Fronten ohne Krieg

von Rainer Nolden

Trier, 25. Januar 2019. Der geplante (und dringend notwendige) Umbau des Trierers Theaters wirft seine Schatten voraus. Das nach Plänen des Architekten Gerhard Graubner 1964 eröffnete Haus ist für die Zeit der Restaurierung auf der Suche nach alternativen Spielplätzen. Einen hat es jetzt ausprobiert, und zwar in der Europäischen Kunstakademie auf der anderen Moselseite. Eine neue Spielstätte eröffnet man am besten mit einem neuen Stück, sagte sich Intendant Manfred Langner und entschied sich für die deutschsprachige Erstaufführung von "Politisch korrekt", bei deren Inszenierung er auch selbst Hand anlegte. Geschrieben wurde sie von Salomé Lelouch, Tochter des Filmregisseurs Claude.

Picknick mit Promis

von Rainer Nolden

Trier, 15. September 2018. Beine, die in den (Bühnen-)Himmel ragen; der Saum eines Gehrocks. Schwere Bronze auf monumentalem Piedestal, darauf die Plakette mit dem Namen und den Lebenseckdaten: "1818 KARL MARX 1883". Mehr sieht man nicht von der Statue, die in der Geburtsstadt des durch dieses Denkmal Geehrten für zahlreiche Diskussionen sorgte. Erstens: Ein Geschenk aus China. Zweitens: Karl Marx eben, also Kapital und Kommunismus, beides, je nach Sichtweite, ziemlich igitt. Drittens: Trier. Ein Ort, der mit seinem berühmtesten Sohn lange fremdelte, bis er ihn als Tourismusmagneten in die Arme geschlossen hat, weil er nicht nur übers Kapital geschrieben hat, sondern jetzt auch jede Menge einbringt.

Tour de farce

von Rainer Nolden

Trier, 3. Juni 2018. Dostojewski als Blaupause für das eigene Leben: Regisseur Boris C. Motzki kann ein Lied davon singen. Oder zumindest eine Strophe. Und dann ein Stück daraus machen. Als Student war er mal im Wiesbadener Casino, am selben Ort, an dem auch der russische Schriftsteller sein Glück gesucht (und nicht gefunden) hat, setzte – nur so aus Jux – zehn Mark und gewann zwei Mal mit derselben Zahl, der Zehn, auf Anhieb 700 Mark.

Der Fluch der Provinz

von Rainer Nolden

Trier, 12. Mai 2017. Der Tod der Trierer Studentin Tanja Gräff, die 2007 nach einem Universitätsfest spurlos verschwunden war und deren sterbliche Überreste knapp acht Jahre später in der Nähe des Hochschulgeländes gefunden wurden, sorgte bundesweit für Aufsehen. Der nach wie vor ungeklärte Fall, bei dem die ermittelnden Behörden keine gute Figur gemacht hatten, rief erneut heftigen Wirbel hervor, als der inzwischen entlassene Intendant des Theaters Trier, Karl Sibelius, für diese Spielzeit ein Stück über den "Fall Tanja Gräff" ankündigte. "Die rote Wand" sollte es heißen – eine Anspielung auf das felsige Gelände am Moselufer, wo die Leiche der jungen Frau entdeckt worden war; der aus Trier stammende Dramatiker Lothar Kittstein war mit der Arbeit betraut worden. Aufgrund des Gegenwindes aus der Stadt und dem privaten Umfeld der Verstorbenen sowie im Zusammenhang mit theaterinternen Personalquerelen wurde der Auftrag zurückgezogen und Kittstein um ein anderes Werk gebeten.

Träume, Räusche, Kopfgeburten

von Rainer Nolden

Trier, 3. Oktober 2016. Der Wind, der Karl Sibelius nach seiner ersten Trierer Amtszeit ins Gesicht weht, ist ein veritabler Sturm von der Sorte, der mächtige Bäume zum Kippen bringen kann. Und da der Intendant mit seinem ersten Spielplan viele Stadttheaterbesucher vor den Kopf gestoßen, provoziert, schockiert hat (auch mit manchen Inszenierungen, die künstlerisch ausgezeichnet waren), hat er sich vorgenommen, in seiner zweiten Runde vom Gas zu gehen und das Programm ein wenig "konventioneller" zu gestalten. Weniger revolutionär. Weniger gewagt. Mehr klassisch.

Ein (Alb-)Traumspiel

von Rainer Nolden

Trier, 12. Februar 2016. Wer Shakespeare allzu wörtlich nimmt, kann leicht auf die Nase fallen. Wer nicht auf die Nase fallen will, darf Shakespeare nicht allzu wörtlich nehmen. Man nehme zum Beispiel sein "Wintermärchen". Wie man es dreht und wendet: den psychologischen und charakterlichen Schleifen etwa der Hauptfigur zu folgen, Leontes, diesem vermeintlich Gehörnten, der seiner Frau Hermione unterstellt, ihn mit seinem besten Freund Polixenes betrogen zu haben und sie deshalb vor Gericht stellt, ins Gefängnis kommt, wo sie ein Mädchen zur Welt bringt und wenig später stirbt, als sie erfährt, dass ihr Sohn Mamillius ums Leben gekommen ist ...aber halt. Selbst das Bisschen ist schon viel zu viel Handlung. Zu viel jedenfalls für die Version, die der Regisseur Marco Štorman für Trier entworfen hat.

Molière im Farbenrausch

von Rainer Nolden

Trier, 12. September 2015. Am Trierer Theater beginnt eine neue Ära. Und damit das auch jeder mitbekommt, hat Intendant Karl Sibelius für die ersten 20 Tage ein Premieren- und Uraufführungspaket geschnürt, das von der Moderne bis zu den Klassikern alles enthält. Allerdings: Das mit den Klassikern sollte man nicht zu wörtlich nehmen.

Die Krise der Herrscher

von Rainer Nolden

Trier, 21. Februar 2015. Der Orchestergraben vor der Bühne ist zu einem schmalen Gang geschrumpft. Unentwegt schieben sich Menschen hindurch, in beide Richtungen und dennoch ziel- und orientierungslos. Ein Fluchttunnel für Kriegsgeschädigte oder Terroristen, ein Schützengraben für welche Armee auch immer? Oder nur die Senke vor dem Palast des Agamemnon, dessen Bewohner sich das lästige Volk vom Hals halten wollen? Denn das Haus, bevölkert von einer Familie zum Fürchten, hat bekanntermaßen einiges zu verbergen – Mord und Totschlag, blutige Fehden, Hass, der Hass gebiert, Rache, auf die Rache folgt. Ein Ende ist nicht abzusehen. Die "Orestie" des Aischylos in unseren Tagen – als wär's ein Stück von den Brandherden im Nahen und nicht ganz so nahen Osten, die Tag für Tag einen Gutteil der weltweiten Nachrichtenzeit für sich beanspruchen.

Sorry, falsch ausgesagt!

von Bernd Blaschke

Trier, 21. Juni 2013. "Aber sicher!" heißt der Theateressay, den Elfriede Jelinek jüngst auf ihrer Homepage für alle nachlesbar publizierte. Das Bremer Theater hat ihn im März 2013 uraufgeführt. Der Text entstand aus Abfall und Nachträgen ihres Finanzkrisen-Erfolgsstücks "Die Kontrakte des Kaufmanns".

In der Hölle des Büros

von Rainer Nolden

Trier, 22. Dezember 2012. Jeder weiß ein Lied von ihnen zu singen, von den Kriechern, Katzbucklern und Stiefelleckern, von den Intriganten, Gutmenschen und Friedensstiftern am Schreibtisch gegenüber oder im Zimmer nebenan, mit denen man mehr Lebenszeit verbringt als mit der Familie. Das Büro als literarischer Topos ist nur wesentlich jünger als der Arbeitsplatz an sich; von seiner Ödnis berichteten Dichter und Dichterinnen wie Erich Kästner, Mascha Kaléko und Irmgard Keun, Marcel Aymé ("Ein Mann geht durch die Wand") oder, ganz frisch in den Buchläden, der schlicht "Das Büro" betitelte Roman des Niederländers J. J. Voskuil.