Geschichten aus dem Weimarer Wald

von Matthias Schmidt

Weimar, 23. Januar 2010. Genau zwei Stunden hat dieser Theaterrausch gedauert. Der Schlussapplaus war groß, und vielleicht wäre er noch fulminanter gewesen, hätte nicht ein Großteil des Publikums noch im Bann dieser sozusagen ganzheitlichen Theaterbehandlung gestanden. In den zwei Stunden konnte man im Nationaltheater so ziemlich alles erleben, was das Haus und sein Ensemble aufzubieten haben.

Schachspiel der Beherrschung

von Ute Grundmann

Weimar, 2. Oktober 2009. König Philipp bietet seinem Sohn eine Umarmung an – doch dabei wendet er zugleich den Kopf ab, weicht im entscheidenden Moment einen Schritt zurück. Denn da ist keine wirkliche Nähe, nur eine formelle und schließlich verweigerte Geste, und diese auch nicht zwischen Vater und Sohn, sondern eher zwischen Herrscher und Untertan. Nach solch kleinen, aber durchschlagenden Körperzeichen braucht Markus Boysen als Philipp keine herabsetzenden Worte mehr, um den gefürchteten Sohn in die Schranken zu weisen. Und er spielt sich als kalt-schwacher Herrscher in den Mittelpunkt von Felix Ensslins "Don Carlos"-Inszenierung am Deutschen Nationaltheater Weimar.

Kein Sommernachtstraum

von Ralph Gambihler

Weimar, 20. Juni 2009. Der Berliner Schauspieler, Dramaturg und Autor Jörg-Michael Koerbl ist schnell bei der Sache, wenn es darum geht, seine Stücke apokalyptisch einzufärben. In seiner Ossi-Wessi-Einheits-Farce "Neues Deutschland" von 1999 zum Beispiel. Da lautet der erste Satz: "Die Menschen rennen durch die Stadt wie vor dem Weltuntergang."

Otto Normal-Nazis schleichendes Gift

von Ute Grundmann

Weimar, 23. April 2009. "Goethe, hilf!" So fleht der Archivar angesichts des zerbombten Dichterhauses in Weimar. Doch gegen die Kriegsfolgen kann auch der Dichterfürst nicht helfen, so sehr er – und Schiller – in der Klassikerstadt auch für alles Gute und Edle herhalten müssen. Doch mit dem Herbeiflehen des großen Vorbilds zeigt der Archivar auch seine kleinkrämerische Seele: Des Dichters Schreibtisch hat er vor der Zerstörung bewahrt, weil im zerbombten Haus nur eine Kopie stand, angefertigt von einem Tischler im KZ Buchenwald.

Das goldene Plüschtiervließ

von Ute Grundmann

Weimar, 21. Februar 2009. Glauke, Kreons Tochter, führt Medea die Arme, damit diese Jasons Lied auf dem Cello spielen soll. Damit soll die "Barbarin" hoffähig und, da sie gar nicht Cello spielen kann, also lächerlich gemacht werden. Das ist eines der starken Bilder, das die junge Regisseurin Nora Schlocker am Deutschen Nationaltheater Weimar in ihrer Inszenierung von Franz Grillparzers "Medea" findet. Dessen Version des antiken Stoffes wird selten gespielt, noch seltener die komplette Trilogie, die mit "Der Gastfreund" und "Die Argonauten" auch die Vorgeschichte erzählt.

Real existierender Horror

von Ralph Gambihler

Weimar, 11. Oktober 2008. Bertolt Brecht rät in seinem Gedicht "Über die Verführung von Engeln" zu furchtloser Annäherung und raschem Geschlechtsverkehr im Hauseingang. Die Anbetung gehört nicht zu seinen Empfehlungen, so himmlisch können Engel auf Erden gar nicht sein. In Weimar liegt der Fall etwas anders. Dort blicken drei Engel, die zwar keineswegs so aussehen, die sich als "Brüder und Schwestern im Underground", als "verdammte Individualisten und Freaks" aber durchaus so fühlen, abendfüllend in den Abgrund. Aus Notwehr und Hass ermorden sie ihren Peiniger. So hat es sich Ljubko Deresch, das schreibende Wunderkind aus der Ukraine, in seinem Roman "Die Anbetung der Eidechse oder Wie man Engel vernichtet" ausgedacht.

Liebe im Abfall

von Ralph Gambihler

Weimar, 10. Mai 2008. Die Bühne eröffnet eine ungewohnte Perspektive auf die Welt, die der Kaffeehausliterat Ferenc Molnár in seinem Erfolgsstück zeichnete. Das Zentrum, der Rummelplatz, ist darin nicht mehr zu sehen. Es muss weiter oben liegen, nicht weit von da, wo eine Treppe nach rechts abknickt. Dort blinkt es nun verheißungsvoll hinter der Kulisse hervor. Unten aber liegt kaltes Licht auf nackten Wänden mit kaputtem Kachelbesatz. Neonröhren summen ihr gleichgültiges Lied. Wenn sich hier etwas sammelt, dann sind es die Pappteller von oben und die Müllmänner, die sie entsorgen. Im Ranking der öden Orte hätte dieser verkommene U-Bahnhof-Eingang von Patricia Talacko (Bühne) beste Chancen auf einen Spitzenplatz.