Geballte Faust aus Streichfett

von Tobias Prüwer

Leipzig, 2. März 2014. Adi gibt den Löffel ab. Während das Publikum Platz nimmt, geht der junge Mann in Alpentracht um und verteilt löffelweise Joghurt-Kostproben unter den Zuschauern. Molkereimitarbeiter Adi ist schon Unruhestifter, noch bevor "am beispiel der butter" von Ferdinand Schmalz in der Uraufführung von Cilli Drexel auf der Nebenspielbühne des Schauspiels Leipzig so richtig losgeht.

Drei Schweine, drei Fische, ein Rind

von Ralph Gambihler

Leipzig, 22. Juni 2013. Die Trillerpfeifen-Pfiffe wird man eine Weile im Ohr behalten. Die der Tierschützer, die vor dem Theater den Protest mehr probten als zelebrierten und drinnen mangels Kampfkraft bald aufgaben. Und die des Zeremonienmeisters, der die zahlreichen Akteure zuerst unten im Foyer und dann oben im Saal mit scharfen Signalpfiffen zu dirigieren verstand, sechs teils schmerzliche Stunden lang, fast wie ein Trainer, der seine Sportler über den Rasen hetzt. Dabei waren die Pfiffe das wenigste. Sie waren ein sehr kleines Detail in diesem gewaltigen Blutkunst-Spektakel, in das wohl niemand hinein geraten ist, der nicht wusste, was ihn erwartet, und sei es durch ausgiebiges Vorab-Googlen und You-Tube-Testgucken.

Was vor dem Ende gespielt wird

von Juliane Streich

Leipzig, 9. Mai 2013. Mit psychischen Störungen geht dieser Beckett-Abend von Martin Laberenz los. Bald kommt das DSM 5 heraus, das Handbuch zur Diagnose psychischer Leiden, das geistige Krankheiten definiert. Und die werden immer mehr, man nehme nur die Macke, sich immerzu kratzen zu müssen, das nun als Spin Picking geführt wird. "Demnach wird die Mehrheit der Bevölkerung bald psychisch gestört sein", erklärt ein Mann im Anzug mit leicht französischem Akzent. Er steht in der Mitte der Festspielarena des Leipziger Centraltheaters und zeigt mögliche Zusammenhänge auf zwischen Pharmaindustrie, Arbeitsverhältnissen und Depressionen. "Also mir geht's gut im Kopf, aber das ist ja schon ein Affront, wenn man das behauptet." Spricht's und setzt sich ins Publikum.

Ich bin noch da, ihr Schweine!

von Mathias Schulze

Leipzig, 25. April 2013. "Ich weeß nich, ob ich die nächste Buchmesse noch erlebe." Der Schmerz liegt im Rücken, zu viel gesessen, zu viel gedacht, zu viel geschrieben. Und schwupps knallt der rote Gymnastikball gegen den Kopf: "Mache´n Kopp zu."

Utopie und Rückbesinnung

von Ralph Gambihler

Leipzig, 1. März 2013. Man ist versucht, einen Showdown zu nennen, was da seit gestern am Centraltheater über die Bühne geht – nein! – , gejagt wird. Das Repertoire ist bereits abgespielt. In den verbleibenden vier Monaten der Intendanz Hartmann stürzt sich das Ensemble in ein kräftezehrendes Turbo-Finale, das den überraschend traditionsverhafteten Namen "Leipziger Festspiele" bekam. Im Wochenrhythmus kommen nun Produktionen heraus. Sie werden jeweils nur drei oder vier Mal en suite gespielt.

Raskolnikows Kopfkino

von Tobias Prüwer

Leipzig, 20. Dezember 2012. Um kurz vor den jahresendzeitlichen Festivitäten und dem Verfassen guter Vorsätze noch fix über "Schuld und Sühne" zu sinnieren, lud die Skala in Leipzig ein. Regisseur Martin Laberenz inszeniert textlich gar nicht so frei nach Dostojewski, zeigt sich aber erstaunlich leichtfüßig in der Umsetzung und Wahl der Mittel.

Unbescheiden ohne Worte

von Matthias Schmidt

Leipzig, 15. November 2012. Sebastian Hartmanns "Mein Faust" ist ein Abend ohne Worte. Um es noch mal deutlich zu sagen, das ist ja nicht ganz üblich im Schauspiel: Es ist ein Abend, an dem kein einziges Wort gesprochen wird. Das ist und macht sprachlos, in jeder Hinsicht. Goethe als Altlast, Respekt!

Zeit heilt alle Wunden – aber schlecht

von Tobias Prüwer

Leipzig, 26. Oktober 2012. "Lebbe geht weiter" – diese drei Worte fallen gen Ende der melancholischen Bilderfolge "Pulverfass" und bringen das "Balkan-Musical" auf den Punkt. Irgendwie läuft das Dasein trotz aller und zwischen den Brüchen weiter. Vielleicht nennt man es nicht Fortschritt oder Karriere, aber es geht weiter. Regisseur Sascha Hawemann macht im Leipziger Centraltheater mit Live-Band und starkem Ensemble Jugoslawien und Ex-Jugoslawien zum Thema. Das Bild vom Schmelztiegel Balkan, wo sich alle die Köpfe einschlagen, soll einer Erzählung von Einzelschicksalen, individuellem Leben und Überleben sowie dem Verlust von Heimat-Harmonie weichen – ein ernst gemeintes, unterhaltsames Revue-Programm zu diesem Thema?

altKrieger und Grenzkünstler

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 10. Mai 2012. Kurz vor Schluss, anlässlich einer harmlosen konzertanten Light-Show bei offener, leerer Bühne, setzt ein Massen-Exodus aus dem Festspielhaus ein. Genug. Schließlich hat man schon fünfeinhalb Stunden mehr oder weniger sittsam abgesessen, jetzt reicht's. Das vierzehnköpfige Ensemble, das sich ins Parkett begeben hatte, um eine Diskussion anzuzetteln – ganz bewusst an einem prekär überreizten Punkt des Abends –, kehrt noch einmal zurück, setzt sich in einer dicht gedrängten Traube auf den Boden, um den im Saal Verbliebenen versöhnlich (oder ironisch) zuzuwinken. Und die, die ausgeharrt haben, feiern die Schauspieler und sich selbst mit frenetischem Jubel. Ganz zu Recht: Es ist ein großer Abend gewesen.

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Zu zerstört

von Juliane Streich

Leipzig, 3. März 2012. Der Anfang ist das Ende. Die gestörten Verhältnisse sind schon da, müssen nicht jetzt, können später erklärt werden. Robert Borgmanns Inszenierung von Ibsens "Gespenster" beginnt mit dem zweiten und dritten Akt, der erste folgt später. Wir sind mittendrin:

altErste Menschen, letzte Menschen

von Ralph Gambihler

Leipzig, 9. Februar 2012. Menschen, denen das Blut in den Adern rauscht. Sätze, die tanzen. Einen Morgen, einen Mittag, einen Abend lang. Georg Kaiser hat seinen namenlosen Kassierer vor genau 100 Jahren am Schreibtisch geboren und wurde zunächst von der Zensur ausgebremst. Das deutsche Kaiserreich taumelte noch ein Weilchen und wollte sich nicht behelligen lassen von einer Menschheitsdämmerung, die der Dichter in ein ekstatisches Licht tauchte. Heute heißt das Expressionismus.

Die Geschichte hinter den Wortkaskaden ist im Grunde einfach: Ein kleiner Bankangestellter greift spontan und unerlaubt in die Kasse. Er kann nicht anders. Er ist dem Handgelenk einer schönen Frau verfallen.

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Figuren im Endspiel

von Ralph Gambihler

Leipzig, 19. November 2011. Es ist wohl so, dass dieser zunächst nette und lustige, später in wüste Szenen umschlagende Abend einen ziemlich großen Kreis abschreitet, irgendwo auf einer Bahn zwischen Gott und der Welt, und irgendwie um eine Mitte kreisend, die man Wahnsinn nennen könnte, oder auch Theater - am besten beides. Shakespeare ist nur stellenweise der Autor dieses neuen Hartmann-Oratoriums, das wieder mal aus grellen Bildern und scharfkantigen Gedanken gemacht ist. Die Autorenzeile annonciert sehr knapp einen Verschnitt "nach Shakespeare/Anderen/Hartmann".

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Wanderer in der Schranklandschaft

von Tobias Prüwer

Leipzig, 27. Oktober 2011. Der Weltgeist spuckt Blut: Taumelnd bewegt sich der Wanderer über dem Nebelmeer mit weitem Mantel, Hut und Rucksack bewappnet durchs Bühnenbild. Dann bricht er zusammen, haucht sein Leben aus und streckt alle Viere von sich. In "Penthesilea" kommt Caspar David Friedrichs gemalte Figur leibhaftig auf die Centraltheaterbühne. Wenn dieses Sinnbild des Romantikers elendig eingeht, stirbt mit ihm die ganze Ära des großen Gefühls. Man könnte geneigt sein, diesen Tod der Romantik in der Inszenierung von Robert Borgmann als wiederholt und vollendet anzusehen. Wie sonst soll man es deuten, wenn Amazonen und Griechen über eine Schrankwandlandschaft staksen, eine aufgetürmte Wüstung aus Sperrholz und Furnier? Wenn der Körper des Achilles, in ein überdimensioniertes Einweckglas verrenkt, zwischen prallen, roten Kirschen hervorragt? Wenn leere Larven Leidenschaft behaupten?

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In den Spiralen der Ich-Krise

von Ralph Gambihler

Leipzig, 23. September 2011. Es ist die vierte Spielzeit mittlerweile, die Sebastian Hartmann als Intendant in Leipzig waltet, und wenn man sich einmal anschaut, welche Themen und Stoffe er in dieser Zeit als Regisseur bearbeitet hat, stellt man fest, dass seine Inszenierungen beharrlich um die Identitätskrise des Individuums in einer zerfallenen Welt kreisen, wobei Moderne und Postmoderne einander überlagern und durchdringen.

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Seltsame Leere nachher

von Tobias Prüwer

Leipzig, 21. Mai 2011. Vor der Zuschauertribüne in der Leipziger Skala baut sich ein Viertelstuhlkreis aus 23 – Zufall? – Einzelstücken auf. Eine Schauspielerin hat bereits Platz genommen, die drei anderen Mimen bewegen sich in kleinen Kreisen. Alle vier sind in hellbraune Decken gehüllt – sind das jene Kamelhaarfabrikate, die man bei Kaffeefahrten offeriert? – und erinnern an staksige Wagner-Heroen.

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Die Gier nach Öil

von Ralph Gambihler

Leipzig, 20. Mai 2011. Kennt man noch die großen Melodramen von Douglas Sirk? "Summer Storm", "There's Always Tomorrow", "Written on the Wind", "Imitation of Life"? Ein Stück US-amerikanische Filmgeschichte der Nachkriegsjahrzehnte klingt in diesen und anderen Titeln an, und wenn sie heute dem Publikum auch nicht mehr geläufig sein mögen und der Name Sirk ein Fall für Filmkenner geworden ist, haben sie und ihr Schöpfer doch deutliche Spuren hinterlassen. Darin wandelten im Frankreich der 1960er Jahre die jungen Filmemacher der Nouvelle Vague, die Sirk für sich wiederentdeckten, und nicht viel später war es Rainer Werner Fassbinder, der den aus Nazideutschland geflohenen Deutsch-Amerikaner mit der steilen Hollywood-Karriere zu seinen Vorbildern zählte.

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Vergangene Superlative, verblasstes Jetzt

von Tobias Prüwer

Leipzig, 28. April 2011. "Wenn einer eine Reise tut", trällert die gesamte "Centraltourist"-Busladung dreistimmig, "so kann er was erzählen." Doch wo beginnen bei dieser inszenierten Stadtrundfahrt, die schaukelnd durch Leipziger Quartiere schlingert? Vielleicht bei eben jenem Kanon, den die mitfahrenden Zuschauer auf halber Strecke so bereitwillig beschwingt singen. Warum in aller Welt braucht es weder große Animation noch angestrengtes Mitmachtheater, um das Publikum auf solche Art für sich einzunehmen? Das liegt wohl an jener Halbdistanz, aus der man die Tour kleiner Szenen und großer Historie nie aufgezwungen erlebt.

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Brecht, neu verföhnt

von Matthias Schmidt

Leipzig, 14. April 2011. Den berühmten Epilog hat Regisseur Sebastian Baumgarten weggelassen: weder geht der Vorhang zu, noch sehen wir betroffen, dass alle Fragen offen sind. An Brechts letzte Sätze im Stück hält er sich dennoch: "Verehrtes Publikum, los, such dir selbst den Schluß! Es muß ein guter da sein, muß, muß, muß!" Baumgarten hat einen guten Schluss gesucht und gefunden. Und nicht nur das.

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Gretchen allein mit Fausts Räuschen

von Wolfgang Behrens 

Leipzig, 31. März 2011. Nur dunkel kann ich mich an eine Podiumsdiskussion in den späten 90ern erinnern – es wird wohl im Berliner Ensemble gewesen sein, den Anlass habe ich vergessen –, doch sehr genau weiß ich noch, wie der Dramaturg Carl Hegemann plötzlich auf ein vor ihm auf dem Tisch liegendes Buch einhieb. Ein dickes Buch war das, schwarz, mit weißen, expressionistisch verwackelten Riesenversalien darauf. Und Hegemann, der in meiner Erinnerung irgendwie in Rage, vielleicht auch nur in Begeisterung geraten war, insistierte lautstark, dass an diesem Buch so bald keiner mehr im Theater vorbeikommen würde.

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Lustvolle Lethargie

von Tobias Prüwer

Leipzig, 18. März 2011. Am Einlass bekommt der Besucher ein Kaleidoskop ausgehändigt. Psychedelische Wirkungen, die man sich bei diesem Stoff erwarten konnte, überlässt der Demiurg vielstimmig-überfrachtender Bildwelten Jürgen Kruse in dieser Inszenierung einem deus-ex-machina aus Pappe und Plastik.

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Der Schwank als Kulturkritik

von Tobias Prüwer

Leipzig, 10. Februar 2011. "Unser besonderer Dank gilt der Bäckerei Dünkel für die freundliche Unterstützung" - Der Satz aus dem Programmzettel spricht Bände, fügt man nach diesem Theaterabend hinzu, wem das Centraltheater-Team um Intendant Sebastian Hartmann nicht dankt: Der städtischen Kulturpolitik. Angesichts bereits jetzt drohender Kürzungen im fünfstelligen Bereich für die kommende Spielzeit und die absehbare Lähmung der Leipziger Kulturpolitik aufgrund der Nicht-Abwahl des umstrittenen Kulturbürgermeisters (mehr dazu) ist die Stimmung am Schauspiel Leipzig nicht gerade hoffnungsfroh. Dass der beliebte Schwank "Pension Schöller" deshalb nicht als routiniert-reibungsloses Unterhaltungsmittel inszeniert wird, sondern auch die Leipziger Lage kommentiert, war also erwartbar.

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Ab mit uns Touristen ins All

von Tobias Prüwer

Leipzig, 27. Januar 2011. "Ich hatte jedesmal den Tag vorher auf meinen Wanderungen zuviel geweint, und zwar nicht sentimentale Thränen, sondern Thränen des Jauchzens; wobei ich sang und Unsinn redete" – Was Friedrich Nietzsche über seine Auszeit im schweizerischen Sils Maria schrieb, trifft auch heute noch auf Urlaubserlebnisse im Allgemeinen zu. Fern von zu Hause ist man aus dem Häuschen und kommt mitunter auf so manch komische Idee. So weit, so bekannt. Rainald Grebe nun wollte genau diesem Gefühl auf den Grund gehen.

Stillleben einer tot gestellten Zeit

von Tobias Prüwer

Leipzig, 19. November 2010. "Und über dem Theater hin / Sieht man im schwärzlichen Gewimmel / Ein Kranichheer vorüberziehn. / ... Was ist's mit dem? / Was kann er meinen? / Was ist's mit diesem Kranichzug?" – Wie bei Schiller treten die Schreitvögel als seltsame Boten auf. Sie künden von Verlust und Raubbau an Erfahrungen, die man Sicherheit und Heimat nennt. Ihre behauptete Erhabenheit gedeiht zum Zerrspiegel des Menschen, der in "we are blood" in vielen Rollen, aber stets elendig auftritt. Ein Heimatstück, das nicht zwangsläufig in Ostdeutschland spielt.

Free climbing im Mannschen Hochgebirge

von Ralph Gambihler

Leipzig, 6. November 2010. Natürlich kann man alles auf die Bühne bringen, aber diesen Roman? Ist er nicht doch ziemlich unspielbar? Mit seiner epischen Breite und seinem philosophischen Ballast? Mit seinen langen diagnostischen Blicken auf die Fieberschübe der Moderne und diesem schelmischen Lächeln, das dem Autor erst abhandenkommt, als er die Handlung im Stahlgewitter des Ersten Weltkriegs enden lässt?

Den Tod lass ausreden

von Juliane Streich

Leipzig, 7. Oktober 2010. Wer kommt mit? In dem Moment, in dem Du stirbst, in dem niemand mehr da ist. Dein Geselle nicht, Dein Geld schon gar nicht. Es bleiben nur Du, Deine Werke und das bisschen Glauben, den Du schon verloren hattest. Du bist in diesem Fall Jedermann, Deine Werke sind blond und schön, Schwester Glaube ist ein Mann, Jürgen Kruse der Regisseur. Gott sitzt rechts und plappert ab und zu dazwischen, der Tod ist links und raucht Kette. Über allem schwebt ein Rotlicht-Mädchen, der Teufel in Person.