Das Sehnen der Finanzer

von Christian Rakow

Braunschweig, 18. Januar 2020. Es gab Autoren, die zeigten uns die neun Höllenkreise (Dante), den Horrorkeller des Fritzl (Jelinek) oder den hässlichen Schlund eines Grundschul-Elternabends (Lutz Hübner). Felicia Zeller aber führt uns dorthin, wo's wirklich wehtut: zum Fiskus. Es ist der gestrenge Moloch, dem jeder KSK-Tagelöhner einmal im Jahr bibbernd die Einkommensnachweise entgegenstreckt. Nirgends geht es für Künstler mehr ans Eingemachte.

Auch du, taube Nuss

von Jan Fischer

Braunschweig, 22. November 2019. Irgendwas ist da durchgerauscht, was Großes, in einem Winkel von zehn oder fünfzehn Grad vielleicht. In der Decke des mit Holzrechtecken verkleideten Raumes klafft jedenfalls ein großes Loch, am Boden ebenso. Es ist dieses Loch, durch das in Braunschweig das Personal von Tschechows "Der Kirschgarten" in ihr dem Untergang geweihtes Domizil hinaufklettern wird, frisch aus Paris angekommen. Der greise Diener Firs (Heiner Take) schält sich langsam aus dem Halbdunkel, um die Herrschaften willkommen zu heißen.

Gottgleich im Paradies

von Jan Fischer

Braunschweig, 17. November 2018. Am Ende bleibt vom Kokovorismus nur ein Tableau. Vanessa Czapla steht in einem weißen Kleid mitten im Gestrüpp, Joshua Seelenbinder trägt Gräser auf dem Kopf, Getrud Kohl reitet auf Resten von Requisiten heim und Heiner Take, zu dem Zeitpunkt mehr oder weniger in Rolle als August Engelhardt, klebt als gekreuzigter Märtyrer im Bühnengestänge. Niemand bewegt sich, ein Mitarbeiter rückt gleich einem Museumswärter goldene Stelen mit samtenem Absperrband vor die Bühne.

Spazieren gehen am laufenden Meta

von Jan Fischer

Braunschweig, 4. Mai 2018. Man muss, bevor man arglos in das dreieinhalbstündige Textbrett geht, das "Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rande der Landstraße" im Staatstheater Braunschweig ist, ein wenig Handke-Trivia in den Rucksack packen. Erstens, dass Peter Handke ein Spielkind ist, das Worte wie Legoklötzchen zu in den Himmel ragenden Turmbauten stapelt. Zweitens, dass Peter Handke ein großer Spaziergänger ist, kein Stadtflaneur, sondern einer, der regelmäßig die spanische Sierra de Gredos durchstreift, den Kosovo oder auch nur die Wälder in der Nähe seiner Wohngegend bei Chaville und während des Gehens die meisten seiner Texte – wie auch immer das funktionieren mag – schreibt. Und drittens, dass jeder Text von Peter Handke ein Ausflug in das Ego von Peter Handke ist.

Bromantic Love

von Jan Fischer

Braunschweig, 27. Januar 2018. Anfangs liegt da eine Frau im Wasser, sie trägt ein weißes Kleid und Kunstnebel umwallt sie. Die Frau patscht aus dem Wasser heraus – eine sturmgebeutelte Viola kann noch nicht ganz glauben, dass sie das Schiffsunglück überlebt hat.

Wer Visionen hat, sollte nach Westen gehen

von Jan Fischer

Braunschweig, 3. November 2017. Es ist für den US-amerikanischen Mythos der Frontier – dieser Grenze, hinter der das Unbekannte nur darauf wartet, einverleibt zu werden – ein Glücksfall, dass die öden Landschaften des Mars den ikonischen Felsformationen des Monument Valley verblüffend ähneln. Klaus Gehre macht sich diese Ähnlichkeit jedenfalls gleich zu Beginn seiner Inszenierung des Western-Klassikers "Spiel mir das Lied vom Tod" in Braunschweig zu nutze. In Großaufnahme erscheinen – in Anlehnung an eine Traumsequenz aus dem Sci-Fi-Klassiker "Total Recall" zwei Playmobil-Männchen in Raumanzügen groß projiziert vor einer Marslandschaft. Diese Landschaft wird, wiederum groß auf die den Raum der kleinen Bühnen beherrschenden Leinwand, direkt in einen Zug überblendet, der sich schnaufend in Richtung der Stadt Sweet Water schiebt. Und schon sind wir mittendrin im Western.

Alle mit allen

von Michael Laages

Braunschweig, 16. September 2017. Nein – so richtig Karriere gemacht hat das Stück nicht; nicht mal vor drei Jahren, im Bemühen der Theater, die damals 100 Jahre zurück liegende Katastrophe des Ersten Weltkrieges für die Zeitgenossenschaft heute kenntlich werden zu lassen. Deutsche Flieger ziehen über England hin und werfen im Licht der Flak-Scheinwerfer Bombenlast ab auf das sonderbare Landhaus des einstigen Kapitäns Shotover. Der ist schon 88 Jahre alt und treibt sehr bewusst auf das Ende zu, nur noch interessiert an der letzten Erleuchtung; seine etwas wunderliche Familie treibt derweil in ziemlich endzeitlicher Todessehnsucht neben ihm her. Zwei Gäste, gebeten der eine, ungebeten der andere, sterben sogar in der finalen Bombennacht – weil sie sich retten wollten. Aber ist der Krieg Motiv genug für die Wiederbegegnung mit dem "Haus der gebrochenen Herzen"?

Wir wollen alle besoffen sein

von Jan Fischer

Braunschweig, 31. März 2017. Diese umhermäandernden Gespräche über das große Alles, an die man sich später nicht erinnert, die Menschen, die man geküsst hat, aber eigentlich nicht küssen wollte oder umgekehrt, die Wege, auf denen man sich torkelnd verlaufen hat und trotzdem irgendwie zuhause ankam.

Der knallende Sound der Unschärfe

von Jan Fischer

Braunschweig, 25. September 2015. Der Chor, man kann das nicht anders sagen, knallt. Und "M(other) Courage" in Braunschweig besteht aus nichts anderem als Chor. 45 kurze Minuten, in denen größtenteils Bürgerinnen und Bürger der Stadt Braunschweig, unterstützt von sechs professionellen Schauspielern des Braunschweiger Ensembles, sich auf der Bühne in Sprachverschiebungen verausgaben.

Die Welt, wie Max sie sah

von Michael Laages

Braunschweig, 16. Mai 2015. Alle Hürden sind aufgestellt; alle Komplikationen, die eine internationale und mehrsprachige Theater-Produktion naturgemäß so mit sich bringen kann, sind zu bewältigen, bevor dieses schwere Stück Arbeit zum Erfolg werden kann: Der Autor stammt aus Belgien, der Text ist ursprünglich französisch. Der Uraufführungsregisseur, ausgezeichnet beim Braunschweiger "Fast-Forward"-Festival vor bald zwei Jahren, ist ebenfalls Belgier, und das Stück, das er nun als Teil des Preises in Braunschweig inszeniert, soll nicht nur hier, sondern auch daheim in Lüttich am Theater gezeigt werden. Das Ensemble ist deutsch-belgisch gemischt, zweisprachig ist die Aufführung sowieso, sie braucht also zweierlei Übertitel; zur Struktur des Stückes gehört aber auch noch, dass (als Stück im Stück) eine dritte Sprache gesprochen wird: Englisch. Eine weitere Hürde für die "Szenarien" von Jean-Marie Piemme in Antoine Laubins Uraufführungsinszenierung.

Wie sich dann aber all das fügt zum Stück, von dem hier die Rede ist: das ist zum Staunen.

Schrecklich verloren im digitalen Dschungel

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 23. April 2015. Wir haben uns in einem riesigen Wald verirrt. Erst sah er noch aus wie der Braunschweiger Stadtpark, aber inzwischen wuchert auf zwei Leinwänden auf der Bühne der kleinen Spielstätte Haus 3 ein immer dichter wachsendes Dickicht. Auch aus den Bodenluken holen die drei Schauspieler Pflanzen. Wie in "Die Welt ohne uns" sieht das aus, die Natur erobert die Bühne zurück.

Im Papiergewitter

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 27. März 2015. Sie wollen sich ja so gerne assimilieren, die Menschen, die auf verschlungenen Wegen nach Deutschland gekommen sind. Wenn sie sich in deutsche Trachten schmeißen und sich Zuschauer zum Tanz greifen, ist in der volkstümlichen Deutschland-Folklore schnell vergessen, dass nichts von dem, was wir an diesem Abend sehen, echt ist. Denn die Migranten, die in "Fliehen & Forschen" von ihren Erfahrungen in Braunschweig berichten, sind keine Helden des Alltags, sondern Schauspieler.

Geld oder Kinder?

von Jan Fischer

Braunschweig, 23. Oktober 2014. Die Hausbar ist – für alle, die nicht so oft im Staatstheater Braunschweig sind – nicht ganz einfach zu finden. Vier Treppen hoch zum zweiten Rang, einmal abbiegen, noch zwei Treppen hoch, der unscheinbare Eingang ganz rechts, irgendwo dort, wo es sich anfühlt, als sei das nun das Ende des Säulengebäudes, da ist sie.

Bis die Kulisse in Fetzen hängt

von Jan Fischer

Braunschweig, 1. Oktober 2014. Am Anfang ist das Stroboskop. Helle, weiße Blitze, von der Decke kommen die Kostüme herunter gefahren, eine dreckig verzerrte Gitarre,
Ihr habt es nicht anders gewollt von Heisskalt. Alle ziehen sich in den Stroboskopblitzen Kostüme an, bemalen sich die Gesichter. Hamlet schaut nonchalant vom Bühnenrand aus zu.

Kreisen um den dunklen Kern

von Jan Fischer

Braunschweig, 3. Juni 2014. Hitlerwitze gibt es genug, aber einen guten zu machen ist gar nicht so leicht. Denn obwohl die Figur Hitler an den Rändern ganz gut zur Witzfigur taugt – kleine Statur, dieser bekloppteste aller bekloppten Bärte, die öffentlichen epileptischen Schreikrämpfe – bleibt sie im Kern doch immer dunkel, psychopathisch, vernichtend.

In Lügen lächeln

von Michael Laages

Braunschweig, 12. April 2014. Erstaunlich gut tut es an diesem Abend dem Ensemble und uns, dem Publikum, sich mal wieder wie zum ersten Mal einzulassen auf eines dieser Dramaturgie-Maschinchen, die in der Schreibwerkstatt von Henrik Ibsen gerattert haben müssen; gnadenlos und unausweichlich, nach Bau- und Schaltplänen, die nichts, aber auch gar nichts dem Zufall überlassen. Noch für das entlegenste Nebenröllchen findet sich gegen Ende ein anderer Baustein seinesgleichen – bis wirklich alles passt. Und gern steht dann am Ende – wie in "Die Wildente", entstanden vor 130 Jahren – die schlimmstmögliche "Lösung"; schon darum, weil sie keine ist.

Unbezahlbarer Walzer der Liebe

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 20. März 2014. Am Ende bleibt oft nur noch die Musik. Wenn sich der Geist bereits tief in der Demenz verflüchtigt hat, sind alte Menschen immer noch empfänglich für Töne und Klänge. Sie sind noch da, aber sie sprechen nicht mehr unsere Sprache. Auf der Bühne des Staatstheater Braunschweig können die Alten nicht nur Musik hören, sondern auch mit Tönen kommunizieren. In ihren Rollstühlen spielen sie auf der Geige oder dem Cello. Sie zeigen mit zarten Harmonien, was sie immer noch empfinden. 

Mister Fabulous

von Stephanie Drees

Braunschweig, 18. Januar 2014. Ach, Faber. Du hast es geschafft, du Teufelskerl. Gewiss: Du rauchst ein bisschen viel, und dein Teint war wohl auch mal frischer. Aber du bist ein echter Souverän deiner Zeit. Nebelschwaden kreisen um dich, und ein ganzes Horrorkabinett der Vergangenheit kommt aus den Löchern: Unten tragen sie Naziuniform, oben Zombie-Maske mit zerfressenem Kiefer. Besuch, der aussieht, als käme er direkt vom B-Movie-Set. Eine Dame trägt zum SS-Blazer Spitzen-Strapse, deinem verstorbenem Freund Joachim hängt ein Vorhang aus Bast vor dem vermodertem Gesicht. Und du bleibst cool.

Migration in den Möglichkeitsraum

von Jan Fischer

Braunschweig, 12. September 2013. Draußen zieht die niedersächsische Ebene vorbei. Es ist dunkel. Vorhin, in Braunschweig, dachte ich zum ersten Mal in diesem Jahr: Herbst. Die ersten Blätter kleben auf dem nassen Beton.
Der Zug rollt, und während ich diese ersten Sätze schreibe, sehe ich schon die ersten Kommentare unter diesem Artikel vor mir: Was soll das? Was geht uns die Befindlichkeit des Kritikers an? Wo ist die Kritik?

Hinter der Fassade

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 6. April 2013. In Braunschweig entpuppt sich die glorreiche Vergangenheit beim näheren Hinsehen manchmal als eine bloße Illusion. Ganz zu Beginn dieses langen Abends sehen wir auf der Bühne das alte Braunschweiger Stadtschloss. Irgendwann vor dem Zweiten Weltkrieg muss das Sepia-Dia aufgenommen worden sein, vor den verheerenden Zerstörungen und dem umstrittenen Abriss der immer noch ansehnlichen Ruine in den Nachkriegsjahren.

Sumpf der großen Themen

von Stephanie Drees

Braunschweig, 14. März 2013. Plötzlich tauchen sie auf, erheben sich gemeinschaftlich aus ihrem nassen Grab. Da stehen sie nun und triefen. Ihr Meister Prospero ist aus seiner Lethargie befreit, hat seine Geister gerufen. Zwölf Jahre der aufgestauten Frustration hat er hinter sich und dürstet nach Taten. Der große Intellektuelle und Strippenzieher – auf einer abgelegenen Insel ist er in Hinsicht Machtausübung völlig unterfordert. Das äußere Erscheinungsbild des Zauberers und Phantasten Prospero aus Shakespeares "Sturm" kommt auf der Braunschweiger Staatstheaterbühne eher einem sozialverwaisten Bibliothekar als einem großen Herrscher nahe: Die Strähnen des lichten Haares eine Glatzendecke, die Hände in der Buntfaltenhose. So steht er am Rande, Herrscher über alle, die nun verschreckt aus dem Wasser ragen. Die Spiele können beginnen.

Geschichtsreise aus der Music-Box

von Michael Laages

Braunschweig, 18. Januar 2013. Kein Stück ist das, nur ein Gedanke, nur der Entwurf davon, was ein Stück Theater werden kann. Das ist der entscheidende Charme, den "Das Ballhaus" nach einer Spiel-Idee von Claude Penchenat, Mitbegründer des Theatre du Soleil Mitte der 1960er Jahre und zehn Jahre später Leiter des Théâtre du Campagnol, des "Wühlmaus-Theaters" in Paris, besitzt.

Karl der Käfer wurde nicht gefragt

von Jan Fischer

Braunschweig, 8. Dezember 2012. Braunschweig ist nicht Berlin. Was in diesem Fall wahrscheinlich auch nicht das schlechteste ist. Denn aus Berlin hört man ja – wie man eben immer diese Sachen aus Berlin hört –, dass alles schon wieder eine Stufe extremer ist, dass die Anti-Gentrifizierungsbewegung sich mittlerweile radikalisiert.

Widersachertortenschlacht

von Tim Schomacker

Braunschweig, 11. November 2012. Im Grunde erfüllen die Texte von Elfriede Jelinek den mildernden Umstand der Notwehr. Was aus dem großen Da-Draußen an Schreck- und Wirrnissen heranschwappt an die stellvertretende Rezeptorin, ist in erster Linie Bild und Sprache. Und das muss sprachlich in Mangel und Schwitzkasten genommen werden. Darum auch die Kabarettismen im Wortwitz, derer man sich, zuschauend, gelegentlich mit einem leise gezischten "Autsch!" erwehren muss. Im Falle der "Kontrakte des Kaufmanns" müsste man sogar von Putativnotwehr sprechen. Denn das Trumm schreibt sich zwar von zwei österreichisch-finanziellen Real-Skandalen her, weist jedoch voraus auf reichlich Haupt- und Staatskrisen von Lehman Brothers bis Griechenland, von denen wir bisweilen glauben, sie lägen hinter uns. Nach einem Text über Förderungen (die von Öl nämlich, und wie man sie militärisch sichert: "Bambiland", 2003) entstand 2009 dieser über Forderungen. Fordern und Fördern.

Der Clown ist fort

von Christian Rakow

Braunschweig, 6. Oktober 2012. Die Baubranche bringt sie alle auf Touren: Die Arme hochgekrempelt, packen ma's an, Jungs! Und Mädels! Mit Hochdruckreinigern säubern sie minutenlang den Leim von den Wänden, die eben noch durch schwarze Plastikbahnen verdunkelt waren (eine finstere Sackgasse hat Bühnenbildnerin Susanne Dieringer auf eine steil abfallende Spielfläche gebaut). Jetzt sollen die bunten Panoramalandschaftstapeten darunter wieder blühen, leuchten.