Jeder Fisch findet seinen Menschen

von Harald Raab

Kaiserslautern, 8. März 2019. Für Samuel Becketts Estragon und Waldimir stirbt die Hoffnung zuletzt. Godot könnte kommen und sie erlösen – wenn überhaupt und vielleicht. Für Nele Stuhlers Bühnenfigur E. ist die Katastrophe Schicksal. Ihr Disput mit einem Fisch findet vor der unausweichlichen Sintflut statt. Erderwärmung, Abschmelzen der Polkappen und so. Der Mensch muss sich Kiemen und Flossen wachsen lassen, um im Wasser über die Runden zu kommen. In diesem Element sind alle gleich. Die Hierarchie des Homo sapiens über Bruder Tier ist eliminiert.

Ganz normal wie alle hier

von Reingart Sauppe

Kaiserslautern, 3. März 2018. Nur neun Kilometer Luftlinie liegen zwischen dem Pfalztheater Kaiserslautern und dem Krieg. 9 km trennen das westpfälzische Motortown (die Adam Opel AG produziert hier Dieselmotoren) vom Nato-Luftwaffenhauptquartier mit der Ramstein Air Base. Gleich nebenan werden im größten amerikanischen Lazarett außerhalb der USA verwundete Soldaten aus Afghanistan behandelt. Das amerikanische Militärgelände ist gesichertes Gelände und vom beschaulichen Pfälzerwald und der deutschen Zivilbevölkerung komplett abgeschirmt. Vom Krieg weiß man im benachbarten Kaiserslautern, Spitzname K-Town, genauso wenig wie in Dagenham, dem britischen Motortown, in das Danny vom Irak-Einsatz heimkehrt. In der Westpfalz ist Simon Stephens Kriegsheimkehrerdrama genau am richtigen Platz, denkt man ...

Trompeten der Endzeit

von Dorothea Marcus

Kaiserslautern, 13. April 2017. In Kaiserslautern dröhnen die Militärflieger in kurzen Abständen über der Fußgängerzone. Es könnte kaum etwas besser passen zur Uraufführung von "Beben" von Maria Milisavljevic, junge Dramatikerhoffnung, die damit den Autorenpreis des Heidelberger Stückemarkts und den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis gewann, und in diesem Fall die Uraufführung in Kaiserslautern erlebt, direkt neben Ramstein, größtem US-Militärstützpunkt außerhalb der USA.

Die Katastrophe kommt bestimmt

von Martin Krumbholz

Recklinghausen, 12.Juni 2016. Schauplatz sind die Dolomiten. Vier Menschen haben eine Bergtour gebucht, mit Risiken, sie wollen sich etwas beweisen. Sie haben Verluste erlitten, eine Lebensgefährtin oder einen Job verloren. Oder sie wissen einfach nicht, wo sich ihre Zukunft abspielen soll, in Zürich, Berlin oder Moskau. Oder sie fühlen sich zum Schriftsteller berufen, schreiben gern was in ihr kleines Notizbuch, sind sich aber nicht sicher. Im Hochgebirge, unter Extrembedingungen ist das Gefühl der Unsicherheit elementar. Man könnte abstürzen, zum Beispiel auf einer Hängebrücke, die Wolf, einer der beiden Guides, angeblich selbst zusammengesteckt hat. Wandern und klettern im Hochgebirge, das heißt: Man muss Vertrauen haben, sich auf den anderen verlassen können. Ob man das aber tatsächlich kann, ist fraglich, die Vier kennen einander kaum. Während Wolf und Marie, die beiden Guides, vertraut miteinander zu sein scheinen, sind Emmy, Joe, Hans und Caspar alles andere als das.

Betroffenheitsrituale

von Harald Raab

Kaiserslautern, 7. Januar 2016. "Scheiße, Scheiße, Scheiße. Leid tut es mir trotzdem." Wütend auf sich selbst ist der ausgemusterte Afghanistan-Krieger Daniel C. Mit dem traumatisierten Bundeswehrler hockt Isabelle H., geflüchtet von irgendwo, in einer ausrangierten Lagerhalle am Rande einer deutschen Autobahn und lamentiert: "Das ist aber auch ein Dreck hier, jetzt schon wieder Wüste, Leichen, Berge, Sand und Tote Hosen. Und wir beide mittendrin." Auch sie ein Opfer, zerrüttetes Selbstwertgefühl, dem Wahnsinn nahe. So viele Tote in einem Schleuser-Lastwagen. Darunter ein verstümmeltes, lebloses Kind. Ihr Baby?

Auf dem Präsentierteller der Illusionen 

von Harald Raab

Kaiserslautern, 20. September 2015. Déjà-vu in der Werkstattbühne des Pfalztheaters Kaiserslautern. In Anne Leppers Stück "Käthe Hermann" – 2012 in Bielefeld uraufgeführt – spielt die einzige real-verlässliche Hauptrolle ein Zimmer, ein letzter, jedoch vom Abriss bedrohter Rückzugsort für Menschen auf der Verliererseite. Die agierenden Figuren, eine Mutter mit ihren zwei Kindern, oszillieren zwischen Schein und Sein, zwischen Hoffen und Bangen. Sie wagen ein Tänzchen auf schwankendem Boden, reden sich die reale Existenz schön. Sie haben sich aus ihr längst verabschiedet. Man wartet auf ein Wunder.

Das Kreuz mit dem Bruch

von Dennis Baranski

Kaiserslautern, 1. Februar 2014. Feuerzeuge genügen als Lichtzeichen und zeigen den erfolgreichen Feldzug an: Troja ist gefallen. Trauer brachte der Krieg über Griechenland. Klytaimestra formuliert nun für alle Zurückgebliebenen die Kunde, die für sie selbst keine frohe ist. Auf der Bühne des Pfalztheaters Kaiserslautern kämen diese jedoch ohnehin nicht über Wehrtauglichkeitsgrad fünf hinaus; Gefahr droht der Königin allein im eigenen Herrschergeschlecht.

Der Tanz der Unheilskünderin

von Harald Raab

Kaiserslautern, 31. Januar 2014. Ein Mensch allein kann diese Last des Schicksals nicht tragen, dem Leiden nicht in allen Facetten Ausdruck verleihen. Kassandra hat im Pfalztheater Kaiserlautern ein Alter Ego. Sie selbst gibt dem gerade noch Sagbaren Stimme und Gestalt – die Stimme der gemarterten Kreatur. Ihre gesteigerte emotionale Dimension wird getanzt. Zwei Seiten einer hochkomplexen Existenz: Das Drama der Frau in der Männergesellschaft des Krieges. Archaischer Geschlechterkampf wie vor 2500 Jahren, so auch heute.

Prolos gucken

von Harald Raab

Kaiserslautern, 22. März 2013. Nori ist Stricherin. Ihr Produktionskapital, das macht sie drastisch klar, ist zwischen ihren Beinen angelegt. Dope hält sie einsatzfähig. Ihr testosterongesteuerter Lover Toni verprügelt seine "Nutte" nach Lust und Laune, weil die es nach seinem Macho-Verständnis halt so braucht. Außer starken Sprüchen und Hieben bringt er wenig auf die Reihe. Noris Mama Lisa ist gleichfalls polymorph süchtig, von Whisky bis Morphium und im übrigen hat sie 'nen Krebs am Arsch. Das ist samt dem Stotterer Henning und seiner Mami Lore das Mietkasernen-Personal in Nina Büttners neuem Stück "Schafinsel". Uraufführung im Pfalztheater Kaiserslautern.

Zwischen Türkentaschen

von Rainer Petto

Kaiserslautern, 13. Januar 2011. Die Bühnenfigur Fatma und die Autorin, die Regisseurin und die Bühnenbildnerin – keine ist älter als 29. Allerdings hat das junge Uraufführungs-Team am Pfalztheater in Kaiserslautern schon einige Preise verliehen bekommen, Azar Mortazavi für "Todesnachricht" den Else-Lasker-Schüler-Stückepreis (d.i. der Förderpreis), Antje Schupp den Debütförderpreis der Landeshauptstadt München und Evi Bauer den Offenbacher Löwen für Bühnenbild. Eine Garantie für einen gelungenen Theaterabend ist solch geballte Nachwuchsaufmerksamkeit natürlich nicht.