"Eine Idee kann Schärfe haben,
Tiefe bekommt sie durch das Spiel"

von Andreas Klaeui

16. Januar 2018. Was passiert, wenn eine Schauspielerin wie Ursina Lardi auf die Bühne tritt? Woher kommt die Tiefe einer Figur? Wie wichtig ist das umgebende Ensemble? Was machen Bühne und Kostüme mit ihr? nachtkritik.de-Autor Andreas Klaeui hat diese Fragen der Schauspielerin in einem Interview gestellt, das in dem 2017 im Peter Lang Verlag erschienenen Band "Ursina Lardi" zu finden ist. Wir bringen – mit freundlicher Genehmingung von Autor und Verlag – eine leicht gekürzte Version.

Hochzeit mit Hindernissen

von Julika Bickel

Berlin, 13. November 2017. Am Ende des Theaterstücks "Jeden Gest" (Eine Geste) fangen zunächst viele wie gewohnt an zu klatschen, doch dann ist da ein Moment der Verunsicherung. Die vier Schauspieler*innen des Nowy Teatre aus Warschau sind gehörlos. Immer mehr Zuschauer*innen strecken ihre Hände in die Höhe und schütteln sie wie Glöckchen – die Geste für Applaus. Ganz still ist es im Saal.

Misstraut dem Zeitgeist!

von Claudia Wahjudi

Berlin, 13. November 2017. Fast alles im 3. Berliner Herbstsalon des Gorki ist anders als in anderen Großschauen Bildender Kunst. Das fängt beim freien Eintritt an und endet beim Wetter: Zur Eröffnung am Nachmittag des 11. Novembers zeigt das Thermometer fünf Grad Celsius. Die Berlin Biennale dagegen eröffnet im Juni, wenn Touristen kommen und das Fachpublikum aus Übersee nach Europa zur Baseler Kunstmesse fliegt. Doch was der Kunstbetrieb tut und lässt, ist am Gorki weitgehend egal, obwohl der 3. Berliner Herbstsalon durchaus Biennalen-Stärke hat: mit Arbeiten von rund 100 Künstlern und Künstlergruppen, davon rund 30 Neuproduktionen. Mit voller Absicht findet er im Spätherbst statt, nach den Gedenkfeiern für die Opfer der Novemberpogrome und dem Jubiläum des Mauerfalls.

Und es ward Licht

von Esther Slevogt

Dresden, 30. Oktober 2017. Er ist wieder da, der Theaterraum, der 1911 so etwas wie der Urknall der Theatermoderne war: der Bühnen- und Lichtraum für den Großen Saal des Festspielhauses in Dresden Hellerau; ein Theaterraum, dessen Begrenzung nur aus einem schwer definierbaren leuchtenden Material zu bestehen scheint, das dem Raum etwas Übernatürliches, beinahe Schwebendes verleiht. Drei Künstler haben diesen Bühnenraum wenige Jahre vor dem Ersten Weltkrieg entwickelt: der Schweizer Bühnenbildner Adolphe Appia (1862-1928), der deutschen Architekt Heinrich Tessenow (1876-1950) und der russisch-deutsche Maler und Lichtkünstler Alexander von Salzmann (1874-1934). Und zwar für die Hellerauer Bildungsanstalt für Musik und Rhythmus des Schweizer Musikpädagogen und Komponisten Émile Jaques-Dalcroze (1865-1950).

ÜBER DAS SCHREIBEN, UND JA: FÜRS THEATER

von Wolfram Lotz

26. Oktober 2017.

Liebe Leute,

ich finde es auch ein wenig seltsam, dass ich gerade jetzt den Wunsch gehabt habe, über das Schreiben von Theaterstücken zu sprechen

In einer Phase, in der ich mehr als jemals zuvor das Gefühl habe, es nicht mehr zu können, es wirklich nicht mehr zu wissen, wie es gehen könnte für mich, in Zukunft

Schauspiel als Empowerment

von Matthias Dreyer

Themen des Textes: Schulfach Theater | Festival "Schultheater der Länder" | Ästhetische Formen: Postdramatik und Performance | Chor | Publikum: Feedback-Kultur und Empowerment | Gelungene Inklusion | Klischees Kinder- und Jugendtheaters vs. vielfältige Spielformen | Choreographie | Theatermethodik: Zuhören statt Prägen

 

25. Oktober 2017. Theater hat als Schulfach in den letzten Jahren ungeahnt Karriere gemacht. Noch vor kurzem boten viele Schulen kaum mehr als die obligatorische Exkursion zur nächsten Klassiker-Inszenierung, aber es blieb Zufall, ob jemand eine AG gründete oder Theater als Wahlfach anbot. Heute haben Schulen die pädagogischen Möglichkeiten des Faches neu entdeckt. Laut einem Beschluss der Kultusministerkonferenz soll Theater flächendeckend als Abiturprüfungsfach eingeführt werden.

Weiblicher Glamour

von Barbara Villiger Heilig

Venedig, 2. August 2017. "Teatro Italia" steht in schmiedeisernen Lettern auf der neogotischen Fassade des zierlichen Palazzo in Cannaregio, einem Viertel der Stadt Venedig. Seit Jahrzehnten waren die Tore unter dem Doppelspitzbogen verrammelt, das Gebäude dümpelte ungenutzt vor sich hin. Jetzt leuchtet es als Supermarkt-Filiale der Kette Despar in neuem Glanz. Doch für wen? Drinnen, unter den frisch restaurierten Liberty-Fresken an Decke und Wänden, stapeln sich Esswaren in meterlangen Regalen. Clou der Inszenierung: An der Stirnseite des mit einem gemalten Bühnenportal verzierten Saals thront die Fleischauslage. Nein, das ist keine Aktion der Kunstbiennale, obwohl deren Ableger bis in diesen nördlichsten Teil der Lagunenstadt reichen. Es ist ganz einfach der Lauf der Dinge: Historische Bausubstanz wird sukzessive ausgehöhlt und kommerziell umgenutzt.