Drei Männer und ein Skript

von Jan Fischer

Celle, 30. Januar 2020. Eine gute Figur, so steht es jedenfalls gerne mal in Schreibratgebern, ist von zwei Dingen getrieben: Dem, was sie braucht, und dem, was sie will. Konflikte – und damit Geschichten – ergeben sich, wenn beides nicht identisch ist. In "Mondschein und Magnolien" wollen die drei Männer, die sich für fünf Tage im Büro des Produzenten David O. Selznick eingeschlossen haben, um das Skript des gerade entstehenden Filmes "Vom Winde verweht" aufzupolieren, einen Kassenerfolg. Was sie brauchen, ist eine ordentliche Mütze Schlaf. Und Nahrung, die weder etwas mit Bananen noch mit Erdnüssen zu tun hat.

Das Wanken des inneren Eigenheims

Von Tim Schomacker

Celle, 16. März 2018. Ich vermute, Sie kennen das: Ziemlich bald an einem Theaterabend setzt sich ein Gedanke in ihrem Kopf fest, ein Name, ein Wort. Und Sie werden das dann nicht mehr los. Oder den. An diesem Abend lautete das Passwort: Tennessee Williams. So wie Dirk Böther in diesen Hauptmannschen "Ratten" den Maurerpolier John spielt, hochaufgeschossen im gestreiften Hemd, Pomade im dunklen Haar, den Rücken übergerade, als würde er hier, daheim, im Berliner Mietshauskörper, die monatelangen Buckelstunden der Arbeit auf Montage in Altona von sich weghalten wollen, schaut er aus wie geborgt von Tennessee Williams. Nicht nur wegen des gestreiften Hemds, der Frisur und der sauberen Heimgehhose. Jut wie Blut, mit ziemlich robustem gesundem Menschenverstand, mit feuchten Augen, wenn sein inneres Eigenheim ins Wanken gerät, für das er so viel schuftet.

Druckerschwärze statt Filterblase

von Jan Fischer

Celle, 7. April 2017. Das Internet. Unendliche Weiten. Wir befinden uns im Jahr 2067. Die ganze Cellesche Zeitung befindet sich fest im Griff einer App, die besser als der Leser weiß, was dieser lesen will. Die ganze Zeitung? Nein. Eine Jungredakteurin leistet Widerstand. Sie möchte eine Journalistin werden, eine, "die von allen gelesen wird".

Rattatá!

von Jan Fischer

Celle, 2. Mai 2014. "Seelandschafft mit Pocahontas" muss man im Zug lesen, das ist der Rhythmus: dieses Rattatá, ein ICE, der mit Höchstgeschwindigkeit durch Sprachebenen und die Niedersächsische Ebene knallt, der Refrain des Zuges, des Buches, bei Schmidt auch der Refrain des Krieges, und im Schlosstheater Celle das Geräusch der Schreibmaschine, auf der der alte Autor tippt, der eigentlich Friedhelm Ptok heißt und einsam vorne am Bühnenrand darauf einhackt, an seinem Tisch im Scheinwerferlicht sich in der Helligkeit suhlt und in den Erinnerungen an eine flüchtige Liebe.

Lebenslügen, prä- und postmortal

von Stephanie Drees

Celle, 5. April 2013. Die personifizierte Rache trägt Weiß. Über ihrer Brust verläuft ein Plastikpanzer. Mit dem Engel Svea stimmt etwas gewaltig nicht. Zu fokussiert der Blick, zu geschliffen die Rhetorik. Ralf, ihr vorgeblicher Schützling, spürt recht bald, dass an der ganzen Nummer etwas faul ist. Doch wenn man viel Zeit damit verbracht hat, sich die eigene Rolle schön zu spielen, hievt einen der Selbstbetrug noch eine Zeit lang über die Lebensabgründe – die eigenen und die der anderen.

Gefängniswärterinnen der eigenen Gefangenschaft

von Stephanie Drees

Celle, 1. Februar 2013. Ein Text für Atemlose. Wallnusseis und Aufmacherstory, Fettpolster und Politik – es gibt viele Themen, über die Jessica nachdenkt. In Celle liegt sie mit weißem Leibchen und schwarzer Strumpfhose auf der Bühne, hält das Mikro phallisch in die Höhe und spricht. Ein postorgasmischer Bewusstseinstrom. Der Liebhaber ist grade fort gegangen. Doch die Fragen bleiben: Wie weitermachen? Wie das Leben ordnen? Wie den Körper vor der Fettsucht schützen?

Im sanften Wellengang

von Jan Fischer

Celle, 11. Januar 2013. Ein Papierschiffchen. Eines, dass sich sich vor orangenem Hintergrund über zart angedeutete Wellen kämpft. Das ist das Plakatmotiv, das man im Celler Schlosstheater gewählt hat, um Rosemarie Vogtenhubers Inszenierung von Botho Strauß' "Ithaka. Schauspiel nach den Heimkehr-Gesängen der Odyssee" zu bewerben. Das macht Sinn: Wer "Ithaka" inszeniert, Botho Strauß' Nacherzählung des letzten Teils der Odyssee, muss sein Schauspielschiffchen über harten Diskurswellengang führen, wenn er sicher irgendwo ankommen will.

Erzählen, solange es noch geht

von Jan Fischer

Celle, 13. Oktober 2012. Ein Brocken. Ein Brocken Text. Ein Brocken Geschichte. Es sprudelt aus dem Vater heraus. Es bricht aus ihm heraus, wie er da in seinem Loch sitzt, auf der runden Bühne mitten im Raum, umgeben von den Zuschauern, und weiß: Diese Geschichte ist sein Leben. Er hat nicht mehr viel Zeit. Blind ist er schon. Seine Geschichte, das ist das einzige, was von ihm bleibt. Der Sohn soll mitschreiben.