Das Schauspiel sei die Schlinge

von Katrin Ullmann

Hamburg, 23. Januar 2020. Nur für einen kurzen Moment blitzen die Degen auf. Laertes (Rafael Stachowiak) nimmt sich einen, den zuvor mit Gift präparierten, Hamlet (Mirco Kreibich) hingegen reckt seinen Unterarm in die Luft und verkündet: "Ich nehme diesen hier." Nur für einen kurzen Moment beginnt ein Zweikampf mit ungleichen Waffen. Pirouetten drehend bewegt sich Kreibichs Hamlet, zu diesem Zeitpunkt nur mehr in Unterhose, auf seinen Gegner zu. Geschickt tänzelnd und federnd greift er an, touchiert, provoziert. Kreibichs Körper scheint ein einziger Muskel, unerschrocken spielerisch seine Kampfeslust.

Ströme von Blut und Geld

von Katrin Ullmann

Hamburg, 19. Januar 2020. Eigentlich haben sie alles richtig gemacht. Sie haben sich eines verschütteten Themas angenommen. Haben ein dunkles Kapitel verdrängter deutscher Kolonialgeschichte beleuchtet. Haben den gegenwärtigen Umgang damit hinterfragt. Sie haben untersucht, wie sich Hamburg seinem kolonialen Erbe stellt. Haben hier zweifelhafte Straßennamen entdeckt und sind – unterstützt von der Bundeskulturstiftung – nach Namibia gereist. Zur Begegnung mit Deutsch-Namibiern, mit Herero und Nama.

Die Spur der Gene

von Stefan Forth

Hamburg, 7. Dezember 2019. Wenn Ibsen, Shakespeare und Strindberg zusammen einen "Mittwochsfilm im Ersten" hätten schreiben sollen, wäre dabei möglicherweise so etwas herausgekommen wie diese Geschichte. Vermutlich hätten die drei alten Herren etwas weniger Pathos in ihren Entwurf gelegt als der libanesisch-frankokanadische Autor und Theatermacher Wajdi Mouawad in seinen Erfolgstext "Vögel". Am Hamburger Thalia Theater lässt sich jetzt eindrucksvoll besichtigen, wo die Stärken und Schwächen dieses Konstrukts um Wahrheit und Lüge, genetische Herkunft und soziale Identität, um Gefühl und Vernunft, Liebe und Feindschaft liegen.

Zwischen Fröschen und Kojoten

von Katrin Ullmann

Hamburg, 16. November 2019. Unberechenbar und rastlos ist seine Musik, fern von Trends und Verkaufszahlen entstehen seine Songs. Fans und Kritiker irritiert er bis heute durch drastische Stilwechsel: der kanadische Sänger, Gitarrist und Songwriter Neil Young. Einer seiner größten Fans ist sicherlich Navid Kermani.

Verwandtschaft unter Verdacht

von Katrin Ullmann

Hamburg, 19. Oktober 2019. Die einen haben Leichen im Keller, die anderen hüten Schätze auf dem Dachboden. Jede Familie birgt ein Geheimnis, möglichst sorgsam. So offenbar auch die Familie von Maxim Biller. Er, der Autor, ist ein bekennender Geheimnisse-Hasser und hat wohl deshalb darüber ein Buch geschrieben. "Sechs Koffer" heißt es. Aus sechs verschiedenen Perspektiven erzählt darin ein junger Mann jüdisch-russischer Abstammung von einem Verrat. Das Opfer war der Großvater des inzwischen in Berlin lebenden Erzählers. 1960 wurde dieser in der Sowjetunion hingerichtet. Unter Verdacht steht die eigene Verwandtschaft.

Mutter, Sohn und verfluchter Heiliger Geist

von Jan Fischer

Hamburg, 12. Oktober 2019. Es ist einfach, etwas "Drogentrip" zu nennen, und bei "Neverland", Antú Romero Nunes' dunklem Versuch über Peter Pan, läge das nahe. Aber es wäre unfair, weil Drogentrip immer auch heißt: Dies ist mit dem konventionellen Bewusstsein nicht zu erfassen oder zu beschreiben, weder währenddessen, weil Droge, noch danach, weil das Bewusstsein dann schon längst wieder eingerastet ist und sich nur noch traumhaft an verblassende Bilder erinnert.

Warnung an die Gegenwart

von Katrin Ullmann

Hamburg, 14. September 2019. Boxende Literaten und Literatur, die sich mit dem Boxen beschäftigt, gibt es zuhauf. Von Heinrich von Kleist, Arthur Cravan, Georges Simenon, Ernest Hemingway über Joyce Carol Oates, Djuna Barnes bis hin zu Bertolt Brecht. Einige der Genannten boxten selbst, andere schrieben über den Faustkampf. Verfassten Romane, Erzählungen, Manifeste, Abhandlungen. Der Boxer: das Tier im Mann, das Testosteron im Ring.

Vergiss die Wahrheit

von Falk Schreiber

Hamburg, 31. August 2019. Berlin, wo zu dröhnendem Techno getanzt wird. Tschetschenien, wo im Nebel Grauenhaftes geschieht. Marrakesch, wo man "bis zum Morgengrauen vögelt". Ach, schönes Klischee!

Der Gott des Gemächts

von Jens Fischer

Hamburg, 11. Mai 2019. Vorspiel auf dem Theater. Vorm geschlossenen Vorhang. Äußerst beiläufig, so dass schnell der Ruf "Lauter!" aus dem Publikum erschallt, nähert sich Sebastian Zimmler aus einem privaten Tonfall heraus der Figur des Dieners aus Kleists "Amphitryon" an und arbeitet der Behauptung entgegen: "Ich bin Sosias." Da sich aber niemand selbst und einem Darsteller eine einzige Rolle nicht genug ist, entwirft er auch noch die Merkur-Figur. Basisarbeit für Darstellungskünstler.

Demarkationslinien der Freiheit

von Anke Dürr

Hamburg, 28. April 2019. Beim Gipfeltreffen der Supermächte bleibt nichts dem Zufall überlassen. Ganz wie in der guten alten Zeit des Eisernen Vorhangs ist unbedingt auf das Gleichgewicht des Schreckens zu achten: Wenn im Osten, also rechts auf der Bühne, ein Bildnis des russischen Präsidenten Putin hängt, muss links, im Westen, auch Trump aufgehängt werden. Und so geschieht es denn auch gleich zu Beginn des Abends im Thalia in der Gaußstraße, der kleinen Außenstelle des Hamburger Thalia Theaters.

Macht ist ihre Muttermilch

von Stefan Forth

Hamburg, 23. März 2019. Wohin soll das nur führen mit dieser ganzen Demokratie? Für alle, die da zuletzt ein wenig skeptisch geworden sind, hat das Hamburger Thalia Theater jetzt noch ein paar abschreckende Beispiele mehr auf Lager. Ein Schnelldurchlauf durch Shakespeares Römerdramen (in der Bearbeitung durch John von Düffel) bietet eindrückliches Anschauungsmaterial in Gestalt von Volkstribunen über Demagogen bis hin zu mächtigen Witzfiguren.

Der Schatten großer Frauen

von Stefan Forth

Hamburg, 23. Februar 2019. Wenn es eine Frau gibt, die Donald Trump in Sachen Angriffslust ebenbürtig ist, dann wohl diese: die wütende Violet Weston. Tablettensüchtig, krebskrank, perspektivlos. Karin Neuhäuser gibt diese bösartig verzweifelte Präriebewohnerin in der Hamburger Inszenierung von Tracy Letts' viel gespieltem Text "Eine Familie" als selbstgerechtes Wrack. Am Schluss dieses zerstörungswütigen Abends wird sie eine rote Baseballkappe tragen, die auffällig dem Markenzeichen des derzeit amtierenden US-Präsidenten ähnelt. Make America great again – wenn schon im eigenen Leben nichts mehr wiedergutzumachen ist.

Wer mag schon Kriege?

von Anke Dürr

Hamburg, 1. Februar 2019. Die gute Nachricht heißt: Es gibt sie noch, die überzeugten Europäer (und Europäerinnen). Junge Menschen der Generation Erasmus, die den Kalten Krieg nur aus ihren Geschichtsbüchern kennen und in zwei, drei oder noch mehr Sprachen zu Hause sind. Zu acht stehen sie am Freitagabend auf der Nebenbühne des Hamburger Thalia Theaters, dem Thalia in der Gaußstraße, und reden über Krieg und Frieden, Grenzen und Freiheit, Vergangenheit und Gegenwart, Polizeigewalt und Ehen zu dritt. Die Frauen und Männer bilden das Ensemble von Falk Richters neuem Projekt "I am Europe", das im Rahmen der Lessingtage seine Deutschlandpremiere feierte.

Unter Marginalisierten

von Jens Fischer

Hamburg, 19. Januar 2019. Schwarzer Raum, illuminiert in Dämmerstimmung. Langsam kommt die Drehbühne in Bewegung. Wie ein Karussell lässt sie einen ausgewachsenen Lkw rotieren. Nervenzerrende Musik macht deutlich, dass der Ort des Geschehens ein beängstigendes Viertel sein muss. Irgendein Umschlagplatz globaler Warenströme.

"Die sind schon längst runtergefahren!"

von Falk Schreiber

Hamburg, 18. November 2018. Meinen die das eigentlich ernst? Dass Stéphane Laimé einen altmodischen Anatomiesaal auf der Bühne des Hamburger Thalia Theaters baut, und in diesem Saal bastelt sich dann Frankenstein (Sebastian Zimmler) sein Monster zusammen, assistiert von Knecht Igor (Marie Löcker)? Und als dieses Monster (Pascal Houdus) zum Leben erweckt wird, passiert das mit allem, was die Trickkiste des Theaters von anno dazumal hergibt, mit Kunstnebel und Blitz und Donner? Das ist ernst gemeint, echt jetzt?

Der Mensch zwischen den Schweinen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 2. November 2018. "Es war spät abends als K. ankam. Das Dorf lag in tiefem Schnee." So beginnt Franz Kafkas Romanfragment "Das Schloß". 1922 hatte Kafka das Werk angefangen, 1926 wurde es posthum veröffentlicht. K. ist darin ein Landvermesser, ein Fremder und einer, der dafür kämpft, bleiben zu können. Eine Landvermesserin macht Thomas Köck in seinem jüngsten Stück ebenfalls zur Hauptfigur. Auch sie handelt im Auftrag der Regierung, und auch in der Erzählung des vielfach ausgezeichneten Dramatikers liegt jede Menge Schnee – "Drecksschnee" – in der verhassten Provinz. Tatsächlich verortet er die Handlung im zerfallenen Europa im Winter 1918/19, nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und doch schafft er natürlich und andauernd Bezüge zur Gegenwart.

Was hat das mit Iran zu tun?

von Katrin Ullmann

Hamburg, 21. Oktober 2018. "Zwei Kräfte kämpfen miteinander, Allah und Coca-Cola", witzelt sich Moderator Philipp Rasmussen in das Grundproblem des Abends, in den Konflikt zwischen der Welt des Ostens und der des Westens. Eitel und mit kindlicher Vorfreude kündigt er seinen Scherz an und lacht anschließend selbst am längsten darüber. Wie gut gefällt er sich in seiner Rolle, dieser "Inhaber des Lehrstuhls für internationale Beziehungen", der gerade zur "Iran-Konferenz" in Kopenhagen geladen hat.

Im Tunnel am Ende der Liebe

von Stefan Schmidt

Hamburg, 20. Oktober 2018. Am Anfang ist dieses Paar schon am Ende: "Medea und Jason", ein Mann und eine Frau Anfang 40, über deren Liebe das Leben bösartig hinweggetrampelt ist. Maja Schöne und André Szymanski stürzen sich an diesem Premierenabend am Hamburger Thalia Theater schnell mit voller körperlicher Wucht hinein, auf den Kampfplatz Beziehung, loten in einer atemlosen Mischung aus moderner Tanzchoreographie und Wrestling das gegenseitige Kräfteverhältnis aus. Das hätte der furiose Auftakt für eine radikal heutige Geschichte von Leidenschaft, Hoffnungslosigkeit und Hass werden können – aber Regisseurin Jette Steckel will mit aller Gewalt mehr und erreicht weniger.

There is no God

Von Falk Schreiber

Hamburg, 29. September 2018. Die Verführung durch den Antichrist hat ihren Reiz. Beats pochen, die Kamera fliegt durch den Wald, erfasst junge Mädchen beim rituellen Tanz, Blut fließt, Augen verdrehen sich. Und dann steht Reverend Parris im Bild, von Julian Greis als muskelschwere Dumpfbacke gespielt, die gar nicht glauben kann, was für ein Ausbruch jugendlicher Ekstase sich da vollzieht. Stefan Pucher hat die Vorgeschichte zu Arthur Millers "Hexenjagd" am Hamburger Thalia als Video gedreht, als schwarzen Pop in kluger Clip-Ästhetik, der Lust macht, einen neuen Zugriff auf Millers 1953 entstanden Klassiker der US-Dramatik zu sehen.

Gegen das Geschwafel der Gegenwart

von Stefan Schmidt

Hamburg, 7. September 2018. Es wird dieser Tage ja wieder besonders viel und besonders aufgeregt geredet in Deutschland. Über angebliche Mütter von Problemen etwa, über Problemmütter, Probleme von Politikern und Politikerprobleme. Und natürlich kamen auch die Reden zur Spielzeiteröffnung am Hamburger Thalia Theater nicht ganz ohne Exkurs zur allgemeinen Problemlage aus. Gegen diese Dauerdiskursschleife setzte Hausregisseur Antú Romero Nunes anschließend: ausgedehntes Schweigen.

Der Kapitalismus als Chance

von Stefan Schmidt

Hamburg, 29. April 2018. Genies haben es schon schwer in dieser weichgespülten Welt. Überall Mittelmaß, Manipulation und Mutlosigkeit. Angst treibt die bräsigen Massen in die fragwürdigen Segnungen des Sozialstaats – anstatt dass diese Leute ihre Schicksale selbst in die Hand nehmen. Und wo bitte bleibt die Anerkennung schöpferischer Selbstbestimmtheit?

Doppel Whopper, Sahnetorte

von Falk Schreiber

Hamburg, 14. April 2018. Joachim Lux bekennt sich zum Ensemble. "Ohne teuer eingekaufte Stars" will er Theater machen, verspricht der Intendant des Hamburger Thalia Theaters bei der Spielzeitpressekonferenz mit Blick auf die zeitgleich implodierende Berliner Volksbühne. Was interessant ist, steht doch nur einen Tag später die Premiere "Hänsel & Gretel" an, mit Till Lindemann, Sänger der international erfolgreichsten deutschsprachigen Rockband Rammstein, und wenn das kein teuer eingekaufter Star ist, dann weiß man auch nicht weiter.

Schlaglichter auf scheue Wesen

von Katrin Ullmann

Hamburg, 28. März 2018. Es ist die Kamera. Sie rückt einen nah an das Geschehen ran. Näher, als man es womöglich möchte. Und sie drängt Bilder auf, die man ohne sie gar nicht sehen könnte. Schließlich ist die Bühne stockdunkel, zumindest im ersten Teil der Inszenierung. Die Schauspielerinnen und Schauspieler bewegen sich mit traumwandlerischer Sicherheit durch diese Nachtschwärze, steigen in ein geparktes Auto, schieben ein quietschendes Fahrrad, öffnen einen Spind oder verstauen eine Brotdose im Schulranzen. In kurzen, schlaglichtartigen Sequenzen werden die musikalisch untermalten Mini-Szenen beleuchtet. Dazwischen ist es wieder dunkel. Dark. Zu sehen ist, was die Nachtsichtkamera filmt, es wird zeitgleich auf fünf Bildschirme projiziert (Video: Jonas Link; Live-Kamera: Malwine Mangold-Volk).

Noch einmal mit Gefühl

von Jan-Paul Koopmann

Hamburg 17. März 2018. Als der endlose Monolog nach ein oder zwei Stunden beim Thema Kokaingeschwätzigkeit anlandet, wissen vor der Bühne längst alle Bescheid. Sehr viel reden und wenig zuhören sind neben Koks und Kotzen schließlich die Hauptzutaten von Benjamin von Stuckrad-Barres Autobiografie "Panikherz". Dass kein einziger Dialog drin steht, ist ein Gag, ein Kokettieren mit der Ich-Bezogenheit des Erzählers, ein so schlüssiges wie beklemmendes Stilmittel zur Klärung seiner Isolation.

Prosperos langer Abschied

von Katrin Ullmann

Hamburg, 24. Februar 2018. Womöglich ist der Abend als Requiem gemeint. Als Abgesang auf die Welt. Die zerstört wird von den Abgebrühten und Halbherzigen, von den Golfspielern, den Gewinnsüchtigen und den Gierigen. Von denen, die kein Mitleid mit weinenden Kindern, sterbenden Eisbären haben, die Massaker in Kauf nehmen, Kriege und sogar die Ölpest. Von uns allen also. Denn, das merkt man gleich, dieser Prospero hat genug, von all dem schlechten Zauber. Und doch zeigt er seiner Tochter Miranda diese verkommene Welt. Öffnet ihr die Augen für das zivilisatorische Böse, von dem sie in ihrem langjährigen, exilbedingten Inselleben bisher verschont geblieben war.