Unterirdisch

von Tobias Prüwer

Leipzig, 5. Oktober 2019. Schwitzende Körper im kargen Licht der Stirnlampen. Aus künstlichen Armen besteht ihr Werkzeug, dass sie ins Gestein stemmen. Wie Bohrer treiben sich die verlängerten Fäuste hinein, die dann zu Schaufeln werden. Gesten der Bergarbeiter fördert diese starke Szene von "Wismut" zutage, das sich am Leipziger Schauspiel dem DDR-Uranabbau widmet. "Nuclear Choir" nennen die Artists in Residence Jule Flierl und Mars Dietz ihre Tanz-Performance. Allein das überzeugende lebendige Bild der bohrend-schaufelnden Bergarbeiter bleibt die einzige Kollektivleistung im 90-minütigen Irrlichtern.

Im Schatten des Einheitstags

von Tobias Prüwer

Leipzig, 3. Oktober 2019. "Wir müssen unsere Männlichkeit wiederentdecken. Denn nur, wenn wir unsere Männlichkeit wiederentdecken, werden wir mannhaft. Und nur, wenn wir mannhaft werden, werden wir wehrhaft." Mit den Worten Björn Höckes unterbricht Hermann der Cherusker den Schlussapplaus. Thusnelda sekundiert mit weiteren rechten bis faschistischen Zitaten.

Ritt auf der Retrowelle

von Tobias Prüwer

Leipzig, 15. Juni 2019. "We can be heroes just for one day / We can be heroes..." Licht aus. Der halbe Saal steht, der ganze jubelt. Licht an und auf der Bühne zeigen sich erleichterte Gesichter. Das Ensemble meistert David Bowies "Lazarus" mit handwerklicher Bravour. Hubert Wild gibt einen zünftigen Regieeinstieg in Leipzig. Und das Schauspiel hat sein eigenes Pop-Musical. Alle Erwartungen wurden erfüllt, tschaka, und gemeinsam klatschen Publikum und Schauspielende zum Schlussbild rhythmisch mit, ein Pärchen schwingt Bowie-Shirts wie Fahnen über den Köpfen: Helden für einen Tag.

Alter Traum vom Aufstieg

von Jürgen Reuss

Leipzig, 6. April 2019. Wenn Bühnenbild und Kostüme den Grundgedanken der Regie auf den ersten Blick sichtbar machen, darf man wohl zu einer geglückten Zusammenarbeit im Leitungsteam einer Inszenierung gratulieren. So geschehen bei der Premiere von Tennessee Williams' "Süßer Vogel Jugend" am Schauspiel Leipzig. Die Art, in der alle Akteure in den karikaturhaft überzeichneten Kostümen von Vanessa Rust auf dem Bühnenrund von Andreas Auerbach in fast ständiger gleichzeitiger Präsenz verteilt sind, vermittelt dem Publikum von Beginn an, dass Regisseurin Claudia Bauer weniger Ambitionen hat, dem Autor bei der gnadenlosen Rupfung jenes süßen Vogels in einem sich verdichtenden Spannungsbogen zu folgen, als vielmehr: das Geschehen in einem zeitlosem Tableau auszuwalzen.

Du kommst hier nicht rein

von Tobias Prüwer

Leipzig, 9. Februar 2019. Das ist der Rhythmus, bei dem man mit muss: Der Abend schlägt von Sekunde eins eine Triangel aus Kraftwerk, Trio und Giorgio Moroder an. Wie ein Metronom gibt das den Takt der Inszenierung vor. Der Beat pocht drängend aus dem Off und ein menschliches Stimmenorchester hebt zum Musiktheaterkonzert mit wippenden Zuschauerfüßen an.

Geschichte strickt

von Tobias Prüwer

Leipzig, 27. Januar 2019. "Wir Menschen sind immer in Geschichten verstrickt. Zu jeder Geschichte gehört ein darin Verstrickter." Die Worte des Geschichtenphilosophs Wilhelm Schapp hätten über der "atlas"-Uraufführung hängen können, die das merkwürdige Gebilde von Zeit(-ge-)schichten unters Brennglas legt. Unablässig variiert Thomas Köcks Auftragswerk fürs Schauspiel Leipzig Fragen nach dem Verhältnis von Zeit und Geschichte und den Menschen darin. Regisseur Philipp Preuss übt sich in Zurückhaltung und holt den Leipziger Stadtraum als Projektionsfläche mit in die Inszenierung.

Zwei Generationen Gegengeist

von Tobias Prüwer

Leipzig, 18. Januar 2019. Es beginnt plakativ. Kaum hängen Plakate mit "Think national" und "rechts rules" an der Wand, sind sie auch schon wieder heruntergerissen. Vermummte Jugendliche stürmen die Leipziger Schauspielbühne und entfernen die Nazipropaganda. Vom Start an positioniert sich Armin Petras in "Jeder stirbt für sich allein / Leipziger Meuten", das Hans Falladas Roman mit Lokalgeschichte verzahnt.

Raus aus der Kleinbürgerhölle!

von Tobias Prüwer

Leipzig, 29. September 2018. "Mein Leipzig lob ich mir". Mit dem Kran schwebte die Leuchtschrift samt Geheimratskonterfei aufs Gebäudedach. Die Stadt hatte endlich ihre Lobhudelei in Neon wieder – auf einem Kaufhaus. Zur Imageveranstaltung im Juli setzt Schauspielintendant Enrico Lübbe nun einen mutigen Gegenpunkt. An einen hervorragend reduzierten "Faust 1" schließen sich "Faust 2" - Stadtexkursionen an, die mit Versöhnungsgeste zurück ins Haus geholt werden.

Die Projektion der Anderen

von Tobias Prüwer

Leipzig, 17. Mai 2018. Harald Glööckler springt den Zuschauer an. Oder ein Verschnitt vom ihm. Dann morpht das an die Wand projizierte Gesicht zu dem eines anderen. Aufgespritzte Lippen bleiben eine Konstante im Larvenreigen, der Silikonaufwerfungen zeigt, Kunstbräune, getrimmte Bärte, künstlich klimpernde Endloswimpern. Gleich schon zu Beginn deutet sich an: Um Projektionen wird es in Nuran David Calis' Inszenierung am Schauspiel Leipzig gehen. Ästhetisch gibt es bei seinem "Angst essen Seele auf" nichts Neues zu sehen. Wesentliche Elemente enthielt schon sein 2015 am selben Haus produzierter Baal. Das ist nicht weiter schlimm: Wer einen Calis bestellt, bekommt einen Calis.

Kopfgucken

von Tobias Prüwer

Leipzig, 31. März 2018. Wiedergängerei am Schauspiel Leipzig. Einmal mehr rückt Philipp Preuss einem Ibsen mit massivem Handkameraeinsatz zu Leibe. Der Leipziger Hausregisseur mixt dessen "Gespenster" mit Daniel Paul Schrebers autobiografischen "Denkwürdigkeiten eine Nervenkranken", warum? Vielleicht um etwas Lokalkolorit beizusteuern. Der über seine Psychosen Bericht gebende Schreber war Leipziger. Preuss konzentriert sich auf den Wahn und versucht, Parallelen zwischen Schreber und Ibsens Oswald zu fabrizieren.

Trinkspiele der Nachgeborenen

von Gabi Hift

Leipzig, 9. März 2018. Enis Maci ist ein Tausendsassa, gerade mal vierundzwanzig Jahre alt, vielbepreist, hat Literarisches Schreiben, Medizin und Politologie studiert und seit Herbst besucht sie nun die London School of Economics. In diesem Monat gibt es von ihr gleich zwei Uraufführungen, die zweite, "Mitwisser", ab 24. März im Wiener Schauspielhaus, ist die, wo Sie hingehen sollten, da gibt es noch Hoffnung. 

Kritik des Popolismus

von Tobias Prüwer

Leipzig, 27. Januar 2018. Es beginnt schleppend. Aber sobald man meint, die Chose aus "Fickschreiße" und "Schreißefick" nicht mehr auszuhalten, zieht Regisseurin Claudia Bauer am Schauspiel Leipzig vollends vom Leder. Ihr "König Ubu" schaukelt sich zur göttlichen Groteske hoch, um schlussendlich zum Abgesang auf den Fortschrittsglauben und die Hoffnung auf den automatischen Siegeszug der Vernunft zu werden.

In Textgewittern

von Tobias Prüwer

Leipzig, 20. Januar 2018. Die Axt lockt. Die Axt zieht an. Die Axt liegt im Zentrum. Drei Männer rennen plötzlich los, rasen auf die Axt zu, die in greifbarer Nähe zu den Zuschauern liegt. Dass dder brachiale Kampf ums Überleben das Thema von "Eigentlich sollten wir tanzen" ist, macht der Werkzeug-Waffen-Zwitter am Schauspiel Leipzig symbolisch deutlich. Die Axt musste Regisseur Daniel Foerster, von 2015 bis 2017 Mitglied des Regiestudios am Schauspiel Frankfurt, nicht an Heinz Helles Roman legen, um dessen 170 Seiten auf bühnentaugliche Länge zu stutzen. Das besorgte der Autor gleich selbst.

Zum Star zugeschnitten

von Tobias Prüwer

Leipzig, 2. Dezember 2017. "Ich bin nicht Hamlet", verneinen die fünf Schauspielenden jene Rolle, in die sie schließlich doch schlüpfen werden. Mit gespitzten Lippen und Wimpernaufschlag rekeln und posieren sie in einer zwischen Puppenstube und Pornoset changierenden Kulisse, in der Lucia Bihler ihre "Prinzessin Hamlet" im Schauspiel Leipzig auftreten lässt.

Im Räderwerk zeitgenössischer Ökonomie

von Michael Laages

Leipzig, 25. November 2017. Auf der anderen Seite vom Leipziger City-Ring, dort wo neben Oper und Gewandhaus das Hörsaal-Terrain der Universität beginnt, wären Sascha Hargesheimers Thesen zu Ökonomie, Politik und Gesellschaft bestimmt manche Seminar-Arbeit wert. Denn der Frankfurter Autor vom Jahrgang 1982, mit Nachwuchspreisen ausgezeichnet in der Heimatstadt, in München und Osnabrück, geht einer wichtigen Frage nach: Wann hat all das angefangen, was uns heutzutage als Moderne der Arbeitswelt entgegen tritt? Seit wann und warum wirken die Produktions-Prozesse gesellschaftlich derart destabilisierend und rücken das Individuum fast frei von Bindungen ans Kollektiv, ins Zentrum des Fortschritts?

"Kannst aufhören, Denis, wir sind jetzt so weit"

von Matthias Schmidt

Leipzig, 1. Oktober 2017. Sonntagabend im Leipziger Schauspielhaus. In der Kassenhalle werden farbige Bändchen verteilt, die aus einem Publikum drei machen. Drei Gruppen, drei Stationen. Los geht es – zunächst noch für alle gemeinsam – mit Live-Musik im Garderobenfoyer. Deutsch-Pop, klingt gut. Manche tanzen sofort mit, anderen ist ein leichter Zweifel ins Gesicht geschrieben, ob es wirklich richtig war, sich gegen den Tatort zu entscheiden. Es war richtig, das mal gleich vorab! "Gewonnene Illusionen" ist im Programm angekündigt als Auseinandersetzung mit der wachsenden Beliebtheit Leipzigs vor allem bei Jungen und Kreativen: Leipzig als "Hypezig".

Vorsicht, zerbrechlich!

von Tobias Prüwer

Leipzig, 16. September 2017. Vom ersten Moment an transportiert "Kasimir und Karoline" vor allem eins: Fragilität. Zart schwingen von einer Glasharmonika melancholische Volksliedloops in den Saal. Dann öffnet sich der rote Vorhang im Schauspiel Leipzig, wo Enrico Lübbe das Krisenstück Ödön von Horváths in eine Wartehalle verlegt hat.

Missverständnis an der Kiwara-Kopje

von Matthias Schmidt

Leipzig, 30. Juni 2017. Es wäre so einfach gewesen, hätte man nicht gewusst, dass die "Retrofuturisten" mit Roscha A. Säidow als Autorin und Regisseurin für diese Inszenierung verantwortlich zeichnen. Man hätte dann weniger erwartet und einfach schreiben können, diese "Konferenz der Tiere" sei eine enttäuschend kleine, ziemlich mittelmäßige, aber letztlich aushaltbare Sommertheaternummer im Leipziger Zoo gewesen.

Lehrstück plus Lehrstück gleich Leerstück

von Matthias Schmidt

Leipzig, 30. März 2017. Es geschieht nicht allzu häufig, dass eine Inszenierung mit einer solchen Wucht einschlägt, dass sie unter so herausragendem handwerklichen und personellen Aufwand, so pur und werkgetreu und doch modern und zeitgemäß gleich zwei Theaterklassiker aneinanderhängt und man am Ende dennoch relativ ratlos dasitzt. Der Jubel nach Enrico Lübbes Doppelinszenierung "Die Maßnahme / Die Perser" war riesig. Er galt den mehr als hundert auf der Bühne stehenden Schauspielern, Sängern, Musikern und Statisten, einem preisverdächtigen Bühnenbild von Etienne Pluss und einer ebenso fantastischen Leistung der Chöre unter Leitung von Marcus Crome. Natürlich hat das alles auch mit Konzept und Regie zu tun; Regietheater im engeren Sinne war es nicht.

Die Todgeweihten grüßen uns

von Tobias Prüwer

Leipzig, 17. März 2017. Ruinierte Leiber schieben sich durch den steril ausgeleuchteten Saal. Die fünf Frankensteins gleichen eher untoten Kreaturen denn Lebenden. Die grotesken Flickenteppiche ihrer Haut werfen Falten. Als Madensäcke schwanken die Figuren über die kleine Bühne am Schauspiel Leipzig, wo Hausregisseurin Claudia Bauer mit "Geister sind auch nur Menschen" ins Innenleben eines Alters-, besser Siechendenheim schaut. Sie inszeniert Katja Brunners Text als Feldlazarett, aufgeschlagen für die finale, dahindämmende Schlacht im Kriegsspiel des Lebens.

In Peeropolis

von Kornelius Friz

Leipzig, 28. Januar 2017. "Whenever I'm alone with you / You make me like I am home again" singen die sieben Männer leise. In bunte Pullover gezwängt, sitzen sie nebeneinander. Abgefunden haben sie sich, mit einem Leben abseits der Realität, abseits auch von Wohlstand und Glück. So hoch wollten sie hinaus, wollten Kaiser werden, reich sein, die Welt erobern. Und nicht zuletzt Solveig! Die angebetete Solveig war das Ziel aller Träume. Der phantasievollen Träume des Peer Gynt. Gleich sieben Männer stellen ihn dar: "Lacht sich tot. Zeigt sein Schmelzlöffel. Schlägt um sich." Gegenseitig geben sie sich Regieanweisungen. Zwei von ihnen beweisen einander, welcher der echte Peer Gynt ist, doch keiner von ihnen ist nicht Peer Gynt.

Dilemma der Spätgeborenen

von Tobias Prüwer

Leipzig, 25. Dezember 2016. "Ereignis": Schwarz auf Weiß prangen die Großbuchstaben im Schlussbild auf der Brust der Spieler. Warum sie die Kapuzenpullis falsch herum tragen, bleibt unaufgelöst. "Wir sind dein Ereignis", säuselten sie zuvor sirenenartig, die Kraft von Wort und Inszenierung andeutend. Diese verhält sich in "Grand Prix de la Vision" am Schauspiel Leipzig umgekehrt proportional zur zunehmenden Stücklänge. Zu viel will der Stoff von Laura Naumann, der die Ratlosigkeit der Welt dokumentiert. Ebensolches Gefühl zeigt Regisseurin Alexandra Wilke, die die Uraufführung als Road-Trip ohne Road inszeniert. Ost-Highway: Gelungene Szenen verblassen auf irrlichternder Fahrt über Bischofswerda gen Westen und Weltfrieden.

Die Insel der lustigen Grenzverletzer

von Matthias Schmidt

Leipzig, 1. Oktober 2016. Damit war nicht unbedingt zu rechnen. Dass "Kruso" in erster Linie ein großer Abend für eine Schauspielerin wird. Anja Schneider spielt in Armin Petras‘ Fassung diesen Kruso, den Insel-Sonderling, den Freiheits-Hüter von Hiddensee. Warum Petras den Kruso mit einer Frau besetzt, erschließt sich nicht wirklich, und bevor wir jetzt hier in Gender-Fragen herumstochern, behaupten wir einfach mal: weil sie es kann.

Wir wollen immer artig sein

von Matthias Schmidt

Leipzig, 16. September 2016. Keine FDJ-Hemden, keine Wehrerziehungsuniformen, kein Honecker-Bild. Dafür eine Idee, wie man Peter Richters auf dem ersten Blick ja nicht direkt nach einer Bühnenadaption schreienden Erinnerungsroman "89/90" theatergerecht adaptieren kann. Eine so großartige Idee, dass man nun – nichts für ungut nach Dresden – getrost von einer sehr gelungenen Uraufführung sprechen kann.

Der Mob lässt Euch nicht entwischen

von Tobias Prüwer

Leipzig, 4. Juni 2016. Da steht ein Pferd auf dem Flur... Ohne einen lebendigen Gaul auf der Bühne kommt das Schauspiel Leipzig bei "Die Räuber" einfach nicht aus. Sechs Jahre sind seit der letzten Inszenierung vergangen, jetzt wuchtet Gordon Kämmerer Schillers Frühwerk samt Vierhufer wieder in den großen Saal; und kämpft mit den gleichen Problemen wie damals Martin Laberenz. Er kann sich nicht entscheiden, ihm fehlt der Fokus.