Liebe im Abfall

von Ralph Gambihler

Weimar, 10. Mai 2008. Die Bühne eröffnet eine ungewohnte Perspektive auf die Welt, die der Kaffeehausliterat Ferenc Molnár in seinem Erfolgsstück zeichnete. Das Zentrum, der Rummelplatz, ist darin nicht mehr zu sehen. Es muss weiter oben liegen, nicht weit von da, wo eine Treppe nach rechts abknickt. Dort blinkt es nun verheißungsvoll hinter der Kulisse hervor. Unten aber liegt kaltes Licht auf nackten Wänden mit kaputtem Kachelbesatz. Neonröhren summen ihr gleichgültiges Lied. Wenn sich hier etwas sammelt, dann sind es die Pappteller von oben und die Müllmänner, die sie entsorgen. Im Ranking der öden Orte hätte dieser verkommene U-Bahnhof-Eingang von Patricia Talacko (Bühne) beste Chancen auf einen Spitzenplatz.

Was vom Drama übrig bleibt

von Ralph Gambihler

Weimar, 20. März 2008. Vom Goethe- und Schillerdenkmal vor der Tür bis zur großen Bühne im Nationaltheater sind es gefühlte hundert Meter. Das ist eine bequeme Distanz. Man kann vor der Vorstellung draußen am Denkmal warten, noch ein wenig frische Luft schnappen und die Passanten beobachten, bevor es losgeht. Wenn es drinnen zum dritten Mal schellt, kommt man immer noch rechtzeitig in den Saal. Das ist natürlich ohne Belang, aber irgendwie doch interessant, wenn man bedenkt, dass es der Weg ist zwischen einer alten Weihestätte der Weimarer Klassik und einer neuen Inszenierung, in der es viereinhalb Stunden darum geht, "Faust II" als Textleiche vorzuführen.

Im Zwischenraum der Wörter

von Dirk Pilz

Weimar, 28. Februar 2008. Die kurze Szene mit "Gretchen am Spinnrade allein" schaut an diesem Abend so aus: Antje Trautmann thront aufrecht, fast erhaben mittig auf der großen, steil nach oben drängenden Freitreppe, während sie Ina Piontek in ihrem Schoß zärtelnd durchs Haar fährt. "Meine Ruh' ist hin / Mein Herz ist schwer." Trautmann spricht, und Piontek verpasst den berühmten Versen im stimmungsvollen Licht die entsprechende Mimik. Ein paar Stufen weiter gen Himmel hockt derweil Faust mit dem Rücken zum Publikum, und ganz unten, höllenwärts, hat sich Mephistopheles stumm und steif am Rampenrand ausgestreckt.

Bald bin ich tot und habe nichts geschafft

von Nikolaus Merck

Weimar, 16. März 2007. "Die Höhle vor der Stadt in einem Land mit Nazis und Bäumen" ist das sechste Theaterstück der noch nicht 30jährigen Berliner Autorin Tine Rahel Völcker. Fünf thirty somethings in einem östlichen „Randbezirk“. Plattenbau, Beton, Suff und Nazis - vielleicht nur eingebildet, vielleicht real -, eine Art post-sozialistischer Lebenssackgasse. Wer von hier noch nicht abgehauen: ist schon tot. Sogar die wenigen Bäume, an denen Herr und Hund das Bein heben, werden morgen abgestorben sein.