Eukalyptus im Totalitarismus

von Frauke Adrians

Weimar, 8. November 2014. Was ist denn das nun wieder? Ein Beitrag zum Orwell-Jahr: 30 Jahre 1984? Ein Beitrag zum immer wieder gern totgerittenen Thema: "Utopien - und wie sie scheußlich scheiterten"? Oder ein weiteres kaum spielbares Theoriendrama mit vielen hochtrabenden Substantiven im Exposé ("Enthierarchisierung", "Möglichkeitssinn", "Vorahmung")? Was auch immer Kevin Rittberger, Autor des Stückes "Radio Cooperativa", vorhatte – und was immer Regisseur Jakob Fedler auf der Bühne des Weimarer E-Werks daraus macht: 70 Minuten hält man es aus. Länger wäre lästig.

Goetheklößchen an Vanilleeis

von Frauke Adrians

Weimar, 28. September 2014. Zur "Lotte" gibt es rosa gebratenes Rumpsteak mit einer Senfkruste, Speckbohnen und, ganz wichtig in Thüringen, gebratene Kloßscheiben. Man spielt Theater im Weimarer Hotel Elephant, dem ersten Haus am Platze heute wie vor 200 Jahren, und der findige Hotelier offeriert dazu das Lotte-Arrangement: "Theateraufführung, Übernachtung und Kulinarik verbinden!" Das viergängige Menü im Elephantenkeller ist für 36 Euro zu buchen.

Big Gender Trouble

von Christian Baron

Weimar, 25. April 2014. Welch tragische Schönheit da auf dem kargen Geläuf liegt, reglos und umhüllt von einem Sommerkleid, das mit seinem hellen Rosa die Erkennungsfarbe holder Weiblichkeit zur Schau stellt. Mühsam rafft sie sich nach dem offensichtlich schweren Schiffsunglück auf und hadert mit dem eigenen Schicksal, das sie an die Küste dieses ihr völlig unbekannten Ortes gespült hat. Da taucht die androgyne Maria (famos gespielt von Tobias Schormann) auf, die sich dieser Gestrandeten namens Viola (Katharina Hackhausen) fürsorglich annimmt und ihr sogleich mitteilt, für Frauen sei es auf dieser kleinen Insel namens Illyrien schwer, sich Gehör zu verschaffen.

Die Luftschlossherrin ist ein Backpackergirl

von Ute Grundmann

Weimar, 15. Februar 2014. Der Baumeister trägt Hilde Wangel auf den Schultern. Übermütig trabt er mit ihr durch seinen großen Arbeitsraum, gibt sich jung und dynamisch – und greift sich dann an den schmerzenden Rücken. Er ist doch nicht mehr so jung, wie er es gerne wäre, so jung wie die Nachfolger, die ihn von seinem Platz, aus seiner Position verdrängen wollen. Solche kleinen, fast beiläufigen, aber deutlichen Gesten gibt Sebastian Kowski Ibsens Baumeister Solness, den er in Jan Neumanns Inszenierung am Deutschen Nationaltheater Weimar spielt, immer wieder mal mit. Gefangen in Beruf, Ruf, Ehe, Ängsten, versucht er, mit der jungen Hilde noch einmal auszubrechen und scheint sich des Scheiterns von vornherein bewusst.

Den Hirntumor wegtanzen

von Christian Baron

Weimar, 14. Dezember 2013.Gerade feierte die Feuilletonwelt den Geburtstag von Albert Camus. Am 7. November wäre der Meister des Absurden einhundert Jahre alt geworden. Einen Tag danach, am 8. November 2013 um genau 11.28 Uhr, lässt der neue Weimarer Hausregisseur Jan Neumann seine Stückentwicklung "2,7 Sekunden" spielen, die wie eine dem intellektuellen Erbe des französischen Großliteraten entsprungene Groteske anmutet.

Rüdigers Passion

von Ute Grundmann

Weimar, 8. September 2013. Rüdiger malt mit Kreide die Lebensdaten einer ziemlich unbekannten Geistesgröße an die Tafel, Pläne für eine Werkausgabe, für Vorträge. Um deren Werk dreht sich sein Leben, seine Arbeit als Dozent mit halber Stelle an der Leipziger Universität. Und so dominiert denn auch eine große Tafel wie im Hörsaal das Bühnenbild im Weimarer E-Werk, wo Enrico Stolzenburg Christoph Heins Roman "Weiskerns Nachlass" inszeniert hat. Mit dieser zweiten Schauspiel-Premiere in der gerade begonnenen Intendanz von Hasko Weber stellte er sich – neben Jan Neumann – als neuer Hausregisseur am Deutschen Nationaltheater Weimar vor.

Sinnsuche mit Pferdeschwanz

von Hartmut Krug

Weimar, 6. September 2013. Langes schwarzes Kleid mit weißem Kragen, die blonden Locken zum Haarkranz geflochten, so steht die Darstellerin der Margarete auf der hölzernen Vorbühne vor rotem Vorhang und spricht die Zueignung. Das folgende Vorspiel auf dem Theater aber zeigt uns dann deutlich: In Hasko Webers "Faust" liegt die Betonung stark auf ausgestellter, komödiantischer Theatralik. Wir erleben eine rauchende Direktorin im Frack, einen Dichter, der die Verse mit altertümlich hohem Pathos knödelt, sich dann die Kleider vom Körper reißt und, im goldenen Höschen gelenkig turnend, posiert, eine Schauspielerin als lustige Person, die ihre Markierungen und Absprachen auf der Bühne schwer findet, einen Musiker, der zu spät auf die Bühne stolpert, und eine Abonnentin, die aus dem Publikum auf die Bühne klettert. Der Prolog im Himmel ist dann, ganz ohne Engel, auf die Wett-Vereinbarung reduziert.