Blockföten im Pappparlament

von Tobias Prüwer

Weimar, 28. August 2018. Alkoholausschank im Varieté hat einen verdammt guten Grund. Dadurch wird das Publikum gelassen-ausgelassen. Man will schließlich bespaßen und animieren, da ist Alkohol ein guter Katalysator. Auch um die Grenze des Erträglichen zu erhöhen. Im E-Werk Weimar verzichtet Regisseurin Suse Wächter auf dieses Mittel. Und gestaltet ihre Uraufführung von "Hört, hört!" im Rahmen des Kunstfestes Weimar rund um die Bauhaus-Landtagsdebatte von anno dazumal als nüchterne und ernüchternde Mitmach-Revue.

Hinter den Statuen

von Kornelius Friz

Weimar, 24. August 2018. Auf dem Gang beginnt "Meet Juliet, Meet Romeo", mit Kopfhörern auf den Ohren. Es werden immer zwei Personen zur gleichen Zeit eingelassen. Während sie anhand eines Hörspiels mit plätschernden Piano-Sounds nach Verona getragen werden sollen, flüstert die eine Einlassperson zur anderen: "Im Theater will ich echte Menschen sehen. Das hier interessiert mich nicht, da könnte ich auch ins Kino gehen."

Die ganze Bande eine Sauce

von Henryk Goldberg

Weimar, 18. August 2018. Da kommt was auf uns zu. Es kommt durch die geöffnete Tür des Eisernen Vorhangs: ein Ding mit den Brüsten der Frau und dem Gemächt des Mannes, beide groß und baumelnd. Das Ding, es kann laufen, zertritt, nach Überlegung, einen Frosch – nicht. Es ist die erste und die letzte Brutalität, die eines dieser Dinger nicht begehen wird. Dann setzt es sich die Krone auf, und damit beginnt alles. Diese Krone ist das einzige, was sie alle wollen, und es ist das Einzige, wofür sie alles tun.

Fuck you, Pantoffeltierchen!

von Henryk Goldberg

Weimar, 8. Februar 2018. Eine frei gehängte Leinwand, ein Overhead-Projektor. Zurüstung für eine Unterrichtsstunde und eine üble Vorahnung. Und dann kommt sie. Hübsches Kleid, Brille. Und referiert, übel gelaunt und resigniert, über die Schönheit des Pantoffeltierchens und der übrigen Welt, die zum Teufel geht, weil wir uns den Teufel um sie scheren. Verliert die Nerven wegen der genervten, "scheiß-dummen Kinder", deren Gedanken wir zu hören glauben: "Fuck you, Pantoffeltierchen!" Und fragt verzweifelt "Was ist an einem After lustig?" Lustig, saulustig ist die komische Verzweiflung, die sanfte Parodie dieser Biologie-Lehrerin, die Nadja Robiné so lustvoll schmiert. Ökologisch engagiert und praktisch hilflos. Wie wir.

Viel Wind um nichts

von Henryk Goldberg

Weimar, 18. November 2017. Jule sammelt Unterschriften, die Windräder sollen ins Dorf, aber Jule ist aus der Stadt geflüchtet, weil sie frischen Wind will und frische Luft und unter freien, frohen Leuten sein - so solls auf dem Land unter Leuten sein. So geht sie auch auf der Bühne von Tür zu Tür, indem sie vorn steht und mit den Leuten spricht. Die Leute, die vor ihren Türen stehen, stehen hinter ihr am Mikrophon und antworten, einer nach dem anderen. Das ist eine gute Szene, es ist ein wenig wie es in "Nullzeit" war: Da waren sie, und just dieselbe Schauspielerin, auch gut, wenn sie unter Wasser waren, jenseits der wirklichen, der naturalistischen Bühnen-Welt. Da hatten banale Texte auf einmal einen Klang, der ihnen Bedeutung zuwachsen ließ über die schlichten Worte hinaus. Und auch sonst ist es dieses Mal in Weimar wie es in Nullzeit war, es ist wieder Juli Zeh und es ist wieder ein Abend der Plattitüden.

Der Enkeltrick

von Gabi Hift

Weimar, 29. August 2017. SED. Sie wissen schon. Nun stellen Sie sich vor, Sie hören eine Weimarer Zwölfjährige einen Text vorlesen, und statt "Ess. ee. dee" liest sie "Sed"- als wär's der Anfang von Sedativ oder Sedlmayer. Finden sie das a) Erschütternd? Faszinierend? Irre schrill? Dann ist diese Aufführung vielleicht genau das Richtige für Sie. Oder haben Sie b) "Eh klar – und was weiter?" gedacht? Dann könnten sie in den Würgegriff einer so quälenden Langeweile kommen, wie Sie sie zuletzt in der Schule erlebt haben.

Aus den Rollen treten

von Michael Laages

26. August 2017. Wem die Jungfrau gehört? Den Franzosen natürlich. Schon Friedrich Schiller hatte sie den Nachbarn ja kunstvoll entwendet und seinen Landsleuten zugänglich gemacht – damit sie wenigstens auf der Bühne wahrnehmen konnten, was das ist: ein Mythos der Freiheit. Ihr eigener Cherusker Herrmann taugte dafür nur bedingt, was bald darauf Kollege Kleist belegte. Eine Sehnsuchtsfigur wie das zwischen Berufung und eigenem Selbst zerrissene Bauernmädchen Jeanne lebt aber auch in der kollektiven Erinnerung Afghanistans; "Malalai" heißt sie, und in der Schlacht gegen die englischen Kolonialherren 1880 bei Maiwand führte diese Sanitäterin (so erzählt es jedenfalls die Legende) die bereits zu Aufgabe, Flucht und Unterwerfung bereiten Befreiungskrieger gegen jede Vernunft zum Sieg. Die transnationale Begegnung der Jungfrauen ist der Ausgangspunkt des Theaterprojekts, das jetzt beim "Kunstfest" in Weimar Premiere hat.