Burgunden kaufen bei McGeiz

von Christian Baron

Weimar, 18. Januar 2013. Mit guten Siegchancen kann man wohl Wetten darauf abschließen, dass bei jeder deutschsprachigen "Nibelungen"-Inszenierung der jüngeren Vergangenheit Einar Schleefs in den 1980er Jahren gestellte Frage "Was gehen uns die Nibelungen an?" als Ausgangspunkt diente. So auch jetzt in Weimar, wo Michael von zur Mühlen das Trauerspiel Friedrich Hebbels eigenwillig auf die E-Werk-Bühne bringt. Seine Deutung hat er in einen zum Leitmotiv der Inszenierung erkorenen Werbeslogan der Bundeswehr gepackt: "Wir. Dienen. Deutschland."

Der Kinderwagen vor 35 Jahren

von Christian Baron

Weimar, 10. November 2012. Gleich zu Beginn setzt ein Staunen ein, denn was im Großen Haus des Nationaltheaters auf die Bühne gebracht wird, ist tatsächlich heiter, hat nichts mit der piefigen Aufklärungsschmonzette zu tun, als die man "Emilia Galotti" ja auch kennt. Ein höchst ernster Kern steckt in der bisweilen dargebotenen Albernheit. Einen klaren Plan hat Regisseurin Thirza Bruncken, wie sie die von Lessing einst mit diesem Stück exponierte Bürgerlichkeit in unseren Tagen als asozial bloßstellen und "Emilia Galotti" zu einer mustergültigen Persiflage auf den einkommensstarken Teil der heutigen Mittelklasse umdeuten will.

Europäischer Common Sense

von Christian Baron

Weimar, 19. Oktober 2012. Für den Kritiker wird es sofort grundsätzlich: Sollte man sich einer szenischen Lesung der Verteidigungsrede des Massenmörders Anders B. Breivik mit ästhetischen Kategorien nähern? Freunden des leicht verkürzten moralischen Zeigefingers verbietet sich dies natürlich. Wer aber einen kühlen Kopf bewahrt, kommt daran nicht vorbei. Zumal Regisseur Milo Rau und Darstellerin Sascha Ö. Soydan den künstlerischen Charakter dieses nun in Weimar uraufgeführten Textes ausdrücklich betonen. So sei es vorweg gesagt: Das Experiment ist vollends geglückt, Soydan hat den inhaltlich kruden und literarisch grottenschlechten Text sachlich, aber nicht ohne Haltung vorgetragen und durch ihren bedächtigen Stil den Zuhörern viel Raum für eigene Gedanken gewährt.

Der helle Wahnsinn

von Ralph Gambihler

Weimar, 22. September 2012. In alten Shakespeare-Ausgaben findet man "Das Wintermärchen" stets unter den "Romanzen" eingeordnet, womit vor allem der wundersamen Wendung der Handlung vom Tragischen zum Guten und Versöhnlichen Rechnung getragen wird. Diese Genrebezeichnung war eigentlich immer ein kleiner Schwindel, aber wenn man nun Lisa Nielebocks glänzende Weimarer Inszenierung gesehen hat, kann man sie ganz vergessen – trotz eines ausnehmend versöhnlichen Schlusses, der kaum weniger rührselig ist als triefender Liebesschmonz aus Hollywood.

Wegen der Krise

von Ute Grundmann

Weimar, 20. September 2012. Die Welt ist zu einem Zimmer geschrumpft. Zwischen Küchenzeile, Badewanne und Fernseher haben sich Papa, Mama, Tochter, Opa und dessen Pfleger gegen die Welt da draußen verbarrikadiert, die nur noch so böse Dinge wie Euro- und Schuldenkrise zu bieten hat und noch die kleinsten Lebensträume platzen lässt. So findet sich die Familie "Im Abseits" wieder, so der Titel des Stücks von Sergi Belbel, das am Deutschen Nationaltheater Weimar als deutschsprachige Erstaufführung herauskam.

Klagegesang

von Ute Grundmannalt

Weimar, 17. Mai 2012. Ein langer Ton der Klage im Dunkeln. Er wird zum langgezogenen Heulen, dann schließlich zum Weinen. So wortlos beginnen im Deutschen Nationaltheater "Die Troerinnen"; erst im langsam aufblendenden Licht sieht man Klytaimnestra, die um ihre getötete, geopferte Tochter Iphigenie klagt. Um sie herum streuen Frauen Stroh, eine andere beklagt die alt gewordene Zeit, nun, nach dem Fall Trojas. Diesem nicht stummen, aber wortlosen Auftakt folgt eine Flut von Worten, Klagen, Schmerz und Wut, wie sie Konstanze Lauterbach im Großen Haus inszeniert, choreografiert hat.

Von den Ausgeschlossenenalt

von Christian Baron

Weimar, 10. Mai 2012. Wenn in Filmen oder auf der Theaterbühne Menschen ins Zentrum gerückt werden, bei denen die Pfunde purzeln sollen, besteht gewöhnlich Slapstick-Alarm. Nur selten geht die Vereinigung von Klamauk und Ernsthaftigkeit gut. Bei ihrer Inszenierung von Anne Leppers "Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier" am Deutschen Nationaltheater Weimar entgeht Regisseurin Daniela Kranz dieser Falle von vorneherein. Sie verzichtet auf massigen Körperumfang simulierende Fat-Suits; was sich erst im Laufe der Darbietung offenbart: Sie hat mit dieser Maßnahme offenbar noch etwas ganz anderes im Sinn.