Varieté mit Verflixtheiten

von Christian Baron

Jena, 30. Mai 2013. Eva Braun spricht diesen bösen Satz mit der engelsreinen Virginität eines Chormädchens: "Das ist mein Freund Alfred. Der kann Black Face, da liegt ihr am Boden!" Theaterpolizist Schott setzt ein moralinsaures Claudia-Roth-Gesicht auf und zeigt sich ganz und gar nicht begeistert: "Black Face … Das ist irgendwie rassistisch". "Wir werden Schwierigkeiten mit der politischen Verflixtheit bekommen", pflichtet ihm Varieté-Betreiber Meyer energisch bei, wobei er jedoch flugs wieder zu seinem Geschäftssinn zurückfindet: "Andererseits brauchen wir Geld". Eine Szene, exemplarisch für diesen bizarren Abend; der Blick in die Zuschauerreihen nämlich offenbart, dass einige herzhaft lachen, während andere die Pointen mit steinerner Miene hinnehmen.

Time to say Goodbye

von Christian Baron

Jena, 18. April 2013. Auf die naheliegenden Ideen kommt man selten. Da fristen zwei prominente Texte jahrzehntelang nebeneinander ein Dasein, ohne dass jemand ihre Verbindungen offenlegt; der eine – Shakespeares "Titus Andronicus" – als unreifes Splatterspektakel abgetan, der andere – Kafkas "Brief an den Vater" – als tiefenpsychologischer Schlüssel zum Werk des Prager Dichters gefeiert. Beide literarische Zeugnisse ihrer Epoche, in ihrer Behandlung (Shakespeare explizit-blutig und Kafka reflektiert-neurotisch) unterschiedlich, in ihrer Thematisierung des Vater-Sohn-Konfliktes aber vereint. Ein reichlich diffiziles Verhältnis, weshalb allein schon Christopher Rüpings Versuch, daraus eine stimmige Inszenierung zu kreieren, Anerkennung verdient.

Hysterie in Formvollendung

von Ralph Gambihler

Jena, 1. November 2012. Wenn es die Mutter gar nicht mehr aushält, wenn sie emotional überkocht in ihrem Elend, was an diesem Abend am Theaterhaus Jena mehr als einmal passiert, flieht sie an den Wort-Enden in Belcanto. Die Stimme flattert dann opernhaft auf. Kurz und scharf ist dieses Vibrato der Verzweiflung, das aber sogleich wieder gefriert, weil der nächste unerfreuliche Satz ansteht und mit hysterischer Mütterlichkeit herausgeschleudert werden will.

Im Leichensack ins Paradies

von Christian Baron

Jena, 26. Oktober 2012. Von zahlreichen Inszenierungen der Stücke Samuel Becketts ist überliefert, dass weite Teile des Publikums bereits zur Pause das Theater schon wieder verließen. Wie gut, dass es in der neunzigminütigen Uraufführung von Prem Kavis und Alexej Schipenkos "Ich bedanke mich für alles" keine Pause gibt, denn das in Jena dargebotene Spektakel ist eine besonders abstruse Demonstration des absurden Theaters. Das wiederum vermag kaum zu überraschen, hat das Theaterhaus doch seine gerade eröffnete Spielzeit mit dem Motto "Die Zeit wird kommen" überschrieben – eine Anlehnung an den Maya-Kalender, der den diesmal wirklich absolut endgültigen Weltuntergang auf den 21. Dezember 2012 datiert.

altDer Mensch und sein Monster

von Christian Baron

Jena, 12. Juli 2012. Es ist vorbei. Zunächst verhaltener Applaus schwillt an und kulminiert schließlich in stehenden Ovationen für die Akteure, denen der Kraftakt einer mehr als zweistündigen Freiluft-Aufführung von Mary Shelleys Klassiker "Frankenstein" gelungen ist. Das gesamte Ensemble des Theaterhauses Jena und gut sechzig Statisten haben den Theatervorplatz dafür in eine bunte Freakshow verwandelt.

altEs ist Deutschland hier

von Christian Baron

Jena, 29. März 2012. Viele Theater in Deutschland scheuen die direkte Verbindung der Hochkultur mit der Soziokultur. Zu Unrecht, denn was dabei im besten Sinne Produktives herauskommen kann, zeigt nun das Theaterhaus Jena in dem von Claudia Grehn federführend entwickelten Rechercheprojekt "My heart will go on", das in Kooperation mit der Flüchtlingshilfeorganisation "The Voice" amüsant und fesselnd zugleich die Schicksale einzelner in Thüringen (noch) geduldeter Flüchtlinge zu einer stimmigen Story zusammenführt.

Donald Duck im atomaren Endlager

von Christian Baron

Jena, 14. März 2012. Kann Komik ernsthafte Inhalte vermitteln? Wer das turbulente Treiben auf der Großen Bühne des Theaterhauses Jena in Niklaus Helblings als "radioaktive Roadshow" apostrophierter Inszenierung mit dem Titel "Fall Out Girl" erlebt, kann gar nicht anders, als diese Frage heftig zu bejahen. Mit allerlei Songs, diversen Videos und reichlich verqueren Stories im Gepäck zieht die titelgebende Heldin (Antonia Labs) hier durchs Thüringer Land. In Ihrem Schlepptau befindet sich stets der abgehalfterte Comichändler Bartleby (Johannes Geißer).

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