Rockjunta auf Zypern

von Alexander Kohlmann

alt

Braunschweig, 17. März 2012. Wenn sich der eiserne Vorhang hebt, dringt gleißendes Licht in den Zuschauerraum. Irgendwo voraus, hinter den Nebelschwaden, liegt Zypern, die geschwungenen Formen eines Strandes (Bühne und Kostüme: Sigurður Óli Pálmason) kristallisieren sich heraus, ein Tür, ein Fenster, ein kleines Haus, an der fernen Künste – vielleicht.

Doch nicht mit Schiffen erreichen in Braunschweig Othellos Mannen den Ort der Tragödie, sondern mit einer Rockband, die in diesem Moment unüberhörbar ihre Segel setzt. Eine saufende und krakelende Truppe um ihren Anführer, den Schwarzen (Tobias Beyer), an dem nur Hose, T-Shirt und eine riesige Haarpracht schwarz sind.

alt

Traumnovelle auf Speed

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 17. Dezember 2011. "Bitte achten Sie auf ihr Gepäck", schallt es zu Beginn immer wieder aus den Lautsprechern. Ein zurückgelassener Koffer an der Rampe hat die Aufmerksamkeit der Sicherheitsorgane erregt. Und mit unbeaufsichtigtem Gepäck spaßt man nicht in einer Zeit, in der gerne mal Bürgerrechte gegen die innere Sicherheit aufgerechnet werden. Das kann schnell teuer werden – weshalb Hans Adamski (Tobias Beyer), ein junger Yuppie-Unternehmer aus dem Hochglanzmilieu, sich dann beeilt, seinen Besitzanspruch durch zärtliches Streicheln deutlich zu markieren. Doch dass es in Marc Beckers neuem Stück bald nur noch am Rande um den Übergriff des allgegenwärtigen Sicherheitswahn auf unser Privatleben geht, zeigt sich spätestens, wenn wir erfahren, was sich im Inneren des Koffers verbirgt.

alt

Amoklauf einer Pädagogin

von André Mumot

Braunschweig, 20. November 2011. Manchmal muss man auf den Wagen aufspringen, solange er noch richtig gut in Schwung ist. Wohl auch deshalb spielt das Staatstheater Braunschweig schon jetzt den durchschlagenden Theatererfolg der vergangenen Spielzeit nach, dessen Uraufführung noch in aller Munde ist. Eigentlich ist es ja sowieso kein Stück, sondern ein Phänomen, das alle Publikums- und Kritikernerven gleichzeitig in wohlwollende Wallung gebracht hat: "Verrücktes Blut", von Jens Hillje und Nurkan Erpulat geschrieben und von letzterem bei der Ruhrtriennale als Koproduktion mit dem Ballhaus Naunynstraße inszeniert, war jüngst in Mühlheim und beim Theatertreffen zu Gast, ist neben der Jelinekschen "Winterreise" von "Theater heute" zum deutschsprachigen Stück des Jahres gewählt worden – und darf jetzt, da die Hymnen noch nicht verklungen sind, zeigen, ob es auch in fremden Händen funktioniert.

Die Tyrannei der Zärtlichkeit

von André Mumot

Braunschweig, 24. September 2011. Gesucht wird das ganz große Gefühl, eines das durch Mark und Bein geht, weil es wirklich echt sein könnte. Die gute Nachricht: Gegen Ende wird es dann gefunden. Es gibt da zum Beispiel eine Szene inmitten der tragischen Kabalen, die hauptsächlich pathetisch ist und die man selten hervorheben würde. Die Tochter gesteht ihrem Vater mit schwärmerischen Worten, dass sie vorhat, Selbstmord zu begehen, weil ihr Ferdinand sie für eine Hure hält.

alt

Was stellst du dich so an, Elfriede?

von André Mumot

Braunschweig, 25. Mai 2011.  Es sind zwei rollbare Kleiderständer, die links und rechts den Bühnenraum begrenzen und sich feindlich gegenüberstehen: Auf der einen Seite, der männlichen, hängen bloß ein gelber Bauarbeiterhelm samt Werkzeuggürtel und eine Sammlung ineinander gesteckter roter Zwergenmützen. Auf der anderen aber, der weiblichen, drängen sich dicht an dicht die buntesten Kleider und Kostüme. Hier also soll das Schlachtfeld abgesteckt werden für die verfeindeten Geschlechter und überhaupt für alles Unvereinbare.

alt

Und ewig lockt die Akustikgitarre

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 9. April 2011. Für einen Moment ist es ganz dunkel im Großen Haus des Braunschweiger Staatstheaters. Dann nämlich, wenn Medea den Koffer mit dem Goldenen Vlies öffnet, das wie eine hochgiftige Ladung Uran doppelt gesichert im Koffer und in einer eisernen Transportkiste liegt. In absoluter Dunkelheit erstrahlt ihr Gesicht in einem geheimnisvollen, gleißend-blauen Licht. Nur Sekunden später ist der Saal wieder hell und das dämonische Bild verschwunden, als wäre es nie da gewesen. Aber vielleicht – so denkt man – ist ja doch etwas dran an Medeas Zauberkräften, die in dieser nüchtern-sachlichen Inszenierung ansonsten ganz konsequent im Verborgenen oder eben eingesperrt in der Truhe bleiben.

alt

Melodram im Freefall-Tower

von Alexander Kohlmann

Braunschweig, 22. Januar 2011. Warum sie sich nicht eine sichere Nummer heiraten würde? Einen, der einer geregelten Arbeit nachgeht und ihr Sicherheit zu geben vermag, fragt Julie ihre Freundin Marie in einer der Schlüsselszenen dieses Abends. Einen vielleicht, wie den in dieser Inszenierung omnipräsenten Friseur, der beharrlich um ihre Hand anhält und bereit ist, ihr eine solche sichere Existenz zu garantieren. Ja, warum nur, warum liebt Julie Liliom?

Neuköllner Blutlustigkeit

von André Mumot

Braunschweig, 8. Oktober 2010. Uns kann es ja eigentlich schnurz sein, aber das Stück selbst stellt dann leider doch die Frage: Warum läuft der Lutz Amok? Das ist nämlich eigentlich ein ganz Lieber, der seine Flinten nur ehrfurchtsvoll sammelt, aber nie benutzen würde. Einer, der in Neukölln wohnt, und zwar im Erdgeschoss, und der Sozialwissenschaften studiert hat. Und weil das ja alles und nichts heißen kann, merkt sich das auch keiner, und selbst sein Kumpel Manni (Philipp Plessmann) bringt das immer durcheinander und behauptet, er habe Kulturwissenschaften studiert. Oder Medienwissenschaften. Oder Vergleichswissenschaften. Voilà: Der erste Running Gag.

Identitätspiraten

von André Mumot

Braunschweig, 23. September 2010. Bevor dieser Abend zu sich finden kann, bevor er sich mit Wucht in seine Identitäts-Zerrüttungen wirft, will er erst einmal auf ziemlich fürchterliche Weise komisch sein. Vielleicht, weil sich seine Grundidee schon einmal als Komödienstoff bewährt hat: In "50 erste Dates" war es Drew Barrymore, die, mitten im goldigen Hollywood-Mainstream, ständig ihr Gedächtnis verlor, und um die Adam Sandler wieder und wieder neu werben musste.

In Anne Nathers Auftragswerk fürs Staatstheater Braunschweig, mit dem die neue Intendanz von Joachim Klement ihre erste Spielzeit eröffnet, geht es dem jungen, vom eigenen Werk angeekelten Schriftsteller Georg (Oliver Simon) nicht anders. Nach einer Preisverleihung, auf der er die ein oder andere Auster zu viel geschlürft hat, kommt ihm jedenfalls alle paar Minuten sein Kurzzeitgedächtnis abhanden. Und damit auch die Fähigkeit, zu schreiben.

Das ist also Theaterspielen?

von André Mumot

Braunschweig, 8. Juni 2010. Wenn jemand im Publikum auch nur das leiseste Geräusch von sich gibt, unterbricht sich Bianca van der Schoot und schaut auf eine Weise auf, die einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Angeblich können Blicke ja nicht töten. Aber diese vielleicht schon, und deshalb halten alle Anwesenden vorsorglich den Atem an.

Denkmalsockel unterm Arm

von Hartmut Krug

Braunschweig, 26. September 2008. Die Aufführung beginnt im Foyer mit einem seebärigen und zottelbärtigen Mann, der sich lautstark Gehör verschafft mit der Aufforderung, wir "Braven, Jungen, Kraftvollen" müssten stärker werden. Wenn er seine Pulloverärmel hinauf- und sein Hosenbein hochkrempelt, um stramme Bizeps und feste Waden zu zeigen, um gegen "labbriges Franzosenzeug" zu schimpfen und nach "Burschen, die Deutschlands Mönche sind, frisch, fromm, fröhlich und frei" zu rufen, dann ist dieser Streiter gegen Fürstenmacht vor allem eines: eine komische Figur.

Fremdeln mit den Göttern

von Dirk Pilz

Braunschweig, 16. Februar 2008. Neunzig Minuten lang blieb der Saal hell erleuchtet, und dann, kurz vor Schluss: flusch!, große, tiefe Dunkelheit.

Na so was.

Da wurde anderthalb Stunden die Tragödie so ordentlich wie geschäftsmäßig verhandelt, hielten die Schlipsknoten und Frisuren, durfte die streng gescheitelte Botin zwar immerhin rauchen, aber nicht auf den Boden aschen, wurde Oedipus, er vor allem, auch schon mal laut, aber nie so, dass es unangenehm gewesen wäre, wurde also mitunter auch deftig geschrieen und hektisch über die leere Bühne gehastet, aber immer hübsch im Rahmen des Erträglichen und Nachvollziehbaren, nie maßlos, harsch, unbegreiflich.