 25. April 2010. Tagsüber arbeitet Michael Yates Crowley an der Börse, verdient sein Geld in einer Finanzfirma am Times Square. Abends und am Wochenende schreibt er Theaterstücke oder spielt selbst auf den Bühnen des Off-Off-Broadway. Und irgendwie ist er der Mann der Stunde für das Bielefelder Festival "Voices of Change", das an den vergangenen vier Tagen neue amerikanische Dramatik in Werkstattinszenierungen und Lesungen vorstellte.

Täter sind Menschen

von Ulrich Schmidt

Bielefeld, 26. März 2010. Walter hat zwölf Jahre Knast wegen Unzucht mit Minderjährigen hinter sich. Jetzt in Freiheit ist er unsicher. Er ist unsicher, weil er sich wieder an die Freiheit gewöhnen muss, unsicher, weil er nicht weiß, wie er mit den Menschen umgehen soll. Also passt ihm sein ungemütliches Zimmer in der Vorstadt, wo ihn keiner kennt, sehr gut als Rückzugsmöglichkeit.

Die Suppe wird ausgelöffelt!

von Michael Laages

Bielefeld, 7. März 2009. Heinrich Himmler fehlt. Heiner Müller auch. Deutschem Charakter allerdings ist auch der junge Regisseur Robert Borgmann auf der Spur – aber der Absolvent der Berliner Schauspiel- und Regie-Schule "Ernst Busch", erprobt und bewährt nach ersten eigenen Projekten u.a. an der Schaubühne und dem Deutschem Theater in Berlin, legt diese deutschen Spuren in Bielefeld ganz anders aus.

Mut zur Parole

von Christian Rakow

Bielefeld, 9. Januar 2009. Ertüchtigungsprosa, schwarz auf weiß im Flugblatt mit nach Hause getragen: "Vor allem aber: eignet euch wieder das Maximum an Produktivkraft an! Nehmt euch alles zurück! Ladet euer Gehirn wie ein Gewehr und befreit eure Phantasie, erfindet neue Welten!"

Rudis Reste-Rampe

von Michael Laages

Bielefeld, 22. November 2008. Nein, es muss jetzt niemandem wirklich peinlich sein, wenn er oder sie bis dato noch nicht wusste, was das ist und wie das geht: "Speed Dating". Nur soviel: Es handelt sich offenbar um die zeitgenössische Variante des guten alten Eheanbahnungs-Instituts "Treueschwur" von Frau Irene und Boris von Klödenhoff-Wallstein oder so. Die Sache geht flott und vor allem im Internet – im virtuellen Chat-Room sind die Kombattanten gehalten, sich einander gegenseitig reihum vorzustellen; mit Vorlieben und Abneigungen, Risiken und Nebenwirkungen, und das Ganze möglichst flott und kompakt, wenn's geht in fünf Minuten. Auch früher musste die Anzeige immer schon kurz sein. Und billig. Später kommt der Praxistest – und Fisch hat dann Fahrrad gefunden. Oder eben nicht.

Intime Starschnittphantasien

von Christian Rakow

Bielefeld, 17. Oktober 2008. Bielefeld goes Amerika goes Off-Broadway. Neue Stücke aus der freien Theaterszene New Yorks sind an diesem Wochenende beim Festival "Voices from Underground Zero" im Theater am Alten Markt zu erleben, vornehmlich in szenischen Lesungen und Werkstattschauen. Der Rahmen ist eher klein und familiär. Neben Schauspieldramaturgin Christine Richter-Nilsson zeichnet der Kurator des New Yorker "Undergroundzero Festivals", Independent Theatermacher Paul Bargetto für die Auswahl verantwortlich.

Buntes Begehren im Batikhemd

von Christian Rakow

Bielefeld, 5. Januar 2008. Wenn unsere Jungdramatik ihre eigene Generation im Theater präsentieren will, dann führt sie gern Leute mit ultimativen Macken vor: Ob in Rebekka Kricheldorfs "Ballade vom Nadelbaumkiller" ein Junior zum Flamingo sammelnden Dandy mutiert oder ob Philipp Löhle in "Genannt Gospodin" einen Lama-Besitzer in den Windmühlenkampf gegen die kapitalistische Geldwirtschaft schickt. Gern werden eigentümlichste Spleens bemüht, um einer Zeit, die – so die stets mitschwingende Behauptung – im Grunde kein Anliegen, keine ethischen Einstellungen und damit gewissermaßen auch kein Drama kennt, dennoch etwas Bühnenfähiges hinzustellen.

Mann oh Mann

von Christian Rakow

Bielefeld, 9. November 2007. Man möchte diesem neuen Stück von Tom Peuckert eine Stadttheaterkarriere prognostizieren. Schließlich versammelt es alles, was derzeit auf den Bühnen zwischen Wilhelmshaven und Landshut für Quote sorgt. Zunächst einmal ein griffiges und aus den Medien wohl bekanntes Thema: Der moderne Mann und sein Selbstdefinitionsproblem. Oder in der Sprache des Stückes: "Was du tust, es ist ein Scheitern. / Nie wird Mannsein dich erheitern."