Der Zaun muss weg!

von Matthias Schmidt

Weimar, 8. November 2015. Zugegeben, es ist nur ein Gefühl, eine Verunsicherung, was bei Interpretationen bekanntlich mal vorkommen kann. Es sagt, hier stimmt etwas nicht. Möglicherweise. Genauer gesagt: Man kann die Inszenierung missverstehen. Dass man es soll, ist nahezu ausgeschlossen.

Bomben des Käfers

von Frauke Adrians

Weimar, 3. September 2015. Ein unterhaltsamer, ein amüsanter Abend über die schlimmste nationalsozialistische Hetzschrift? Mit Rimini Protokoll geht das. Sechs "Experten des Alltags" sind es diesmal, die im Weimarer E-Werk das Stück "Adolf Hitler: Mein Kampf, Band 1 & 2" zur Uraufführung bringen. Jeder von ihnen hat eine eigene, höchst eigenwillige Sicht auf Hitlers Machwerk in zwei Bänden. Alle zusammen nähern sich dem Buch, das in Deutschland bislang zwar besessen, aber nicht verbreitet werden darf, auf geradezu spielerische Weise.

Das Unsagbare singen

von Frauke Adrians

Weimar, 30. August 2015. Weimar ist Weimar, noch in seinen schlichtesten Zweckbauten. Selbst das alte Schießhaus, einst am östlichen Stadtrand gelegen und heute ziemlich mittig, schmückt sich mit einem respektgebietenden Tonnengewölbe und vielen klassizistischen Säulen. An diesem Randschauplatz der Weimarer Klassik erlebte jetzt ein fast 30 Jahre altes Stück Musiktheater seine deutsche Erstaufführung, das wie kaum ein zweites an die in Weimar besonders augenfällige Nachbarschaft von deutscher Kultur und deutscher Barbarei gemahnt: Frederic Rzewskis "Triumph des Todes". Das Stück basiert auf dem anlässlich der Auschwitz-Prozesse Mitte der 60er-Jahre entstandenen Dokumentendrama "Die Ermittlung" von Peter Weiss.

Krieg hat eben immer Saison

von Frauke Adrians

Weimar, 30. Januar 2015. "Ich denke einen langen Schlaf zu tun", spricht Wallenstein. Da haben die Zuschauer den langen Premierenabend im Deutschen Nationaltheater fast schon hinter sich. Doch Gründe zum Einschlafen gab es für sie in den gut viereinhalb Stunden eigentlich nicht. Denn mit seiner Inszenierung der gekürzten "Wallenstein"-Trilogie hat Weimars Intendant Hasko Weber einen soliden Theaterabend abgeliefert.

Eukalyptus im Totalitarismus

von Frauke Adrians

Weimar, 8. November 2014. Was ist denn das nun wieder? Ein Beitrag zum Orwell-Jahr: 30 Jahre 1984? Ein Beitrag zum immer wieder gern totgerittenen Thema: "Utopien - und wie sie scheußlich scheiterten"? Oder ein weiteres kaum spielbares Theoriendrama mit vielen hochtrabenden Substantiven im Exposé ("Enthierarchisierung", "Möglichkeitssinn", "Vorahmung")? Was auch immer Kevin Rittberger, Autor des Stückes "Radio Cooperativa", vorhatte – und was immer Regisseur Jakob Fedler auf der Bühne des Weimarer E-Werks daraus macht: 70 Minuten hält man es aus. Länger wäre lästig.

Goetheklößchen an Vanilleeis

von Frauke Adrians

Weimar, 28. September 2014. Zur "Lotte" gibt es rosa gebratenes Rumpsteak mit einer Senfkruste, Speckbohnen und, ganz wichtig in Thüringen, gebratene Kloßscheiben. Man spielt Theater im Weimarer Hotel Elephant, dem ersten Haus am Platze heute wie vor 200 Jahren, und der findige Hotelier offeriert dazu das Lotte-Arrangement: "Theateraufführung, Übernachtung und Kulinarik verbinden!" Das viergängige Menü im Elephantenkeller ist für 36 Euro zu buchen.

An den werthen, werthesten, allerwerthesten Goethe

von Frauke Adrians

Weimar, 29. August 2014. Mehr als 1770 Briefe und Notizen hat Johann Wolfgang von Goethe an Charlotte von Stein geschrieben, liebevolle, banale, freundschaftliche, ratsuchende. Und sie an ihn? Niemand weiß es. Charlotte hat einen Großteil ihrer Briefe später zurückgefordert und vernichtet. Welch ein Verlust – und andererseits: Welch eine Gelegenheit für Schriftstellerinnen von heute, sich auszumalen, was Frau von Stein ihrem Freund, ihrem Vielleicht-auch-Liebhaber Goethe mitgeteilt haben könnte, der für die "liebe Lotte" gelegentlich mit "your lover for ever. G." unterzeichnete.