Im langen Schatten der Schoah

von Sascha Westphal

Bochum, 5. September 2019. Eine Gaskammer in Auschwitz ... so schaut es aus, als ein wenig mehr Licht in Monika Pormales Bühnenkasten fällt und Duschen ebenso wie verschmutzten Kacheln an den Wänden sichtbar werden. Etwas dunkelrote Farbe, die an einer Wand verschmiert wird, verweist direkt auf das Grauen dieses Ortes.

Schichten von Schutt und Schuld

von Sascha Westphal

Duisburg, 28. August 2019. Ein wenig anachronistisch ist die Situation schon, vielleicht sogar etwas widersinnig. Die Götter der Antike sind schließlich schon seit langem verschwunden. Verdrängt von den monotheistischen Religionen. Und doch sind es ausgerechnet Juno und Jupiter, die in einer fernen oder vielleicht auch nicht so fernen Zukunft Relikte unserer Gegenwart ausgraben. Die hochtechnisierte Zivilisation des frühen 21. Jahrhunderts ist untergegangen wie vor ihr schon Troja oder Karthago und so viele andere Städte und Reiche. Nun ist es an den alten Göttern, zu entdecken, was von Europa, ihrer alten Welt, noch übrig ist. Langsam und vorsichtig legen Marie Goyette und Thorbjörn Björnsson zunächst ein Smartphone, dann eine Computermaus, auf der noch das Skelett einer menschlichen Hand ruht, frei. Wie Archäologen, die einen besonders wertvollen Fund gemacht haben, pinseln sie Sand weg und bergen doch nur Elektroschrott, der ihnen nichts sagt.

Aufbau Europa – Abbau Europa

von Andreas Wilink

Bochum, 23. August 2019. Der Synkretist und Morphologe Johann Wolfgang von Goethe wusste: "Bezüge sind das Leben." Das Muster entwerfen wir selbst und ziehen den Faden ein, der, wie in den "Wahlverwandtschaften", nicht rot sein muss. Für das vergangene 20. Jahrhundert der Kriege, Ideologien, Revolutionen und moralischen Verwüstungen, des Sündenfalls intellektueller Theorie, Wissenschaft und Technologie, der Pervertierung utopischer Gedanken wäre auch ein schwarzer Faden angebracht, um den Trauerrand zu nähen. Zu einem bunt gewirkten Band – ja, vielleicht einer Richtschnur – flicht der als Dissident in Frankreich lebende und lehrende Tscheche Patrik Ourednik (geb. 1957) Ereignisse in seiner 2001 erschienenen Chronik des 20. Jahrhunderts, die der Tradition mittelalterlicher Schreiber folgt. "Europeana" verknüpft Fakten und Begebenheiten, bedeutsame und banalere, und ist als glossierende Erzählung von Geschichte und ihres Nachhalls ein subjektives Memory-Spiel – ironisch gebrochen, spöttisch, eingetrübt.

"Ihre Vagina fühlte sich etwas wund an"

von Martin Krumbholz

Gladbeck, 22. August 2019. Roger van der Weydens Gemälde Kreuzabnahme zeigt in der Horizontalen, wohl in einer leichten anatomischen Verzerrung, den Leib des Erlösers inmitten einer Gruppe trauernder Menschen. Ihre Kleider aber scheinen nicht aus Jesu Zeiten zu stammen, sondern aus der des flämischen Meisters. Das Werk sei voller "absichtlicher Fehler", meint der Theatermacher Jan Lauwers anlässlich einer ausgiebigen Analyse, aber letztlich gehe es dem Künstler nicht darum, der Heilsgeschichte etwas hinzuzufügen, sondern "die Geheimnisse der Malerei zu entdecken."

Vergangene Musik, künftiger Rassismus

von Gerhard Preußer

Bochum, 21. August 2019. Leise, ganz leise hört man Klaviermusik, im pianissimo von einem Klavier hinten oben in der riesigen weiten Halle und aus den Lautsprechern. Zum Hinhören wird man verführt, angereizt durch entfernte, unklare, sich überlagernde Klänge. So sichert sich Marthaler von Anfang an die Aufmerksamkeit für sein szenisches Konzert, durch Reduktion, nicht durch Expansion. Musik kurz vor dem Verschwinden, von Anfang an.

Wider Trump und Stanislawski

Von Sascha Westphal

Gladbeck, 14. September 2018. "In einem amerikanischen Leben gibt es keinen zweiten Akt", heißt es in F. Scott Fitzgeralds letztem, unvollendet gebliebenem Roman "Die Liebe des letzten Tycoons". Der Roman könnte Pate gestanden haben für die neueste Bühnenarbeit des Nature Theater of Oklahoma, "No President". Und der zitierte Satz – einer der berühmtesten des großen Chronisten des Jazz Age – schwingt mit, wenn Robert M. Johansons Erzähler in der Maschinenhalle Zweckel mit deutlichem Nachdruck den "zweiten Akt" ausruft. Fitzgeralds Diktum hat heute, beinahe 80 Jahre später, allem Anschein nach seine Gültigkeit verloren. Den Eindruck legt nicht nur "No President" nahe. Oder anders gefragt: In welchem Akt seines Lebens befindet sich eigentlich Donald Trump? Seit er sich als Reality-TV-Host neu erfunden hat, auf jeden Fall im zweiten.

Die Qualen der Vielzuvielen

von Regine Müller

Bochum, 31. August 2018. Die Parallelen zur Gegenwart sind überdeutlich: Hans Werner Henzes Oratorium "Das Floß der Medusa" schildert den historischen Fall der Fregatte Medusa, die 1816 auf ihrer Fahrt in den Senegal kenterte. Während der Kapitän, die Oberschicht und die Geistlichkeit sich in Rettungsbooten in Sicherheit brachten, kämpften die Schiffbrüchigen auf dem Floß zuletzt sogar kannibalistisch um ihr Überleben. Die zeitgenössischen Berichte beförderten seinerzeit die revolutionären Stimmungen zu Beginn des 19. Jahrhunderts, das ikonische Gemälde "Le Radeau de la Méduse" von Théodore Géricault verankerte das Drama im kollektiven Bildgedächtnis. Und vor 50 Jahren musste die Uraufführung von Henzes Oratorium in Hamburg wegen einer turbulenten Protestaktion abgebrochen werden.

Come in and find out

von Gerhard Preußer

Duisburg, 25. August 2018. Hinein ins pralle Menschenleben! Eintauchen wollen wir in Geschichten. Nun hat auch die Ruhrtriennale ihr Immersionsprojekt. Der auf vielen Festivals erprobte argentinische Regisseur Mariano Pensotti hat in die große Halle der Kraftzentrale eines alten Duisburger Stahlwerks eine kleine Stadt bauen lassen: Zehn kleine Häuser, ein Auto und eine provisorische Bühne bilden die Stadt "Diamante". Man geht hinein, ist mittendrin und doch getrennt. Die Häuschen haben eine Glasfront, durch die man die Schauspielerinnen und Schauspieler agieren sieht. Der obere Teil der Schaufenster ist Projektionsfläche. Dort erklärt uns und kommentiert ein Erzähler mit Übertiteln schriftlich, was wir sehen.

Denn genug ist nicht genug

von Martin Krumbholz

Bochum, 17. August 2018. Im Lauschen auf die Musik finden alle zusammen. Auch diese Marthal’schen Bühnenkinder, die vorher noch gebalgt, sich gewürgt, sich die Luft zum Atmen genommen hatten: Wenn die Musik anschwillt, um zu verklingen, die Streicher sich verströmen, eine Trompete hell und klar durch die Halle dringt, dann halten sie plötzlich inne, senken die Köpfe und lauschen. Der Ausklang ist der ergreifendste Moment dieses Abends, denn die wunderbare Musik des Amerikaners Charles Ives (1875–1954) ist sein eigentliches Ereignis. Wie so oft sieht man die Musiker nicht. Man hört sie nur. Die Bochumer Jahrhunderthalle mit ihren gewaltigen Dimensionen verschlingt die Musiker, nicht die Musik.

Im Reich der Betonköpfe

von Sascha Westphal

Essen, 11. August 2018. Der entscheidende Satz fällt schon recht früh. Er stammt von dem syrischen Arbeiter Ahmad. Und so wie der Schauspieler Mustafa Kur ihn hervorstößt, ist er mehr als nur Ausdruck einer Beobachtung, sondern wird zur flammenden Anklage. Für Ahmad ist das riesige Zementwerk, das der französische Baustoffkonzern Lafarge bis in den Herbst 2014 hinein im Nordosten Syriens betrieben hat, eine Miniatur Syriens. Wer die Geschichte dieser Fabrik, die am 19. September 2014 von IS-Kämpfern eingenommen wurde, erzählt, berichtet der Welt zugleich von allem, was in Syrien seit dem Ausbruch der Proteste gegen das Assad-Regime geschehen ist.

Großer Befreiungs-Marsch

von Andreas Wilink

Duisburg, 9. August 2018. Weiße Völker, nun hört endlich die Signale! Gesang wie Sirenengeheul gibt die Tonart vor: für eine offensive Revolte gegen das noch nachträglich verweigerte Recht auf geschichtliche Präsenz und Repräsentanz. In "The Head and the Load (are the troubles of the neck)" – der Titel nimmt Bezug auf ein Sprichwort aus Ghana – betrachtet William Kentridge mit Musikern, Tänzern, Sängern, Performern, Filmern den historischen Moment Afrikas im Ersten Weltkrieg, als Hunderttausende von den Kolonialmächten verschlissen wurden.

Kapitalismus, ein Kinderspiel

von Sascha Westphal

Bochum, 22. September 2017. Manhattan ist ein Kinderspielplatz. Links an der Seite befindet sich ein Sandkasten in dem Bert Luppes sitzt – als einsames Kind, mit dem niemand spielen will. Dahinter erhebt sich ein Klettergerüst, auf dem sich der Musiker Benjamin Dousselaere mit seinen elektronischen Instrumenten eingerichtet hat. Schräg daneben bietet eine Art Riesenschaukel bis zu acht Personen Platz. Etwas weiter rechts erhebt sich eine halbrunde, zweireihige Tribüne mit hölzerner Rückwand, auf der die erschöpften Kinder sich ausruhen können. Vorne rechts komplettieren drei Wipppferde dieses Spielparadies, das Pierre Bokma, Elsie de Brauw und Mandela Wee Wee recht bald wie Usurpatoren einnehmen werden. Bert Luppes war zwar schon vor ihnen da. Nur interessiert das diese kleine Clique nicht. Ihnen gehört die ganze Welt, zumindest aber der Spielplatz.

Eingefleischter Pessimismus

von Martin Krumbholz

Duisburg, 7. September 2017. Wenn man diesen Abend in der ehemaligen Gießerei eines Stahlwerks im Duisburger Norden sieht, in Wolldecken gehüllt, denn der "Saal" ist teilweise offen und es wird zunehmend frischer, dann denkt man auch an die Figuren, die man an derselben Stätte vor zwei Jahren schon gesehen hat, beim ersten Teil der "Trilogie meiner Familie" von Luk Perceval. Denn die zwölf Schauspieler (vom Hamburger Thalia Theater) sind dieselben: Stephan Bissmeier etwa hat damals den Doktor Pascal gespielt, einen Forscher, der Stammbäume studiert und Daten erhebt, um die Menschheit neu zu erfinden; Gabriela Maria Schmeide war die Wäscherin Gervaise, Alkoholikerin.

"O Mensch! Gib acht!"

von Andreas Wilink

Duisburg, 25. August 2017. Da ist Musik drin. Immer bei Jelinek. Ihre Text-Ketten sind selbst musikalisches Ereignis, knüpfen eine unendliche Sprachmelodie – einlullend und aufrüttelnd. Betäubende Aufputschmittel. In ihrem Fukushima-Sound of Silence "Kein Licht." ruft die unhörbare, unsichtbare Verstrahlung Laute hervor. Wobei sich der massive Sprachblock seit 2011 mehrfach verbreitert hat: um einen "Prolog?" und "Epilog?" (2012), der einer trauernden (Antigone-)Stimme im postapokalyptischen Niemandsland gehört; sowie – aktuell und exklusiv – um den sarkastischen Auswuchs "Der Einzige, sein Eigentum (Hello Darkness my old friend)".

Eine Kirche der Abschottung

von Sascha Westphal

Duisburg, 15. September 2016. Von all den imposanten alten Industriebauten, die von der Ruhrtriennale bespielt werden, ist die Gebläsehalle im Landschaftspark Duisburg Nord wohl der sakralste, zugleich aber auch der strengste. Die in die Seitenwände eingelassenen Bogennischen erinnern deutlich an Kirchenfenster. Nur sind sie zugemauert. Nichts dringt in diesen Raum hinein, nichts aus ihm heraus. Er wirft jeden, der ihn betritt, unbarmherzig auf sich zurück und ist damit wie geschaffen für letzte Fragen und heilige Handlungen. Davon zeugt auch seine Triennale-Geschichte. Vor fast genau acht Jahren hat hier Christoph Schlingensief seine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir errichtet, und vor gut zwei Jahren war es Romeo Castellucci, der in dieser Halle Strawinskys Le Sacre du Printemps in eine Maschinen-Choreographie samt Knochenstaub-Kaskaden verwandelt hat. Genau in diese Tradition schreibt sich nun die Regisseurin Susanne Kennedy zusammen mit dem bildenden Künstler Markus Selg ein.

Cash kommt vor dem Crash

von Stefan Keim

Duisburg, 7. September 2016. Die Bühne ist vollgestellt mit Hightech-Geräten aus dem 19. Jahrhundert. Schreibmaschinen stehen für den technischen Aufbruch. Plötzlich erschlossen sich neue Märkte, Syrien, Nordafrika, die Eisenbahnen machten es möglich, Kanäle wurden gebaut. Nach Liebe erzählt Luk Perceval im zweiten Teil der "Trilogie meiner Familie" bei der Ruhrtriennale vom "Geld". Er kombiniert drei Romane aus Emile Zolas 20teiliger Serie über die Rougon-Macquarts, eine Großfamilie, die während des Zweiten Kaiserreichs die Entstehung der kapitalistischen Industriegesellschaft erlebt.

Erkenne die Erlösung

von Sascha Westphal

Marl, 2. September 2016. Nach etwa der Hälfte der Spieldauer setzt sich die riesige Kohlenmischmaschine, das noch intakte Herzstück der riesigen Kohlenmischhalle der erst im vergangenen Dezember geschlossenen Zeche Auguste Victoria, in Bewegung. Bisher hatte sie die Spielfläche quasi verschlossen, nun entfernt sie sich mehr und mehr von der ihr gegenüberstehenden Tribüne. Wo zuvor allem, der Wahrnehmung wie dem Denken, den (Flucht-)Bewegungen der Spielerinnen und Spieler wie den Blicken des Publikums, eine eindeutige Grenze gesetzt war, öffnet sich nun der Raum in eine Tiefe, die wiederum alles und jeden verschluckt.

Der letzte Atem der Kreatur

von Andreas Wilink

Bochum, 1. September 2016. Für Alain Platel, den gelernten Orthopädagogen aus Gent, und sein spirituelles, ergreifendes und rüdes Körpertanztheater hat der Begriff Erbarmen entschiedene Bedeutung. Das Integrieren einer sozial herben Wirklichkeit gehört zum Charakteristischen von Platels les ballets C de la B. Der Mann der Vorstädte, Heime, Straßen, Ghettos hebt Grenzen auf. Seine Tanzabende sind Befreiungstheologie – Passionsspiele mit österlichem Hoffen. Zur Ruhrtriennale unterhält Platel seit ihrer Gründung durch Gerard Mortier innige Beziehungen. Mit "Nicht schlafen" zeigt das NRW-Festival Platels vierte Produktion, begonnen mit der Mozart-Suburb-Performance "Wolf", gefolgt von Monteverdis introspektiver "Marienvesper" und Pitíé! Erbarme Dich!, angelehnt an Bachs "Matthäus-Passion".

Das schwarze Gold des Ruhrgebiets

von Regine Müller

Bochum, 12. September 2015. Als Willy Decker vor vier Jahren Richard Wagners "Tristan und Isolde" bei der Ruhrtriennale in der Jahrhunderthalle inszenierte, ließ er sich von Wolfgang Gussmann auf halber Höhe eine wuchtig breite Bühne bauen, und das Orchester mehr oder weniger darunter verschwinden. Damit ergab sich trotz der majestätischen Weite der Industriehalle, die für atemberaubende Ausblicke und Fernsichten weidlich genutzt wurde, eine klassischen Guckkasten-Bühnensituation, in der Wagners "wissendes Orchester" quasi unsichtbar blieb.

Oh, schönes Schicksal?

von Dorothea Marcus

Duisburg, 9. September 2015. Rund 23 Jahre lang schrieb Émile Zola an seinem monumentalsten Werk, den 20 Bänden der "Rougon-Maquart – Natur- und Sozialgeschichte einer Familie unter dem Zweiten Kaiserreich". Jahrzehnte umfasst die verzweigte Saga der Doppel-Dynastie, die sich in verfeinert scheiterndes Bürgertum und alkoholisierte Arbeiterklasse aufteilt. Zum Literaturkanon gehört das aufgrund seiner starken Theorielastigkeit nicht, am bekanntesten sind noch "Germinal", der Einblick in die Bergwerksfron, "Der Totschläger" und "Nana", über das Leben der bestbezahltesten Prostituierten ihrer Zeit.

Vom Industriewagon zum Proust-Sektsalon

von Martin Krumbholz

Gladbeck, 21. August 2015. Die Maschinenhalle Zweckel in Gladbeck hat nichts von ihrem Zauber verloren. Auch wenn anfangs die Sonne durch die hohen Fenster dieser Industriekathedrale direkt auf die Tribüne scheint und das Publikum blendet: Die Aura des Raums ist einzigartig. Als Spielort für Marcel Prousts "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ wirkt sie freilich kontrapunktisch und letztlich etwas beliebig. Die Imagination eines Salons muss in der Inszenierung des polnischen Regisseurs Krzysztof Warlikowski mühsam hergestellt werden – durch eine Sektbar und einen fahrbaren Glaskasten – und sich gegen die unübersehbaren Überbleibsel dieses Orts schwerer körperlicher Arbeit behaupten. Warlikowski, an dessen Proust-Adaption hohe Erwartungen geknüpft wurden, nutzt den Kontrast nicht, er übersieht ihn.

Aug' in Aug' mit den Zombies

von Wolfgang Behrens

Essen, 20. August 2015. Es war einmal: Christoph Schlingensief. Der inszenierte – viele Jahre ist's her – Wagners "Parsifal", auf einer Drehbühne, die war so wimmelig und prall gefüllt, dass es eine Lust zu schauen war. Aber, ach!, der Schlingensief war in das Haus einer bösen Familie in Bayreuth geraten, die wollte, dass alles mit rechten Dingen zuginge, und da musste es auch eine Personenregie geben. Und so hampelten damals ein paar Sänger durch die prächtige Bühneninstallation und taten, was sie immer taten: Sie spielten Oper. Ins Herz des Zuschauers aber pflanzten sie die Sehnsucht, diesen "Parsifal" einmal nicht aus der Guckkastenperspektive zu betrachten, sondern ihn zu begehen. Sich durch die Bühnenwelt des Schlingensief zu bewegen, sie als Parcours zu erleben anstatt als Opernkulisse (und tatsächlich hat Schlingensief später Ähnliches mit seinem Animatographen "Odins Parsipark" versucht).

Sturz in die Steine

von Sarah Heppekausen

Dinslaken, 14. August 2015. Die Halle ist kolossal. 210 Meter Länge, die vom Publikum erstmal durchschritten werden, bis die Tribüne am hinteren Ende erreicht ist. Am Boden staubiger Schotter, der in seiner Eintönigkeit wie manche Halde im Ruhrgebiet an eine Mondlandschaft erinnert. Nach vorne hin ist die Halle offen, gibt den Blick aus dem grauen Tonnengewölbe in die Natur frei. Birken und Büsche haben sich auch hier die ausgediente Industrieanlage zurückerobert. Der Mensch wird so erstaunlich klein in solchen überdimensionierten, leeren Hallen. Deshalb eignen sie sich so gut zu anthropologischen Betrachtungen, die ihn in Relation setzen.

Anklagegesänge

von Friederike Felbeck

Bochum, 28. August 2014. Vielleicht ist die Aufführung auch eine perfide Falle. Zu Beginn werden schwarze Kisten, die wie Särge oder schwarz getünchte Überseekisten aussehen, geheimnisvoll von rechts nach links geschoben und verschwinden hinter einer riesigen Wand. Vorne lamentiert ein elegant in Schwarz gekleideter Sänger in einer unbekannten Sprache, begleitet von Gesten, die an die Signale erinnern, die sich Seeleute mit zwei Flaggen geben. Vielleicht ist die Aufführung eine Zauberkiste, aus der sich maorische Gesänge in europäische Veranstaltungssäle schmuggeln lassen, die nur so tun, als seien sie fremdes Liedgut – wobei sie tatsächlich Beschwörungsformeln sind und magischen Ritualen dienen.

Über das Singen

von Sascha Westphal

Gladbeck, 22. August 2014. Die gigantische und dabei feudale Maschinenhalle der ehemaligen Zeche Zweckel in Gladbeck gehört sicher zu den eindruckvollsten Spielstätten der Ruhrtriennale. Doch davon ist in Boris Nikitins "Sänger ohne Schatten" erst einmal nichts zu spüren.