Das Social Media Game

von Caspar Weimann

9. Januar 2021. Seit einem dreiviertel Jahr suchen nicht mehr nur ein paar vereinzelte freie Gruppen (zu einer von denen gehöre ich mit onlinetheater.live selbst), sondern ein ganzer Theatermainstream nach Möglichkeiten, im Internet Theater zu machen und mit künstlerischen Mitteln eigenständige Erfahrungsräume in unserer digitalen Umwelt zu erschaffen. Eine Leitfrage, der sich viele Akteur*innen dabei stellen: Wie können wir auch im digitalen Kontext innovative Theaterformen entwickeln, die ein so vielfältiges Erlebnis schaffen, dass sie attraktiver sind als Netflixandchill? Das Diplomprojekt "Der Kult der toten Kuh" von Laura Tontsch und Team gibt dafür bedeutende Impulse.

Sterne lügen nicht

von Georg Kasch und Christian Rakow

31. Dezember 2020. Nachdem wir 2020 mit Überraschungen eher unschöne Erfahrungen gemacht haben, gehen wir jetzt auf Nummer sicher. Folianten auf, Sternkonstellationen geprüft – Sterne lügen nicht.

Die Schönheit des Kontrollverlusts

von Sarah Fartuun Heinze

22. Dezember 2020. Ob Lockdown oder Homecoming, die Telegram-Krimis von machina eX, ob Dekalog, Christopher Rüpings Serie von Experimentalmonologen, bei denen das Publikum über Abstimmungen aktiv in das digitale Bühnengeschehen eingreifen konnte, oder der erste Twittertheaterabend des Burgtheaters Wien Vorstellungsänderung: Der Unheimliche Eindringling, der sich gänzlich durch Tweets mit dem Hashtag #vorstellungsänderung in der gemeinsamen Imagination des digitalen Publikums abspielte: Das pandemiebedingte #physicaldistancing hat Theatermacher*Innen in den unterschiedlichsten Konstellationen und Kontexten erneut dazu inspiriert, sich mit den Möglichkeiten und Begrenzungen von digitalen Theaterräumen und interaktivem Storytelling zu befassen.

Das Glück des Theaters

von Barbara Villiger Heilig

3. Dezember 2020. Von ihrem Geburtsdatum kursierten verschiedene Versionen, doch Jutta Lampe machte selbst keinen Hehl draus, dass Agenturen die Schauspielerinnen gerne verjüngten. Da sie aber so mädchenhaft wirkte mit ihrer fragilen Figur und den langen Haaren, nahm man ihr das eigentliche Alter ohnehin nicht ab. Wikipedia verzeichnet: "13. Dezember 1937 in Flensburg"; wenn das stimmt, zählte Jutta Lampe jetzt, bei ihrem Tod am 3. Dezember 2020, 82 Jahre.

ICH FRAGE DICH NICHT
WER DU NICHT BIST

von Ivna Žic

26. Oktober 2020. Ihre Poetikvorlesung "ICH FRAGE DICH NICHT / WER DU NICHT BIST" hielt Ivna Žic am 24. Oktober 2020 an der Theaterakademie der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. nachtkritik.de bringt sie hier in Erstveröffentlichung und dokumentiert den Auftritt im kurzen Videoausschnitt und im Podcast mit der vollständigen Rede. Die Poetikvorlesung ist eine Veranstaltung der Hamburger Theaterakademie / Hochschule für Musik und Theater, kuratiert von Eva-Maria Voigtländer, gefördert von der Rusch-Stiftung Hamburg mit Unterstützung der Holger und Mara Cassens Stiftung. In den vergangenen Jahren wurden die Hamburger Poetikvorlesungen von Wolfram Lotz, Ferdinand Schmalz und Thomas Köck gehalten.

Wenn Völker friedvoll zusammenrücken

von Tobias Prüwer

Leipzig, 14. August 2020. Die Tribüne füllen 50.000 Zuschauer, ihnen gegenüber lagern Legionäre, deren Brustpanzer und Helme im Dämmerlicht funkeln. Sie bewachen einen Menschenmarkt, auf dem nur in Lendenschurze gewickelte Sklaven verkauft werden. Die Entrechteten schwören bald kollektiv Rache, wählen Spartacus zu ihrem Anführer. Statt sich als Gladiatoren gegenseitig zu bekämpfen, richten sie ihre Waffen gegen Rom. Die Schlacht beginnt als Wimmelbild. Leiber überall, Feuer lodern auf, Leichenberge stapeln sich. Schließlich unterliegen die Aufständischen. Am höchsten Punkt der Arena wird Spartacus ans Kreuz gebunden – sein Leiden füllt den Epilog.

"Wir können gerne weiter brainstormen"

7. August 2020. Emma Goldman-Sachs heißt nicht Emma Goldman-Sachs, und Anja de Vries heißt auch nicht Anja de Vries: Die Aktivistinnen des Peng! Kollektivs suchen den Schutz der Anonymität. Nachvollziehbar: Aktionen wie "Klingelstreich beim Kapitalismus" bewegen sich am Rande der Legalität. Das Peng! Kollektiv hat hierfür ein fiktives "Bundesamt für Krisenschutz und Wirtschaftshilfe" (angeblich unter dem Dach des Bundeswirtschaftsministeriums) gegründet und so führende Wirtschaftslenker in Gespräche über Alternativen zum Kapitalismus verwickelt. Beim Internationalen Sommerfestival im Hamburger Produktionshaus Kampnagel wird das Projekt ab kommenden Mittwoch in einer Installation präsentiert. Vorab erklären "Goldman-Sachs" und "de Vries", wie man sich das Vertrauen von CEOs erschleicht. Das Interview führte Falk Schreiber.