Provinz in den Köpfen

von Anna Landefeld

München, 23. Januar 2020. Die Pforte zur Hölle öffnet sich: kalt-gelbes Licht, Nebel, Regen, unheimliches Schattenspiel. Dazu barmen sie weh über Blasmusik: "Näher, mein Gott zu Dir, näher zu Dir!" Dieser Wunsch wird sich nicht erfüllen für die Menschen hier, denn sie sind jenseits von allem. Vielleicht für die Tote, die sie heute zu Grabe tragen, aber für die wird man sich ein paar Augenblicke später nicht mehr interessieren. Dafür umso mehr für ihre Habseligkeiten, und wer da was von bekommt.

Sonnen der Aphorismenseligkeit

von Christian Muggenthaler

München, 20. Dezember 2019. Argan, dieser Hypochondrie-Superheld für Fortgeschrittene, wird in PeterLichts Molière-Überschreibung "Der eingebildete Kranke oder Das Klistier der reinen Vernunft" (Mitarbeit: SE Struck) zu einem tatsächlichen Superstar, der inmitten seiner Showcrew einem – wie sich zeigen wird: letzten – Auftritt entgegenfiebert, wiewohl er sich nicht recht wohl fühlt. "Mir geht es grad nich so gut", ist der Refrain des immerwährenden Kreisens eines Mannes um sich selbst, der sich und seine Befindlichkeit ins Zentrum seines Daseins und des Daseins seiner gesamten Entourgage gestellt hat. Ein Kreisen, das den gut zweistündigen Uraufführungsabend des Licht-Stücks auf der Bühne des Münchner Residenztheaters prägt.

Ein Kaleidoskop von Projektionen

von Sabine Leucht

München, 22. November 2019. Sie trägt eine lange schwarze Hose, Frack und streng zurückgekämmtes Haar. Und die nächste Prise Ernüchterung ist verbaler Art: "Ich werde mich heute nicht ausziehen", sagt Lulu. Lulu Nr. 1, müsste man sagen, denn in Bastian Krafts Wedekind-Bearbeitung am Münchner Residenztheater gibt es deren drei. Liliane Amuat, die jüngste, zieht sich nicht aus. Juliane Köhler geht nicht vor uns auf die Knie. Und Charlotte Schwab als die älteste wird nicht sterben. Genau genommen wird keine von ihnen etwas dergleichen tun, womit sich die drei gleich zu Beginn aus ihrer Verantwortung stehlen: Dem Bild zu entsprechen, das man (oder "Mann") sich von dieser "Schlange" und männermordenden Femme Fatale macht.

Künstlermahnungen aus dem Ghetto

von Petra Hallmayer

München, 8. November 2019. Der Abend beginnt mit einem langen Schweigen. Stumm sitzen zwei Männer und zwei Frauen auf rotgepolsterten Stühlen auf der leeren dunklen Bühne. In Rückblenden und Zeitsprüngen erzählt Roland Schimmelpfennig in seinem im Auftrag des Bayerischen Staatsschauspiels entstandenen Stück "Der Riss durch die Welt", das von Tilmann Köhler nun am Cuvilliéstheater uraufgeführt wurde, von einer radikal misslingenden Begegnung.

Im Flaniermodus

von Sabine Leucht

München, 26. Oktober 2019. Sie sind neu in München. Deshalb zeigt Barbara Melzl dem Team von Thom Luz das Theater. Auch wenn das aktuell anders aussieht als Melzl es kennt. Sie gehört seit einem Vierteljahrhundert zum Ensemble des Residenztheaters, das auch den Marstall bespielt. Helle Holzwände und echte Pflanzen hat der Schauspieler und Bühnenbildner Wolfgang Menardi ihm ganz frisch zugefügt und für die vierte Premiere der ersten Spielzeit unter Andreas Beck enthüllt. Freundlich sieht das aus, die Räume wirken weiter.

In allmächtiger Verzweiflung

von Anna Landefeld

München, 20. Oktober 2019. Am Anfang steht die simple Frage, aber eine Antwort gibt es nicht: "hallo? hört uns jemand? kann uns jemand/ ist wer / ist wer da?" – Ja, zehn Schauspieler*innen, aufgereiht nebeneinander, die gebrochenen Sätze des/der jeweils anderen übernehmend.

Pasolinis Höllengang

von Willibald Spatz

München, 22. März 2019. Der erste Buh-Ruf kommt nach etwa 15 Minuten beim vierten Totschlag. Eigentlich ist es die vierte Variante des einen Totschlags, bei dem Pier Paolo Pasolini ums Leben kam. Die offizielle Version des Geschehens geht so: In der Nacht vom 1. auf den 2. November 1975 fährt Pasolini mit einem einem jungen Mann an den Strand von Ostia. Sie bekommen Streit, und der Junge erschlägt Pasolini brutal. Der Verdächtige Pino Pelosi gesteht schnell und wird verurteilt. Natürlich gibt es in dieser Geschichte zu viele Ungereimtheiten – es muss anders gewesen sein, Pelosi war viel zu schwach um den athletischen Pasolini dermaßen zu verunstalten. Außerdem war der linke Filmregisseur und Autor Pasolini zu vielen Leuten im von Arbeiterstreiks und Studentenunruhen erschütterten Italien der Democrazia Cristiana unangenehm, er eckte zu stark an, er musste aus dem Weg geräumt werden.

Von einem der einzog, das Feiern zu lehren

von Anna Landefeld

München, 15. März 2019. Dabei war doch alles im Reinen. Alles, das heißt die Welt, in der der Thebaner-König Pentheus herrscht und die zusammengesetzt ist aus geometrischen weißen Flächen zu einem leicht erhöhten Bühnenpodest. Eine scharfkantige, eiskalte Insel der Vernunft inmitten von Schwärze. Auf ihr wähnt Pentheus sich sicher und gewiss, dass ein Fürst, der arbeitsam, bescheiden, pflichterfüllend und gottesfürchtig regiert, richtig regiert.

Geister des Maschinellen

von Maximilian Sippenauer

München, 15. Februar 2019. Neun Tonnen Stahl, hieß es im Vorfeld martialisch, seien für Ulrich Rasches "Elektra" verschweißt worden. Neun Tonnen schwarzer Stahl. Das Bühnenbild eine einzige kolossale Maschine, eine Säule Dunkelheit. Kopf dieses Gitterzylinders ist ein Käfig, der sich hebt und senkt. Darunter gefangen, auf einem meterhohen Schaft, ein gewaltiger Diskus, der sich dreht und verkantet. Auf dieser Scheibe angekettet schreitet ohne Unterlass das Ensemble in schwarz und grau, zwei Stunden lang, in monotonem Rasche-Sprech Hofmansthals Sophokles-Nachdichtung in Silben zerkauend. Begleitet von einem bombastischen Soundtrack aus Geigen und Cello, Bass und Trommeln. Wie immer bei Rasche ist auch dieses Stahlgewitter ein fragwürdiges Spektakel der Überwältigung. Denn wie immer steht und fällt auch diese Inszenierung mit der Frage: Wie gut korrespondieren Effekt und Inhalt?

Ein Leben auf Minigolfkurs

von Maximilian Sippenauer

München, 25. Januar 2019. Kein Sport bringt den Westen so gut auf den Punkt wie Golf. Instinktstarke Männer, die Halme englischen Rasens in die Brise werfen, um zu spüren, woher der Wind bläst, das Gefälle des Grüns studieren wie die Topographie von Aktienkursen, sich von ihren Lakaien das passende Holz oder Eisen reichen lassen, um dann eiskalt einzulochen. Was symbolisierte den Hyperindividualismus, dieses neoliberale Macher-Machotum, darin der Kampf des Egos allein im Bestehen seiner eigenen Zweifel, im Willen zum Gewinn besteht, besser? Auch, weil diese Golfwelt eine exklusive ist. Denn die Mitte der Gesellschaft spielt bloß Golfspielen, spielt, ganz biedermännische Farce, die sie ist: Minigolf.

Wortwolken und Schwefelschwaden

von Petra Hallmayer

München, 19. Januar 2019. Wie zur Einstimmung auf den Abend hält sich Sorin (René Dumont) zum Auftakt eine Pistole an den Kopf, lässt sie sinken, schleppt sich müde auf einer Krücke zu drei Stühlen und legt sich darauf nieder. In einer langen Pantomime verfolgt der Lehrer Medwedenko als gekrümmte zittrig tölpelhafte Witzfigur die vor ihm fliehende Mascha mit einer Blume, ehe die Anderen sukzessive hereinkommen.

Dostojewski im Drehschwindel

von Maximilian Sippenauer

München, 14. Dezember 2018. Dostojewskijs "Der Spieler" wirkt wie gemacht für unsere Zeit. Erzählt die Geschichte einer russischen Gesellschaft, die im deutschen Roulettenburg noch den letzten Rubel verzockt, doch von der zerstörerischen Gier nach Geld. Illustriert einfach wie klar an der Hybris des Roulette-Spiels. Ist das nicht Europa im Endstadium seiner eigenen Dekadenz? Dazu dieser gehässig tratschige Hauslehrer, dieser wandelnde Minderwertigkeitskomplex, der so gerne mit denen oben mal mitmischte, dem es aber nie so recht gelingen will. Riecht das nicht verdächtig nach einem dieser Oberstudienräte mit AfD-Parteibuch, die sich bei aller Systemkritik am Ende doch nur mit dumpfem Nationalismen behelfen, über den verlogenen Franzmann, den kratzfüßigen Polen, den geizigen Juden schimpfen? Das alles steckt sicher drin im Stoff des "Spielers". Das alles will uns Andreas Kriegenburg in seiner Inszenierung zeigen. Und trotzdem will der Funke nicht so recht überspringen.

Wütendes Klopfen an der Wand

von Anna Landefeld

München, 24. November 2018. Am Ende liegt er da, im Hof, in einer Blutlache. Tot wie schon seine Vorgängerin. In den Suizid getrieben von seinen Nachbarn. Oder von seinem eigenen Wahnsinn. Oder ist er gar in ein Geisterhaus geraten? In einen Übergang ins Jenseits, ein als Styx getarntes Mietshaus? So genau lässt sich das nicht sagen. Blanka Rádóczys Inszenierung von "Der Mieter" im Münchner Marstall ist so offen erzählt, dass es schwer fällt, dem Protagonisten auf seinem Leidensweg zu folgen.

Für immer auf der Bühne oder "Draußen ist der Tohohood"

von Sabine Leucht

München, 16. November 2018. Ein leerer Sessel steht in einem leeren Raum. Über ihm senkt sich ein breiter Trichter herab, aus dem Kunstschnee rieselt. Weiße Flocken vor schwarzem Hintergrund tanzen im kalten Licht, bevor Hamm und Clov die Bühne des Münchner Residenztheaters betreten und ihr ewiges "Endspiel" beginnen, das keinen Sieger und keinen Verlierer kennt, seit es Samuel Beckett 1956 fertiggestellt hat. Der hat dem immobilen und blinden Herrn einen Rollstuhl und dem hinkenden, aber zur Dauerbewegung verdammten Diener eine Leiter vorgeschrieben, auf die Clov immer wieder aufs Neue klettert, um Hamm zu berichten, wie es außerhalb der Zufluchtsstätte aussieht, die sie nach dem Ende von allem bewohnen. Keine Menschen gibt es mehr, keine Sonne, keine Pralinen, kein Beruhigungsmittel und keine Särge. Nichts. So weit O-Ton Beckett.

So herrlich unerträglich

von Anna Landefeld

München, 19. Oktober 2018. Etwas Lustiges also zum Schluss. Man könnte es auch anspruchsvoller sehen und behaupten: Martin Kušejs letzte Inszenierung am Münchner Residenztheater verhandelt das Theater an sich. Zugegeben, vielleicht in seiner unbekümmertsten Ausprägung. So hat sich der scheidende Intendant ausgerechnet Michael Frayns "Der nackte Wahnsinn" ausgesucht, die rauf und runter gespielte Theater-Meta-Boulevardeske. Kušej verzichtet auf raffinierte Regiekonzepte. Was sollten die auch bringen, ohnehin lädt "Der nackte Wahnsinn" nicht zum gepflegten Assoziieren und Philosophieren ein, erst recht nicht zur Dekonstruktion, denn das macht Frayns Tür-auf-Tür-zu-Maschinerie schon schön von alleine – und Kušej lässt Text und Ensemble gewähren.

Wie ein Zootier

von Petra Hallmayer

München, 29. September 2018. Schon die Besetzungsliste macht klar, dass wir hier keine einfache Übertragung von Kleists Novelle auf die Bühne sehen werden. Nicht Gustav und Toni sind im Programmheft verzeichnet, sondern Heinrich und Henriette. Robert Borgmanns Inszenierung von "Die Verlobung in St. Domingo" überblendet den Doppelselbstmord von Kleist und Henriette Vogel am Kleinen Wannsee 1811 mit der im selben Jahr erschienen Erzählung. Darin sucht der Schweizer Gustav in den Wirren des Sklavenaufstandes im heutigen Haiti Zuflucht im Haus eines Schwarzen. Congo Hoango, "ein fürchterlicher alter Neger", wie Kleist schreibt, benutzt seine Ziehtochter, die "Mestize" Toni, als Lockvogel, um Weiße zu massakrieren. Gustav und Toni verlieben sich ineinander, doch weil er eine List von ihr missdeutet, unfähig ist, ihr vorbehaltlos zu vertrauen, endet die Beziehung tödlich.

Freiheit, Gleichheit, Blutrausch

von Anna Landefeld

München, 27. September 2018. Zu Beginn also gleich einmal das Ende. Alle sind sie vereint: Attentäterin und Opfer samt Entourage, die am liebsten hysterisch losschreien würde. Doch noch regt sich hier keiner, alle sind sie gefangen in einem lebenden Bild nach einem Gemälde des Malers Jean-Joseph Weerts mit dem Titel "Marat ermordet! 13. Juli 1793, acht Uhr abends".

Und ganz so, als wäre der Lauf der Geschichte und ihr Ende sowieso unaufhaltbar, lungert teilnahmslos abseits des Geschehens der Regisseur dieser Groteske: Marquis de Sade ist in Tina Laniks Inszenierung von Peter Weiss' "Marat/Sade" am Münchner Residenztheater ein Prachtstück von einem leidenden Individuum des postfaktischen Zeitalters: Insasse einer psychiatrischen Anstalt, vor lauter Freiheit erst gelangweilt, dann melancholisch und darüber schließlich mächtig an Körpergewicht zugelegt. Die Politiker reden sowieso alle nur irres Zeug – keine Lust, das zu entschlüsseln. Aber wenn man also schon gezwungen sei in dieser Welt zu leben, dann könne man irgendwie doch nicht anders, als sich zu ihr zu verhalten. Einerseits. Andererseits.

Pestbeule in der Hose

von Maximilian Sippenauer

München, 29. Juni 2018. Die Geschichte von Don Juan ist die eines Unverbesserlichen. Und Geschichten von Unverbesserlichen beginnen am besten mit Gesten des Trotzes: Da steht also Doña Elvira, gespielt von Bibiana Beglau, rosaplüschtraurig wie ein sterbender Flamingo und hält sich die Hände schützend vor die nackte Brust. Um sie herum hüpfen Gatte Juan und Diener, venezianische Masken auf dem Kopf, bereit für frischere Abenteuer. Juan will seine Frau nicht belügen. Er verlässt sie aus nur einem Grund. Sie erregt ihn nicht mehr. Endlich lässt Elvira die Arme fallen und Juan zwickt ihr prompt in den Busen.

Mord im Dunkeln

von Christian Muggenthaler

München, 17. Mai 2018. "Puh!", sagt der Marquis von Posa, nachdem er seine Bitte um Gedankenfreiheit an den König gebracht hat, puh, das immerhin wäre geschafft. In den gut vier Stunden "Don Karlos", die Residenztheaterchef Martin Kušej seinem Münchner Publikum gönnt, ist Posas Rede eine der rhetorischen Spitzen, die aus einem Meer von manischer Dunkelheit und oft gewaltiger Stille hervorragt. Die Totenstille, die im Spanien König Philipps II. dräut und allenthalben beklagt wird, dieser Staatsstillstand hat sich phasenweise auch der Bühne bemächtigt, erzeugt eine bewusste, gewollte, exemplarische Lähmung, lässt Friedrich Schillers ganze dichte, dichterische, schicksalsschwangere Schwere sich ausbreiten.

Vor dem Auftritt

von Petra Hallmayer

München, 5. Mai 2018. Im April 1935 zogen Passanten die völlig unterkühlte Liesl Karlstadt aus der Isar. Zu ihrer Schwester hatte sie gesagt, sie müsse zum Arzt. Stattdessen stürzte sie sich ins Wasser. In der Klinik, in die man sie einlieferte, diagnostizierten die Psychiater schwere Depressionen und eine bipolare Störung. Schon seit Jahren war die Frau, die alle zum Lachen brachte, von Selbstmordgedanken heimgesucht worden.

Das Un(be)greifbare der Geschichte

von Tim Slagman

München, 3. März 2018. Erschüttert hätten ihn die "Erzählungen aus Kolyma", sagt der 1984 geborene Regisseur Timofej Kuljabin. Sein russischer Landsmann Warlam Schalamow (1907–1982) beschreibt darin, wie er über lange, eiskalte Jahre das stalinistische Lagersystem im Norden Sibiriens erfuhr. Wie das Unmenschliche zum Alltag, der Gewaltexzess zur Gewohnheit wird. Erschütternd sei nicht, was den Toten widerfahren ist – erschütternd sei, was das dauernde Hungern und Sterben und Frieren mit den vorerst noch Weiterlebenden macht. Kein Problem bestünde darin, vom Morden zu erzählen. Doch wie erzählt man von Abstumpfung?

Die Wahrheit im Aquarium

von Willibald Spatz

München, 24. Februar 2018. Das Stück der Stunde. Aber war Henrik Ibsens "Der Volksfeind" seit 1883, dem Jahr, in dem er uraufgeführt wurde, eigentlich irgendwann einmal nicht das Stück der Stunde? Und wahrscheinlich wird man auch nach weiteren 135 Jahren immer noch davon sprechen.

Außen Revolution, innen Provokation

von Philipp Bovermann

München, 22. Februar 2018. Man will bloß nicht dieser eine Pechvogel sein, den es trifft, wenn der nackte Mann durch die Zuschauerreihen klettert. Dieser hier ist sogar ein Zitat, was die Sache zugleich lustiger und schrecklicher macht.

Sex mit Puppen

von Sabine Leucht

München, 13. Januar 2018. Dieses frischgebackene Liebespaar ist bereits in die Jahre gekommen. Die Falten in seinem Gesicht korrespondieren aufs Trefflichste mit denen des graublauen Vorhangs im Münchner Cuvilliéstheater. Ihr blutroter, vergrämter Mund passt farblich gut in die Fürstenloge, aus der sie ihre Verwunderung über den Ort kundgibt, an den er sie gebracht hat. In Patrice Chéreaus legendärer Inszenierung von Marivaux' 1744 verfasster Komödie "Der Streit" standen die Fürstin Hermiane und ihr prinzlicher Gatte in spe im Urwald vor einem finsteren Schloss. An diesem Abend findet der Menschenversuch, den der Prinz seiner Holden gleich vorführen will, in einer nüchtern weißen Mischung aus Kampfplatz und anatomischem Theater statt.

Spiel mir den Dreckskerl

von Thomas Rothschild

München, 9. Dezember 2017. "Sadistisch, mitleidlos, grausam, abwertend, unmoralisch, primitiv, kaltschnäuzig, räuberisch, schikanierend, entmenschlichend." Die Rede ist im Gutachten des Psychiaters Lance Dodes nicht von Richard III, sondern von Donald Trump. Soviel zur Aktualität von Shakespeare (1564-1616). Aber ist damit alles gesagt, was uns der Elisabethaner über Trump mitzuteilen hat?